The Culture of Theology von John B. Webster ist ein wegweisendes Werk evangelischer Theologie. Der anglikanische Theologe forderte darin eine akademische Theologie, die aus Schrift und kirchlicher Tradition lebt, kulturelle Anpassung hinterfragt und intellektuelle Askese praktiziert – eine Theologie als Gegenkultur, sprachlich präzise, geistlich fundiert und kritisch gegenüber seiner eigenen Gilde.
Ein theologischer Dramatiker
Wer im Internet nach John Webster sucht, wird mit grosser Wahrscheinlichkeit zunächst auf den grossen Dramatiker aus dem 17. Jahrhundert stossen, Autor beispielsweise des Stücks The Duchess of Malfi, und nicht auf den hier gemeinten englischen Theologen. Diese relative Verborgenheit vor dem Zugriff der Suchmaschinen ist in zweierlei Hinsicht aufschlussreich. John B. Webster ist, trotz seiner immensen Bedeutung für die evangelische Theologie im englischsprachigen Raum, vielen ein Unbekannter geblieben, besonders in hiesigen Breitengraden. Das hat auch mit seinem Wesen zu tun. Vom theologischen Temperament her ist er eher einem Philipp Melanchthon verwandt als einem Haudrauf-Rabauken wie Martin Luther: Ein treuer, präziser Arbeiter im Weinberg des Herrn, der die Öffentlichkeit, abgesehen von gelegentlichen Vorlesungen und Publikationen, lieber mied. Gerade dadurch aber konnte er, von der konzentrierten Stille seiner Schreibstube aus, theologische Grundlagenarbeit leisten, für die er eine zwar kleine, dafür aber robuste Fangemeinde um sich schart. Kommt dazu: Die Lektüre des Theologen Webster ist in jeder Hinsicht ein sprachliches Vergnügen. Auch darum liegt ein Vergleich mit seinem literarischen Namensvetter nahe. Wer sich seiner theologischen Prosa aussetzt, wird – freiwillig oder unfreiwillig – hineingezogen in das Drama des Evangeliums.
Wo anfangen?
Doch wer Webster lesen möchte, steht vor einem sehr fragmentarisch gebliebenen Werk. Seine gross angelegte Systematische Theologie konnte er wegen seinem frühen Tod (er wurde 60 Jahre alt) im Jahre 2016 nicht mehr schreiben. Was wir von ihm haben, sind frühe Arbeiten zu Eberhard Jüngel und Karl Barth, sowie Essaysammlungen und publizierte Vorlesungen. Letztere gehören meines Erachtens zum Reizvollsten, was er geschrieben hat, weil sie dem Vorlesungsstil entsprechend als Rede verfasst wurden und deshalb viel verständlicher sind als seine anspruchsvollen dogmatischen Abhandlungen. The Culture of Theology, 2019 herausgegeben, enthält sechs solche im Jahr 1998 an der University of Otago in Neuseeland gehaltene Vorlesungen, in denen er seine Vision für die akademische Theologie vorstellen konnte.
Nebst einer (vielleicht etwas zu) ausführlichen Einleitung des Herausgebers, bietet Webster im Haupttext anhand von sechs Problemfeldern (Culture, Texts, Traditions, Conversations, Criticism, Habits) so etwas wie eine Knigge evangelischer Theologie an der Universität.
Streit der Fakultäten
Das Wörtlein Culture (dt. Kultur), das titelgebend über dem schmalen Band steht, hilft uns, den roten Faden seines Anliegens auszumachen. Theologische Arbeit kommt nicht von Nirgendwo, sondern entspringt einem bestimmten sozialen Kontext, einer Kultur. Diese Kultur muss immer wieder kritisch betrachtet werden. Geschieht das nicht, führen die unbenannten blinden Flecken zu dem, was Heidegger einmal die “Diktatur des Man” genannt hat: So denkt man, und so macht man das hier. Ob unter dem Eindruck des deutschen Protestantismus des 19. Jahrhunderts oder eines hölzernen modernen Fundamentalismus – immer wieder droht die Theologie unterzugehen in ihren Assimilationsbemühungen an ihre kulturelle Umgebung, und verliert so ihre kritische Funktion.
Dieser latenten Gefahr begegnet Webster mit der Vision einer genuin evangelischen, also einer durch das Evangelium von Jesus Christus durchdrungenen und konstituierten Kultur. Demnach hat auch eine Theologie an der Universität tiefe Wurzeln im Leben der Kirche und in der Bibel. Webster sagt das als einer, der seine ganze Karriere der staatlichen Forschungsuniversität verdankt. Die akademische Theologie ist ihm zu angepasst, zu brav geworden. Er schlägt vor, den Streit der Fakultäten, wie Immanuel Kant ihn heraufbeschworen hat, wieder aufzunehmen. Erst wenn die Theologie wieder lernt, ihre Differenz einigermassen selbstbewusst zu vertreten und aus ihren Quellen von Schrift und Tradition zu schöpfen, wird sie im universitären Diskurs auch etwas von Substanz beizutragen haben. Das erinnert natürlich an Karl Barth, dessen Stossrichtung John Webster nach hundert Jahren vielleicht am konsequentesten vertreten und aktualisiert hat. Und es erinnert an seine berühmt gewordene programmatische Antrittsvorlesung an der Universität Oxford unter dem Titel Theological Theology.
Das Evangelium als Anti-Kultur
Eine Culture of Theology, wie sie Webster hier vorschwebt, führe die akademische Theologie nicht in einen Echoraum kritikloser Selbstgratulation. Die disruptive Natur der Botschaft Jesu (“Jesus Christ […] is the great catastrophe of human life and history” S. 43) schafft immer auch eine anti-Kultur, in der die Selbstgefälligkeit menschlicher Vergemeinschaftung von ihrem Kern her bedroht wird. Die menschliche Tendenz, es sich im Weltenlauf gemütlich einzurichten, oder sich hinter einem theologischen System zu verschanzen, wird gestört durch den Einbruch des lebendigen Gottes, der zu Umkehr und Umdenken ruft.
Wie kaum ein anderer fragt Webster nach den Auswirkungen eines eschatologischen Glaubens für die Praxis intellektueller Arbeit. Weil er sich nicht davor scheut, eine fast schon kirchenväterliche Perspektive einzunehmen, findet er überraschende Antworten auf die Nöte der Gegenwart. Was würde es beispielsweise, im Kontext des universitären Publikationswahnsinns, bedeuten, eine enthaltsame, ja asketische Haltung gegenüber dem wissenschaftlichen Schreiben einzunehmen (S. 76); oder sich inmitten des akademischen Geniekults zu einer Heiligung des Denkens aufzumachen (S. 133)?
Lesen lernen
Theologie kommt nicht darum herum, eine Kultur zu kultivieren. Gute Theologie ist abhängig von Praktiken, Kenntnissen und von der Fähigkeit, sich in disziplinierter Konzentration einer Sache zuwenden zu können. Wenn die gegenwärtige akademische Theologie sich in einer Krise befindet, so befindet sie sie sich gemäss Webster in einer Krise des Lesens. Und die Erneuerung evangelischer Theologie wird dort aufbrechen, wo wieder gelernt wird, Texte der Heiligen Schrift und Tradition mit Erstaunen und Sorgfalt zu lesen (S. 45).
Hier wie auch anderswo adressiert Webster das tiefe Misstrauen in das Ausreichendsein der Bibel (was die Reformatoren sufficientia scripturae genannt haben), das sich immer wieder äussert in der Tendenz der Theologie, sich anderswo umzusehen nach Fundamenten, die tragen. Der Hochschätzung der Heiligen Schrift, so stark verankert in der evangelischen Tradition, muss also eine theologische Praxis gegenüberstehen, deren Geschäft in erster Linie in ihrer Auslegung besteht. Webster ist kein Pietist, sein Programm zielt nicht auf sentimentale Besinnlichkeit. Er will damit eine Wirklichkeitsaussage machen. Nämlich dass die Schrift eine Wirklichkeit ist und hervorbringt, in der Gott zu Wort kommen will. Eine Culture of Theology bereitet ihre Lernenden darauf vor, sich dieser Wirklichkeit auszusetzen.
Zur Kritik an Webster
Gemäss Websters Analyse ist die gegenwärtige akademische Theologie also zu zaghaft und zu pathetisch zugleich. Zu zaghaft, weil sie die Forschungsinstitution Universität zu ihrem alleinigen Anerkennungsraum auserkoren hat, und damit ihre kulturelle Eigentümlichkeit zu verlieren droht. Zu pathetisch, weil sie in ihrem Bestreben, auf jegliche Fragen der Gesellschaft eine Antwort zu finden, ihr bescheidenes Hauptgeschäft, die theologische Auslegung der Schrift, hinter sich gelassen hat. Damit hat er sich nicht bei allen beliebt gemacht. Die Kritik, die oft an Websters Theologie geäussert wird, ist die, dass seine Vision zu abschliessend, hemmend und grenzziehend erscheint. Das ist ein Problem fast aller schrift- und traditionsorientierten Theologie, dass das theologische Denken in seiner Gebundenheit an die Gegebenheit von Gottes Offenbarung nichts Neues, und vor allem nichts Aufregendes mehr zu sagen vermag. Das Problem, mit anderen Worten, der Kirche und ihrer Verkündigung überhaupt.
Webster war sich dessen sehr bewusst und hat solche Anfragen an mehreren Stellen direkt adressiert. In gewisser Hinsicht muss man aber Webster selbst lesen, um zu sehen, dass seine Bücher einen performativen Versuch darstellen, solche Vorbehalte zu entkräften. Webster wollte selbst vorangehen und die Weite des Evangeliums bezeugen, die sich auftut, sobald in einer Culture of Theology gedacht wird. Oder, wie der Engländer vielleicht sagen würde: “The proof is in the pudding.”
Zum Autor
John Bainbridge Webster, geboren 1955 in Mansfield in den englischen East Midlands, gehörte zum Zeitpunkt seines frühen Todes 2016 zu den bedeutendsten Dogmatikern der englischsprachigen Welt. Der anglikanische Priester und Theologe lehrte an der Universität Durham, am Wycliffe College der Toronto School of Theology, und wurde 1996 der Nachfolger von Rowan Williams am Lady Margaret Chair of Divinity der Universität Oxford. Seine weiteren Berufungen führten ihn an die Universitäten Aberdeen und St. Andrews in Schottland. Weitere zur Einführung geeignete Publikationen sind Holiness (London: SCM Press 2010); Holy Scripture: A Dogmatic Sketch (Cambridge: Cambridge University Press 2003) oder der Reader in John Webster (London: T&T Clark 2020), der seine wichtigsten konstruktiven Essays in einem Band vereinigt. Mit A Companion to the Theology of John Webster (Grand Rapids: Eerdmans 2021), liegt bereits ein Einführungsband vor.
Daniel N. Herrmann, lebt in Bern, ist reformierter Pfarrer und Doktorand in Systematischer Theologie an den Universitäten Genf und Hannover.
John Webster, The Culture of Theology, hg. von Ivor J. Davidson und Alden C. McCray (Grand Rapids MI: Baker Academic 2019), 164 S. ISBN: 978-1540969255

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