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Die Passionszeit aus reformierter Perspektive

25.Feb. 2026

Die Passionszeit versetzt uns in eine zugleich intime und universelle Geschichte. Als Zeit der Vorbereitung auf Ostern lädt sie die Gläubigen zu einem vierzigtägigen spirituellen Weg ein, der von Meditation und Hoffnung geprägt ist. Aber wie kann man diese Zeit zwischen Tradition und Freiheit leben? Dieser Artikel untersucht eine reformierte Perspektive auf die Passionszeit und beleuchtet ihre theologische Interpretation auf beiden Seiten der Saane.

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Die Passionszeit (Carême auf Französisch) beginnt am Aschermittwoch – dem Mittwoch vor dem 6. Sonntag vor Ostern. Im Gegensatz zum Advent, der uns auf ein Kommen vorbereitet, lässt uns die Passionszeit in eine Geschichte eintauchen. Vierzig Tage lang lädt sie ein, uns auf das zentrale Fest des Kirchenjahres vorzubereiten: die Feier des Ostergeheimnisses.

Ein wenig Geschichte

Die Dauer von sechs Wochen wurde Ende des 4. Jahrhunderts festgelegt. Entwicklungsgeschichtlich geschieht dies in mehreren Phasen. Ab dem 2. Jahrhundert wird ein zweitägiges Trauerfasten vor Ostern bezeugt. „Es begann am Karfreitag und endete mit der Eucharistiefeier in der Osternacht.“[1] Ab dem 3. Jahrhundert dehnt man an manchen Orten die Fastenzeit auf die ganze Karwoche aus. Erst ab Ende des 4. und Anfang des 5. Jahrhunderts wird mehrheitlich eine vierzigtägige Vorbereitungszeit auf Ostern bezeugt. Diese Vorbereitungszeit wird sowohl für die Einführung in die Taufe (Katechumenat) als auch als Zeit der Buße genutzt.

Ein bemerkenswertes Detail: Die christliche Praxis der Festzeiten im Allgemeinen bildet sich am Beispiel der Osterzeit aus (von Ostern bis Pfingsten, quinquagesima, bezeugt ab dem 3. Jahrhundert). Der Adventzyklus ist jünger: Er wird erst ab dem Ende des 5. Jahrhunderts bezeugt und erst ab dem 7. Jahrhundert in seiner gegenwärtigen Länge fixiert. Die Osterzeit ist der eigentliche Baustein der christlichen Festzeiten.

Ein Kontrast

Die Wahrnehmung der Passionszeit hat sich auf beiden Seiten der Saane verschieden entwickelt. Im Folgenden werde ich die Kontraste zwischen der deutschschweizerischen und der westschweizerischen Entwicklung hervorheben. Im Detail würde man bestimmt ein generelles Übereinkommen feststellen (u. a., dass man besonders frei mit dieser Zeit umgeht). Aber der Kontrast stimuliert das Nachdenken.

Aus meiner Sicht tritt eine Spannung auf besondere Weise hervor: die (Un)möglichkeit der Aneignung des Heils durch eine geregelte Praxis.

Deutschschweiz: christliche Freiheit

In der Deutschschweiz trägt die liturgische Bewertung der Passionszeit Spuren der konfessionellen Spannungen im deutschsprachigen Raum. Während die katholische Tradition eine Zeit des Fastens (Fastenzeit) hervorhebt, sieht die lutherische Tradition darin vor allem die Zeit der Leiden Christi (Passionszeit). Für Letztere steht in dieser Zeit das Nachsinnen über das Leiden und den Tod Christi im Mittelpunkt. Diese Betonung ist nicht unbedeutend: Sie markiert eine Distanz zu einer Praxis, die als eine Form der „Werkgerechtigkeit“ angesehen wird.

Ein starkes Symbol: das Zürcher Wurstessen (1522, Zürich)

Diese Episode, die oft als Gründungsakt der Reformation in der Schweiz angesehen wird, veranschaulicht diese Distanzierung. Angesichts des obligatorischen Fastens verteidigen Zwingli und seine Anhänger die christliche Freiheit als Ausdruck der Erlösung allein durch Gottes Gnadenhandeln. Fasten kann keine Verpflichtung sein: Es muss eine freiwillige Handlung bleiben. Die Reformation behauptet sich somit im Gegensatz zu den kirchlichen Praktiken der damaligen Zeit.

Eine schlichte, aber sich wandelnde Tradition

Im Gegensatz zum Luthertum hat die reformierte Tradition der Deutschschweiz keine spezifische Liturgie für die Passionszeit entwickelt. Ursprünglich eher unauffällig, hat die Passionszeit jedoch jüngst ein erneutes Interesse erfahren, insbesondere dank ökumenischer Initiativen wie denen protestantischer Hilfswerke in Partnerschaft mit katholischen Organisationen. Man denke beispielsweise an Sehen und Handeln – und in der Westschweiz an die ökumenische Bewegung Détox la Terre. Dies ist ein charakteristischer Trend in der gesamten reformierten Schweiz.

Eine Nichtverfügbarkeit, die Raum für Gnade schafft

Die Theologin Regine Munz (Universität Basel) bietet eine anregende Lesart dieser Festzeit. Aus reformierter Sicht ist Christus nicht „verfügbar“ – er „sitzt zur Rechten des Vaters“ (Apostolisches Glaubensbekenntnis). Die Passionszeit birgt nicht so sehr eine Aufforderung, sich das Leiden Christi anzueignen, sondern die Einladung, die Unverfügbarkeit Christi und des Heils zu vertiefen. Eine Unverfügbarkeit, die keine Verschlossenheit ist, sondern eine Öffnung: die Öffnung für ein Leben, das man empfängt, anstatt es zu besitzen.

„Wenn Christus, der Leib, im Himmel ist, so ist die intensivste Form des Habens – das Essen – die einzige Möglichkeit, ihn überhaupt zu haben […] nur eingeschränkt möglich. Wir können ihn nicht haben wie ein Stück Brot, das wir dann in seiner intensivsten Form haben, wenn wir es im Bauch oder im Mund haben. Und gerade weil wir das Haben in Bezug auf Christus nicht verwirklichen können, sind Distanzen, gedankliche Reflexionen und andere Formen von Vergegenwärtigung nötig.“[2]

Westschweiz: Blick auf den Ostersieg

Mit der liturgischen Erneuerung im 20. Jahrhundert und insbesondere mit dem Erfolg von Taizé fand in der Westschweiz eine positive Aneignung der Passionszeit (Carême) statt. Hier wird das Wort „Carême“ nicht in erster Linie mit Fasten assoziiert, sondern mit einer vierzigtägigen Zeit (quadragesima), die am Aschermittwoch beginnt.

„Die Zahl vierzig steht für die aufeinanderfolgenden Begegnungen des Menschen mit dem Plan Gottes. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Kirche eine Zeit von vierzig Tagen gewählt hat, um jährlich das Geheimnis ihrer Einbindung in den Heilsplan zu erleben.“
(Liturgie des temps de fête. Cahier d’accompagnement, 1979, S. 13 – DeepL-Übersetzung)

Im Folgenden werde ich insbesondere die dogmatischen Überlegungen hervorheben, die sich in die Linie des „renouveau liturgique“ (liturgische Erneuerung, 20. Jahrhundert) einfügen. Auch wenn die lokale Praxis nach wie vor recht unterschiedlich sein kann, haben sich die Kirchen der Romandie die Impulse dieser Erneuerung (unter anderem unter dem Einfluss der Gruppe „Église et Liturgie[3]) zu eigen gemacht, insbesondere in den Arbeiten der Communauté de travail des commissions romandes de liturgie (CTCRL Communauté de travail des commissions romandes de liturgie 1957–1990).

Eine Zeit der umfassenden Vorbereitung

Im Gegensatz zu einer ausschließlichen Fokussierung auf das Leiden und den Tod Christi in der lutherischen Tradition betont die CTCRL die Einheit des Ostergeheimnisses: Kreuz und Auferstehung sind untrennbar miteinander verbunden. „Carême“ wird so zu einer aktiven Vorbereitung auf Ostern und auf den Sieg Gottes, der dort gefeiert wird, zu einer Zeit des geistlichen Ringens vor dem Hintergrund einer bereits erfüllten Verheißung.

Die Arbeiten der CTCRL haben die Taufe als zentrales Symbol dieser Zeit hervorgehoben. Die liturgischen Texte laden dazu ein:

  • die Taufidentität der Gemeinde zu vertiefen,
  • die Täuflinge auf die Taufe vorzubereiten, in Anlehnung an die alten Praktiken der Kirche,
  • die Busse als Neuausrichtung auf den rettenden Gott hervorzuheben. In der ursprünglichen Praxis markierte der Gründonnerstag manchmal die Wiederaufnahme der Büsser in die eucharistische Gemeinschaft.

Eine reichhaltige liturgische Struktur

Das Lectionnaire des dimanches et fêtes der CTCRL (S. 17) bietet eine traditionelle thematische Abfolge, die dem römisch-katholischen Leseordnung folgt :

Sonntag Zentrales Thema Leittexte (Evangelien)
1ᵉʳ Invocavit Die Versuchung in der Wüste Mt 4,1-11 und Parallelen
2ᵉ Reminiscere Die göttliche Offenbarung Mt 17 (Verklärung)
3ᵉ Oculi Die Barmherzigkeit Joh 4 (Begegnung mit der Samariterin) / Lk 15 (Gleichnis vom verlorenen Sohn)
4ᵉ Laetare Das Licht und das Leben Joh 9 (Heilung des Blindgeborenen) / Joh 6 (Gabe des Brotes des Lebens)
5e Judica Der Sieg über den Tod Joh 11 (Auferweckung des Lazarus)

Diese Strukturierung zeigt wie der Schwerpunkt eher auf die umfassende Dynamik der Erlösung als auf das Leiden Christi allein liegt.

Impuls: eine ungelöste Spannung

Die Passionszeit birgt eine paradoxe Spannung: Wie kann man kämpfen, wenn der Sieg bereits errungen ist? Was gibt es noch zu vertiefen, wenn uns das Wesentliche bereits gegeben ist?

Die Wiederaneignung traditioneller Perspektiven lädt dazu ein, die narrative und erfahrungsbezogene Dichte des Ostergeheimnisses zu erforschen – die Grundlage des Zeugnisses, das die Kirche für das Evangelium ablegt. Die Erlösung ist keine Momentaufnahme: Sie entfaltet sich im Laufe der Zeit und ruft nach konzentriertem Engagement, Verwandlung und Reifung. Die reformierte Tradition hat versucht, diesen Weg durch eine strukturierende spirituelle Disziplin (Zucht) zu begleiten.

Zwei Visionen im Spannungsfeld

Angesichts dieses Erbes betont eine eher deutschschweizerische Perspektive (die man aber auch im französischsprachigen Raum vorfindet) die Freiheit gegenüber den Formen des christlichen Lebens. Die Praktiken und Normen, die wir aufbauen – so inspiriert sie auch von unserem Verständnis der Erlösung in Jesus Christus sein mögen – laufen immer Gefahr, die konkrete Realität dieser Erlösung zu überdecken. Die Erinnerung an die Distanz zwischen uns und Christus ist keine Verschlossenheit, sondern eine Öffnung: ein Schutz vor jeder tödlichen Abschottung.

Diese beiden Impulse – diszipliniertes Engagement und kritische Freiheit – lassen sich nicht vollständig miteinander vereinbaren. Sie stehen in einem Spannungsverhältnis zueinander.

Am Ende des Weges: das Lachen

Vielleicht muss man sich vor Augen halten, dass die ganze Ernsthaftigkeit dieser Vorbereitung (jeder Vorbereitung) tatsächlich zu einer Lockerung, einer Entspannung führen wird – wie es die (ursprünglich) mittelalterliche Tradition des Osterlachens (risus paschalis) vorsieht.

Am Ende des Weges entdecken wir, dass wir im Ringen nichts festhalten müssen: nur loslassen, mit Leichtigkeit.

Kurz: Die Passionszeit ist eine Zeit, um zu lernen, sich an Christus zu halten – und in der man am Ende, wie Maria Magdalena, Folgendes zu hören bekommt: „Fass mich nicht an!“ (Joh 20,17 ZB)

 

[1] Karl-Heinrich Bieritz, Das Kirchenjahr. Feste, Gedenk- und Feiertage in Geschichte und Gegenwart. Neu bearbeitet und erweitert von Christian Albrecht, München, Verlag C. H. Beck, 20149 , S. 186.

[2] Regine Munz, „Eingang Finden: Passion und Zeugnis“, „In deiner Hand meine Zeiten…“ Das Kirchenjahr in reformierter Perspektive mit ökumenischen Akzenten, TVZ, 2018, S. 65.

[3] Siehe u.a., André Bardet, Un combat pour l’Église. Un siècle de mouvement liturgique en Pays de Vaud, Lausanne, 1988.

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