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Das Friedensengagement der Kirchen – mit Blick auf Südost- und Osteuropa

25.Juni 2025

Dieser Beitrag ist die verschriftliche Fassung eines Vortrags, der an der der Synode der EKS am 16. Juni 2025 in St. Gallen gehalten wurde. Er ging auf das Friedensengagement der Kirchen in Südost- und Osteuropa ein. Anhand der Konflikte im ehemaligen Jugoslawien und des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine zeigte Referent Stefan Kube auf, wie religiöse Akteure Konflikte deuten, mitgestalten und zugleich zu Versöhnungsprozessen beitragen können. Er betonte dabei besonders die Bedeutung kirchlicher Stimmen, die sich trotz politischem und kirchlichem Druck gegen Gewalt stellen und sich für Dialog und Verständigung einsetzen.

Einführung

Bei meinem Vortrag heute geht es um „Das Friedensengagement der Kirchen – mit Blick auf Südost- und Osteuropa“. Ich denke, mit Blick auf die aktuelle Nachrichtenlage ist es eine der dringendsten Aufgaben von Kirchen und Religionsgemeinschaften, darüber nachzudenken, was und wie sie angesichts zahlreicher Konflikte und humanitärer Katastrophen weltweit zu friedlicher Konfliktbeilegung und Versöhnungsprozessen beitragen können. Denn so formulierte es bereits die Botschaft der ersten Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) 1948 in Amsterdam programmatisch: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein“.

Zu dieser immer wieder zitierten Aussage muss jedoch hinzugefügt werden, dass die Amsterdamer Versammlung sich zwar einig war, „den Krieg als Widerspruch zum Willen Gottes zu deklarieren, aber sie konnte sich nicht darauf einigen, welche friedensethischen Konsequenzen aus diesem Einvernehmen zu ziehen sind.“[1] Von daher sollte es auch kaum überraschen, dass sich an Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine und den sich dadurch stellenden Fragen zu Frieden und Sicherheit in Europa eine intensive friedensethische Debatte um den Leitbegriff „Gerechter Friede“, um aktive Gewaltfreiheit sowie um „kritisch-konditionale Gewaltlegitimation mit der Absicht, Gewalt zu beherrschen und zu minimieren“[2], entzündet hat.

Überraschender ist dagegen, dass in vielen Debattenbeiträgen erstens die Erfahrungen der direkt Betroffenen – in unserem Fall also ukrainische und russische Stimmen – kaum zu Gehör kommen. Und zweitens, dass die jetzige friedensethische Debatte so neu nicht ist, sondern in Teilen eine argumentative Auseinandersetzung widerspiegelt, wie sie schon die jugoslawischen Zerfallskriege in den 1990er Jahren begleitet hat. Diese Kriege scheinen jedoch weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein Westeuropas verschwunden zu sein. Dabei jährt sich in dreieinhalb Wochen, am 11. Juli 2025, der 30. Jahrestag des Falls der UN-Schutzzone Srebrenica und des anschliessenden Massenmords von über 8000 muslimischen Jungen und Männer durch Einheiten der serbisch-bosnischen Armee. Im letzten Jahr hat die UN-Vollversammlung eine Resolution verabschiedet, die den 11. Juli als internationalen Gedenktag für die Opfer des Völkermords vorsieht. In den jugoslawischen Nachfolgestaaten hat diese Einführung eines Gedenktags eine hitzige Debatte entfacht, die allein schon zeigt, wie schwierig Fragen von Verantwortungsübernahme, friedvollem Miteinander und Versöhnung auch 30 Jahre nach dem Friedensvertrag von Dayton weiterhin sind.

Im Folgenden möchte ich anhand der Kriege im früheren Jugoslawien und des jetzigen Kriegs Russlands gegen die Ukraine vier – hoffentlich zum weiteren Nachdenken anregende – Punkte kurz ansprechen, die es beim Friedensengagement der Kirchen in der Region zu beachten gilt. Dabei beziehe ich mich sowohl auf kirchliche Akteure in der Region als auch auf kirchliche Akteure von ausserhalb, die vermittelnd einzugreifen versuchen. Meine Ausführungen stellen dabei einen Problemaufriss dar.

1) Welche Lesart des Krieges?

Voraussetzung eines kirchlichen Friedensengagements ist oder sollte zumindest eine genaue Kenntnis der Konfliktursachen und -verlaufs sowie der involvierten Akteure sein. Das mag banal klingen, ist es jedoch keineswegs, da die Lesart des Krieges durch kirchliche Akteure natürlich auch deren Handeln bestimmen. Im Fall des auseinanderbrechenden Jugoslawiens herrschte beispielsweise bei vielen internationalen Akteuren anfangs die Ansicht vor, dass es sich um einen internen Konflikt handele, womit sie ihr auch ihr Nicht-Eingreifen begründeten. Ein anderes häufig anzutreffendes Erklärungsmuster des Konflikts war, dass es sich dabei um den Ausbruch jahrhundertealter Feindschaften der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen gehandelt habe. Solche Lesarten des Konflikts werden seiner Komplexität jedoch nicht gerecht. Verantwortlich für den blutigen Staatszerfalls Jugoslawiens war das Zusammenspiel einer ganzen Reihe von Voraussetzungen und Ursachen: eine Krise des politischen und ökonomischen Systems in den 1980er Jahren sowie politische, kulturelle und auch religiöse Eliten, die aus der Mehrfachkrise Kapitel zu schlagen suchten und auf eine gezielte Polarisierung und Verfeindung der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen setzten. Die daraus resultierenden Kriege vereinten Elemente eines Bürgerkriegs und eines Staatenkriegs, da Slowenien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina 1992 von der internationalen Gemeinschaft als unabhängige Staaten anerkannt worden waren.[3]

Auch mit Blick auf den Konflikt in der Ukraine, der nicht erst 2022, sondern 2014 mit der russischen Annexion der Krim und dem Krieg in Donbass begann, dominierte lange Zeit die Wahrnehmung, dass es sich um einen Bürgerkrieg oder „klassischen“ Sezessionskonflikt auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion handele. Übersehen wurde dabei, dass Moskau gezielt die sog. Volksrepubliken Donezk und Luhansk im Sinne der eigenen aussenpolitischen Interessen steuerte und somit mitnichten ein „ehrlicher Makler“, sondern aktive Kriegspartei war.[4] Doch die Lesart eines Bürgerkriegs spiegelte sich beispielsweise in der Erklärung einer Delegation des ÖRK wider, die im März 2015 die Ukraine besuchte, und in der von „konkurrierenden nationalistischen Strömungen“ die Rede war.[5] Dieses Narrativ von „konkurrierenden Nationalismen“ bestimmte die Wahrnehmung massgeblicher Akteure auf Seiten des ÖRK zumindest bis 2022.

Eine andere, allerdings ebenfalls vereinfachende Lesart des Konflikts war bei Äusserungen von Papst Franziskus anzutreffen: Statt von Nationalismen sprach dieser jedoch von „Imperialismen im Konflikt“ und mutmasste, dass der Krieg auch deshalb ausgebrochen sei, weil die NATO „vor Moskaus Tür gebellt“ habe.[6]

2) Welche Rolle spielen lokale religiöse Akteure?

Ein zweiter zentraler Punkt ist die Frage, welche Rolle die lokalen Kirchen bei diesen Konflikten einnehmen oder einnehmen sollten. Bei beiden Konflikten – sowohl im Falle Jugoslawiens als auch jetzt bei der Ukraine und Russland – zeigt sich, dass kirchliche Akteure in unterschiedliche Weise in sie involviert waren und sind. Zu den Kriegen in Kroatien und Bosnien-Herzegowina mussten die lokalen Kirchen und Religionsgemeinschaften allein schon deshalb Stellung beziehen, weil die nationale Ausdifferenzierung von Serben, Kroaten und Bosniaken im Wesentlichen auf konfessionellen Grundlagen beruht. Verkürzt wäre es dabei zu behaupten, dass die Kirchen und ihre religiöse Symbolik allein von nationalistischen Politikern zur Legitimation politischer Ziele instrumentalisiert worden seien. Vielmehr beteiligten sich auch kirchliche Akteure an der Propagierung einer homogenen nationalen Identität oder widersprachen einem Missbrauch religiösen Vokabulars seitens der politischen Elite kaum, weil sich so grösseren politischen Einfluss und eine privilegierte Stellung in den jeweiligen neu entstandenen jugoslawischen Nachfolgestaaten versprachen.[7]

Im Falle der Russischen Orthodoxen Kirche im jetzigen russischen Angriffskrieg zeigt sich noch deutlicher, dass die Kirchenleitung keinesfalls nur passiv die Instrumentalisierung kirchlicher Topoi durch die politische Führung Russlands zur Kriegslegitimation hinnimmt. Vielmehr beteiligt sie sich aktiv daran, „die theologische Tradition der russischen Kirche so zu kanalisieren und zu konstruieren, dass sie bruchlos Teil der staatlichen Ideologie werden konnte.“[8] Staats- wie Kirchenführung beschwören so immer wieder das spirituelle Erbe der „Taufe der Rus“, aus dem sie eine fortwährende Einheit der orthodoxen Bevölkerung auf dem Gebiet des heutigen Russland, der Ukraine und Belarus ableiten und somit den beiden westlichen Nachbarländern Ukraine und Belarus eine eigenständige Entwicklung und nationale Souveränität absprechen. Russland wird sogar als Bewahrerin des reinen Glaubens gegenüber „antichristlichen“ Bedrohungen aus dem Westen porträtiert. Erst zu Ostern hat Patriarch Kirill wieder davon gesprochen, dass „die ganze Erfahrung unseres Landes der überzeugendste Beweis“ sei, dass „Gott mit uns ist“, und dass Vladimir Putin qua „göttlicher Vorsehung“ an die Spitze des russischen Staates berufen worden sei.[9]

3) Wie können und sollen internationale kirchliche Akteure friedensfördernd auf den Konflikt reagieren?

Angesichts dieser radikalen und kriegslegitimierenden Position der Kirchenleitung der Russischen Orthodoxen Kirche stellt sich für alle internationalen kirchlichen Akteure die grundlegende Frage, wie man mit dieser umgehen soll: Ist es besser, eine neutrale Position einzunehmen, um sich Gesprächskanäle zu allen in den Konflikt involvierten Kirchen offenzuhalten oder ist es angebracht, klar Verantwortlichkeiten für die Aggression zu benennen, um der eigenen Botschaft und den eigenen moralischen Werten treu zu bleiben?[10] Sowohl der Ökumenische Rat der Kirchen als auch der Vatikan als globale kirchliche Akteure scheinen meiner Ansicht zur ersten Variante zu tendieren und weiterhin die Hoffnung zu hegen, als Mediatoren zu Fragen des Friedens mit dem Moskauer Patriachat dienen zu können. Der Preis ist allerdings hoch, wie die Begegnungen von Vertretern des ÖRK und des Vatikans mit Repräsentanten der Russischen Orthodoxen Kirche in den letzten drei Jahren seit Beginn der russischen Grossinvasion in die Ukraine zeigen: Immer wieder gelang es dem Moskauer Patriarchat die Interpretation dieser Gespräche zu bestimmen und sich nach aussen als respektiertes Mitglied der internationalen kirchlichen Gemeinschaft darzustellen.

Auch bei dieser dritten Frage nach dem Handeln internationaler kirchlicher Akteure in Konfliktkontexten hilft ein vergleichender Blick auf den jugoslawischen Fall: Dort war es – teilweise auf internationale kirchliche Vermittlungsbemühungen hin – immerhin zu Treffen zwischen hochrangigen Vertretern der lokalen, in den Konflikt involvierten Kirchen gekommen. Bei diesen Begegnungen wurde zum Einstellen aller Feindseligkeiten und zur friedlichen Konfliktbeilegung aufgerufen.[11] Auch wenn sich diese Aufrufe faktisch nicht auf den Kriegsverlauf ausgewirkt haben, und zudem jede Seite letztendlich davon ausging, dass sich der Friedensappell eigentlich nur an die andere Seite richte, muss dennoch hervorgehoben werden, dass sich alle beteiligten Kirchen und Religionsgemeinschaften den Begegnungen „aussetzten“ und zumindest Gesprächs- und Kompromissbereitschaft signalisierten – etwas, was bei der Leitung der Russischen Orthodoxen Kirche gegenwärtig nicht zu erkennen ist.

4) Welche kirchlichen Kräfte vor Ort unterstützen?

Zum Abschluss möchte auf das „Glaubensbekenntnis“ orthodoxer Christen aus Russland eingehen, das Anfang Januar von einer Gruppe von ca. 30 Personen anonym veröffentlicht wurde. Darin sprechen sich die Geistlichen und Laien gegen den Krieg in der Ukraine, dessen Legitimation durch das Moskauer Patriarchat und das von Patriarch Kirill eingeführte „Gebet für die Heilige Rus“ aus, bei dem für den Sieg statt für den Frieden gebetet wird. In dem „Glaubensbekenntnis“ heisst es unter Punkt 8 „Über den Versöhnungsdienst als die wahre soziale und politische Sendung der Kirche“:

„Wenn Vertreter der Kirche zum Hass gegen andere Völker und Länder aufstacheln, anstatt den Frieden zu predigen, politische Einmütigkeit predigen, anstatt zwischen den politischen Kräften zu vermitteln, Gewaltakte gegen Andersdenkende ideologisch rechtfertigen, anstatt Versöhnung zu predigen – dann ist das eine Perversion nicht nur des Grundsatzes ‚Kirche steht außerhalb der Politik‘, sondern auch und vor allem der Mission, zu der Christus seine Jünger ruft. Der Versuch, das kirchliche Gebet als Instrument zur Überprüfung der Loyalität gegenüber irdischen Machthabenden zu missbrauchen, die Suspendierung und Amtsenthebung aufgrund von Gebeten für Frieden und Versöhnung – das ist nichts anderes als die Verfolgung von Christen wegen ihrer Treue zum Wort Christi.“[12]

Wie die Barmer Theologische Erklärung von 1934 endet das Glaubensbekenntnis russischer Christen mit Jesaja 40,8: „Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit“ und könnte wie diese die Grundlage zu einem innerkirchlichen Neuanfang werden. Diese mutigen orthodoxen Christen innerhalb und ausserhalb Russlands zu unterstützen, die massiven Repressionen sowohl seitens der Staatsmacht wie des Moskauer Patriarchats ausgesetzt sind, wie sich in unserer neuesten Ausgabe von „Religion & Gesellschaft in Ost und West“ nachlesen lässt,[13] ist ein wichtiger Schritt zu einem anderen Verständnis von Krieg und Frieden innerhalb der Russischen Orthodoxen Kirche. Und natürlich gilt es, auch weiterhin die ukrainischen Kirchen in ihrem Friedensengagement zu unterstützen.

[1] Stobbe, Heinz-Günther: Christliche Friedensethik vor einem Dilemma? Streiflichter auf die neu entbrannte ökumenische Debatte über Pazifismus und die Lehre vom gerechten Krieg. In: ET-Studies 14/1 (2023), S. 25-42, hier S. 29.

[2] „Friede diesem Haus“. Friedenswort der deutschen Bischöfe, 21. Februar 2024, S. 15, https://www.dbk-shop.de/de/publikationen/die-deutschen-bischoefe/hirtenschreiben-erklaerungen/friede-diesem-haus-friedenswort-deutschen-bischoefe.html

[3] Ramet, Sabrina P.: Disputes about the Dissolution of Yugoslavia and its Wake. In: Bieber, Florian; Galijaš, Armina; Archer, Rory (eds.): Debatting the End of Yugoslavia. Farnham 2014, S. 39-53.

[4] Wittke, Cindy: Frieden verhandeln im Krieg. Russlands Krieg, Chancen auf Frieden und die Kunst des Verhandelns. Köln 2024, S. 44.

[5] https://www.oikoumene.org/de/resources/documents/communique-by-wcc-delegation-to-ukraine

[6] https://www.laciviltacattolica.com/freeing-hearts-from-hatred/. Kritisch dazu Kube, Stefan: “To Put Politics Aside?” Reflections on Theological and Non-Theological Factors within Ecumenical Dialogue. In: Avvakumov, Yury P.; Turiy, Oleh (eds.): The Churches and the War. Religion, Religious Diplomacy, and Russia’s Aggression against Ukraine. Lviv 2024, S. 105-115, https://issuu.com/nanovicnd/docs/churches_and_war_complete

[7] Kube, Stefan: Brandstifter oder Feuerwehr. Religionsgemeinschaften und der Zerfall Jugoslawiens. In: Osteuropa 59, 9 (2009), S. 133-146.

[8] Elsner, Regina: Kirchen im Krieg. Das Ende der Selbstverständlichkeit. In: Theologie der Gegenwart 66, 2 (2023), S. 103-114, hier S. 108.

[9] https://noek.info/nachrichten/osteuropa/russland/3746-russland-patriarch-ruehmt-praesidentschaft-putins-als-goettliche-vorsehung

[10] Bremer, Thomas: Die ökumenischen Implikationen des russischen Kriegs gegen die Ukraine. In: Una Sancta 78, 3 (2023), S. 187-196, hier S. 188.

[11] Vgl. zu einzelnen Treffen Bremer, Thomas: Kleine Geschichte der Religionen in Jugoslawien. Königreich – Kommunismus – Krieg. Freiburg/Br. 2003, S. 86–122.

[12] https://noek.info/hintergrund/3646-christus-und-dem-evangelium-treu-bleiben

[13] Religion & Gesellschaft in Ost und West 53, 6 (2025): Kriegskurs. Impressionen aus Russland, https://rgow.eu/zeitschrift/2025/6

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