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Der Mythos der unzeitgemässen Kirche 

30. April 2026

Der NZZ-Kommentar von Thomas Ribi über den angeblichen katholischen Boom erzählt eine verführerische Geschichte. Während die Kirchen in Deutschland und der Schweiz Mitglieder verlieren, lassen sich in Frankreich und den USA wieder mehr Menschen taufen. Die Pointe lautet: Die katholische Kirche wächst dort, wo sie sich dem Zeitgeist widersetzt. Sie schrumpft dort, wo sie sich reformieren will. 

Aus einigen richtigen Beobachtungen wird ein falsches Narrativ gebaut. Ja, es gibt bemerkenswerte Zahlen zu Erwachsenentaufen in Frankreich. Ja, es gibt in einzelnen amerikanischen Diözesen neue Aufmerksamkeit für die katholische Kirche. Viele Menschen suchen heute nach Halt, Verbindlichkeit, Ritual, Gemeinschaft und einer Sprache für das, was das Leben übersteigt. Wer das übersieht, versteht die Gegenwart nicht. Aber wer daraus folgert, die Zukunft der Kirche liege in möglichst demonstrativer Unzeitgemässheit, versteht die Kirche nicht. 

Starker Katholizismus – schwache Moderne

Ich schreibe das nicht aus Distanz zur katholischen Kirche. Im Gegenteil. Mich fasziniert an ihr vieles. Ihre Liturgie. Ihre Körperlichkeit. Ihre Geduld. Ihre Fähigkeit, Glauben nicht nur als Überzeugung, sondern als geformtes Leben zu bewahren. Vor allem fasziniert mich, dass sie römisch und lokal zugleich ist. Sie kennt ein Zentrum, aber sie lebt in unzähligen Sprachen, Gesten, Frömmigkeiten, Festen und Landschaften. Genau darin liegt ihre eigentümliche Weite. 

Der Kommentar erzählt hingegen die alte Geschichte vom starken Katholizismus gegen die schwache Moderne. Hier die Kirche, die noch weiss, wofür sie steht. Dort die Kirchen, die sich anbiedern, verwässern, modernisieren und dabei ihre Substanz verlieren. Das ist ein wirkungsvolles Bild. Es ordnet die Welt. Es tröstet jene, die Reformen für den Anfang vom Ende halten. Und es macht aus jeder Taufe ein Argument im Kulturkampf. Das ist bei näherer Betrachtung überhaupt nicht plausibel. 

Denn die katholische Kirche war nie einfach stark, weil sie unbeweglich war. Ihre Stärke lag historisch gerade darin, Kontinuität durch Verwandlung zu organisieren. Sie konnte römisch sein und lokal. Dogmatisch und volksfromm. Hierarchisch und anschlussfähig. Sakramental fest und kulturell beweglich. Sie hat sich nicht dadurch ausgebreitet, dass sie überall dieselbe Gestalt kopierte, sondern indem sie den Glauben in Sprachen, Bilder, Feste, Bräuche, Architekturen, soziale Ordnungen und Lebenswelten übersetzte: Nicht unzeitgemäss, sondern inkulturiert. 

Die Inkulturation ist keine Schwäche des Katholischen. Sie ist eine seiner grossen Fähigkeiten.

Katholizität meint nicht Uniformität. Sie meint eine Weite, in der Verschiedenes in eine gemeinsame Form treten kann. Wer die katholische Kirche nur als Bollwerk gegen die Gegenwart versteht, verfehlt gerade jene geschichtliche Elastizität, die sie über Jahrhunderte getragen hat. 

Was bedeutet «unzeitgemäss?»

Darum müsste man Ribi genauer zurückfragen: Was heisst eigentlich, eine Kirche habe den Mut, unzeitgemäss zu sein? Geht es um die Eucharistie? Um die Trinitätslehre? Um die Auferstehung? Um Gnade, Schuld, Sünde, Erlösung? Um die Zumutung, dass der Mensch sich nicht selbst genügt? Um die Frage, wie Gott in Christus gegenwärtig ist? Oder geht es am Ende um etwas anderes? 

Vermutlich meint «unzeitgemäss» in diesen Debatten nicht die grosse dogmatische Fremdheit des Christentums. Es meint die bekannten kulturkämpferischen Marker: Abtreibung, Sexualmoral, Geschlechterbilder, Homosexualität, Frauenordination, Zölibat. Dann steht nicht die Sperrigkeit des Glaubens im Zentrum, sondern ein bestimmtes politisch-kulturelles Profil. Die Kirche wird interessant, weil sie gegen progressive Selbstverständlichkeiten steht. Ihre Wahrheit wird an ihrer Reibung mit liberalen Gesellschaften gemessen. Das ist zu wenig. 

Natürlich gibt es eine falsche Anpassung. Kirchen verlieren ihre Kontur, wenn sie nur noch in den Begriffen ihrer Umgebung sprechen. Wer das Evangelium auf allgemeine Nettigkeit, soziale Nützlichkeit oder spirituelle Selbstoptimierung reduziert, darf sich nicht wundern, wenn niemand mehr weiss, wozu es Kirche braucht. Anbiederung ist kein Programm. Aber Verhärtung ist auch keines. 

Die Verwechslung beginnt dort, wo Reform und Anpassung gleichgesetzt werden.

Es ist das eine, ob eine Kirche ihren Glauben inhaltlich so verdünnt, dass er niemandem mehr etwas zumutet. Es ist etwas anderes, ob sie ihre Formen von Leitung, Beteiligung und Verantwortung so gestaltet, dass Menschen nicht nur Adressaten kirchlicher Wahrheit bleiben, sondern an ihrer gemeinsamen Gestalt mitwirken können. Rita Famos, Pfarrerin und Präsidentin der EKS, hat vor einer Woche dazu pointiert Stellung bezogen: «Sie (die Kirche) lebt davon, dass Glaubende selbst lesen, fragen, urteilen, widersprechen und miteinander ringen. Kirche lebt von Beteiligung. Von gemeinsamer Verantwortung. Sie lebt von Engagement, nicht von Applaus und Massenveranstaltungen.»

Demokratische und partizipative Formen machen eine Kirche nicht automatisch beliebig. Sie entscheiden zunächst nicht darüber, ob Gnade, Schuld, Sünde, Erlösung, Auferstehung oder Nachfolge noch etwas bedeuten. Sie entscheiden darüber, wie eine Kirche mit Macht umgeht, wie sie hört, wie sie prüft, wie sie Verantwortung teilt und wie sie verhindert, dass geistliche Autorität zur geschlossenen Herrschaftsform wird. 

Orientierung entsteht nicht durch autoritäre Form. Sie entsteht durch tragfähigen Inhalt, der in glaubwürdigen Formen gelebt wird. 

Die Alternative zur Anpassung ist nicht Starrheit. Die Alternative ist Form. Eine Kirche muss nicht jedem Trend hinterherlaufen. Aber sie muss wissen, wie Glaube unter veränderten Bedingungen bewohnbar wird. Wie Menschen beten lernen, die keine religiöse Sprache geerbt haben. Wie Riten zugänglich werden, ohne banal zu werden. Wie Gemeinschaft entsteht, ohne Milieu zu simulieren. Wie Tradition weitergegeben wird, wenn sie nicht mehr selbstverständlich ist. Darum bin ich skeptisch, wenn ein christliches Revival heraufbeschworen wird, indem alles bleiben kann, wie es ist. 

Kein Quiet Revival

Das zeigte sich jüngst an der vielbeachteten Behauptung eines „Quiet Revival“ in England und Wales. Plötzlich schien empirisch belegt, dass junge Erwachsene wieder in grosser Zahl zur Kirche zurückkehren. Die Erzählung passte perfekt in die Sehnsucht vieler Kirchen: Nach Jahren der Verluste kommt endlich die Wende. Doch dann platzte die Studie. Die Datengrundlage erwies sich als unzuverlässig. Aus dem Aufbruch wurde ein methodisches Problem. 

Das ist mehr als eine peinliche Episode. Es zeigt, wie gross der Hunger nach einer Entlastungserzählung ist. Man will glauben, dass sich die Geschichte von selbst dreht. Dass die Säkularisierung müde wird. Dass die Jungen zurückkommen, weil die Moderne ihnen zu leer geworden ist. Dass man nur standhaft genug bleiben muss, und die Welt wird wieder katholisch. So einfach ist es nicht. 

Das Christentum in Westeuropa erlebt keine Renaissance. Es erlebt einen Formwandel. Es verliert institutionelle Selbstverständlichkeit und bleibt zugleich als Suche, Praxis, Sehnsucht und Sprache präsent. Menschen interessieren sich neu für Glauben, aber oft ohne kirchliche Prägung. Sie suchen Tiefe, aber nicht zwingend Bindung. Sie wollen Ritus, aber nicht immer Institution. Sie sind offen für Transzendenz, aber misstrauisch gegenüber Macht. 

Wer daraus nur einen konservativen Triumph macht, sieht zu wenig. Wer daraus nur einen progressiven Reformauftrag macht, auch. 

Die Frage ist nicht, ob die Kirche zeitgemäss oder unzeitgemäss sein soll. Die entscheidende Frage lautet, ob sie Formen hervorbringt, in denen der Glaube heute Gestalt gewinnt. Nicht als Marketing oder Nostalgie, sondern als eingeübtes Leben. 

Die katholische Kirche hat dafür Ressourcen: Liturgie, Sakramente, Weltkirchlichkeit, Klöster, Heilige, Volksfrömmigkeit, Soziallehre, Ästhetik, Körperlichkeit, lange Geduld. Aber diese Ressourcen wirken nicht automatisch. Sie müssen erschlossen, übersetzt, gelebt und weitergegeben werden. 

Tradition lebt nicht davon, dass sie gegen Veränderung immun ist. Sie lebt davon, dass sie Veränderung übersteht, ohne sich selbst zu verlieren. 

Darum ist die Pointe des NZZ-Kommentars falsch gesetzt. Die Kirche wird nicht stark, weil sie unzeitgemäss ist. Sie wird stark, wo sie mehr bietet als Zeitgeist und mehr als Trotz gegen den Zeitgeist. Wo sie eine Form des Lebens eröffnet, die trägt. 

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