Zwischen Erinnerung und Verheissung
Der Advent lädt uns ein, die Welt in einem besonderen Licht zu betrachten: im Licht eines Gottes, der kommt, der schon da ist und der seine Verheissung erfüllen wird. Es ist eine Zeit, in der wir die Hoffnung nicht als Idee leben, sondern als eine kräftige Bewegung.
Horch, ein Rufer: Bahnt den Weg des HERRN in der Wüste, in der Steppe macht die Strasse gerade für unseren Gott! (Jesaja 40,3)
Kurze historische und thematische Einführung
Für die westlichen Kirchen eröffnet die Adventszeit das Kirchenjahr. Diese Festzeit beginnt am vierten Sonntag vor Weihnachten (am ersten Adventssonntag). Sie wurde im 6. Jahrhundert eingeführt und orientiert sich am Modell der vierzigtägigen Passionszeit (Quadragesima) vor Ostern. Die Osterfeste entwickelten sich früher als die Weihnachtsfeste. Deshalb wurde auch der Advent als eine Zeit des Fastens und der Vorbereitung gestaltet – in einer Form, die der Passionszeit ähnelt.
Thematisch konzentriert sich der Advent auf die Geburt Christi. Es ist eine Zeit, in der man sich gerne an die biblischen Prophezeiungen über die Ankunft des Erlösers erinnert, insbesondere im Buch Jesaja. Die Gestalten der Prophetin Hanna und des greisen Simeon (Lukas 2,22–40) verleihen der erwartungsvollen Haltung ein Gesicht: Menschen, die mit Hoffnung die Ankunft des Erlösers erwarten. Doch diese Erwartung hat auch eine Bedeutung für die Kirche selbst: Wie sie unter anderem im Apostolischen Glaubensbekenntnis bekennt, erwartet die Kirche auch heute noch die Wiederkunft Christi «zu richten die Lebenden und die Toten.». Die Adventszeit erinnert die Kirche also auch an die Erwartung, in der sie steht: Auch sie lebt unter dem Horizont einer Verheissung.
Theologische Impulse
Drei Arten des Wartens
Die Adventszeit stellt das Ereignis der Geburt Jesu in einen Horizont, der weit über das Weihnachtsfest hinausreicht. Im Kern zielt sie auf drei miteinander verbundene Dimensionen.
Erstens lenkt der Advent unsere Aufmerksamkeit auf die Ankunft (adventus) des Sohnes Gottes in der Welt. Dies ist die klassische und vertraute Perspektive: in der Erinnerung an der Geburt Jesu, erwarten wir einen Anfang.[1]
Diese Erwartung richtet uns jedoch nicht nur auf ein vergangenes Ereignis. Aus christlicher Sicht, da Jesus bereits gelebt hat, sind wir eingeladen, auch auf die Zeichen des Reiches Gottes in der Gegenwart zu achten. Das ist der zweite Punkt: Warten bedeutet, aufmerksam zu werden für das, was hier und jetzt geschieht. Im Warten entdecken wir, dass Gott bereits gegenwärtig ist. Und diese Gegenwart eröffnet uns eine weitere Verheissung.
Dies führt uns zum dritten Punkt: In der Entdeckung dieser Zeichen sind wir gerufen, auf die Wiederkunft Christi (venturus Christus) zu warten, auf den Moment, in dem all jene Elemente, die wir in der Zeit des Wartens entdeckt und erlebt haben, zur Vollendung gelangen. Wir erwarten eine Erfüllung.
Wenn das Heil der Geschichte begegnet
Man kann es auch so ausdrücken: Die Adventszeit lädt ein, die Berührung zweier unterschiedlicher Zeitebenen wahrzunehmen. Auf der einen Seite steht die Zeit der Geschichte: eine Zeit der Ambivalenz, eine Zeit voller Freude und Schmerz, voller Erfahrungen von Gut und Böse. Auf der anderen Seite steht die Ewigkeit des Reiches Gottes in seiner Fülle: jener Raum, in dem die Schöpfung ihre Vollkommenheit findet und die Schmerzen der Ambivalenz aufgehoben sind. Der Advent lädt uns ein, den Berührungspunkt zwischen diesen beiden Wirklichkeiten wahrzunehmen.
So gesehen bildet der Beginn des Kirchenjahres ein Echo auf den Ewigkeitssonntag (oder Totensonntag), an dem die Kirche die universale und ewige Herrschaft Christi feiert. Darin liegt ein wichtiger Übergang: Das ganze Jahr wird von dieser Perspektive der Vollendung her beleuchtet. Alles wird vom Ende her erhellt.
Während wir uns darauf vorbereiten, eine Geburt zu feiern – den Beginn eines Lebenswegs und einer Biografie –, sehen wir die Welt bereits durch die Linse dessen, was Leben, Tod und Auferstehung dieser Person bedeuten.[2] Die natürliche Bewegung des Lebens, die des «alten Menschen», verbindet sich mit der Hoffnung auf eine noch grössere Befreiung, die mit dem «neuen Menschen» verknüpft ist.
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Der Advent ist kein passives Warten. Er ist eine kräftige Bewegung, in der die Kirche nicht nur die Geburt Jesu erwartet, sondern vor allem eine endgültige Befreiung. Der Advent ist der Moment, in dem Recht gesprochen wird über «alle, die auf der Erde ermordet wurden» (Offenbarung 18,24) und in dem Gott «alle Tränen von ihren Augen abwischen wird». Denn am Ende des Weges «wird es keinen Tod mehr geben, kein Leid, keine Klage, keine Schmerzen. Das Alte ist vergangen.» (Offenbarung 21,4)


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