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Die Kunst des Zusammenlebens: Wie Konvivialität Kirche orientieren kann

6. Mai 2026

An der Universität Basel beschäftigen sich Forschende der Praktischen Theologie mit dem Konzept der „Konvivialität“. Dieser Beitrag führt in eine Blogserie zu diesem Thema ein und zeigt, warum sich die Auseinandersetzung mit diesem sperrigen Begriff lohnt – und warum die Ideen dahinter für die Zukunft der Kirche spannend und vielversprechend sind.

Ein Abend im Garten

Die untergehende Sonne taucht die Mauern in goldenes Licht, Lichterketten flackern auf, die ersten Gäste kommen mit Salaten, Brot und Flaschen in den Armen. Wie jeden Sommer haben wir uns zu zehnt versammelt, um gemeinsam zu essen, Geschichten auszutauschen und – unvermeidlich – in lebhafte Diskussionen zu verfallen. Am Tisch sitzen Nachbarn, alte Freunde und dann diese neue Familie, die vor einigen Monaten in das Viertel gezogen ist. Sie sprechen unsere Sprache noch nicht perfekt, doch ihre gewürzten Gerichte und ihr Lächeln haben die erste Scheu längst gebrochen. Es ist eine alltägliche, fast banale Szene. Und doch sagt sie etwas Grundlegendes aus: Konvivialität entsteht in solchen einfachen Momenten, in denen wir uns entschieden haben, gemeinsam Platz zu nehmen, das zu teilen, was wir haben, und Unterschiede nicht als Hindernisse, sondern als Bereicherung zu begreifen. An diesem Abend, zwischen Witzen, Debatten über das Tagesgeschehen und verschmitzten Schweigen, erleben wir – ohne es zu ahnen – eine Form des gemeinsamen Lebens, die Grenzen überwindet. Ein Leben, in dem wir lernen, miteinander zu leben – kon-vivieren – statt gegeneinander.

Und wenn diese so vertraute Szene der Kirche als Orientierung dienen könnte?

Warum sollte Konvivialität heute für Reformierte wichtig sein? Die Kirche hat nicht auf soziologische Theorien gewartet, um „Konvivialität“ zu praktizieren. Von Anfang an trafen sich christliche Gemeinden, um das Brot zu brechen, das Wort zu teilen und einander zu unterstützen. Doch in einer von Spaltungen, Ungleichheiten und ökologischen Krisen geprägten Welt bietet der Begriff der „Konvivialität“ eine neue Sprache, um das zu benennen, was die Kirche immer schon gelebt hat: die Kunst, gut miteinander zu leben – trotz Unterschiede. Genau das untersucht das Projekt Conviviality in Motion der Theologischen Fakultät der Universität Basel. Es erforscht, wie alltagstaugliche Praktiken der Konvivialität – einfache Gesten des Teilens, Zuhörens und der Solidarität – das Zusammenleben prägen, besonders in Kontexten kultureller und religiöser Vielfalt. Für reformierte Kirchen ist dieser Ansatz besonders wertvoll: Er zeigt keine fertigen Programme auf, sondern konkrete Wege des Zusammenlebens.

In einer Zeit, in der soziale Spannungen zunehmen, erinnert die Konvivialität daran, dass das Evangelium sich vor allem in Beziehungen und Begegnungen verkörpert.

Konvivialität fordert die Kirche auf, ein Ort zu sein, an dem wir lernen, miteinander zu leben – ohne Konflikte zu leugnen, aber indem wir nach Wegen der gemeinsamen Wandlung suchen. Das trifft den Kern der reformierten Tradition, die stets die Bedeutung der lokalen Gemeinde und das Engagement für die Gesellschaft betont hat.

Konvivialität: Ein Wort, eine Geschichte, eine Bewegung

Das französische Wort „convivialité“ weckt zunächst Assoziationen zu fröhlichen Festen und guten Mahlzeiten. Doch seine Bedeutung geht viel tiefer. Es stammt vom lateinischen convivium – dem gemeinsamen Mahl. Der Begriff convivencia wurde benutzt um das friedliche Zusammenleben von Christen, Juden und Muslimen im mittelalterliche Spanien zu beschreiben – eine seltene, aber beweisende Realität, dass ein Miteinander in Vielfalt keine Utopie sein muss. Im 20. Jahrhundert gab der Denker Ivan Illich dem Begriff in seinem Buch „Tools for Conviviality“ (1973) eine politische und soziale Dimension: Eine konviviale Gesellschaft sei eine, in der Werkzeuge und Institutionen den Menschen dienen – und nicht umgekehrt. Eine Gesellschaft, in der jeder aktiv am gemeinsamen Leben teilhaben kann, ohne zur bloßen Konsumentin oder zum passiven Zuschauer reduziert zu werden. Später griff der Soziologe und Historiker Paul Gilroy das Konzept in „After Empire“ (2004) auf. Für ihn ist Konvivialität eine Alltagskultur, die in multikulturellen Gesellschaften entsteht – dort, wo Unterschiede (ethnisch, religiös, sozial) weder geleugnet noch eingeebnet, sondern als Bereicherung gelebt werden. Diese Idee inspirierte die konvivialistische Bewegung, die 2013 mit einem Manifest an die Öffentlichkeit trat, unterzeichnet von Intellektuellen weltweit. Der Konvivialismus entwirft eine Philosophie des guten Zusammenlebens, gestützt auf fünf Prinzipien:

  • die gemeinsame Menschlichkeit (alle Menschen haben dieselbe Würde),
  • die gemeinsame Sozialität (die Fülle der Beziehungen geht vor der Anhäufung von Gütern),
  • die gemeinsame Natürlichkeit (der Mensch ist Teil der Natur und von ihr abhängig),
  • die legitime Individuation (jeder kann sich entfalten, ohne anderen zu schaden),
  • der schöpferische Widerspruch (gut geführte Konflikte können fruchtbar sein),
  • die Begrenzung der Hybris (Maßlosigkeit und Gier müssen eingedämmt werden).

„Heute bezeichnet ‚Konvivialität‘ sowohl eine Praxis des Alltags als auch eine Weltsicht – und sucht Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit: Ungleichheit, ökologische Krise, aufkommender Nationalismus.“

Konvivialität und reformierter Glaube: Affinitäten, Vorbehalte und Herausforderung

Offensichtliche Affinitäten

Für die reformierte Kirche findet der Begriff der Konvivialität in mehreren Aspekten ihrer Tradition Widerhall. Zunächst in der Betonung der Gemeinschaft: Die Reformation hat stets hervorgehoben, dass Glaube nicht nur individuelle Angelegenheit ist, sondern im und durch die Kirche – den Leib Christi – gelebt wird.

Konvivialität, mit ihrem Fokus auf das Miteinander, korrespondiert mit dieser Vision eines verkörperten, beziehungsreichen Glaubens.

Sodann im Einsatz für soziale Gerechtigkeit. Persönlichkeiten und Bewegungen aus der reformierten Tradition standen oft an vorderster Front im Kampf für Gleichheit, Solidarität und den Schutz der Schwächsten. Konvivialität, die eine Gesellschaft anstrebt, in der jede und jeder einen Platz hat und Ungleichheiten abgebaut werden, knüpft hier an. Das Prinzip der gemeinsamen Menschlichkeit etwa hallt wider in der biblischen Idee, dass alle Menschen eine unantastbare Würde tragen. Schließlich in der Offenheit für den Dialog. Die Reformation war immer eine Bewegung der Debate und der Auseinandersetzung mit Ideen. Der Konvivialismus mit seinem Prinzip des schöpferischen Widerspruchs erinnert daran, dass Meinungsverschiedenheiten Quelle von Wahrheit und Wachstum sein können. Das entspricht dem reformierten Gedanken, dass die Kirche immer in Entwicklung ist und die Diskussion zu ihrem Wesen gehört.

Vorbehalte, die zu bedenken sind

So anziehend der Appell der Konvivialität zu einem gerechteren Miteinander auch ist – eine reformierte Perspektive steht ihr auch kritisch gegenüber. Konvivialität, wie sie Illich oder die Konvivialisten denken, scheint vorauszusetzen, dass der Mensch durch guten Willen ein gelungenes Zusammenleben organisieren kann. Doch für die reformierte Theologie ist jeder Versuch, das irdische Leben endgültig zu fixieren, zum Scheitern verurteilt. Die Menschheit bleibt in einem Dazwischen gefangen: auf einem Weg, der erst in Gott selbst seine Erfüllung findet, wenn er „alles in allem“ sein wird (1. Korinther 15,28).

Das „Wort vom Kreuz“ (1. Korinther 1,18) erinnert daran, dass jede menschliche Konstruktion – so edel sie auch sein mag – auf die Probe gestellt und in ihrem potenziell entfremdenden Charakter entlarvt wird.

Auch die Praxis der Konvivialität bleibt davon nicht ausgenommen – und muss daher kritisch geprüft werden. Denn auch sie hat Ambivalenzen: Integration kann neue Formen der Unterordnung schaffen, Partizipationsrhetorik nur oberflächlich bleiben.

Eine anregende Herausforderung

Abschließend stellt die Konvivialität eine besondere Herausforderung für eine reformierte Perspektive dar: Die evangelisch-reformierte Ethik tut sich schwer mit der konkreten Gestaltung des gemeinsamen Lebens. Traditionell pendelte sie oft zwischen zwei Ansätzen:

  • die Rechtssetzung (öffentliche Politik als Rahmen für das soziale Leben)
  • und der individuellen Freiheit (Ethik der persönlichen Verantwortung).

Doch diese beiden Perspektiven – so notwendig sie sind – scheinen heute unzureichend, um auf die sozialen, politischen und ökologischen Herausforderungen kollektiv zu antworten. Hier kann die Konvivialität als konkrete Praxis (gemeinsame Mahlzeiten, Dialog, Solidarität) diese Lücke teilweise füllen.

Auf dem Weg zu einer kirchlichen Konvivialität

Zurück zu jenem Abend im Garten. Rund um den Tisch sind die Gespräche in vollem Gange. Man spricht über alles und nichts: über die letzten Wahlen, über Schwierigkeiten bei der Arbeit, über Sommerpläne. Dann wirft jemand eine Frage auf, die alle zum Schweigen bringt: „Und in Ihrer Kirche – wie schaffen Sie es, diejenigen willkommen zu heißen, die nicht so sind wie Sie?“ Die Frage bleibt im Raum stehen, doch sie ist zentral: wie bewerht sich Kirche als Ort der Konvivialität? Ein Ort, an dem man gemeinsam essen, diskutieren, streiten kann, ohne Angst vor Verurteilung oder Ausgrenzung? Ein Ort, an dem Unterschiede – kulturell, generationenübergreifend, theologisch – als Gaben Gottes anerkannt und gefeiert werden? Ein Ort, an dem Asymmetrien, Status- und Machtunterschiede benannt und bearbeitet werden? In den kommenden Wochen werden wir auf diesen Blog Artikel aus dem Projekt Conviviality in Motion veröffentlichen. Sie bieten eine wertvolle Gelegenheit: Das Projekt untersucht nämlich alltagstaugliche Praktiken der Konvivialität in religiös vielfältigen Kontexten. Es zeigt, dass gemeinsames Leben nicht verordnet, sondern gelebt und erprobt wird. Es lädt Gemeinden ein, besonders achtsam zu sein für Dynamiken des Teilens, Zuhörens und der wechselseitigen Anerkennung.

Konvivialität bedeutet nicht harmonische Oberflächlichkeit.

Sie erfordert vielmehr, Konflikte, Spannungen und manchmal auch Scheitern auszuhalten – und gleichzeitig nach Wegen zu suchen, die aus der Pattsituation herausführen. Sie verlangt auch, die Asymmetrien und Machtverhältnisse wahrzunehmen – sie zunächst einmal anzuerkennen und vielleicht zu ihrer Überwindung beizutragen.

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