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Der Kreuzweg im Petersdom – und wir mittendrin

23.Feb. 2026

Ein reformierter Künstler im Vatikan: Der Schweizer Manuel Andreas Dürr gestaltet den neuen Kreuzweg im Petersdom – und sorgt für eine leise theologische Pointe. Zum 400-Jahr-Jubiläum der Weihe der Petersbasilika (1626–2026) wurde in Rom ein zeitgenössischer Kreuzweg eröffnet, der Pilgerinnen und Pilger in der Fastenzeit durch vierzehn Stationen des Leidens Jesu führt. Doch das Ereignis ist mehr als ein Kunstprojekt im Vatikan: Es verbindet reformierte Spiritualität, ökumenische Weite und die Frage nach einem «modernen Bildersturm». Ein persönlicher Bericht aus dem Petersdom über Kunst, Glaube und die Kraft des Kreuzes.

Freitag in Rom, erster Freitag der Fastenzeit. Die Petersbasilika ist ohnehin nie leer, aber an diesem Nachmittag liegt eine besondere Verdichtung in der Luft: Menschen bleiben stehen, suchen Blickachsen, treten einen Schritt zur Seite, weil andere vorbei wollen – und doch spürt man: Viele sind nicht einfach Touristinnen und Touristen. Sie sind hier, um zu beten. Und heute beten sie entlang von Bildern, die es vorher so im Petersdom nicht gab: Der neue Kreuzweg, gemalt vom Schweizer Künstler Manuel Andreas Dürr, wird feierlich eröffnet.

Ich durfte bei dieser Eröffnung dabei sein. Und ich war nicht allein: Mit dabei waren zahlreiche Mitglieder seiner Kirche – Mitglieder der Landeskirchlichen Gemeinschaft Jahu aus Biel und Thun –, die gemeinsam mit anderen Gläubigen in Rom den Kreuzweg abgeschritten und gebetet haben. Zwischen den Sprachen, Kameras, Uniformen, Pilgerausweisen und dem ewigen Echo grosser Räume war da plötzlich etwas sehr Einfaches: Schritte, Schweigen, kurze Texte, ein Blick auf ein Bild, ein Gebet. Vierzehnmal.

Warum jetzt – und warum so?

Der neue Kreuzweg ist kein Zufallsprodukt und auch keine private Kunstaktion im vatikanischen Grossformat. Er ist Teil eines grösseren Vorhabens: 2026 wird der 400. Jahrestag der Weihe der Basilika gefeiert (1626–2026). In diesem Kontext schrieb die Dombauhütte von St. Peter einen internationalen Wettbewerb aus: vierzehn Stationen, zeitgenössisch, aber den klassischen Motiven verpflichtet – von der Verurteilung Jesu bis zur Grablegung.

Schon die Form dieses Wettbewerbs ist bemerkenswert: offen für Künstlerinnen und Künstler ohne Rücksicht auf Nationalität, Geschlecht, Alter oder Religionszugehörigkeit – mit der einen Bedingung, sich auf die überlieferte Dramaturgie des Kreuzwegs einzulassen. Und die Resonanz war gewaltig: Tausende Bewerbungen aus vielen Ländern (die Berichte nennen unterschiedliche Zahlen, aber ein gemeinsamer Nenner ist klar: Es war aussergewöhnlich viel).

Dass am Ende ein reformierter Schweizer den Auftrag erhält, ist natürlich eine Geschichte, die sich fast von selbst erzählt. Und doch wäre es zu billig, sie nur als mediale Pointe zu nutzen. Interessanter ist: Was geschieht, wenn ein reformierter Glaube – historisch verbunden mit Bildkritik, Nüchternheit und Wortzentrierung – eine Bildandacht in der grössten Kirche der römischen Christenheit mitprägt?

«In vielen Traditionen wurde der Kreuzweg gerade darum so wichtig, weil er den Leidensweg Jesu in den Alltag zurückholt: in Dorfkirchen, Klostergänge, später in Stadtpfarreien.»

Ein alter Weg: Kreuzweg als gebetete Erinnerung

Historisch gehört der Kreuzweg zu jenen Formen der Frömmigkeit, die aus Pilgerschaft, Passionserzählung und gemeinsamer Andacht gewachsen sind. Er ist Nachfolge «mit den Füssen»: Station für Station – kein historischer Reiseführer nach Jerusalem, sondern eine geistliche Einübung. In vielen Traditionen wurde der Kreuzweg gerade darum so wichtig, weil er den Leidensweg Jesu in den Alltag zurückholt: in Dorfkirchen, Klostergänge, später in Stadtpfarreien.

Heute im Petersdom bekommt diese alte Form einen besonderen Rahmen. Nicht «White Cube», nicht «Ausstellungssaal», sondern Liturgieraum: Marmor, Gold, Seitenkapellen, Grabmäler, Heiligenfiguren, der lange Atem der Jahrhunderte. Dürrs Bilder hängen nicht als Fremdkörper, sondern treten bewusst in Beziehung zu Licht, Schatten und Farbigkeit des Raumes.

«In einem Raum, in dem vieles gross, laut und definitiv wirkt, sind diese Bilder eine Einladung zur Langsamkeit.»

Bilder, die nicht schreien

Es ist schwer, in einem Blogbeitrag dem Kunstwerk dieses Kreuzwegs gerecht zu werden, wenn man die Bilder nicht einzeln ausführlich anschauen kann. Aber ein Eindruck hat sich bei mir festgesetzt: Diese Malerei will nicht «neu um jeden Preis» sein. Sie sucht nicht Provokation, kennt keine ironische Brechung, kein Zitatgewitter. Stattdessen: figurativ, klar, konzentriert. In einem Raum, in dem vieles gross, laut und definitiv wirkt, sind diese Bilder eine Einladung zur Langsamkeit.

Vielleicht ist das bereits ein reformierter Akzent – nicht als Etikett am Rahmen, sondern als Haltung: Die Absicht, dem Beten zu dienen, nicht dem Effekt. In einem Interview wird Dürr sinngemäss so beschrieben: Er ordne seine künstlerische Freiheit einer liturgischen Funktion unter. In seiner eigenen Ansprache im Petersdom betonte er, dass die Vermittlung der Passionsgeschichte für ihn das edelste Ziel der Kunst sei.

Gerade die 12. Station («Jesus stirbt am Kreuz») ist dabei ein Brennpunkt. Hier muss die Komposition die Spannung halten: Jesus – und die beiden Mitgekreuzigten, dazu das Personal der Passion, dazu die Frage, wie man Leid zeigt, ohne es auszuschlachten. Dass diese Station im Wettbewerb eigens verpflichtend war, leuchtet ein.

Das Reformierte sichtbar machen – und neu lernen

Was heisst «reformiert» in diesem Ereignis? Sicher nicht: Wir stellen uns in Rom hin und erklären dem Vatikan die Reformation. Und auch nicht: Wir tun so, als gäbe es keine Differenzen. «Reformiert» wird hier eher als geistliche DNA sichtbar – in dem, was wir automatisch tun und wichtig finden.

1) Wo das Wort ist, da ist Kirche

Reformiert ist zuerst nicht eine bestimmte ästhetische Reduktion, sondern eine Bindung: an Christus, an das Evangelium, an Wort und Sakrament. Kirche ist da, wo das Evangelium verkündigt wird, die Sakramente gemäss der Schrift gefeiert werden und die Gemeinde zu Zeugnis und Dienst findet.

Genau das habe ich an diesem Nachmittag erlebt: eine Gemeinde in Bewegung. Kein Gottesdienst im vertrauten Kirchenraum, aber eine versammelte Gemeinschaft, die sich an Christus bindet – im Gehen, Beten, Schweigen, Singen.

2) Bilder als «Mitsprechen» des Wortes

Reformierte Tradition war oft skeptisch gegenüber Bildern, weil Bilder das Evangelium auch verdecken können: wenn sie vereinnahmen, verabsolutieren, wenn Frömmigkeit am Objekt hängen bleibt. Und doch kennt die reformierte Tradition zugleich eine starke Theologie der Verkündigung: Wenn Gottes Wort rechtmässig verkündigt wird, ist es Gottes Wort, das die Gläubigen hören.

In dieser Perspektive können Bilder einen Dienst tun – nicht als Konkurrenz zum Wort, sondern als visuelle Grammatik, die ins Hören führt. Vielleicht ist das die «kreative Treue», von der in der Berichterstattung rund um das Projekt die Rede ist: Kreativität, die sich in eine überlieferte Sprache hineinbegibt.

3) Ökumene durch gemeinsame Christusnähe

Dass im Petersdom ein reformierter Künstler den Kreuzweg malt, ist ein Symbol. Aber wichtiger war mir: dass Menschen verschiedenster Hintergründe tatsächlich gemeinsam diesen Weg gebetet haben. Ich habe hier keinen «Triumph der Ökumene» gesehen. Eher etwas Realistisches, Kostbares: ein gemeinsames Beten, in dem Unterschiede nicht weggeredet werden müssen, weil Christus uns gross genug ist.

4) Jahu in Rom: eine reformierte Spur als gemeinsames Gebet

Wer Jahu, die Kirchgemeinde Dürrs, nur von aussen kennt, verbindet damit vielleicht «Gemeinschaft», «Jugendbewegung», «neue geistliche Formen» – und manchmal auch die Frage: Wie passt das zur Landeskirche?

Gerade darum war dieser Moment in Rom für mich so sprechend: Jahu-Leute aus Biel und Thun gehen im Petersdom den Kreuzweg. Nicht als Folklore, nicht als Abgrenzung, sondern als Teil einer weltweiten Kirche im Gebet. Das ist – in meinem Blick – eine sehr reformierte Pointe: Gemeinschaft zeigt sich nicht durch Repräsentanz oder äussere Symbolik, sondern im gelebten Glauben.

Dürr schlägt diese Brücke in seiner eigenen Arbeit: Seine Bilder wollen Menschen «zum Beten» dienen, nicht bloss zum Schauen. In gewisser Weise reiht sich Dürrs Werk damit in die Tradition des reformierten Ikonoklasmus ein. Gott sei Dank auf viel nachhaltigere und gewinnendere Weise, als die historische Blaupause.

«Die Kunst wird nicht zerstört – aber ihrer Selbstgenügsamkeit beraubt.»

Ein moderner Bildersturm?

Der Begriff «Bildersturm» ruft historische Assoziationen hervor: Zerstörte Altäre, abgeschlagene Heiligenfiguren, weiss übertünchte Fresken. Der reformierte Bildersturm des 16. Jahrhunderts war aber nicht einfach Kunstfeindlichkeit, sondern durchaus theologisch motivierte Kunstkritik. Er wollte verhindern, dass Bilder an die Stelle des lebendigen Gottes treten. Nicht das Bild als solches war das Problem – sondern seine Verabsolutierung.

Die Reformatoren kämpften gegen eine Frömmigkeit, in der das Kunstwerk selbst auratisch oder magisch aufgeladen wurde, als ob in ihm die Gnade verfügbar wäre. Die Sorge war klar: Wo das Bild angebetet wird, gerät das Evangelium in den Hintergrund.

Dürrs vierzehn Stationen setzen dieses Anliegen – mit viel besseren Mitteln – fort: Sie stellen die Kunst in den Dienst der Anbetung, entmächtigen sie durch ihre Widmung. Dürr hat mehrfach betont, dass seine Bilder dem Gebet dienen sollen. Sie wollen nicht bestaunt, sondern betrachtet werden. Nicht als autonome Kunstwerke im «White Cube» verstanden und darin verehrt, sondern als Stationen eines geistlichen Weges geglaubt werden.In diesem Sinn wäre das tatsächlich ein moderner Bildersturm: Die Kunst wird nicht zerstört – aber ihrer Selbstgenügsamkeit beraubt.

Der reformierte Impuls – Gott nicht im Werk festzuhalten, sondern ihn im Hören auf sein Wort zu suchen – bleibt spürbar. Die Bilder beanspruchen keine eigene Heilswirksamkeit. Sie provozieren keine auratische Anbetung des Kunstwerks. Sie ordnen sich ein in Liturgie, Raum, Gebet, Gemeinde und sind auf einer ersten Ebene darin leicht zugänglich.

Darin liegt die ökumenische Pointe dieses Projekts:
Nicht ein Protestant, der im Vatikan «endlich Bilder machen darf», sondern ein Reformierter, der Bilder so malt, dass sie nicht sich selbst feiern, sondern Christus bezeugen. Es wäre eine wunderbare Transformation und Weiterführung der eigenen Geschichte und des dahinter stehenden Anliegens.

Das Kreuz als Zumutung – und als Hoffnung

Im Zentrum steht am Ende also nicht die Frage, ob ein Protestant im Vatikan malen darf. Im Zentrum steht das Kreuz: als Folterinstrument – und als Zeichen der Hoffnung. Genau diese Wandlung benennt Dürr als ein Kernmotiv seiner Arbeit.

Darum ist der Kreuzweg im Petersdom ein gutes Zeichen für das Jubiläum 2026: Nicht Selbstfeier einer Institution, sondern Erinnerung an den, der sein Leben nicht festhielt, sondern verschenkte. Auf Dürrs Kreuzweg kann man erfahren, dass die Kirche – katholisch, reformiert, orthodox, freikirchlich – immer dann am meisten sie selbst ist, wenn sie nicht sich inszeniert, sondern Christus bezeugt.

Wer das erleben will, sollte die Wochen zwischen Aschermittwoch und Ostern nutzen. Dieses Jahr oder in irgendeinem der kommenden Jahre, die uns bleiben. Die Bilder werden – so Gott will – uns alle überdauern.

Eine Reise nach Rom ist einfacher, als man denkt. Man fährt mit dem Zug über Mailand – etwa mit dem EuroCity durch den Gotthard-Basistunnel, weiter mit dem italienischen Hochgeschwindigkeitszug (Frecciarossa) nach Roma Termini. Die Fahrt dauert rund sieben bis neun Stunden und ist landschaftlich wie atmosphärisch bereits Teil der Pilgerschaft.

Rom selbst empfängt im Jubiläumsjahr besonders viele Pilgerinnen und Pilger. Und doch: Der Petersdom ist ein offener Raum. Der Kreuzweg hängt nicht in einem abgesperrten Bereich, sondern im lebendigen Strom der Weltkirche. Man kann ihn allein gehen. Mit einer Reisegruppe. Mit der eigenen Gemeinde. Oder – vielleicht besonders passend – mit Menschen, mit denen man sonst selten gemeinsam betet. So der so: Es ist wahrscheinlich, dass man dabei nicht nur Kunst sieht, sondern Christus begegnet.

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