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«Christi Himmelfahrt» ist gewissermassen das Stiefkind unter den kirchlichen Feiertagen. Die Schweizer Ausdrucksweise «Auffahrt» erinnert ausserdem eher an Tiefgarage als an einen kirchlichen Anlass. Theologisch steckt darin aber eine der stärksten Fragen des christlichen Glaubens: Wie ist Christus gegenwärtig, wenn er nicht mehr sichtbar verfügbar ist?
Und als er dies gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf, weg vor ihren Augen.
Und während sie unverwandt zum Himmel blickten, wie er dahinfuhr, da standen auf einmal zwei Männer in weissen Kleidern bei ihnen, die sagten: Ihr Männer aus Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel?
Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen wurde, wird auf dieselbe Weise wiederkommen, wie ihr ihn habt in den Himmel auffahren sehen.
(Apostelgeschichte 1,9–11, Zürcher Bibel)
Auffahrt hat es schwer. Weihnachten hat die Krippe, Karfreitag das Kreuz, Ostern das leere Grab, Pfingsten Feuer und Sprachen. Auffahrt hat eine Bewegung nach oben, die schnell nach vormoderner Himmelsmechanik klingt. Irgendwo zwischen Kurzferien, Familienausflug und Brückentag bleibt ein Fest zurück, das selbst vielen Kirchenmitgliedern nur wenig vertraut ist.
Das muss man nicht beklagen. Vielleicht ist schon viel gewonnen, wenn das Kirchenjahr Menschen Atempausen schenkt. Aber Auffahrt ist zu schade, um im Feiertagskalender als diskreter Vorwand für ein langes Wochenende zu verschwinden. Denn das Fest rührt an eine Erfahrung, die dem Glauben nicht fremd ist: Christus ist gegenwärtig, aber nicht greifbar. Er ist nahe, aber nicht verfügbar. Er entzieht sich dem Blick – und gerade so wird seine Gegenwart tiefer, geheimnisvoller, unverwechselbarer.
Auffahrt ist das Fest einer Gegenwart, über die keiner einfach verfügen kann.
Lukas erzählt die Szene knapp. Jesus segnet seine Jüngerinnen und Jünger, scheidet von ihnen und wird in den Himmel emporgehoben. Die Apostelgeschichte entfaltet denselben Übergang ausführlicher: vierzig Tage nach Ostern, Rede vom Reich Gottes, Verheissung des Geistes, Wolke, Blick nach oben, Engelwort. Der sichtbare Jesus geht. Aber die Geschichte Jesu Christi endet nicht.
Der erste Eindruck täuscht. Auffahrt ist kein melancholischer Abschied, bei dem Jesus die Bühne verlässt und seine Anhängerinnen und Anhänger irgendwie weitermachen müssen. Die biblischen Texte erzählen gerade nicht von einer verwaisten Gemeinde. Sie erzählen von einem Übergang. Der Auferstandene entzieht sich der sichtbaren Verfügbarkeit, damit seine Gegenwart nicht an einen Ort, eine Zeit, eine Gruppe oder eine besondere religiöse Erfahrung gebunden bleibt.
Das ist theologisch entscheidend. Wäre Jesus einfach sichtbar unter seinen Jüngern geblieben, hätte sich sofort die Frage gestellt, wer näher bei ihm steht, wer ihn besser kennt, wer verlässlicher von ihm berichten kann. Der sichtbare Christus wäre zum Zentrum konkurrierender Ansprüche geworden. Wer ihn gesehen hätte, hätte mehr Autorität beanspruchen können als jene, die nur hören. Die Kirche hätte sich an private Nähe, religiöse Sonderrechte und charismatische Besitzansprüche verloren.
Christus entzieht sich der sichtbaren Nähe, damit niemand aus Nähe Besitz machen kann.
Auffahrt unterbricht diese Logik. Christus gehört nicht denen, die zuerst da waren. Er gehört nicht einer religiösen Elite, nicht einem Amt, nicht einer Nation, nicht einer besonders frommen Erfahrung. Er bleibt der Kirche entzogen, damit sie ihn nicht besitzen kann. Und er bleibt ihr verheissen, damit sie nicht ohne ihn leben muss.
Der Entzug ist keine Abwesenheit. Er ist die Form, in der Christus allen zugesagt wird.
Die alte Formel sagt: Christus ist aufgefahren in den Himmel und sitzt zur Rechten Gottes. Das klingt für moderne Ohren leicht nach kosmischer Sitzordnung. Oben Gott, daneben Christus, unten die Welt. Aber biblisch ist damit keine Himmelsgeografie gemeint. «Zur Rechten Gottes» ist die Sprache der Inthronisation.
Psalm 110 liefert dafür den Resonanzraum: «Setze dich zu meiner Rechten.» In Epheser 1 wird Christus über alle Mächte und Gewalten erhöht. Philipper 2 verbindet diese Erhöhung untrennbar mit seinem Weg nach unten: Er, der sich erniedrigt und den Tod am Kreuz erlitten hat, wird von Gott erhöht. Auffahrt heisst also nicht: Jesus wird für seine Leistung triumphal belohnt. Auffahrt heisst: Der Gekreuzigte wird von Gott ins Recht gesetzt.
Der Himmel ist hier kein Ort über den Wolken, sondern Gottes Einspruch gegen die letzte Macht der Gewalt.
Das schützt vor einem gefährlichen Missverständnis. Die Herrschaft Christi ist nicht die religiöse Variante weltlicher Macht. Sie ist nicht lauter, härter, durchsetzungsfähiger als die Herrschaften dieser Welt. Zur Rechten Gottes sitzt der Gekreuzigte und Auferstandene. Einer, der Feindschaft nicht mit Feindschaft beantwortet hat. Einer, der Verwundbarkeit nicht verachtet. Einer, an dem die Welt ihre Gewalt ausgelassen hat und der ihr dennoch nicht gehört.
Christus herrscht nicht, indem er das Spiel der Mächtigen gewinnt. Er herrscht, indem Gott an ihm zeigt, woran Macht gemessen wird.
Evangelisch-reformiert gelesen gewinnt Auffahrt eine besondere Schärfe. Die reformierte Tradition hat ein tiefes Misstrauen gegen religiöse Zugriffsgesten: gegen Bilder, die Gott festlegen; gegen Kultformen, die Nähe herstellen wollen; gegen Sakraltechniken, die Christus verfügbar machen. Dieses Misstrauen ist keine Kälte. Es schützt die Freiheit Gottes.
Christus bleibt gegenwärtig durch Wort und Geist, in der Predigt, in Schriftlesung und Gebet, im Sakrament, in der versammelten Gemeinde, im Zeugnis der Kirche. Aber er wird dabei nicht zum Besitz der Kirche. Er lässt sich nicht verwalten, nicht absichern, nicht inszenieren. Auch das Abendmahl lebt von dieser Spannung: Christus schenkt wirkliche Gemeinschaft mit sich. Aber diese Gemeinschaft entsteht nicht dadurch, dass die Kirche ihn lokal festhält. Sie geschieht im Geist.
Evangelisch-reformierte Nüchternheit ist der Einspruch gegen eine Frömmigkeit, die Christus greifbar machen will.
Hier liegt eine Pointe, die auch heute heilsam ist. Die Kirche muss Christus nicht besitzen, um von ihm zu leben. Sie muss ihn nicht beweisen, nicht herbeizwingen, nicht repräsentativ ersetzen. Sie kann ihn bezeugen. Sie kann sein Wort hören. Sie kann Brot und Kelch teilen. Sie kann beten, hoffen, widersprechen, trösten. Und sie kann dabei wissen: Ihre Mitte liegt nicht in ihr selbst.
Die Kirche lebt nicht aus dem Besitz Christi, sondern aus seiner Verheissung.
Die Engel in der Apostelgeschichte stellen eine der besten Fragen des Kirchenjahres: «Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel?» Das ist kein Tadel gegen Sehnsucht. Es ist eine Korrektur falscher Frömmigkeit. Der Blick nach oben darf nicht zur Weltflucht werden. Wer dem entschwindenden Christus nachstarrt, verpasst den Ort, an den er seine Zeuginnen und Zeugen sendet.
Auffahrt lenkt den Blick nicht vom Himmel weg, weil der Himmel unwichtig wäre. Sie lenkt ihn auf die Erde zurück, weil der Himmel dort bezeugt werden soll. Die Jünger sollen warten, beten, den Geist empfangen und Zeugen sein «bis an die Enden der Erde». Der erhöhte Christus ruft keine Gemeinschaft der Himmelsstarrer ins Leben. Er sendet Menschen in eine Welt, die Versöhnung, Gerechtigkeit, Trost und Wahrheit braucht.
Ausgerechnet die Engel holen die Glaubenden von der Fixierung auf den Himmel auf den Boden der Erde zurück.
Das macht Auffahrt bodenständig, sogar politisch. Wenn Christus zur Rechten Gottes sitzt, verliert keine irdische Macht ihre Bedeutung. Aber jede Macht verliert ihren letzten Anspruch. Kein Staat, keine Kirche, keine Ideologie, kein Markt und keine religiöse Bewegung kann sich absolut setzen. Die letzte Autorität liegt bei dem, der den Weg des Kreuzes gegangen ist.
Wer zum Himmel starrt, verpasst den Auftrag auf der Erde.
Auffahrt steht nicht zufällig zwischen Ostern und Pfingsten. In den ersten Jahrhunderten wurde das Fest noch nicht so stark isoliert, sondern im Zusammenhang der grossen Osterzeit verstanden. Das ist theologisch klug. Ostern, Auffahrt und Pfingsten bilden eine Bewegung: Der Gekreuzigte lebt. Der Auferstandene wird erhöht. Der Geist wird gesandt.
Ohne Auffahrt bliebe Ostern leicht eine Geschichte vom Wiedersehen. Jesus ist wieder da, die Jünger freuen sich, alles geht noch einmal gut aus. Ohne Pfingsten würde Auffahrt leicht als Entzug missverstanden: Christus geht, die Gemeinde bleibt zurück. Erst zusammen gelesen wird die Bewegung präzise. Christus bleibt nicht einfach sichtbar bei den Seinen. Er wird erhöht, damit seine Gegenwart durch den Geist in der Welt wirksam wird.
Ostern, Auffahrt und Pfingsten erzählen nicht drei Episoden, sondern eine einzige Bewegung Gottes zur Welt.
Das ist keine Ersatzlösung. Der Geist ist nicht der Lückenfüller für einen abwesenden Christus. Er ist die Weise, in der der erhöhte Christus seiner Gemeinde gegenwärtig bleibt. Darum führt Auffahrt nicht in religiöse Nostalgie, sondern in Erwartung. Die Kirche lebt zwischen dem Schon und dem Noch-nicht: Christus regiert, aber verborgen. Die Welt ist nicht erlöst, aber sie ist nicht gottlos. Die Gemeinde hat Christus nicht in der Hand, aber sie steht unter seiner Verheissung.
Auffahrt ist die Brücke zwischen der Freude von Ostern und dem Atem von Pfingsten.
In der Auffahrtsgeschichte steckt auch eine menschliche Zumutung. Jesus geht im richtigen Moment. Er lässt sich nicht anbetend festhalten. Er macht keinen Kult um seine sichtbare Nähe. Er bindet seine Freundinnen und Freunde nicht an sich, indem er für immer in ihrer Mitte bleibt. Er gibt Raum.
Das ist vielleicht eine der unterschätzten spirituellen Einsichten dieses Festes. Es gibt eine Frömmigkeit, die Christus anhimmelt und auf der Erde lahm wird. Sie wartet auf eindeutige Zeichen, auf letzte Sicherheiten, auf eine Nähe, die jeden Zweifel beendet. Auffahrt mutet dem Glauben mehr zu. Sie schickt ihn in eine Gegenwart, in der Christus nicht sichtbar verfügbar ist und der Geist dennoch wirkt.
Jesus geht nicht, weil ihm die Welt zu klein wird. Er geht, damit Gottes Geist Raum gewinnt.
Darin liegt auch eine Entlastung. Niemand muss Heiland der Welt spielen. Keine kirchliche Leitung, keine Theologin, kein Pfarrer, keine Institution ist unentbehrlich. Wer an den erhöhten Christus glaubt, darf sich selbst zurücknehmen. Nicht aus Resignation, sondern aus Vertrauen. Gottes Geschichte geht weiter, ohne dass wir sie kontrollieren.
Vielleicht beginnt christliche Freiheit genau dort: nicht bei der eigenen Unersetzlichkeit, sondern bei der Freude, dass Christus anders gegenwärtig bleibt, als wir es herstellen könnten.
Auffahrt ist die göttliche Kunst, Raum zu geben.
Auffahrt ist also kein Randfest für theologische Spezialistinnen und liturgische Liebhaber. Es stellt eine Grundfrage christlichen Glaubens: Wie lebt die Kirche von Christus, ohne ihn zu besitzen? Die Antwort ist nüchtern und stark: durch Wort und Geist, durch Sakrament und Gemeinde, durch Zeugnis und Hoffnung.
Der Himmel ist dabei nicht der Ort, an den Jesus verschwunden ist. Er ist die Wirklichkeit Gottes, in der der Gekreuzigte und Auferstandene ins Recht gesetzt ist. Wer das glaubt, muss nicht aus der Welt fliehen. Er kann tiefer in ihr leben. Denn diese Welt ist nicht sich selbst überlassen. Ihre sichtbaren Machtverhältnisse sind nicht die letzte Wahrheit. Ihre Sieger sind nicht die letzten Richter. Ihre Gewalt hat nicht das letzte Wort.
Auffahrt macht die Kirche frei von der Illusion, sie könne Christus verfügbar halten.
Auffahrt schützt die Kirche vor falscher Nähe und falschem Triumph. Christus ist nicht verfügbar. Aber er ist auch nicht verloren. Er ist nicht hier oder dort. Er ist bei Gott – und gerade darum nicht weg aus der Welt.
Christus entzieht sich dem Zugriff, aber nicht der Beziehung.
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