a
  1. Start
  2. Blogposts
  3. Blog
  4. Der Ukraine-Krieg und die ROK

Der Ukraine-Krieg und die ROK

20.Aug. 2025

Krieg als ökumenischer Ernstfall

«Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein»

Ökumenischer Rat der Kirchen[1]

 

«’s ist Krieg! ’s ist Krieg! 0 Gottes Engel wehre, / Und rede du darein! / ’s ist leider Krieg – und ich begehre / Nicht schuld daran zu sein!

Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen / Und blutig, bleich und blass, / Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen / Und vor mir weinten, was?»

Matthias Claudius, Kriegslied[2]

Vorbemerkung

Vom 18. bis 25. Juni 2025 tagte der Zentralausschuss des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) in Johannesburg, dem 158 Mitglieder, die regionalen Präsidentinnen und -Präsidenten des ÖRK sowie 100 Berater:innen angehören. Am 20. Juni veröffentlichte der ÖRK-Zentralausschuss, dem auch Vertreter der Russischen Orthodoxen Kirche angehören, eine Erklärung zum «Konflikt in der Ukraine». Auffällig ist, dass der russische Angriffskrieg als «Konflikt» bezeichnet und der Kriegsverursacher nicht namentlich genannt wird. Die Erklärung äussert sich auch nicht dazu, dass eine Mitgliedkirche des ÖRK, die Russische Orthodoxe Kirche den Angriffskrieg ausdrücklich legitimiert hat. Stattdessen beschränkt sich die Erklärung auf allgemeine Forderungen, die sich an alle Beteiligten in gleicher Weise richten. Hinter dem Ukraine-Krieg steht nicht nur eine russische orthodoxe Ideologie, die Rückfragen an den Umgang des ÖRK mit der Situation und den beteiligten bzw. davon betroffenen Kirchen aufwirft. Deshalb lohnt ein genauerer Blick auf die Hintergründe.

1. Das Fundament

1.1 Krieg

Das Fanal gegen den Krieg hatte der Ökumenische Rat der Kirchen nach zwei grausamen Weltkriegen 1948 bei seiner Gründungsveranstaltung in Amsterdam formuliert. Dagegen notierte der Dichter seine quälenden Zweifel 1778 am Beginn des Bayerischen Erbfolgekrieges. Nach dem Krieg und im Krieg – die Geschichte zeigt, dass keine Beendigung eines Krieges die Überwindung des Krieges zur Folge hatte. Deshalb hat Karl Barth den Frieden zum eigentlichen Ernstfall erklärt: «Si non vis bellum, para pacem!» – Wenn du Krieg nicht willst, bereite Frieden vor.[3] Weil Krieg immer auf den politischen Rechnungen steht und jederzeit darauf auftauchen kann, hat die weltweite Kirche gegenüber sich selbst, der Politik und der Gesellschaft wachsam, standhaft und konsequent die gemeinsame Verpflichtung zum Frieden einzufordern, weil Krieg nicht sein soll. Diese Überzeugung deckt sich nur ausnahmsweise mit den staatlichen und kirchlichen Realitäten. Die Geschichte der christlichen Friedensethik zeigt, dass politische Verhältnisse und kirchlich-theologische Überzeugungen grosso modo wie kommunizierende Röhren verbunden sind. Die programmatisch stark durch die Kirchen der nördlichen Hemisphäre geprägte ökumenische Friedensagenda profitierte von der Friedensdividende, die nicht zuletzt darauf beruhte, dass die Konflikte auf andere Bereiche (Ökonomie, Naturausbeutung, Kulturkampf, Terrorismus) und in andere Weltregionen (Süden, Naher- und Mittlerer Osten) ausgelagert und in die Regionen der südlichen Hemisphäre exportiert wurden.

1.2 Ambivalenz

Die Gesellschaften des Nordens und Westens einschliesslich ihrer Kirchen haben sich geirrt, über sich selbst, die anderen und die Entwicklungen in der Welt – nicht so gewaltig, wie die aktuellen Verunsicherungen suggerieren, aber stark genug für ein selbstkritisches Nachdenken. Fortschrittseuphorie ist die Kehrseite von Untergangsapokalypse, beide unterstellen die gleiche Eindeutigkeit. Ihre Plausibilität hängt von den Sprachspielen ab, in denen sie behauptet werden. Über die Plausibilität der Sprachspiele geben sie keine Auskunft. Unabhängig von solchen Deutungsfragen ist dagegen die masslose Gewalt von Personen und Gruppen, die anderen Personen, Gruppen, anderem Leben und der Natur täglich angetan wird. Erst langsam hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass Kultur und Religion Gewalt zwar einhegen und zivilisieren, aber gleichzeitig hervorbringen, legitimieren und eskalieren lassen. Jede Gewalt beansprucht Eindeutigkeit und bestreitet Ambivalenz und Pluralität. Selbst die Gewalt, die aus purer Angst hervorgeht, zielt auf Eindeutigkeit. Gewalt ist untrennbar mit Absolutheitsansprüchen verbunden, die mit dem immer gleichen antagonistischen Schema von Gut und Böse, Richtig und Falsch, Wahrheit und Lüge operieren. Biblisch gesprochen besteht die Sünde nicht in einem objektiv Falschen, sondern in dem selbstermächtigten Urteil über das Wahre und Falsche, also darin, sich und die Welt an den eigenen Urteilen zu messen und den eigenen Entscheidungen zu unterwerfen.

1.3 Friede

Der Zusammenhang betrifft die Kirchen in genuiner Weise. Die christliche Botschaft verkündigt das Ende aller Ambivalenzen in Jesus Christus, der die Wahrheit und das Leben und darin die vollständige Eindeutigkeit und Einheit ist.[4] In ihm ist alles aufgehoben, verwirklicht und präsent, was die Schöpfung ersehnt und erhofft, aber nicht für sich beanspruchen und aus sich verwirklichen kann. Die Eindeutigkeit Gottes ist das vollständig andere (nicht das Gegenteil!) der geschöpflichen Ambivalenz, Zerrissenheit und permanenten Anfechtung durch die eigene Inkongruenz. Deshalb muss sich die gefallene Schöpfung selbst verlassen, um zu sich selbst zu kommen und ganz bei sich selbst, das heisst ganz bei Gott zu sein. Und deshalb ist die Kirche nicht näher bei Gott, sie weiss nur sehr viel genauer um ihre Gottesferne. In dieser Glaubenserkenntnis, die sie wiederum nicht aus sich selbst gewinnt und hat, steckt ihre Gottessehnsucht. Sie zeigt sich in ihrem Vertrauen auf und ihre Hingabe an die christliche Hoffnung, die ausschliesslich negativ bestimmt werden kann als vollständiges Absehen von selbstgewählten Wegen und eigenständigen Lösungen, denn «Er ist unser Friede» (Eph 2,14). In der Person und in ihrem Verhalten soll etwas aufscheinen, wie Jesus in der Bergpredigt (Mt 5,1–7,29) ausführt, was im Gottesreich vollendet sein wird, wenn alle Gewalt und alles Unrecht aufhören und Gott die Tränen aller Opfer abwischen wird (Offb 21,4). Die Kirche weiss aus ihrer Botschaft, dass «der wahre Friede nicht hier gemacht [wird …], sondern von Gott selber am Ende aller Dinge».[5] Christlicher Frieden im Kleinen wie im Grossen muss aus sich selbst herauszutreten und von der unmittelbaren Durchsetzung der eigenen Interessen und Vorteile absehen können. Insofern Frieden selbstlos ist, befreit er zum wirklichen Selbst. Gewalt fesselt dagegen an das gebrochene Selbst – die Täter:innen durch ihre Herrschaft, die Opfer durch ihre Verletzung und ihren Schmerz.

1.4 Frieden als integrales Thema des ÖRK

Die Friedensarbeit des ÖRK ist gekennzeichnet durch die atomare Aufrüstung, den Kalten Krieg und den immer stärker ins Blickfeld rückenden Nord-Süd-Konflikt. Bereits auf der ersten Vollversammlung des ÖRK in Amsterdam 1948 unterscheidet der Bericht «Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein» die drei wesentlichen kirchlichen und theologisch-ethischen Grundsatzpositionen: (1.) dass auch wenn ein Krieg unvermeidbar sein kann, «ein moderner Krieg mit seinen umfassenden Zerstörungen niemals ein Akt der Gerechtigkeit sein kann»; (2.) dass angesichts fehlender unparteiischer, übernationaler Instanzen «militärische Massnahmen […] das letzte Mittel [sind], um dem Recht Geltung zu verschaffen und (3.) «dass Gott […] verlangt, bedingungslos gegen den Krieg und für den Frieden Stellung zu nehmen».[6] Auf seiner Vollversammlung in Harare 1998 beschloss der ÖRK parallel zur UN-Dekade für eine Kultur des Friedens eine Dekade zur Überwindung der Gewalt, die 2011 in Kingston in die internationale ökumenische Friedenskonvokation mündete. Sie verbindet vier Friedensperspektiven: den Frieden der Gemeinschaft, der Erde, der Wirtschaft und den Frieden zwischen den Völkern. Auf der Vollversammlung in Busan 2013 hat der ÖRK die Formel vom «gerechten Frieden» durch die prozedurale Formulierung «Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens» ersetzt.[7] Das Friedensverständnis des ÖRK lässt sich in sieben Forderungen zusammenfassen:[8] (1.) Eine Friedensordnung muss als (nationale und internationale) Rechtsordnung entwickelt werden; (2.) zwischenstaatliche Konflikte müssen begrenzt werden, indem deren Ursachen analysiert, Abrüstung gefördert und völkerrechtliche Streitschlichtungsinstanzen aufgebaut werden; (3.) Frieden kann ultima ratio durch die gewaltsame Abschreckung, Abwehr und Ahndung von rechtswidriger Gewalt gewonnen und verteidigt werden; (4.) historisch und kulturell gewachsene Feindschaften müssen durch konfliktüberwindende und friedenstiftende Strategien überwunden werden; (5.) unabdingbar sind Abrüstung sowie eine völkerrechtlich geregelte und überwachte Rüstungskontrolle; (6.) im persönlichen Bereich muss Konflikten vorgebeugt, in Konflikten vermittelt und auf die gewaltsame Durchsetzung eigener Angelegenheiten verzichtet werden; (7.) gemeinsames Ziel müssen der Aufbau politischer Strukturen und gerechter Lebensbedingungen sein, die Gewissheit, Stabilität und Perspektiven ermöglichen und den Gedanken vom Krieg als realistisches Mittel zur Verbesserung der eigenen Lage hinfällig machen.

1.5 Freiheit

Die christliche Botschaft begegnet in unterschiedlichen kulturellen, traditionellen, mentalen und intellektuellen Artikulations- und Ausdrucksformen, Darstellungsweisen und Bildern. Sie hat in der Geschichte des Christentums theologisch und konfessionell eigenständige Ausprägungen erhalten und wirft die ökumenische Frage auf, ob die entstandenen Kirchen nebeneinander oder miteinander Kirche Jesu Christ sein wollen.[9] «Gott liebt das Monopol nicht.»[10] Die Vielfalt des Glaubens im Wahrnehmen, Erleben und Erleiden mündet in das eine Bekenntnis und die eine Konsequenz: «Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!» (Gal 5,1) Christliche Freiheit kann Kirche in Wort und Tat verkündigen, aber weder erlassen und erteilen, noch regulieren und sanktionieren. Niemand kann an die Stelle Christi treten, nicht einmal Gott selbst, der Jesu stellvertretenden Tod am Kreuz – aus Treue gegenüber seiner Schöpfung – nicht verhindern konnte. Zugleich ist Jesus das einzige Opfer, dessen stellvertretendes Leiden und Sterben durch kein Recht verhindert werden konnte. Aber das Opfer Christi hat jeden menschlichen Anspruch auf ein Opfer ein für alle Mal erledigt. Gewalt ist verwerflich nicht aus moralischen Gründen, sondern weil damit die christliche Botschaft in ihrem Kern verraten wird. Es gibt ebenso viele moralische Gründe für wie gegen Gewalt, aber keinen einzigen Grund aus dem Evangelium. Die christliche Liebe ist nicht das Gegenteil von Gewaltverhältnissen, sondern das ganz anders strukturierte Verhältnis von Versöhnung und Gemeinschaft.

2. Der Hintergrund

2.1 Der ökumenische Rat der Kirchen

Die Verfassung des ÖRK formuliert als seine Basis: «Der Ökumenische Rat der Kirchen ist eine Gemeinschaft von Kirchen, die den Herrn Jesus Christus gemäss der Heiligen Schrift als Gott und Heiland bekennen und darum gemeinsam zu erfüllen trachten, wozu sie berufen sind, zur Ehre Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.»[11] Als Ziel und Funktionen des ÖRK werden genannt, «einander zur sichtbaren Einheit in dem einen Glauben und der einen eucharistischen Gemeinschaft aufzurufen, die ihren Ausdruck im Gottesdienst und im gemeinsamen Leben in Christus findet, durch Zeugnis und Dienst an der Welt, und auf diese Einheit zuzugehen, damit die Welt glaube. […] In ihrem Streben nach koinonia im Glauben und Leben, Zeugnis und Dienst, bekunden die Kirchen ihren Willen, durch den Rat […] ihrer Verpflichtung zur diakonia Ausdruck zu verleihen, indem sie Menschen in Not dienen, die die Menschen trennenden Schranken niederreissen, das Zusammenleben aller Menschen in Gerechtigkeit und Frieden fördern und die Ganzheit der Schöpfung bewahren, damit alle Menschen die Fülle des Lebens erfahren können. […] Zur Stärkung der einen ökumenischen Bewegung wird der Rat […] die lebendige Gemeinschaft der Mitgliedskirchen und den Zusammenhalt der einen ökumenischen Bewegung fördern [… und] auf den Zusammenhalt der einen ökumenischen Bewegung in ihren vielfältigen Ausdrucksformen hinarbeiten.»[12] Dabei verfügt der ÖRK über «keine gesetzgebende Gewalt über die Kirchen. Er handelt auch in keiner Weise in ihrem Namen, ausser in den erwähnten oder von den Mitgliedskirchen künftig festgelegten Fällen.»[13] Der grassroots-Charakter ist dem Selbstverständnis des ÖRK als Bewegung geschuldet. Der ÖRK besitzt keine Sanktionskompetenzen über die Mitgliedkirchen, die Zusammenarbeit beruht auf deren freiwilliger Selbstverpflichtung im Blick auf die Einheit der Kirche.[14] Normative Bestimmungen haben deshalb ausschliesslich appellativen Charakter. «Als Jünger und Jüngerinnen des Einen, den sie an jedem Weihnachten als ‹Friedensfürst› feiern, müssen Christen sich für den Frieden engagieren, insbesondere indem sie versuchen, die Ursachen von Kriegen zu überwinden (zu denen vor allem wirtschaftliche Ungerechtigkeit, Rassismus, ethnisch und religiös motivierter Hass, Nationalismus und Gewaltanwendung zur Lösung von Konflikten und Beendigung von Unterdrückung gehören).»[15]

2.2 Protestbrief

Am 23. Juli 2022 verfasste «ein internationales Netzwerk von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen […], die verschiedenen Konfessionen angehören (orthodox, römisch-katholisch, griechisch-katholisch, lutherisch, reformiert, anglikanisch, evangelikal) oder ohne religiöse Zugehörigkeit sind» einen Brief an den Zentralausschuss des ÖRK. Der Anlass «ist neben der Ungerechtigkeit dieses Krieges die Tatsache, dass die militärische Invasion und die grausamen Kriegsverbrechen der russischen Truppen in der Ukraine durch die allgemein als ‹russische Welt› bekannte Doktrin ideologisch gerechtfertigt und legitimiert werden. Diese Aggression wird als ‹metaphysischer Kampf› bezeichnet, mit dem angeblich die christlichen Werte und die traditionelle Zivilisation verteidigt werden sollen».[16] Die Autor:innen skizzieren mit Verweis auf Medienmitteilungen die skandalösen kirchlichen Legitimationsversuche des Kriegs von Patriarch Kyrill und Vertretern der ROK und verweisen auf deren Unvereinbarkeit mit dem Selbstverständnis des ÖRK, wie es in der «Erklärung über den Weg des gerechten Friedens» und in der Studie «Die Kirche. Auf dem Weg zu einer gemeinsamen Vision» zum Ausdruck kommt.[17] Der Brief enthält sechs Forderungen: (1.) Suspension der ÖRK-Mitgliedschaft der ROK, «solange sie den Krieg gegen die Ukraine nicht durch die Stimme ihrer höchsten Autorität unmissverständlich verurteilt und solange Patriarch Kirill seine geistliche und politische Macht dazu nutzt, den Krieg anzuheizen, anstatt bei den politischen Behörden der Russischen Föderation sich einschalten, um die Aggression gegen die Ukraine zu stoppen»;[18] (2.) Sicherstellung der direkten Vertretung aller ukrainischen Kirchen im ÖRK; (3.) Einbindung von wissenschaftlicher Expertise im Dialog mit ukrainischen und internationalen Wissenschaftler:innen über die religiöse und politische Lage in der Ukraine; (4.) Vermeidung der Demütigung ukrainischer Christ:innen im ökumenischen Dialog durch das aggressive und entwürdigende Auftreten von ROK-Vertretern im ÖRK; (5.) Stärkung und Schutz der friedensbereiten Stimmen innerhalb der ROK und (6.) die unmissverständliche Verurteilung des Aggressors in den Verlautbarungen des ÖRK. In den Forderungen spiegeln sich nicht zuletzt die Defizite und Schwächen der öffentlichen Reaktionen des ÖRK auf den Ukraine-Krieg und die Rolle der ROK wider.

2.3 Die Vermittlungsversuche des ÖRK

Dem völkerrechtswidrigen Einmarsch der Russischen Föderation auf das Hoheitsgebiet der Ukraine im März 2022 geht eine Geschichte militärischer Operationen und der Konstruktion einer umfassenden Legitimitätserzählung voraus, die die russische Identität und die Rolle Russlands in der Welt betrifft. Seit 2015 und verstärkt seit 2022 hat der ÖRK, zunächst unter Leitung von Generalsekretär Ioan Sauca und anschliessend durch seinen Nachfolger Jeffrey Pillay, versucht, seine kirchliche und politische Rolle in dem Konflikt zu finden und wahrzunehmen.[19] Die Urteile fallen eher kritisch aus. Der ÖRK habe (1.) ein uninformiertes Verständnis der Konfliktursachen in die Öffentlichkeit getragen (das vom ÖRK verwendete Narrativ vom Konflikt zwischen konkurrierenden Nationalismen); (2.) aus einer neutralen, moderierenden Position heraus die kirchlichen Konfliktparteien (bis zur 11. Vollversammlung in Karlsruhe) öffentlich als «gleichwertige Akteure»[20] dargestellt und behandelt; (3.) der ROK die kanonische Deutungshoheit über die Ukraine und Belarus überlassen, ohne sich der politischen Dimensionen dieser Vereinnahmung bewusst zu sein; (4.) es unterlassen, Kontakte und Beziehungen zu den Minderheits- und dissidenten Kirchen und christlichen Gemeinschaften aufzubauen; (5.) eine unkritische Haltung gegenüber Russland und der ROK, die nicht zuletzt die massgeblich von den Ländern des Südens geprägte Sichtweise des Rats widerspiegelt; (6.) (auch noch in Karlsruhe) der ROK immer wieder eine öffentliche internationale Plattform für ihre Ideologie, Kriegslegitimation und Denunzierung der ukrainischen Kirche geboten und (7.) in paternalistischer Weise über die Köpfe der Betroffenen hinweg agiert, etwa bei der Erarbeitung der Erklärung von Karlsruhe, an der eine russische, aber keine ukrainische Kirchenvertretung beteiligt war, oder beim Besuch in Kiew im Mai 2023, bei dem die ÖRK-Delegation zuerst mit der russlandfreundlichen Ukrainischen Orthodoxen Kirche (UOK) und erst danach mit der von der ROK unabhängigen 2018/2019 gegründeten Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU) zusammentraf. Der ÖRK vermittelt ein Bild der Überforderung und unklaren Rollenzuschreibung, des Mangels an politischer Fachexpertise und kritischer Urteilskompetenz sowie einer unübersehbaren Tendenz zu ideologischen Schlagseiten. Allerdings ist auch diese Sicht nicht frei von einer interessengeleiteten Perspektive von Kirchenvertretungen, die aus Ländern stammen, die den Krieg als eigene Bedrohung wahrnehmen. Unabhängig davon zeigt sich ein grundsätzliches Problem der weltweiten Ökumene, der einerseits eine wichtige internationale politische Rolle zukommt, die aber andererseits ihre Funktion selbst als vor allem kirchlich-theologische sieht und definiert. Die beschriebenen Probleme sind deshalb weniger ein Manko der ÖRK-Akteur:innen als vielmehr strukturelle Defizite, die dem Selbstverständnis und der Konstruktion des ÖRK geschuldet sind. Der Rat wurde nicht für Aufgaben gemacht, die heute an ihn adressiert werden, und denen er sich kaum entziehen kann.

3. Die ROK und der Krieg der Russischen Föderation

Blut ist dicker als Tinte. Das gilt auch für das Verhältnis von Kirche, Staat und Nation, erst recht in besonderen historischen Situationen. Jedes Gespräch muss bei der Anerkennung der historischen Tatsachen einsetzen: (1.) Den Fall, in dem eine nationale Kirche beim Eintritt ihres Staates in einen militärischen Konflikt geschlossen dagegen aufgestanden wäre, hat es bisher nicht gegeben. (2.) Selbst in Fällen, in denen Staaten nur indirekt durch politische Verträge und Bündnisse an Militärhandlungen Dritter beteiligt waren, haben sogar in säkularen demokratischen Ländern nur kirchliche Minderheiten protestiert. (3.) Niemals hat eine nationale Kirche durch ihr Engagement die Kriegspläne ihres Staates verhindert, dafür hat jede nationale Kirche im Kriegsfall ihre Lehren und Überzeugungen der Staatsdoktrin angepasst. (4.) Forderungen an die ROK, gegen die Kriegspartei aufzustehen, die ihr eigener Staat ist, dienen der eigenen Positionierung, haben aber keine Wirkung und sind deshalb für ein ernsthaftes ökumenisches Anliegen unbrauchbar. (5.) Dass die westlichen Kirchen, deren Staaten sich selbst von der russischen Aggression bedroht fühlen, die Haltung der ROK nicht teilen, ist selbstverständlich und bestätigt mit dieser Staatskonformität präzise die Position der ROK. (6.) Deshalb sollte am Anfang einer ökumenischen Diskussion die demütige Dankbarkeit der Kirchen stehen, die nicht in dem Dilemma ihrer Schwesterkirche stecken. Friedenforderungen sind einfach für Kirchen, die keinen Preis dafür zahlen müssen, aber prekär für Kirchen, die dafür ihren Kopf hinhalten müssen.

3.1 Historische Voraussetzungen

Das Selbstverständnis sowohl der russischen Orthodoxie als auch der russischen Staatlichkeit gründet in der Taufe von Fürst Volodymyr durch byzantinische Missionare im Jahr 988. Mit dem Untergang des byzantinischen Reichs im 15. Jahrhundert entstand das Konzept der «Heiligen Rus’» bzw. des «Dritten Rom» als letztem Ort des wahren christlichen Glaubens.[21] Die Geschichte der ROK im 20. Jahrhundert ist stark geprägt durch die Phasen der stalinistischen Revolution und der Sowjetunion, in denen die Kirche zunächst brutal verfolgt, dann als Instrument zur Rekrutierung von Soldaten im Zweiten Weltkrieg gebraucht, unter Stalin 1943 rehabilitiert, unter Chruschtschow erneut unterdrückt und unter Breschnew wieder geduldet wurde. Der mit dem Gründungsmythos verbundene kirchliche Superioritätsanspruch wurde aber niemals aufgegeben und konnte deshalb direkt in die durch das Ende der Sowjetunion entstandene politische Identitätslücke springen.[22] Ausserdem verlieh die vorangegangene Verfolgungsgeschichte der ROK eine moralische Autorität gegenüber den politischen Instanzen.[23] Die an den Gründungsmythos anschliessenden Identitätserzählungen haben keine kanonische Fassung, die Leitbegriffe sind undefiniert und werden je nach historischer Situation und Funktion (Genealogie, kirchliche und/oder politische Legitimation) angepasst.[24] Allein die Tatsache, dass sich sowohl die Kirche als auch die Politik auf das gleiche Narrativ berufen, zeigt die enge Verbindung von Religion und Staat, an die die «politische Theologie» der ROK anknüpft. Begünstigt wird das enge Verhältnis zwischen Kirche und Staat durch den Umstand, dass Russland in seiner Geschichte von wenigen Ausnahmen abgesehen, über Jahrhunderte keine unabhängige (Zivil-)Gesellschaft ausgebildet hat.[25] Obwohl alle Staaten der ehemaligen Sowjetunion mit Ausnahme von Georgien die Trennung von Kirche und Staat rechtlich vollzogen haben, sind beide nach der konservativen Wende von Putin (2011/2012) in Russland kontinuierlich zusammengerückt, sodass es heute «keinen gesellschaftlichen Raum mehr [gibt], in dem nicht mit Verweis auf oder direkter Unterstützung durch die ROK individuelle Freiheiten oder gesellschaftliche Freiräume beschränkt oder offen unterdrückt werden».[26]

Politische und religiöse Motive und Begründungen lassen sich nicht trennen, weil beide Perspektiven durch die Idee der Einheit von Staat, Volk und Territorium miteinander verbunden sind. Die Nation ist eine politisch-religiöse Kategorie, deren Ausdehnung nicht einem Land in seinen Grenzen oder einem Staatsgebiet im völkerrechtlichen Sinn entspricht, und sich auf unterschiedliche historische Vorstellungskomplexe beruft. Im Zentrum der russländischen (rossiskij = russländische Bürger:innen, im Gegensatz zu russkij = ethnische Russ:innen) Genealogie-, Identitäts- und Legitimationserzählungen stehen das stärker religiöse Narrativ von der «Heiligen Rus‘» und die eher politischen Narrative der «Russischen Welt» (russkij mir) und der «Russischen Geschichte».

3.2 «Heilige Rus‘»

Das Konzept bezeichnet die sakralisierte Vorstellung eines geographischen und geistigen Raums, in dem das orthodoxe Christentum, das Volk und die Staatlichkeit miteinander verbunden sind. Im 16. Jahrhundert (nach dem Fall Konstantinopels) verband sich der Geburtsmythos Russlands (die Taufe der Kiewer Rus‘) mit der Vorstellung von «Russland» als auserwähltes Volk. In dieser Zeit begegnen einerseits der – in der orthodoxen Theologie eigentlich nicht verwendete – «Heilige Krieg», mit dem die kriegerische Expansionspolitik des Zaren als kosmischer Kampf gegen die Widersacher Gottes legitimiert wurde, und andererseits eine Dämonisierung der Gegner. Im 19. Jahrhundert werden diese mythischen Vorstellungen im russischen Nationalismus und zaristischen Reichsdenken wieder aufgegriffen und zur ideologischen Chiffre für das Imperium und die Einheit von Kirche, Volk und Staat. Die transhistorische und transnationale Stossrichtung des mythisch aufgeladenen Narrativs bestreitet die Geltung der historischen Staatenentwicklung und des völkerrechtlichen Status der Länder nach dem Zerfall der Sowjetunion. Patriarch Kyrill und die ROK leiten daraus ihren Auftrag der spirituellen Verteidigung der «Heiligen Rus’» gegen den «dekadenten Westen» und eine davon korrumpierte Ukraine ab. Wie in der Vergangenheit, dient das Narrativ zur religiösen Legitimation imperialer Politik, ideologischer Mobilisierung (religiöser Patriotismus) und religiösen Dämonisierung des Gegners. Behauptet wird die religiös bestimmte Einheit der orthodoxen Kirchen in der Russischen Föderation, der Ukraine, Belarus, Moldau, Kasachstan, Estland, Lettland und Litauen, die formal in der Unterstellung unter die kirchenrechtliche Jurisdiktion des Moskauer Patriarchats zum Ausdruck kommt.[27] Die Sakralisierung der Politik bedient sich besonders zweier theologischer bzw. theologisch aufgeladener Konzepte: der byzantinischen Vorstellung des Verhältnisses von Kirche und Staat als Symphonie und der religiös-politischen Idee von der apokalyptischen Staatsfunktion des Katechon.

3.3 Symphonia

Der Begriff «Symphonia» stammt aus der von Kaiser Justinian I. im Jahr 535 erlassenen «6. Novelle» und bezeichnet die Harmonie oder den Einklang zwischen Geistlichkeit und Kaisertum.[28] Kirche und Staat werden als unterschiedliche Erscheinungsformen der einen Wirklichkeit bestimmt. «Die Symphonie impliziert eine Harmonie von kirchlichen und weltlichen Bemühungen, die Gesellschaft und das Leben der Einzelnen so zu regulieren, dass sowohl der Erhalt des Staatswesens als auch das individuelle Streben nach Heil gewährleistet werden.»[29] Dahinter steht das Ideal einer «politischen Orthodoxie» bzw. eines Staates, «der die Orthodoxe Kirche als das höchste Heiligtum des Volkes anerkennt – mit anderen Worten: in einem orthodoxen Staat».[30] Die Zuordnung wird eschatologisch begründet mit dem Staat als provisorische Ordnung gegenüber der Kirche als ikonische Antizipation des Gottesreiches. Obwohl das staatliche System grundsätzlich von untergeordneter Bedeutung ist, legt die Symphonia die Monarchie nahe. Bezeichnenderweise verweist die russisch-orthodoxe Sozialdoktrin ausführlich auf die unterschiedlichen Entwicklungen in der West- und Ostkirche. Der Katholizismus im Westen habe zunächst zu einer Verabsolutierung der Kirche und einer Relativierung der Eigenständigkeit des Staates geführt. Anschliessend hätten Reformation und Neuzeit die Trennung beider Bereiche mit der Erfindung des souveränen territorialen Staats bewirkt. Die als (Ethno)Phyletismus bezeichnete Limitierung der kirchlichen Identität durch nationale Grenzen wurde durch die Synode von Konstantinopel von 1872 als Häresie verurteilt.[31] Zugleich betont die Orthodoxe Synode auf Kreta von 2016: «Und auch heute noch kann das Prinzip der symphonia die Kirche bei ihren Versuchen leiten, gemeinsam mit Regierungen auf das Gemeinwohl hinzuarbeiten und gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen. Es kann jedoch nicht als Rechtfertigung geltend gemacht werden, um die Orthodoxie als Religion in der Gesellschaft insgesamt verpflichtend zu machen oder die Kirche als politische Macht zu propagieren.»[32]

3.4 Katechon

Katechon (κατέχων, 2Thess 2,6f.) meint den «Aufhaltenden», der das Offenbarwerden des «Gesetzlosen» (Antichristen) bis zu seiner Vernichtung zurückhält. Der Begriff wird im 16. Jahrhundert als geschichtstheologische Figur entwickelt, allen voran in dem nach dem Mönch des Pskover Erlöser-Eleazar-Klosters benannten Filofej-Zyklus von Sendschreiben.[33] Unter dem Eindruck des Falls Konstantinopels, des Zweiten Roms, der eine Neuorientierung der Orthodoxie notwendig machte, entwickelt sich die Idee von Moskau als dem letzten und «Dritten Rom». «Alle christlichen Zartümer haben sich ihrem Ende zugeneigt und sind gemäss den prophetischen Büchern eingegangen in das eine Zartum unseres Herrschers, das heisst ins russische Zartum. Denn zwei Rome sind gefallen, und das dritte steht. Ein viertes aber wird es nicht geben.»[34] Die Sendschreiben dienen zur Belehrung der Fürsten und schreiben ihnen eine biblische Katechon-Rolle zu, die bestimmt wird, als (1.) alleinige Glaubenstreue der Rus und des Untergangs der vorangegangenen Reiche; (2.) universale Herrschaft des Grossfürsten von Moskau als einzigem christlichen Herrscher der Welt; (3.) alleinige Verantwortung für den reinen Erhalt des christlichen Glaubens und der Kirche; (4.) Symphonie von Herrscher, der das Land regiert und Verantwortung für die Kirche trägt, und Kirche, die ihn mahnt und belehrt.[35] Im 16. Jahrhundert entsteht auch ein neuer Typ der Geschichtsschreibung, in dem die Vorstellung von der Rus‘ als das letzte christliche Reich zum Leitmotiv des sich formierenden russischen Selbstbildes wird.[36] Daran schliessen die postsowjetische «Historiosophie» (istoriosofija) und «Metahistorie» (metaistorija) an, die «die irdische Geschichte als Vollzug eines göttlichen Heilsplans deuten, der den Gläubigen in seinem Anfang und Ende sowie den wesentlichen Etappen geoffenbart worden sei».[37] Weltgeschichte verbindet sich mit Apokalyptik und Heilsgeschichte, in der Moskau als einzige und letzte Bastion des Christentums an die Stelle der gefallenen Imperien Rom und Konstantinopel tritt, im Kampf gegen den Antichrist[38] in Gestalt der gottverlassenen westlichen Welt. In vollständiger Übereinstimmung formuliert die «Anweisung» (nakaz) des 25. Weltkonzils des Russischen Volks «Gegenwart und Zukunft der Russischen Welt» vom 27. März 2024: «In geistig-moralischer Hinsicht ist die militärische Spezialoperation ein Heiliger Krieg, in dem Russland und sein Volk durch die Verteidigung des geeinten geistigen Raumes der Heiligen Rus’ die Mission des ‹Katechon› erfüllen, der die Welt vor dem Druck des Globalismus und einem Sieg des in Satanismus verfallenen Westens beschützt.»[39]

3.5 «Russische Welt» (Russkij mir)

«Der Name ‹Russische Welt› impliziert, dass es eine über Russland hinausgehende Gemeinsamkeit gibt, die verschiedene Staaten und Nationen umfasst. Dabei ist unklar, ob es sich um einen geographisch festgelegten Raum handelt, um ein durch seine Bewohnerinnen und Bewohner konstituiertes Gebiet, um eine Sprachgemeinschaft oder einen auf andere Weise definierten Zusammenhang. Äusserungen prominenter Kirchenvertreter deuten darauf hin, dass sie eher an ein polyzentrisches Gebiet denken.»[40] Das Konzept der «Russische Welt», das an den von der ROK geprägten Ausdruck «kanonisches Territorium» anschliesst,[41] verbindet den religiösen Neobyzantinismus mit politischen neoimperialen Ideen aus dem 19. und 20. Jahrhundert:[42] (1.) Aus kultureller Sicht betont es die Verbindung von Sprache, Literatur, Orthodoxie und einer gemeinsamen ostslawischen Identität; (2.) aus religiöser Perspektive wird es als sakraler Raum unter russischer Führungsrolle verstanden; (3.) in mythischer Hinsicht verknüpft es die Narrative «Heilige Rus», «Drittes Rom», und «messianische Mission» und (4.) politisch wird es ab 2007 durch die Gründung der Stiftung «Russkij Mir» unter staatlicher Kontrolle institutionell verankert. Kulturell zielt das programmatische Modell auf die weltweite russischsprachige Diaspora, geopolitisch auf die postsowjetische Einflusssphäre und ideologisch auf die konservativ-nationalistische Abgrenzung gegenüber dem Westen. «Russische Welt» ist ein zivilisatorisches Rahmenkonzept, das unabhängig von seiner Variabilität auf vier Säulen ruht: Orthodoxie, Werte, Mission und Antagonismus gegenüber dem Westen.[43] Die Anweisung des 25. Weltkonzils des Russischen Volkes führt aus: «Russland ist Schöpfer, Stütze und Verteidiger der Russischen Welt. Die Grenzen des geistigen und kulturell-zivilisatorischen Phänomens Russische Welt sind wesentlich weiter als die Staatsgrenzen der heutigen Russländischen Föderation und auch des grossen historischen Russlands. Neben den Angehörigen der über die ganze Welt verstreuten russischen Ökumene schliesst die Russische Welt auch all jene Menschen ein, für die die russische Tradition, die Heiligtümer der russischen Zivilisation und die grosse russische Kultur der höchste Wert und Sinn des Lebens sind. Höchster Daseinszweck Russlands und der von ihm geschaffenen Russischen Welt – ihre geistige Mission – ist es, der globale ‹Katechon› zu sein, der die Welt vor dem Bösen bewahrt. Die historische Mission lautet, ein ums andere Mal jene zum Scheitern zu bringen, die eine universelle Hegemonie errichten und die Menschheit einem unifizierten Prinzip des Bösen unterordnen wollen.»[44]

3.6 Der Einfluss der ROK

Über den Einfluss der ROK und allen voran Patriarch Kyrill ist seit 2022 viel geschrieben und spekuliert worden. Dabei wird häufig übersehen, dass es sich bei dem durch den Krieg offensichtlich Gewordenen nicht um überraschende und neue Entwicklungen handelt, sondern um die «Fortsetzung einer nie wirklich abgebrochenen Tradition der Bezogenheit von weltlicher und kirchlicher Führung in Russland».[45] Bereits 1946 wurde die «Abteilung für kirchliche Aussenbeziehungen» mit dem Ziel gegründet, das Image der ROK im Ausland zu fördern und damit auch zu einem positiven Bild der ehemaligen Sowjetunion beizutragen. Die politische Orthodoxie der Russischen Föderation zeichnet sich programmatisch durch eine religiös-politisch organisierte (Werte)Ordnung an Stelle einer Zivilgesellschaft aus. «Die Russische Orthodoxe Kirche ist in dieser Hinsicht auch Teil des Phänomens eines russischen Kulturimperialismus, der innerhalb der Grenzen der ehemaligen Sowjetunion, aber eben auch global die gesamte kulturelle und religiöse Pluralität und Diversität des osteuropäischen Raumes vereinnahmt hat.»[46] Das kann im Blick auf die vorher skizzierten Leitbegriffe und -ideen auch gar nicht anders sein. Eher symptomatisch dafür steht die Biografie und der Aufstieg Kyrills. Bereits in den 1990er Jahren zieht sich die Bedrohung der russischen Zivilisation als Generalthema durch seine Reden und Predigten.[47] 1993 initiierte er das jährlich stattfindende «Allrussischen Volkskonzil», 2008 erschien die wegweisende (und vom Westen notorisch missverstandene) Sozialdoktrin. Seine Wahl zum Patriarchen 2009 vergrösserte seinen Einfluss auf die Staatsführung, die sich nicht zuletzt in der Gesetzgebung zeigte, etwa dem Gesetz zum «Schutz religiöser Gefühle» (2012), dem Gesetz über «ausländische Agenten» (2013) und dem Gesetz über «traditionelle Werte» (2022). Von Anfang an intensivierte und institutionalisierte die ROK das Verhältnis der Kirche zur Armee und den Geheimdiensten. 1995 gegründete Patriarch Alexij II. in enger Zusammenarbeit mit dem damaligen Metropoliten Kyrill die «Synodalabteilung der Zusammenarbeit mit den Streitkräften und den Rechtsverfolgungsorganen».[48] In den 1990er Jahren setzten sich beide ausdrücklich für den Erhalt des Nuklearwaffenarsenals ein. In dem Konzept der «nuklearen Orthodoxie» versteht sich die ROK als «geistlicher Schutzschild» der nuklearen Rüstung, die sie als friedenssichernde Massnahme und als Ausdruck der Stärke und Verteidigungsfähigkeit Russlands begrüsst.[49] «In den russischen Diskursen ist eine analytische Trennung von politischen und religiösen Interessen in inhaltlicher und geografischer Hinsicht kaum noch möglich. Die Beziehung von beidem kann als Ontologisierung von imaginierten Zivilisationsgrenzen beschrieben werden, die der ‹Heiligen Rus‘› entsprechen sollen und so auch die Mission der Heiligen Rus‘ als Bewahrerin und Verteidigerin des wahren Glaubens und als ‹katekhon›, als Aufhalter des Antichristen, fortsetzen. Im Krieg gegen die Ukraine führt die Verbindung von Orthodoxie und Politik zu einer Verschmelzung von aus russischer Perspektive innenpolitischer Regulierung auf dem ‹eigenen› Territorium der Rus‘ einerseits und globaler Mission als Verteidigung ewiger, im religiösen Sinn Heil bringender Werte andererseits.»[50]

3.7. Krieg und Frieden

Im Kapitel «Krieg und Frieden» der Sozialdoktrin behandelt die ROK die Themen nicht nur in der Titelreihenfolge, sondern räumt dem Krieg vier Abschnitte, dem Frieden dagegen nur einen Abschnitt ein. Inhaltlich wird der Frieden auf der Folie der Äusserungen über Krieg und Gewalt abgehandelt, sodass der Friede wie eine Abweichung vom Krieg erscheint und nicht umgekehrt. Die Ausgangsfeststellung «Der Krieg ist Böses»[51] führt nicht zu seiner kategorischen Ächtung, vielmehr schliesst sich die ROK der mittelalterlichen Bellum Iustum-Lehre an, wobei sie ausdrücklich auch einen Angriffskrieg nicht ausschliesst: «[D]ie Kirche [verbietet] ihren Kindern nicht, sich an Kampfhandlungen zu beteiligen, solange ihr Zweck die Verteidigung des Nächsten sowie die Wiederherstellung verletzter Gerechtigkeit ist».[52] Und weiter: «Unsere Christusliebenden Soldaten verteidigen mit der Waffe in der Hand die Heilige Kirche, verteidigen den Herrscher, in deren geheiligter Person das Antlitz der Macht des Himmlischen Herrschers verehrt wird, verteidigen das Vaterland, deren Zerstörung unabwendbar den Fall der vaterländischen Macht sowie die Erschütterung des evangelischen Glaubens nach sich zöge. Das sind die erhabenen Ziele, für die die Soldaten bis zum letzten Blutstropfen kämpfen sollen, und wenn sie auf dem Schlachtfeld ihre Seelen fahren lassen, werden sie von der Kirche als Märtyrer heiliggesprochen und als Fürsprecher vor Gott erachtet.»[53] Dagegen begegnet der Frieden als göttliche Gnadengabe, deren Verwirklichung an die Gerechtigkeit gebunden ist. Zwar erwähnt die ROK die praktische Aufgabe zum Frieden, beschränkt sie aber auf das persönliche Verhalten und seine Aussenwirkungen. «Friede, als eine den Menschen innerlich verwandelnde Gabe Gottes, soll auch nach aussen hin sichtbar werden.»[54] So ergibt sich eine Kaskade von vier Friedensdimensionen, die eine stark abgespeckte Version der Friedensverhältnisse im XIX. Buch von Augustinus’ «Gottesstaat» darstellen: (1.) der Frieden Gottes; (2.) der Frieden der menschlichen Seele; (3.) der Frieden der Volksgemeinschaft und (4.) der Frieden der Menschheit. Der politische Frieden taucht in diesem Schema nicht auf.

Das eklatante Ungleichgewicht von Krieg und Frieden in der Sozialdoktrin ist nicht zufällig, sondern folgt konsequent der orthodox-politischen Fundamentalagenda. Weil Frieden Gerechtigkeit voraussetzt, der «gerechte Krieg» aber in einer apokalyptischen Welt um eben dieser Gerechtigkeit willen geführt werden muss (katechon), steht der Krieg und nicht der Frieden im Zentrum. Zwar wurde Vsevolod Chaplin all seiner Ämter enthoben, als er zu Beginn der russischen Angriffe auf Syrien von einem «Heiligen Krieg» sprach, und Kyrill erklärte bei seiner Weihnachtsansprache 2016, dass es um einen «gerechten» (und keinen «heiligen») Krieg gehe. Allerdings haben sich die Verhältnisse seither geändert. Ende 2013 veröffentlichte die ROK das Statut zur Militärgeistlichkeit der ROK zur Wiederbelebung der «geistlichen Kräfte des Militärdienstes».[55] Einen wichtigen Bezugspunkt bildet dabei das im 19. Jahrhundert entwickelte Konzept der «Sobornost», das aus der Philosophie in die Theologie (vor allem Ekklesiologie) eingewandert ist und auf eine Vermittlung zwischen Individuum und Gesellschaft zielt.[56] Sobornost ist ursprünglich eine mittelalterliche Übersetzung von katholikos und bezeichnet je nach Kontext die «Gemeinschaft», «Katholizität», «Konziliarität» oder «Synodalität». In politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen impliziert der Ausdruck «eine Unterordnung individueller Rechte und Freiheiten in eine mystische Gemeinschaft und damit zugleich eine spirituelle Überhöhung der staatlichen Einschränkungen individueller Freiheiten in Russlands Innenpolitik».[57]

Als theologisches Scharnier bedient sich Kyrill einer Kompilation zweier Jesuworte, die auch in der Sozialdoktrin zitiert werden: «Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen» (Mt 5,44) und «Niemand hat grössere Liebe als wer sein Leben einsetzt für seine Freunde.» (Joh 15,13) Der Patriarch erläutert: «Eben deshalb erdulden wir grossen Herzens Beleidigungen, die uns als Einzelpersonen zugefügt werden, in der Gemeinschaft jedoch verteidigen wir einander und geben unser Leben im Kampf für unsere Nächsten».[58] In verschiedenen Predigten, unter anderem in einer Ansprache am russischen Weihnachtsfest 2023 vor einer Versammlung von Kindern, erklärte Kyrill mit Berufung auf Johannes 15,13, «dass den auf dem Schlachtfeld gefallenen Soldaten ‹ihre Sünden aufgrund des grossen Opfers, das sie für ihr Volk brachten, vergeben wurden».[59] Hinter dieser zu verschiedenen Gelegenheiten wiederholten Äusserung, steckt eine tiefe Überzeugung, die der Vorsitzender der Synodalabteilung für die Beziehungen zu Gesellschaft und Massenmedien der ROK und aktuelle Pressechef des Patriarchen, Vladimir Legoyda, deutlich artikuliert hat. In einem Text von 2004 kritisiert er den blossen Schutz des physischen Überlebens als «utopian fantasy», weil «the relevant cause of evil is rooted within human beings and not in their external condition. In other words, the absence of war does not equal the presence of peace.»[60] In einer angefügten Fussnote präzisiert er: «In fact, the Orthodox theology perceives such a state of world peace in an apocalyptic context, a precondition for Antichrist and not part of the establishment of the Kingdom of God on earth at some point in the future, a concept that is completely alien to Orthodox Theology.»[61] Die Bemerkung bringt das Weltbild der ROK auf den Punkt: Aus ihrer Sicht kann in einer apokalyptischen Situation ein Frieden in der Welt nur dem «Antichristen» in die Hände spielen. Der biblische Friedensauftrag würde also pervertiert, wenn er auf die Verhältnisse in der Gegenwart übertragen würde.

3.8 Die Haltung der ROK im Ukraine-Krieg

Die Reaktionen der ROK und ihres Patriarchen zum Ukraine-Krieg folgen vollständig der von langer Hand geplanten und machtvoll durchgesetzten politisch-orthodoxen Ideologie. Die Ukraine bildet das Symbol und zugleich den Präzedenzfall für das kriegerische «katechon» gegen einen gottlosen Westen, der das Christentum und seine einzige wahre Repräsentantin, die Orthodoxie, existenziell bedroht und angreift. In einem im Januar 2023 ausgestrahlten Weihnachtsinterview stellt Kyrill fest: «Wir haben eine apokalyptische Perspektive vor uns […]. Unser Kampf für moralische Grundsätze, unser Kampf für die Bewahrung des Glaubens ist also ein Kampf für die Zukunft der gesamten Menschheit, für das Leben der Welt, nichts weniger. Wir kämpfen für das Leben in der Welt. Wir kämpfen dafür, dass die menschliche Zivilisation lebensfähig bleibt.»[62] Der Patriarch befeuert den Krieg gegen die Ukraine im eklatanten Widerspruch zur Sozialdoktrin: «Gleichzeitig widersetzt sich die Kirche «der Kriegs- und Gewaltpropaganda und den verschiedenen Erscheinungsformen des Hasses, die in der Lage sind, brudermordende Konflikte zu provozieren».[63]

Die im März 2024 veröffentlichte Instruktion des unter Vorsitz des Patriarchen durchgeführten Weltkonzils des Russischen Volkes «Gegenwart und Zukunft der Russischen Welt» enthält eine Begründung des Ukraine-Kriegs und eine ausführliche russländische Vision, die von dem Gegensatz zum Westen geprägt ist. «Der Text konstruiert dabei für die Zukunft das romantische Bild eines ländlichen Russland, in dem kinderreiche Familien in ihren eigenen Häusern nach den traditionellen Wertvorstellungen leben, die ebenfalls in dem Dokument dargestellt werden. Nach der Absicht der Autoren soll die Bevölkerung Russlands in den nächsten einhundert Jahren von jetzt etwa 140 Millionen auf 600 Millionen Menschen anwachsen.»[64] Die Legitimation des Ukraine-Kriegs ist genauso knapp wie eindeutig: «Die militärische Spezialoperation ist eine neue Etappe im nationalen Befreiungskampf des russischen Volkes gegen das verbrecherische Kiewer Regime und den hinter ihm stehenden kollektiven Westen, der seit 2014 auf dem Gebiet der Südwestlichen Rus’ geführt wird. Bei der militärischen Spezialoperation verteidigt das russische Volk mit der Waffe in der Hand sein Leben, seine Freiheit, seine Staatlichkeit, seine zivilisatorische, religiöse, nationale und kulturelle Identität sowie das Recht, auf seinem eigenen Boden in den Grenzen eines geeinten Russländischen Staates zu leben. In geistig-moralischer Hinsicht ist die militärische Spezialoperation ein Heiliger Krieg, in dem Russland und sein Volk durch die Verteidigung des geeinten geistigen Raumes der Heiligen Rus’ die Mission des ‹Katechon› erfüllen, der die Welt vor dem Druck des Globalismus und einem Sieg des in Satanismus verfallenen Westens beschützt.»[65] Im anschliessenden Abschnitt «Die Russische Welt» wird präzisiert: «Russland ist Schöpfer, Stütze und Verteidiger der Russischen Welt. Die Grenzen des geistigen und kulturell-zivilisatorischen Phänomens Russische Welt sind wesentlich weiter als die Staatsgrenzen der heutigen Russländischen Föderation und auch des grossen historischen Russlands. Neben den Angehörigen der über die ganze Welt verstreuten russischen Ökumene schliesst die Russische Welt auch all jene Menschen ein, für die die russische Tradition, die Heiligtümer der russischen Zivilisation und die grosse russische Kultur der höchste Wert und Sinn des Lebens sind. Höchster Daseinszweck Russlands und der von ihm geschaffenen Russischen Welt – ihre geistige Mission – ist es, der globale ‹Katechon› zu sein, der die Welt vor dem Bösen bewahrt. Die historische Mission lautet, ein ums andere Mal jene zum Scheitern zu bringen, die eine universelle Hegemonie errichten und die Menschheit einem unifizierten Prinzip des Bösen unterordnen wollen.»[66]

Der Text darf nicht überbewertet werden, wie die geringe Resonanz in Russland zeigt. Er ist eher ein Versuchsballon aus ideologischen Versatzstücken, mit dem eine Stimmung verstärkt und ein Weltbild stabilisiert werden soll,[67] und bestätigt die ideologische Stossrichtung der Reden Putins kurz vor und nach Beginn der Ukraine-Krieges. Die ROK stellt sich damit vorbehaltlos nicht nur hinter den Ukraine-Krieg, sondern auch hinter seine offizielle Begründung. Zugleich ist das «Weltkonzil» eine «Neo-Nationalist Institution» (Kristina Stoeckl), mit der Kyrill den Schulterschluss mit Vordenkern und Theoretikern der Neuen Rechten in Russland vollzogen hat. Zu den einflussreichen Köpfen gehört Alexander Geljewitsch Dugin, einer der einflussreichsten ideologischen Vordenker und Theoretiker der russischen und internationalen extremen Rechten.[68] Deshalb wäre es eine fahrlässige Verkürzung, die russisch-orthodoxe Ideologie lediglich auf den russischen Staatsimperialismus zu reduzieren. Der orthodoxe Neokolonialismus bedient sich genau der Strategie, die Kyrill auf dem 16. Weltkonzil des Russischen Volks 2012 in der Auseinandersetzung mit dem Westen eingefordert hat, dass «die physischen Kämpfe durch einen Informationskrieg ersetzt werden, in dem der Kampf um die Seelen der Menschen an erster Stelle steht».[69]

4. Das ökumenische Gespräch

4.1 Die Schattenseite ökumenischer Theologie

Die vorangegangenen Abschnitte haben die komplexen religiös-ideologischen Zusammenhänge skizziert, in denen der Ukraine-Krieg das Symptom einer umfassenden politisch-orthodoxen Strategie für «Russland» darstellt. Diese ist einer westlichen, wesentlich völkerrechtlich und friedensethisch fokussierenden Perspektive grundsätzlich verschlossen, sodass ein Gespräch – unabhängig davon, wie viel geredet wurde – nicht zustande kommen konnte. Zwar haben Fachleute, wie die angeführte Literatur zeigt, schon länger und ausdrücklich auf die grösseren Zusammenhänge hingewiesen. Allerdings blieben sie weitgehend unbeachtet, weil (1.) die Expertise ein Gespräch aussichtslos erscheinen lässt; (2.) die antiwestliche Stossrichtung der ROK in der Ökumene auf breite Zustimmung stösst, und (3.) die eigenen Überzeugungen die Wahrnehmung und Anerkennung anderer Weltbilder erschweren oder unmöglich machen. Auf paradoxe Weise wird der russische Neo-Kolonialismus entweder wiederum neo-kolonialistisch diskreditiert oder post-kolonialistisch bzw. neo-nationalistisch gestützt. Hier besteht – zumindest in der Konsequenz und unbeabsichtigt oder nicht – eine prekäre Annäherung der Ökumene an den grassierenden politischen Neo-Nationalismus, der von der ROK seit langem national und international befeuert wird. Die Wirkungen zeigen sich nicht zuletzt darin, dass die offiziellen Verlautbarungen des ÖRK zum Ukraine-Krieg – Aufruf zur Mässigung der Konfliktparteien, Kritik am Nationalismus – bis in den Wortlaut entsprechenden Äusserungen Kyrills gleichen. So erklärte am 15. Juni 2022 der geschäftsführende Generalsekretär des ÖRK, der orthodoxe Theologe Ioan Sauca: «It would be very easy to use the language of the politicians, but we are called to use the language of faith, of our faith. It is easy to exclude, excommunicate, and demonize, but we are called as WCC to use a free and safe platform of encounter and dialogue, to meet and listen to one another even if and when we disagree.»[70] In völliger Übereinstimmung formuliert Kyrill am 20. November 2022: «Die Kirche mischt sich in keiner Weise in die Politik ein, sondern nimmt sich den Kummer der Menschen, den Schmerz ihres Volkes zu Herzen, und natürlich gilt unser besonderes Gebet heute dem Frieden, dem Wohlergehen und dem Frieden im Lande Russland, dem Ende der internen Streitigkeiten, der Ermahnung unserer Brüder, die, getrieben von dunklen äusseren Kräften, daran arbeiten, den einen Leib der russisch-orthodoxen Kirche zu spalten.»[71] Kyrill führt die Aussagen ad absurdum, indem er exakt dieselbe «Sprache von Frieden, Gemeinschaft, Werten» verwendet, «die in ökumenischen Kommuniqués zum Frieden zu finden sind. Auch der Anspruch, keine Politik betreiben zu wollen, als Kirchen jenseits politischer Logiken zu agieren und als Friedensstifter allen Konfliktseiten offen gegenüber zu stehen, ist ein Konsens aller ökumenischer Partner.»[72] Folgerichtig bedankte sich Kyrill im Oktober 2022 bei Sauca für die vorbildliche Haltung des ÖRK: «Die aktive, aber neutrale Position des Ökumenischen Rates der Kirchen, die weder die eine noch die andere politische Seite in diesem Konflikt unterstützt, ist meiner Meinung nach die einzig richtige und sollte auch weiterhin beibehalten werden. Die Kirchen haben von ihrem Wesen her ein friedensstiftendes Potenzial. Wenn eine Kirche anfängt, die Fahne des Krieges zu schwenken und zur Konfrontation aufruft, ist das gegen ihre Natur.»[73]

4.2 Die ökumenische Realität politischer Orthodoxie

«Es scheint, als hätten die ökumenischen Partner nicht wahrgenommen, dass die ROK die im Kalten Krieg verhandelten Friedensthemen fast nahtlos in die sog. ‹culture wars›, die Kriege zwischen liberalen und traditionellen Werten übertragen hatte. Es fehlte in den ökumenischen Gesprächen damit ein tiefergehender Konsens darüber, was gemeint ist, wenn von Frieden, Gerechtigkeit und Krieg gesprochen wird. Die Diskussion darüber wurde vermieden. […] Das eher spiritualisierte Verständnis von Frieden, was die ökumenischen Thematisierungen durchzieht, kam aber auch dem Bestreben entgegen, die Debatten zu entpolitisieren. Der ROK wurde zugebilligt, die kanonische Deutungshoheit über die Ukraine und Belarus zu haben, ohne die politischen Implikationen dieser Vereinnahmung wahrzunehmen. Die ROK nutzte die Angst der ökumenischen Bewegung vor einer Politisierung, die man gerade nach den Erfahrungen des Kalten Krieges vermeiden wollte.»[74]

Die Äusserungen des ÖRK zum Ukraine-Krieg, einschliesslich der Diskussion in Karlsruhe resultieren nicht nur aus einem ökumenischen Friedenswillen sowie einer ökumenischen Leichtgläubigkeit und Überforderung, sondern verweisen auf ein fundamentales Missverständnis im Blick auf die eigene Funktion und Rolle, die die Ökumenikerin und Ostkirchenkundlerin Regina Elsner in vielen Veröffentlichungen analysiert und reflektiert hat. Im programmatischen Text des ÖRK zur ökumenischen Hermeneutik «A Treasure in Earthen Vessels» von 1998 heisst es: «Hermeneutics in the service of unity must also proceed on the presumption that those who interpret the Christian tradition differently each have ‹right intention of faith›. It is not only a condition of dialogue, but a fruitful product of dialogue, that the partners come to appreciate and trust one another’s sincerity and good intention».[75] Tatsächlich stellt der Ukraine-Krieg einen massiven Angriff auf die Hermeneutik des Vertrauens dar, auf dessen Fundament der ökumenische Dialog ruht. Die Geschichte des ÖRK mit den orthodoxen Kirchen, insbesondere der ROK, ist geprägt von dem orthodoxen Widerstand gegenüber der angeblich westlichen Politisierung und Ethisierung kirchlicher Themen. Der ÖRK hat darauf mit dem Zugeständnis einer sukzessiven Entpolitisierung – durch eine zunehmende Priorisierung geistlich-theologischer gegenüber ethisch-politischen Fragen sowie eine Abgrenzung gegenüber einem «Säkularismus» – reagiert, um die Mitgliedschaft der zahlenmässig grossen Kirche nicht zu gefährden. Damit hat der ÖRK einem biblisch-theologisch prekären Dualismus Vorschub geleistet, der ihm in der aktuellen Konfliktsituation auf die Füsse fällt. «In der Konsequenz dieser drei Aspekte – der Nachordnung des Sozialethischen, einer gemeinsamen Abgrenzung gegen das säkulare ‹Andere› und des Ausblendens der Ambivalenzen der gemeinsamen Sprache – hat sich ein Dunkelfeld ökumenischer Theologie entwickelt, welches von der ökumenischen Theologie selbst bis heute als ‹politisierter Nebenschauplatz› behandelt wird. […] Innerhalb der ‹geistlich-theologischen Ökumene› entstand jedoch gleichzeitig ein Dunkelfeld konservativen gesellschaftspolitischen Handelns, das die Konsensökumene gezielt von innen und dezidiert theologisch aushöhlte.»[76]

Elsner zeigt, wie der ÖRK in den vergangenen Jahren immer stärker unter den Einfluss der «politischen Orthodoxie» der ROK geraten ist. «Politische Orthodoxie» meint – analog zum politischen Islam – ein Konzept zur Mobilisierung orthodoxer Identität und zur Durchsetzung politischer Ziele, allen voran Nationalismus, Anti-Semitismus, Orientalismus, Antimodernismus, Monarchismus und Konservativismus.[77] Sie zielt auf den paradoxen Effekt einer Politisierung durch Entpolitisierung, indem die friedenspolitische und -ethische Ausrichtung des ÖRK durch die politisch-orthodoxen Vorstellungen blockiert bzw. vereinnahmt wird. Das hat einen fünffachen immunisierenden Effekt: (1.) «Die konstruktive und offene theologische Auseinandersetzung mit dem säkularen Menschenbild wird als ‹politisch› verworfen, […] während das naturrechtlich geprägte Menschenbild als theologische Wahrheit gegen Kritik immunisiert wird». (2.) «Der universale Anspruch der individuellen Menschenrechte wird als politischer Kolonialismus für den eigenen Kulturbereich abgewiesen, während der universale Anspruch traditioneller Werte durch theologisch begründete räumliche Konzepte nationale Grenzen überschreiten muss». (3.) «Aus dem christlichen Glauben begründeter Protest gegen autoritäre Regime gilt als unlautere Politisierung des Glaubens, während Protest gegen religionskritische Kunst oder gegen die Einschränkung von Privilegien einer Kirche theologisch als Schutz christlicher Werte gerecht fertigt wird». (4.) «Frieden ist als – notfalls mit Gewalt hergestellte – Harmonie der Gesellschaft theologisch im Sinne des trinitarischen Einheitsgedankens wünschenswert, als sozial-strukturelles Konzept von Rechtsstaat, Gewaltenkontrolle und Machtbeschränkung jedoch politisch jenseits kirchlicher Verantwortung». (5.) «Religionsfreiheit ist – ebenso wie Meinungsfreiheit – dort ein theologisch verankertes Konzept, wo das Recht christlich begründeter Diskriminierung geschützt werden soll, ein Beharren auf Religionsfreiheit – und Meinungsfreiheit – gilt jedoch als politisch, wenn konkurrierende religiöse Meinungen in einer als christlich postulierten Gesellschaft rechtlichen Schutz einfordern.»[78] Im Umgang des ÖRK mit dem Ukraine-Krieg zeigen die Strategien unmittelbare Wirkung. Elsner resümiert: «Die ROK hat durch ihre Strategien alle ökumenischen Partner so in die eigene Ideologie eingebunden, dass eine direkte Kritik zunehmend unwahrscheinlich wurde. Eine Kritik am neo-imperialen Verhalten Russlands gegenüber seinen Nachbarn oder an der systematischen Missachtung der Menschenrechte innerhalb Russlands konnte effektiv mit den Argumenten des geistlichen Erbes der Taufe der Rus‘ oder der Würde traditioneller christlicher Werte abgewiesen werden.»[79]

4.3 Dialog – mit wem und worüber?

Werden die historischen, politisch-religiösen und ökumenischen Fakten nicht durch kirchliche Rhetorik ausgeblendet oder unter dem Deckmantel einer angeblich vorurteilslosen Gesprächsbereitschaft versteckt, erscheint ein Dialog einigermassen aussichtslos. Zumindest aus westlich-kirchlicher Sicht treffen völlig unvereinbare und nicht tolerierbare, geschweige denn anerkennungswürdige Vorstellungen aufeinander. Die Inkommensurabilität besteht nicht in den theologischen Überzeugungen und moralischen Folgerungen, sondern in ihren politisch-hegemonialen, dem biblischen Zeugnis und Ethos fundamental widersprechenden Konsequenzen. Die Verbindung von theologischen Überzeugungen mit hegemonialen Strategien ist nicht nur aus einer säkularen, sondern auch aus einer biblisch-theologischen Sicht schlechterdings nicht akzeptabel. Deshalb ist das Vorgehen des ÖRK, die politische Dimension aus den kirchlichen Äusserungen und Standpunkten der ROK herauszustreichen, ein fataler Irrweg. Der ÖRK muss anerkennen, dass sein Vertrauen gegenüber der ROK ein schwerwiegender Fehler war, der die ökumenische Praxis massiv geschädigt hat. Der ÖRK bewegt sich weiterhin auf diesem Holzweg, indem er das Gespräch mit den offiziellen Vertretern der ROK sucht, anstatt die orthodoxen Kritiker und Dissidenten sowie die ukrainischen orthodoxen Kirchen an den Tisch zu holen und ihnen eine Stimme und Öffentlichkeit zu geben. Nicht nur die Politik, auch die Ökumene befindet sich in einer Zeitenwende. Sie muss selbstkritisch ihre, mit einem zweifelhaften Dualismus erkaufte Friedensagenda und ihren fahrlässigen Politikverzicht thematisieren. Der politisch-ideologische Einfluss der ROK ist auch eine Folge ökumenischer Naivität, Realitätsferne und organisatorischer Schwächen. Der ÖRK wollte um des «lieben Friedens willen» nicht sehen, was er längst hätte sehen können und müssen. Er war, nüchtern betrachtet, mehr am Zusammenhalt der eigenen Institution als an seinem christlichen Auftrag interessiert. Vor allem hat die Ökumene die Eindeutigkeit ihrer Sprache verloren, wenn ihr Friedenszeugnis nicht davor geschützt ist, zur Legitimation staatlichen Terrors missbraucht zu werden.

Regina Elsner hat drei mögliche Dialogszenarien skizziert. (1.) Die Angst vor dem Identitätsverlust der Kirche in einer säkularen Welt. Soll dieses Kernargument orthodoxer Abgrenzung aufgebrochen werden, gerät nicht die ROK, sondern eine westlich geprägte Ökumene unter Legitimationsdruck. Notwendig «wäre also eine ernsthafte dialogische Auseinandersetzung mit der komplexen säkularen Umwelt […], um den politischen Orthodoxien eine ihrer zentralen Waffen – die Angst vor einer Auflösung christlicher Identität – zu nehmen».[80] (2.) Die Macht und Identität der Sehnsucht nach ökumenischem Konsens. Das ökumenische Ziel der Gemeinschaft führt in einer konfliktträchtigen Realität zu Kompromissen und Werterosionen oder zur Überhöhung von übergeordneten oder fiktiven Normen, die sich in autoritativer Weise verselbständigen. Gegen diese Effekte «wäre etwa zu überdenken, wie ökumenische Gesprächsformate oder die Wahl von Delegationen vorhandene Machtstrukturen stärken oder aber unterdrückte Stimmen der Kirchen ermächtigen können. Zu dieser Selbstkritik der eigenen Normen müsste ausserdem eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Gläubigen und Kirchen Osteuropas – der Ukraine, Belarus, Moldau oder dem Baltikum – gehören, die bisher durch die Fokussierung auf die mächtige ROK ausgeblendet worden sind.»[81] (3.) Die theologische Bestimmung und die ethische Verantwortung der politischen Dimension von Ökumene. Die theologische Entpolitisierung des ÖRK schuf das Vakuum für ihre Re-Politisierung durch die ROK. «Die politische Orthodoxie nutzt aktuell genau diesen Mangel an politischer Theologie innerhalb der Ökumene, um einen brutalen Angriffskrieg theologisch zu legitimieren, ohne massiven theologischen Widerspruch der langjährigen ökumenischen Partner zu erhalten. Diese Situation erfordert in der ökumenischen Theologie zweifelsohne die Entwicklung einer substantiellen politischen Theologie, die die Welt als Handlungsraum Gottes ernstnimmt und damit auch eine Vereinnahmung christlicher Identität zu identitären Zielen verhindert.»[82]

Zu einem Gespräch einzuladen und in einen Dialog einzutreten, bedeutet, etwas zu signalisieren. Die Signale richten sich an die Gesprächsteilnehmenden und die, die nicht eingeladen werden. Gesprächseinladungen verteilen Bedeutung, Aufmerksamkeit, Relevanz und Wertschätzung. In einer Ökumene, die sich als Club versteht, ist die Aufmerksamkeit klar adressiert. Die Zukunft der Ökumene wird wesentlich davon abhängen, ob sie es schafft, ihr elitäres Clubdenken zu überwinden. Ein erster Schritt dahin wäre, sich die Gesprächspartner:innen nicht diktieren zu lassen, sondern sorgfältige, über die eigene Community hinausgehende Kontakte zu pflegen, um in ein ernsthaftes, dem Anspruch der Ökumene gerecht werdendes Gespräch einzutreten.

[1]         Willem A. Visser‘t Hooft (Hg.), Die Unordnung der Welt und Gottes Heilsplan. Die erste Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen, Bd. V, [o. O.] 1948, 117.

[2]         Matthias Claudius, Sämtliche Werke, 5., überarb. Aufl., München 1984, 236.

[3]         Karl Barth, Die Kirchliche Dogmatik, Bd. III/4: Die Lehre von der Schöpfung, Zollikon-Zürich 1951, 517.

[4]         Vgl. Kirche und Welt, Die Einheit der Kirche und die Erneuerung der menschlichen Gemeinschaft. Faith and Order Paper 151, Frankfurt/M. 1991, 12.

[5]         Karl Barth, Gespräche 1959–1962. Karl Barth GA IV: Gespräche, Zürich 1995, 334.

[6]         ÖRK, Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein: Wolfram Stierle/Dietrich Werner/Martin Heider (Hg.), Ethik für das Leben. 100 Jahre Ökumenische Wirtschafts- und Sozialethik, Rothenburg o. d. Tauber 1996, 309–311 (309f.).

[7]         Vgl. ÖRK, Botschaft der 10. ÖRK-Vollversammlung «Schliesst euch unserer Pilgerreise der Gerechtigkeit und des Friedens an», Busan 2013.

[8]         Vgl. Wolfgang Lienemann, Frieden, Göttingen 2000, 157f.; ÖRK, Ein ökumenischer Aufruf zum gerechten Frieden, Genf 2011.

[9]         Vgl. The Nature and Mission of the Church. Faith and Order Paper No. 198. World Council of Churches, Geneva 2005.

[10]       Kurt Marti, «Ich bin jetzt eigentlich fällig». Gespräch mit Kurt Marti: Der Bund vom 28. März 2011, 31.

[11]       Verfassung und Satzung des Ökumenischen Rates der Kirchen. Verfassung, angenommen auf der Sitzung des Zentralausschusses vom 15. bis 18. Juni 2022, § I.

[12]       Verfassung ÖRK, § III.

[13]       Verfassung ÖRK, § IV.

[14]       Vgl. John Gibaut, Die Auferbauung des Leibes Christi. Überlegungen zu Ekklesiologie und Ethik im Dialog von Glauben und Kirchenverfassung: ÖR 60/2011, 411–425.

[15]       WCC, Nature, Ziff. 112.

[16]       https://www.noek.info/hintergrund/2532-wissenschaftlern-rufen-oerk-zur-suspendierung-der-mitgliedschaft-der-rok-auf.

[17]       Vgl. Erklärung über den Weg des gerechten Friedens. Ökumenischer Rat der Kirchen 10. Vollversammlung, 30. Oktober – 8. November 2013, Busan, Republik Korea, Dokument Nr. PIC 02.4; Die Kirche. Auf dem Weg zu einer gemeinsamen Vision. Studie der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung Nr. 21, Genf 2013.

[18]       https://www.noek.info/hintergrund/2532-wissenschaftlern-rufen-oerk-zur-suspendierung-der-mitgliedschaft-der-rok-auf.

[19]       Vgl. Cyril Hovorun, Wie man kein «Potemkinsches Dorf» der Ökumene und der Friedensstiftung bauen sollte: RGOW 6/2023, 3–8; Christian Modehn, Ökumenischer Rat der Kirchen schliesst nicht Russisch – orthodoxe Kirche aus – Religionsphilosophischer Salon; Regina Elsner, Frieden im ökumenischen Dialog. mit der Russischen Orthodoxe Kirche: RGOW 3/2023, 18–21; Lucas Vuilleumier, Ein Jahr Krieg Russlands gegen die Ukraine. Der «Ökumenische Weltrat der Kirchen» (Genf) bleibt nach wie vor «milde» gegenüber den Kriegsherren in Moskau – Religionsphilosophischer Salon; noek.info, Der Krieg gegen die Ukraine und die Kirchen Chronologie 24. Februar 2022 bis 9. Februar 2023.

[20]       Hovorun, Dorf, 4, mit Beispielen.

[21]       Vgl. Reinhard Flogaus, «Heiliger Krieg» und «Katechon» Russland. Das Moskauer Patriarchat auf dem Weg in die Häresie: Osteuropa, 74. Jg., 5/2024, 63–77 (66–68).

[22]       Vgl. Regina Elsner, Diskurse über Krieg und Frieden. Die Rolle der Orthodoxie im Russischen Angriffskrieg auf die Ukraine: Ethik und Gesellschaft 1/2023: Religion als Brand- und Friedensstifter, 9f.

[23]       Vgl. Regina Elsner, Kirchen im Krieg. Das Ende der Selbstverständlichkeit: ThG 66/2023, 103–114 (106).

[24]       Vgl. Oleg Morozov, Komplizenschaft: Die «Kriegstheologie» des Moskauer Patriarchats: RGOW 4/2023, 18-20 (18).

[25]       Vgl. Elsner, Diskurse, 6.

[26]       Elsner, Diskurse, 6f.

[27]       Dem korrespondiert, dass keine der orthodoxen Kirchen in den genannten Ländern jemals eigenständige Dialoge mit westlichen Kirchen geführt haben; vgl. Elsner, Diskurse, 4.

[28]       Vgl. Regina Elsner, Symphonia. Ein Modell der christlichen Orthodoxie: Ines-Jacqueline Werkner (Hg.), Handbuch Religion in Konflikten und Friedensprozessen, Wiesbaden 2024, 143–154; Thomas Bremer, Kreuz und Kreml. Geschichte der orthodoxen Kirche in Russland. 2., aktual. u. erw. Aufl., Freiburg/Br. u. a. 2016, 116–123; Cyril Hovorun, Is the Byzantine «Symphony» Possible in Our Days?: Journal of Church and State 59/2017, 280–296; Nathaniel Wood, Church and State in Orthodox Christianity. Two Versions of Symphonia: Thomas Bremer/Alfons Brüning/Nadieszda Kizenko (Hg.), Orthodoxy in Two Manifestations? The Conflict in Ukraine as Expression of a Fault Line in World Orthodoxy, Berlin 2022, 397–417; Mikhail Antonov, The Varieties of Symphonia and the Church-State Relations in Russia: Oxford Journal of Law and Religion 9/2020, 552–570; Tobias Köllner, Religion and Politics in Contemporary Russia. Beyond the Binary of Power and Authority, Abingdon 2021, 14f.; Jelena W. Beljakowa, Der Begriff «symphonia» in der russischen Geschichte: OWEP 1/2010; https://www.owep.de/artikel/769-begriff-symphonia-in-russischen-geschichte; Die Grundlagen der Sozialdoktrin der Russisch-Orthodoxen Kirche, hg. v. Josef Thesing u. Rudolf Uertz, St. Augustin 2001, bes. III.4.

[29]       Elsner, Symphonia, 145.

[30]       ROK, Sozialdoktrin, III.4 (25).

[31]       Vgl. Elsner, Symphonia, 147.

[32]       Ökumenisches Patriarchat von Konstantinopel, Für das Leben der Welt. Auf dem Weg zu einem Sozialethos der Orthodoxen Kirche, Münster 2020, § 14.

[33]       Vgl. Stefan Rohdewald, «Katechon», «Third Rome», and «Holy War». «Russian» and «Serbian World(s)» as Eschatological Geopolitical Exceptionalisms: Sebastian Rimestad/Emil Hilton Saggau (Hg.), Fault Lines in the Orthodox World. Geopolitics, Theology, and Diplomacy in Light of the War in Ukraine, Cham 2025, 109–146; Anna Briskina-Müller, Das neue ‹neue Rom›. Eine byzantinische Idee auf russischem Boden: Reinhard Flogaus/Jennifer Wasmuth (Hg.), Orthodoxie im Dialog. Historische und aktuelle Perspektiven, Berlin, New York 2015, 311–336 (316–322); Michael Hagemeister, Der «Nördliche Katechon» – «Neobyzantismus» und «politischer Hesychasmus» im postsowjetischen Russland. Erfurter Vorträge zur Kulturgeschichte des Orthodoxen Christentums 15/2016; Flogaus, Krieg; David G. Lewis, Russia’s New Authoritarianism. Putin and the Politics of Order, Edinburgh 2020.

[34]       Zit. n. Hagemeister, Katechon, 12.

[35]       Vgl. Briskina-Müller, Rom, 319.

[36]       Vgl. ebd.

[37]       Hagemeister, Katechon, 10.

[38]       Vgl. Magda Dolińska-Rydzek, The Antichrist in Post-Soviet Russia. Transformations of an Ideomyth, Stuttgart 2021; Peter J. S. Duncan, Russian Messianism. Third Rome, Revolution, Communism and after, London, New York 2000; Michael Hagemeister, Trilogie der Apokalypse. Vladimir Solov’ev, Serafim von Sarov und Sergej Nilus über das Kommen des Antichrist und das Ende der Weltgeschichte: Wolfram Brandes/Felicitas Schmieder (Hg.), Antichrist. Konstruktionen von Feindbildern, Berlin 2010, 255–275.

[39]       Gegenwart und Zukunft der Russischen Welt. «Anweisung» des 25. Weltkonzils des Russischen Volks: Osteuropa, 74. Jg., 5/2024, 79–85 (79); vgl. dazu Thomas Bremer, Russische Welt heute und morgen. Zum Dokument des Weltkonzils des Russischen Volks: Osteuropa, 74. Jg., 5/2024, 87–95; Regula Zwahlen, Des Patriarchen orthodoxe Patrioten. 25. Weltkonzil des Russischen Volks: RGOW 1/2024, 18–20.

[40]       Thomas Bremer, Mythos «Russische Welt». Russlands Regime, die ROK und der Krieg: Osteuropa, 73. Jg., 3–4/2023, 261–274 (262).

[41]       Vgl. Zwahlen, Krieg, 8; Morozov, Komplizenschaft, 18.

[42]       Vgl. Oleksandr Zabirko, «russkij mir». Literarische Genealogie eines folgenreichen Konzepts: Russland-Analysen, Nr. 289, 30.01.2015, 2–6; Bremer, Welt; ders., Do We Know What The «Russian World» Is? Some Remarks On a Disputed Term: Occasional Papers on Religion in Eastern Europe, Vol. 44/2024, Iss. 6, 35–43; ders., Die Russische Orthodoxe Kirche und das Konzept der «russischen Welt»: Russland-Analysen, Nr. 289, 30.01.2015, 6-8; Kathy Rousselet, The Russian Orthodox Church and the Russkii Mir: Bremer/Brüning/ Kizenko (Hg.), Orthodoxy, 121–144; Uwe Halbach, Kirche und Staat in Russland. Nationale und aussenpolitische Akzente von Orthodoxie. SWP-Studie 8, Berlin 2019, 15–17; Marlene Laruelle, The «Russian World». Russia’s Soft Power and Geopolitical Imagination. Center on Global Interests, Washington 2015; Kristina Stoeckl, The Russian Orthodox Church and Neo-Nationalism: Florian Höhne/Torsten Meireis (Hg.), Religion and Neo-Nationalism in Europe, Baden-Baden 2020, 311–319; Alexander Meienberger, The concept of the «Russkiy Mir». History of the Concept and Ukraine: Euxeinos, Vol. 13, No. 35/ 2023, 15–29.

[43]       Bremer, Remarks, 37.

[44]       Gegenwart und Zukunft der Russischen Welt, 79f.

[45]       Elsner, Diskurse, 6.

[46]       Elsner, Diskurse, 5.

[47]       Vgl. die programmatischen Reden «Die Zeichen der neuen Zeit» (1999) und «Die Glaubensnorm als Lebensnorm» (2000), abgedruckt in: Kyrill, Freiheit und Verantwortung im Einklang. Zeugnisse für den Aufbruch zu einer neuen Weltgemeinschaft, Freiburg/Ue. 2009, 25–49.

[48]       Regula Zwahlen, Krieg, Frieden und die Russische Kirche: RGOW 4–5/2022, 5–8 (6).

[49]       Vgl. Dmitry (Dima) Adamsky, Russian Nuclear Orthodoxy. Religion, Politics, and Strategy, Stanford 2019; Christopher Ferrero, Nuclear Weapons and In-Group Moral Reasoning. The Case of Orthodox Christianity: Journal for Peace and Nuclear Disarment 20 May 2025; DOI: 10.1080/25751654.2025.2507508.

[50]       Elsner, Diskurse, 15.

[51]       ROK, Grundlagen, VIII.1 (63).

[52]       ROK, Grundlagen, VIII.2 (63).

[53]       ROK, Grundlagen, VIII.2 (64).

[54]       ROK, Grundlagen, VIII.5 (69).

[55]       Vgl. Zwahlen, Krieg, 6; Boris Knorre, The Culture of War and Militarization within Political Orthodoxy in the Post-soviet Region: Transcultural Studies 12/2016, 15–38; ders./Alekjei Zygmont, «Militant Piety» in 21st-Century Orthodox Christianity: Return to Classical Traditions or Formation of a New Theology of War: Religions 2020, 11, 2.

[56]       Vgl. Jennifer Wasmuth, Östliche Orthodoxien. Die Verbreitung des Sobornost’-Konzeptes in den orthodoxen Kirchen: Europäische Geschichte Online (EGO); https://d-nb.info/1036301427/34.

[57]       Elsner, Kirchen, 109.

[58]       Vgl. ROK, Grundlagen, VIII.2 (64).

[59]       Reinhard Flogaus, Ökumene im Zeitalter der Apokalypse: RGOW 3/2023, 22–26 (26).

[60]       Vladimier Legoyda, Not Peace, But A Sword?: Moscow Defense Brief 2/2004, 2–7 (3).

[61]       Legoyda, Peace, 7 (Fn. 5).

[62]       Zit. n. Flogaus, Apokalypse, 22.

[63]       ROK, Grundlagen, VIII.5 (69).

[64]       Bremer, Welt, 88.

[65]       Gegenwart und Zukunft der Russischen Welt, 79.

[66]       Gegenwart und Zukunft der Russischen Welt, 79f.

[67]       So auch Bremer, Welt, 93.

[68]       Vgl. Stoeckl, Church; Kristina Stoeckl/Dmitry Uzlaner, The Moralist International Russia in the Global Culture Wars, New York 2022; Hans-Ulrich Probst, «Es ist ein geistiger Kampf». Predigten des Patriarchen Kirill im Kontext des Ukraine-Krieges: ZRex 3/2023, H. 1, 3–18; ders., Der Antichrist als Zerstörer des christlichen Abendlandes. Antisemitische Motive der apokalyptischen Krisendeutung in der extremen Rechten: Zeitschrift für Religion, Gesellschaft und Politik 8/2024, 55–80; ders. et al. (Hg.), Topoi und Netzwerke der religiösen Rechten. Verbindende Feindbilder zwischen extremer Rechter und Christentum, Bielefeld 2024; Taras Kuzio, Russian Nationalism and the Russian-Ukrainian War. Autocracy – Orthodoxy – Nationality, Abington 2022; Maria Engström, Contemporary Russian Messianism and New Russian Foreign Policy: Contemporary Security Policy 35/2014, 356–379; Hans-Richard Reuter, Katechonten des Untergangs. Nation und Religion im Denken der deutschen Neuen Rechten: Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche + Rechtsextremismus (Hg.), Einsprüche 5, Berlin 2024, 6–24.

[69]       Zit. n. Morozov, Komplizenschaft, 19.

[70]       WCC acting general secretary, At a turning point in history, «WCC staying together with strong bonds of love and commitment», 15. Juni 2022.

[71]       Zit. n. Regina Elsner, Ökumene in der Zeitenwende? Russlands Krieg gegen die Ukraine als Zäsur ökumenischer Selbstverständlichkeit: ET-Studies 14/2023, 1, 43–63 (56).

[72]       Ebd.

[73]       Zit. n. Elsner, Ökumene, 57.

[74]       Elsner, Frieden, 20f.

[75]       WCC, A Treasure in Earthen Vessels. An Instrument for an Ecumenical Reflection on Hermeneutics (1998), § 30; https://www.oikoumene.org/resources/documents/a-treasure-in-earthen-vessels-an-instrument-for-an-ecumenical-reflection-on-hermeneutics.

[76]       Elsner, Ökumene, 48f.

[77]       Vgl. Cyril Hovorun, Political Orthodoxies. The Unorthodoxies Of The Church Coerced, Minneapolis 2018.

[78]       Elsner, Ökumene, 53f.

[79]       Elsner, Ökumene, 55.

[80]       Elsner, Ökumene, 59.

[81]       Ebd.

[82]       Elsner, Ökumene, 59f.

EKS blog

VON:

Frank Mathwig

Frank Mathwig

Prof. Dr. theol. Beauftragter für Theologie und Ethik

Alle Beiträge

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert