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Die christliche Tradition versteht das Leben als Gabe. Doch wie zeigt sich das im Alltag von Gemeinden, die Menschen in prekären Lebenslagen begleiten? Dieser Beitrag fragt nach den Chancen und Spannungen einer Kirche, die teilen will, ohne zu vereinnahmen.
Die Bedingungslosigkeit von guten Taten liegt im Evangelium begründet: Gott ist frei, nicht käuflich und nicht bestechlich. So darf auch die Kirche nicht ihre Verkündigung, ihre Seelsorge, ihre Liturgie, ihre Diakonie an Gegenleistungen Einzelner im Sinne eines Tausches knüpfen. Oder etwa doch?
Ich sitze in einem Gottesdienst. Eine Mitarbeiterin wird aufgrund der bevorstehenden Pensionierung verabschiedet. Um ihr für ihr langjähriges Engagement zu danken, erhält sie ein kleines Geschenk und – nicht ohne Augenzwinkern – einen Gutschein: Einladung auf Lebenszeit für die sonntäglichen Mahlzeiten in der Gemeinde. Ich schmunzle. Die gemeinsamen Mahlzeiten sind ohnehin für alle kostenfrei. Dieser Gutschein hat keinen Geldwert, aber einen symbolischen Wert. Mit diesem Geschenk wird auch ein Wunsch zum Ausdruck gebracht: Bleib bei uns. Bleib Teil unserer Gemeinschaft.
Bring dich mit deinen Gaben und deiner Präsenz weiterhin bei uns ein!
Wenn in einer kirchlichen Gemeinschaft viele von Armut betroffene Menschen präsent sind, spielen materielle Bedürfnisse und alltagspraktische Frage eine Rolle. Sie prägen auch die Theologie und die Gestaltung der Gottesdienste. Die immateriellen und materiellen Güter, die von der Kirche zur Verfügung gestellt werden in Form von Begleitung und Beratung, Lebensmitteln, Kleidung, Bildung sind kostenlos. Gleichzeitig ist eine Wirkung des Gegebenen erwartet und impliziert.
In meiner Studie in zwei christlichen Gemeinden, die sich besonders durch eine Offenheit gegenüber prekär lebenden Menschen auszeichnen, habe ich einen vielfältigen Umgang mit diesen Fragen gefunden.
Ich berichte in diesem Blogbeitrag von diesen zwei Gemeinden und wie die Menschen dort den Kreislauf des Gebens und Nehmens, des Schenkens und Empfangens in ihrer spirituellen Alltagspraxis deuten. Dabei kommen einzelne Gesprächspartnerinnen aus meiner Forschungsarbeit zu Wort.
Ergänzt werden diese Stimmen durch Perspektiven aus aktuellen philosophischen und soziologischen Debatten zur Gabe. Daraus leite ich Gedanken ab zu einer Kirche, die im Geben selbst zur Empfangenden wird.
Diese Gemeinden unterstützen Menschen, die von Armut und Exklusion betroffen sind auf vielfältige Weise: Sie laden zu gemeinsamen Mahlzeiten ein, verteilen Lebensmittel, Kleider und andere Alltagsgegenstände, bieten soziale Beratung, Übernachtungsmöglichkeiten und teilweise auch Arbeitsplätze.
Dabei steht immer wieder die Frage im Raum: soll eine Gabe an irgendeine Form der Beteiligung geknüpft sein?
Dürfen auch Menschen zum Essen im Anschluss an den Gottesdienst kommen, wenn sie vorher nicht im Gottesdienst anwesend waren? Dürfen sie das einmal oder zweimal oder grundsätzlich immer?
Wie lange wird einer wohnungslosen Person in den Gemeinderäumlichkeiten eine Übernachtungsmöglichkeit geboten? Eine Woche, ein halbes Jahr, fünf Jahre? Was wenn sich die Situation nicht stabilisiert?
Soll sich diese Person im Gegenzug an praktischen Arbeiten vor Ort beteiligen wie zum Beispiel Mahlzeiten zubereiten oder Reinigung?
Wer wird zu einer Ferienwoche mit Subventionsmöglichkeiten eingeladen? Vorrangig Menschen, die zur Gemeinde gehören oder auch solche, die einfach ein gutes und bezahlbares Ferienangebot zu schätzen wissen?
Und sollte zwischen diesen verschiedenen Adressat:innen eines Angebots ein bestimmtes anteiliges Grössenverhältnis angestrebt werden?
Im Konvivialismus nimmt die Frage nach Gaben und Gegengaben einen zentralen Stellenwert ein. Ein Blick auf diesen Diskurs lohnt sich, um auch das Zusammenleben in religiösen Gemeinschaften besser zu verstehen.
Einer der Herausgeber des konvivialistischen Manifests, der Soziologe Frank Adloff, zählt zu den wichtigen zeitgenössischen Vertretern der Gabentheorie. Diese Theorie hat ihre wesentlichen Wurzeln auch in der französischen Soziologie und Philosophie. Ihre Kernfrage lautet: gibt es eine Form des Gebens die nicht von Eigeninteresse bestimmt ist?
Adloff bezieht sich wesentlich auf Marcel Mauss (1872-1950), welcher die Gabe als Grundform des menschlichen Lebens sah. Daran schliesst Adloff an.
Der Austausch von Gaben erscheint dabei als ein eigenständiges drittes Prinzip, das menschliche Beziehungen ordnet – neben Markt und Staat, neben wirtschaftlichen und rechtlichen Regelungen.
Adloff leitet in seiner «Politik der Gabe» (2018) Entwürfe für ein Zusammenleben ab, die nachhaltige und soziale Alternativen zum Kapitalismus und zu gegenwärtigen Maximierungstrends darstellen wollen. Gemeint ist ein Austausch, der jenseits von Bezahlung freiwillig und spontan stattfindet.
Grundlage dafür ist ein Vertrauen darauf, in der eigenen Abhängigkeit von anderem Leben versorgt zu werden und in diesem Sinne etwas zurückzubekommen. Diese Perspektive auf eine gegenseitige Abhängigkeit (Interdependenz) von allem Lebendigen ist grundlegend. So trägt auch die erste Version des konvivialistischen Manifests den Untertitel: «Déclaration d’interdépendance».
Was bei den Konvivialist:innen Interdependenz heisst, wurde von meinen Gesprächspartner:innen mit religiösem Vokabular beschrieben. Menschen beschreiben die Erfahrung und Überzeugung, sich selbst als von Gott abhängig zu erleben und auf Versorgung von Gott zu vertrauen.
Deborah beschreibt das so: Die Menschen können nur etwas weitergeben, weil sie von Gott zuerst erhalten haben. Sie können dies aber nicht an Gott zurückgeben, sondern überführen es in gute Taten.
«Wenn du kein Leben hast, kannst du keine Kinder zur Welt bringen. Wenn du Glück hast und am Leben bist, kannst du deinen Kindern Leben schenken. Aber wenn Gott dir das Leben, das du hast, wegnimmt, was kannst du dann deinen Kindern geben? Nichts! Und Menschen, die Böses tun, die Böses reden – deshalb sagt die Bibel, sagt Gott: ‹Lebt! Seid nicht schlecht! Tut Gutes!› – das ist nicht für Gott. Ja, das habe ich inzwischen verstanden: Wenn du gut zu den Menschen bist, wenn du die Menschen liebst, dann ist das nicht für Gott, sondern für dich selbst.» (Zitat übersetzt)
Was Deborah hier beschreibt, ist auch als radikale Abhängigkeitserklärung zu verstehen. Gleichzeitig ist es kein passiver Zustand, sondern eine aktiver. Insofern schildert sie eine Situation des Austausches von allerlei Gutem, an dem alle sich zu beteiligen alle aufgerufen sind.
Das Wechselspiel von Empfangen und der Freude selbst etwas zu geben und so etwas zum Kreislauf und dem Erhalt und der Sorge für das Leben beizutragen, kann als genussvolles und freudiges Erleben verstanden werden. Insofern kann gegenseitiges beschenken und teilen als frei betrachtet werden.
Die Philosophin Hélène Cixous beschreibt das mit Blick auf ihr Schreiben so: «Am Anfang der Liebe-zum-Anderen stehen die Unterschiede. (…) Sie (das Schreiben) ist das-Begehren-das-gibt. Nicht gefangen im Paradoxon des Gebens, das nimmt; noch in der Illusion der einheitlichen Verschmelzung. (…) Sie schenkt Leben, regt zum Nachdenken an, bewirkt Wandel. Diese ‹Ökonomie› – lässt sich nicht mehr als Ökonomie bezeichnen.» (1975, 184-185, Herv. im Original, Übersetzung)
Das Geben wird hier als Liebe, als Zuwendung, als spielerisch-kreative, gebärende und lebensspendende Tätigkeit verstanden.
Was Cixous beschreibt, ist ein Geben, das nicht manipulieren will, aber doch etwas bewirken will, auf Transformation zielt. Dieser Aspekt ist auch für die gebende Haltung in den kirchlichen Gemeinschaften zu finden.
Um den Aspekt der Transformation zu vertiefen, ziehe ich den Vergleich zum bedingungslosen Grundeinkommens (siehe Caillé/Adloff 2008, 122). Dieser Ansatz zeigt: Unbedingtheit und Interesse können durchaus Hand in Hand gehen. Die Grundidee des bedingungslosen Grundeinkommens lautet, dass alle (oder alle an einem bestimmten Ort) ein Einkommen für ihre Grundversorgung erhalten ohne das daran eine bestimmte Gegenleistung gebunden wird. Darin liegt die Hoffnung, dass die meisten Menschen sich in Sicherheit und Freiheit gut entfalten können und sich kooperativ an der Gesellschaft beteiligen wollen.
Ähnliches lässt sich für die untersuchten christlichen Gemeinden beschreiben. Sie teilen im Rahmen ihrer Möglichkeiten bedingungslos mit Menschen aus dem lokalen Umfeld, was diese zum Leben brauchen. Gleichzeitig verbinden sie damit das Interesse, dass die Menschen sich in einer von ihnen als positiv verstandenen Art und Weise entwickeln und sich im besten Fall in einer Kirche einbringen.
Hierbei gibt es freilich starke Varianzen. Mal geht es um den grundlegenden Wunsch, dass eine Person ihre Lebenssituation verbessern kann. Mal darum, dass eine Person an den Veranstaltungen der Gemeinde teilnimmt. Und manchmal umfasst die Erwartung auch, dass eine Person sich der Frömmigkeit oder dem Bekenntnis der Gemeinde angleicht.
Beide untersuchten Gemeinden streben eine möglichst breite Partizipation an. In einer Gemeinde äussert sich das etwa so: Es handelt sich um eine freikirchlich strukturierte Gemeinde, die über kein sakrales Kirchengebäude verfügt, sondern einen Mehrzweckraum als Café und Gottesdienstort nutzt, den sie ihn Eigenarbeit renoviert und unterhält.
Die Gemeinde ist eine Durchgangsstation für viele Menschen in prekären Lebensphasen. Es gibt immer grossen Bedarf an helfenden Händen.
Ein Mann, der schon seit einigen Jahren in der Schweiz in einer Asylunterkunft lebt, verbringt die Wochenenden jeweils in den Räumlichkeiten dieser Gemeinde. Er fühlt sich dort viel wohler als in seiner Asylunterkunft. In der Gemeinde hat er sich auf vielfältige Weise eingebracht. So hat er unter anderem mehrere Wände gestaltet. Im Raum, in welchen die Kinder und Jugendlichen sich versammeln, hat er biblische Szenen als Wandbild gemalt. Andere Raumelemente hat er mit Ornamenten bemalt. Zudem betreut er während meiner Forschungszeit in dieser Gemeinde stets das Buffet, das vor dem Gottesdienst aufgestellt ist.
Auf einem Tisch stehen Kaffeekannen, Tee, Becher, Zucker, Milch und Zopf, Brot oder Gipfeli. Obwohl, dieses Buffet als Selbstbedienung gestaltet werden könnte, ist es seine feste Aufgabe dieses zu betreuen. Auf diese Weise kann er der Gemeinschaft etwas zurückgeben und erlangt gleichzeitig Sichtbarkeit. So wurde er vom Gast zum Gastgeber.
Eine Kirche, die auf Partizipation setzt, kann allerdings auch Druck erzeugen. Es handelt sich also um eine Gratwanderung: inwiefern die Ermutigung zur aktiven Involvierung auch grenzüberschreitend und vereinnahmend wirken können. Beritan beschreibt ihre Erfahrung mit Kirche(n):
«Ich hatte wie das Gefühl, ich bin verpflichtet, wenn ich jetzt gekommen bin, muss ich wieder kommen und ich muss, wenn ich was annehme, muss ich wieder was geben, und ich weiss nicht ob das von den Menschen her ausgeht, weil ich habe nicht das Gefühl, dass es von Gott ist, und eigentlich möchte ich diese Abhängigkeit nicht haben genau.» (Zitat geglättet)
Dieser Eindruck steht im Widerspruch zum «Wunder der Gabe», das ist «gewollt zu sein wegen nichts» (Weber 2024, 82, Herv. im Original)
Dieses Spannungsverhältnis ist in der Kirche eingebettet in Symbole und Rituale und wird darin teilweise durchlässig und aufgelöst; zum Beispiel die Schenkpraxis an Weihnachten, die Abendmahlsfeier oder die Taufe symbolisieren die Bedingungslosigkeit. Auch das Feiern und die Geselligkeit wirken als Gegenperformance zu einem leistungsorientierten Alltagsgefühl.
Jeweils am Sonntag findet in einer Kirche in einem schönen Sakralbau ein kurzes Morgengebet statt. Anschliessend gibt es ein Frühstück. Es wird mit viel Liebe zubereitet. Es gibt selbst gemachte Konfitüre, verschiedene Säfte, Kaffee, Eier, Brot, Zopf. Die Menschen, die hier gemeinsam beten und essen, leben unter sehr unterschiedlichen Bedingungen. Manche sind wohnungslos oder von Armut betroffen und auf diese Mahlzeit angewiesen. Einige leben isoliert. Wiederum andere besuchen die Morgenliturgie und das Frühstück, weil das gemeinsame Gebet in einer Kirche für sie zur sonntäglichen Tradition gehört. Während der Mahlzeit finden nicht viele Gespräche statt. Die meisten geniessen die ruhige, friedliche Atmosphäre sowie das gute Essen und verabschieden sich nach relativ kurzer Zeit wieder.
Damjan erklärt es so:
«Freude ein Feiertag, eine Feier-Atmosphäre. Die Alltäglichkeit und die alltäglichen Besprechungen sind ausgespart, werden nicht thematisiert. Oder nur ganz kurz, nur nebenbei. Und und ich finde das ist der, das ist der Sinn von Sonntag. Ja, das ist das ist sehr gut, das ist so wie ähnlich wie Abendmahl, ein Symbol, schön zusammen essen. Ich empfinde das auch eher als Gemeinschaft, als Familie. Und heutzutage ist auch sehr wichtig, unabhängig davon, eine Art Sozialfamilien bilden. Ja, das das ist das ist gut, weil auch eine Gesellschaft, essen mit Freunde, essen mit guten Leuten, dann schmeckt sogar das Essen noch besser, das ist nicht umsonst.» (Zitat geglättet)
Damjan beschreibt, wie eine Mahlzeit und die Feierlichkeit des Sonntags einen besonderen Charakter erhalten.
Die geteilten Mahlzeiten, werden ohne Worte aber mit allen Sinnen, was manchmal in der Abendmahlsliturgie zu hören ist: «Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist.» (Ps 34,9)
Cixous, verweist – aus einer feministischen Perspektive – auf die Machtungleichheit, die beim Geben und Bekommen entstehen kann. Sie spricht von der Offenheit, die der Empfänger erfährt. Die Versuchung besteht darin, diese Offenheit durch eine Gegenleistung zu schliessen. «Wenn Sie etwas erhalten haben, sind Sie in diesem Moment tatsächlich ‹offen› für den Anderen». (1976, 10, Übersetzung)
Diese Offenheit bietet eine Möglichkeit, Beziehungen aufzubauen. Aber es beinhaltet auch schmerzhafte Erfahrungen, Loslassen; Cixous vergleicht es andernorts auch mit dem Sterben.
In den Gemeinden zeigte sich: es gibt Bruchstellen, es gibt Verletzungen, Frustration, Abschiede und Erfahrungen von Trennung.
Im Geben wird diese Erfahrung unweigerlich gemacht, durch die entstandene Offenheit, die eine transformierende Wirkung hat – denn im Austausch werden beide Seiten transformiert.
Am Ende bleibt die Frage: Wie kann eine Kirche, die von der Gnade lebt, diese auch in ihren Strukturen sichtbar machen?
Wie würde eine Kirche aussehen, die Mut zum Loslassen und Sterben hat, und dabei wieder aufgeweckt wird?
Ich denke an eine Kirche, die ihre manchmal halbvollen Kirchenräume mit Gläubigen aus aller Welt teilt, die einen Raum zum Beten suchen und dabei diese Räume mit ihren Lebensbildern umgestalten. Ich denke an vielsprachige Gottesdienste, die Nicht-Verstehen enthalten aber auch hie und da das Übersetzungswunder verkörpern können. (Schaetzle 2026).
Eine Kirche, die dies aushält, wird nicht nur überleben, sondern auch lebendig sein.
Frank Adloff, Politik der Gabe. Für ein anderes Zusammenleben, 2018.
Alain Caillé und Frank Adloff, Anthropologie der Gabe, 2008.
Hélène Cixous, La jeune née, 1975.
_, Le sexe ou la tête ? Les cahiers du GRIF (vol. 13) 1976, pp. 5-15.
Rebekka Schaetzle, Konvivialität und Prekarität. Praktisch-theologische Perspektiven auf christliche Gemeinden in prekären Kontexten, 2026. Open Access
Andreas Weber, Indigenialität, 2024.
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