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Das Kopftuch ist mehr als ein Stück Stoff

26.März 2026

Die Föderation Islamischer Dachorganisationen FIDS hat mich zum Iftar / Fastenbrechen eingeladen. Zusammen mit vielen Gästen aus Kirchen und Religionsgemeinschaften, Politik und Gesellschaft haben wir einen festlichen „Dialogabend“ verbracht. Neben feierlichem Gebet bei Sonnenuntergang, köstlichen Speisen, Erklärungen zum religiösen Fasten hat die FIDS das Thema „Kopftuch“ als Dialogthema gewählt. 

Das Kopftuch ist mehr als ein Stück Stoff. Es steht für Fragen, die uns im Kern berühren: Freiheit, Selbstbestimmung, Gleichstellung und den Umgang mit religiöser Vielfalt.  

Für mich ist klar: Ein Kopftuch ist nicht automatisch ein Zeichen von Zwang. Es kann auch Ausdruck einer freien religiösen Entscheidung sein. In einer offenen Gesellschaft dürfen wir Frauen nicht vorschnell absprechen, dass sie selbst urteilen, glauben und entscheiden können. Religionsfreiheit gilt auch dort, wo Glaube sichtbar wird.  

Ebenso klar ist aber: Diese Freiheit verpflichtet. Religionsgemeinschaften dürfen nicht wegsehen, wenn in ihren Reihen aus Überzeugung Erwartung wird und aus Erwartung Zwang. Wer Religionsfreiheit verteidigt, muss immer auch die Freiheit schützen, Nein zu sagen. Kein religiöses Zeichen, kein religiöses Bekenntnis darf durch familiären, gesellschaftlichen oder religiösen Druck erzwungen werden. 

Und noch etwas gehört zur Verantwortung der Religionsgemeinschaften: Wer seinen Glauben sichtbar lebt, lebt nicht allein. In einer pluralen Gesellschaft braucht es nicht nur Rechte, sondern auch Rücksicht. Religiöse Menschen dürfen Präsenz zeigen. Sie müssen aber auch selbstkritisch fragen, wie ihre Zeichen auf andere wirken. Freiheit ohne Selbstreflexion wird schnell rücksichtslos. Wenn Frauen mit Kopftüchern gelesen werden als Musliminnen, die ein konservatives Frauenbild vertreten, dürfen sie das nicht per se als muslimischen Rassismus verstehen. Sie müssen genau so bereit sein, Auskunft zu geben, was sie zum Kopftuchtragen motiviert, wie Christen, die T-Shirts tragen mit “Jesus loves you” oder orthodoxe Juden was sie mit dem schwarzen Hut und den Zapfenlocken verbinden. Erst wenn wir bereit sind, einander Einblick zu geben in unsere religiösen Entscheidungen, die uns motivieren, unseren Glauben mit sichtbaren religiösen Symbolen zu bekennen, wächst der Dialog und das gegenseitige Verständnis.  

Besonders sensibel ist die Frage in der staatlichen Schule. Sie ist ein gemeinsamer Raum für alle Schülerinnen und Schüler. Darum braucht es hier keine einfachen Parolen, sondern Unterscheidungsvermögen. Pauschale Verbote überzeugen mich nicht. Wo Zwang im Spiel ist, muss der Staat handeln. Wo kein Zwang vorliegt, sollte er Zurückhaltung üben. 

Bei Lehrpersonen ist die Frage noch anspruchsvoller. Wer im staatlichen Auftrag unterrichtet, trägt besondere Verantwortung. Entscheidend ist, zunächst für alle Lehrpersonen, dass sie ihre Stellung nicht zur Indoktrination missbrauchen. Keine Lehrperson ist weltanschaulich neutral. Alle haben eine politische Meinung, eine Haltung zu Religion (auch Atheismus oder Agnostizismus ist eine pointierte Haltung). Auf einen professionellen Umgang von Lehrpersonen in Bezug auf ihre Weltanschauung muss der primäre Fokus in Ausbildung und Schulpraxis sein.  

Das “Bekenntnis” der Lehrpersonen muss zunächst den Werten gelten, wie sie unsere Volksschule im Lehrplan 21 festhält: 
 

„Ausgehend von den Grundrechten, wie sie in der Bundesverfassung und den kantonalen Volksschulgesetzen formuliert sind, orientiert sich die Schule an folgenden Werten:  

Sie geht von christlichen, humanistischen und demokratischen Wertvorstellungen aus. 
Sie ist in Bezug auf Politik, Religionen und Konfessionen neutral. 
Sie fördert die Chancengleichheit. 
Sie fördert die Gleichstellung der Geschlechter. 
Sie wendet sich gegen alle Formen der Diskriminierung. 
Sie weckt und fördert das Verständnis für soziale Gerechtigkeit, Demokratie und die Erhaltung der natürlichen Umwelt.“ 

Inwiefern einzelne religiöse Symbole mit dieser Wertehaltung der Volksschule vereinbar sind, ist derzeit Gegenstand der politischen Debatte.  

Ich wünsche mir in dieser Debatte mehr Liberalität und weniger Erregung. Der Staat soll Religion nicht aus dem öffentlichen Raum drängen. Religion muss in sich selbst dafür sorgen, dass kein Zwang entsteht. Und religiöse Menschen sind gefragt, ihren Glauben sichtbar und zugleich rücksichtsvoll zu leben.  

Das Kopftuch ist mehr als ein Stück Stoff. Gerade darum taugt es nicht für einfache Schlagworte. Es fordert uns heraus, Freiheit in alle Richtungen zu denken. Dabei ist die öffentliche Schule ein besonders sensibler Raum.  

Als Vorsitzende des Schweizerischen Rates der Religionen ist es mir wichtig, dass wir diese Debatte offen, fair und ohne Pauschalverdacht führen. Der Rat der Religionen plant deshalb zu seinem 20-Jahr-Jubiläum am 29. Oktober 2026 eine öffentliche Tagung zum Thema: «Wieviel Religion erträgt die Schule?» Ich hoffe, dass wir damit einen Beitrag zu einer sachlicheren und mutigeren Diskussion leisten können. 

Eindruck des Abends als Video

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