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Der Gewalt das letzte Wort verweigern

11. April 2026

Während die Christenheit an Ostern die Auferstehung Jesu feierte, übte sich Donald Trump auf Social Media in der Sprache der Verwüstung. Was hier aufeinanderprallt, sind zwei Wirklichkeiten. Der Beitrag von Manuel Schmid zeigt, weshalb das Evangelium der Gewalt nicht bloss Grenzen setzt, sondern ihre tiefste Logik aufbricht – und weshalb Ostern kein frommer Rückzugsort abseits der Konflikte dieser Welt ist.

Ostern unter Bombendrohung

Während die christliche Welt in Gottesdiensten, Gebeten und Liedern die Auferstehung Jesu gefeiert hat, beschwor der US-amerikanische Präsident in den sozialen Medien einen regelrechten Sturm herauf. Ausgerechnet den Ostersonntag nutzte Trump auf «Truth Social», um vulgärste Drohungen gegen den Iran auszustossen. Er kündigte für die Folgewoche die Zerstörung ziviler Infrastruktur an («der Dienstag ist der Tag der Kraftwerke und Brücken!») und signalisierte der Weltöffentlichkeit damit seine Bereitschaft, zur Erreichung seiner machtpolitischen Ziele (erneut) völkerrechtswidrige Mittel einzusetzen. Wenn die Strasse von Hormus nicht geöffnet werde, würden die Menschen dort «durch die Hölle gehen», polterte er weiter. Am Ostermontag verschärfte er den Ton noch einmal und kündigte ganz unverhohlen die Auslöschung des iranischen Volkes an («eine ganze Zivilisation wird heute Nacht sterben»), falls sein Ultimatum nicht erfüllt werde.

Just an dem Wochenende, an dem sich die Christenheit daran erinnert, dass das Imperium mit seiner Folter, seinen Drohungen und seinem Todesapparat nicht das letzte Wort behält, tritt der Präsident der mächtigsten Militärmacht der Welt mit einer beispiellosen Vernichtungsrhetorik auf.

Die Koinzidenz dieser niederträchtigen Gewaltandrohung mit dem höchsten Fest der Christenheit war kein peinlicher Zufall, auch nicht einfach eine typische Unsensibilität eines Präsidenten, der den Regelbruch zum neuen Stil erklärt. Sie erfolgte strategisch – als Versuch, Ostern in den Dienst der imperialen Kriegsrhetorik zu stellen.

Sakralisierung der Gewalt

Das entspricht durchaus dem Programm der republikanischen Partei, die sich spätestens seit Trumps zweiter Amtszeit immer konsequenter bemüht, die eigene Politik mit christlich-religiösen Motiven zu imprägnieren.

Die Rettung eines US-Piloten im Iran nannte Trump entsprechend ein «Osterwunder».

Finanzminister Scott Bessent wiederum schrieb, das Ostergeschehen sei «der grösste Sieg der Geschichte», und darum sei es passend, dass an diesem «heiligsten christlichen Tag» ein amerikanischer Soldat hinter feindlichen Linien gerettet worden sei. Der Verteidigungsminister (oder, wie er selber gerne sagt: der Kriegsminister) Pete Hegseth setzte darunter schlicht den Satz: «Gott ist gut

(Die Überzeugung, dass die US-Armee unter der Vorsehung und dem Schutz Gottes des Allmächtigen steht, wird offenbar auch nicht irritiert durch die Tatsache, dass gleich zu Beginn des US-Angriffs auf den Iran eine Grundschule in der südlichen Stadt Minab getroffen wurde: mehrere Tomahawk-Marschflugkörper machten die öffentliche Einrichtung dem Erdboden gleich und kosteten über 150 Menschen – überwiegend Mädchen zwischen 6 und 12 Jahren – das Leben.)

Nur wenige Tage zuvor gingen bei der Military Religious Freedom Foundation – eine US-amerikanische Interessen- und Rechtsbeistandsorganisation, die sich auf Religionsfreiheit im Militär konzentriert – 200 Beschwerden von Soldatinnen und Soldaten ein: Sie beanstandeten, dass der Iran-Krieg in militärischen Zusammenhängen mit Endzeitmotiven und apokalyptischer Sprache aufgeladen worden sei. In einem Brief von 30 demokratischen Abgeordneten an den Generalinspektor des Pentagon hiess es, militärische Operationen müssten von Fakten und Recht geleitet werden, «nicht von Endzeitprophetie und extremen religiösen Überzeugungen».

Manchen US-Truppen ist sogar erklärt worden, Trump sei «von Jesus gesalbt, um im Iran das Signalfeuer für Armageddon zu entzünden».

Mit Religion tötet’s sich leichter

Das ist kein dekorativer Frömmigkeitsrest.

Hier wird Religion für den Krieg funktionalisiert. Denn Menschen führen Kriege leichter, wenn sie glauben, der Himmel marschiere an ihrer Seite.

Blaise Pascal hat diese Einsicht in einen Satz gegossen, der bis heute schmerzt: Menschen tun das Böse niemals so vollkommen und so fröhlich wie aus religiösen Gründen. Sobald militärische Gewalt den Geruch des Heiligen annimmt, wird sie innerlich enthemmt. Dann lädt sich Machtpolitik mit einem Überschuss an Sendungsbewusstsein auf.

«Niemand tötet mit grösserer Leidenschaft als jemand, der glaubt, Gott sei auf seiner Seite»,

kommentiert der christliche Aktivist Shane Claiborne die aktuellen Ereignisse.

Darum wirkt Trumps Osterkommunikation nicht nur geschmacklos, sondern entlarvend. Sie führt vor, wie tief die politische Fantasie des 21. Jahrhunderts noch immer in einer uralten Grammatik gefangen ist: Friede soll durch Einschüchterung entstehen, Ordnung durch Verwüstung, Zukunft durch das Ausschalten des Gegners. Wer so redet, glaubt, Geschichte lasse sich mit Angst regieren. Ostern sagt: Genau darin täuscht sich das Imperium. Denn:

Ostern ist kein liturgischer safe space abseits der Geschichte.

Ostern ist die Behauptung, dass Wirklichkeit tiefer reicht als das, was sich mit Bomben, Fristen und Einschüchterung durchsetzen lässt. Wer mit der Zerstörung von Kraftwerken und Brücken droht und dann die Auslöschung einer ganzen Zivilisation in den Raum stellt, redet in der alten Sprache des Imperiums.

Wer Ostern feiert, sagt etwas anderes: Gewalt mag für einen Moment triumphieren. Sie besitzt dennoch keine Ewigkeit.

Ostern ist der Einspruch Gottes gegen die Selbstvergötterung der Macht.

Ostern sprengt die binäre Logik

Der Gott, der sich in Jesus zeigt, kollaboriert nicht mit der Gewalt des Imperiums. Er beantwortet sie auch nicht mit spiegelbildlicher Gegengewalt. Die Geschichte von Karfreitag führt an den äussersten Punkt jener Logik, die bis heute ganze Staaten und politische Führungen beherrscht: entweder du oder ich, entweder dominieren oder untergehen, entweder angreifen oder ausgeliefert sein.

Das Kreuz macht diese Logik zunächst sichtbar bis zur Unerträglichkeit. Und Ostern? Ostern ist ihr Bruch. Nicht, weil die Gewalt auf einmal harmlos wäre. Jesus wird wirklich gedemütigt, gequält und getötet. Das Imperium setzt sich sichtbar durch.

Die Auferstehung schreibt die Geschichte aber unerwartet weiter: Sie verharmlost den Sieg der Gewalt nicht, sie entzieht ihm den Anspruch auf Endgültigkeit.

Was am Freitag wie die letzte Wahrheit aussieht, erweist sich am dritten Tag als schrecklich kurzatmig.

Die Liebe Gottes hat den längeren Atem als jedes Imperium.

Darum eröffnet Ostern einen anderen Möglichkeitsraum. Die Liebe Gottes schafft, was Waffen nie vermögen: Sie verändert Menschen von innen. Sie reisst sie aus der tödlichen Grammatik heraus, in der der andere nur noch als Feind, Ziel oder Kollateralschaden vorkommt.

Auferstehung meint dann nicht Flucht aus der Welt, sondern eine neue Weise, in ihr zu sehen.

Wer im Anderen wieder einen Menschen erkennt, sieht mehr als einen Gegner. Er sieht Würde, die ihm nicht gehört und die deshalb auch niemand zerbomben darf.

Der Hauptmann und der erste Riss im System

Schon die Passionsgeschichte selbst verdichtet diesen Gedanken in einer Figur. Ausgerechnet der römische Hauptmann unter dem Kreuz, also ein Funktionär der Besatzungsmacht, kommt ins Wanken. Er steht auf der Seite der Gewaltordnung, die Jesu Hinrichtung organisiert und absichert. Und doch spricht er am Ende das Bekenntnis: «Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.»

Der Satz ist kurz. Aber er ist ein persönlicher Wendepunkt und die Ankündigung eines politischen Erdrutsches – denn hier kippt etwas im Innern des Systems. Nicht weil der Hauptmann besiegt worden wäre oder weil ihm eine grössere Macht drohte. Sondern weil ihn im Sterben Jesu eine andere Macht berührt: Vergebungsbereitschaft, Hingabe, Liebe.

Das Evangelium gewinnt seinen ersten Sieg nicht durch Überwältigung, sondern durch die Erschütterung eines Herzens.

Das Imperium wird dort entmachtet, wo seine Diener anders sehen lernen.

Von dort führt eine Linie in die Geschichte der ersten Jahrhunderte. Die Botschaft von Jesus breitete sich entlang der Strassen des Römischen Reiches aus und gewann in immer weiteren Teilen der damaligen Welt Anhänger.

Der Glaube an den Gekreuzigten setzte sich nicht durch, weil Christen über die bessere Armee verfügten, sondern weil sie von einer anderen Wirklichkeit ergriffen waren.

Eben darum ist die kriegerische Osterbotschaft aus Washington in einem strengen Sinn gotteslästerlich. Sie stellt einen imperialen Krieg in den Horizont eines Festes, das genau diese Logik verurteilt und mit der Auferstehung Lügen straft.

Beten gegen die Logik der Gewalt

Was bleibt Menschen, die an die Kraft von Ostern glauben? Der Hinweis auf das Gebet klingt schnell flach und hilflos. Er klingt nach Rückzug, während andere Raketen starten. Doch Gebet ist etwas anderes.

Gebet hält die Verbindung zu jenem Möglichkeitsraum offen, den Ostern eröffnet.

Es widerspricht der Behauptung, die Wirklichkeit dieser Welt gehe in der Logik der Gewalt auf. Wer betet, rechnet damit, dass Gott Menschen Wege zeigt, die auf den Lagekarten der Macht nicht vorkommen.

Solches Beten ist alles andere als passiv. Es kann einem militärisch Verantwortlichen die Kraft geben, einen Befehl zu verweigern, der dem Völkerrecht und der eigenen moralischen Einsicht widerspricht. Es kann Menschen in Regierungen den Mut geben, dem opportunistischen Schweigen zu entkommen und gegen Scharfmacher aufzubegehren, statt aus Angst oder Karriereklugheit klein beizugeben. Es kann Bürgerinnen und Bürger auf die Strasse treiben, damit sie gegen eine Spirale protestieren, die Probleme nie löst, sondern immer nur vergrössert. Und es kann die Phantasie schärfen für konkrete Gesten der Versöhnung, für exemplarische Orte gewaltfreier Konfliktlösung, für Schritte, die klein aussehen und doch eine andere Welt einüben.

Christlicher Widerspruch gegen diese Instrumentalisierung der Religion ergibt sich aus der Sache selbst. Kein Krieg lässt sich im Namen des Gottes von Ostern führen. Gar keiner. Denn Krieg ist die äusserste Zuspitzung jener binären Logik, die am Ostermorgen zerbrochen ist. Der Glaube an die Auferstehung beginnt dort, wo Menschen der Gewalt das letzte Wort verweigern.

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