Vom deutschen Publizisten und Philosophen Alexander Grau ist zu Beginn der Adventszeit 2025 ein Essay erschienen mit dem Titel: Die Zukunft des Protestantismus. Die Ansage dieses ambitionierten Plädoyers: Der Protestantismus hat dann eine Zukunft, wenn er als intellektuelles Prinzip der Skepsis gegenüber allen Heilsversprechen und Ideologien und als Aufruf zur (religiösen) Individualität verstanden wird. In einer kritischen Rezension fragt Daniel N. Herrmann, ob die Kirche dieser Zukunftsvision etwas abgewinnen kann.
Vielleicht zeigt sich an Alexander Graus neuestem Essay im Claudiusverlag, was passiert, wenn das Feuilleton auf das Christentum losgelassen wird. Das Feuilleton lebt von dem erhabenen Gefühl, die eigene Gegenwart tiefer verstanden zu haben als der Durchschnittsmensch. Die reflexive Distanz, die der Intellektuelle dort zum Getümmel des Zeitgeschehens einnehmen kann, verschafft ihm eine privilegierte Position, in der er als Einzelner die Souveränität behält. Je weiter er Abstand nimmt von der Unmittelbarkeit des Geschehens, desto klarer wird sein Blick darauf. Etwas Ähnliches wollte dieses Buch in Bezug auf den Protestantismus leisten. Hier schreibt ein Autor über die Zukunft des Protestantismus aus einer klar deklarierten Aussenperspektive und eben darum mit dem Anspruch, besser zeigen zu können, “was den Protestantismus in seinem Kern ausmacht” (S. 120). Das ist natürlich eine grosse Ansage, und Grau sagt zu Recht, dass sein Beitrag manchen Kirchennahen als “Provokation” erscheinen wird (S. 10). Provozieren tut indes nicht so sehr sein Gehalt, von dessen Substanz noch die Rede sein wird, sondern vielmehr die Grandiosität seines Anspruchs.
Zum Autor
Alexander Grau, geboren 1968 in Bonn, studierte Philosophie, Sprachwissenschaften und Geschichte an der FU Berlin, und ist seit vielen Jahren tätig als freier Publizist. Der lutherisch geprägte Journalist hat Beiträge in vielen grossen Medienhäusern des deutschsprachigen Raumes veröffentlicht und schreibt seit einigen Jahren die Kolumne Grauzone bei der konservativen Zeitschrift Cicero. Nebst einer sich durchziehenden Empörung über die politische Linke, zeigt sich in diesen Texten ein ungewöhnlich starkes Interesse an den Grosskirchen und dem Protestantismus. In seinen scharfzüngigen Kolumnen bedient er sich immer wieder eines theologischen Vokabulars, um die Verwerfungen der Tagespolitik zu kommentieren. Ermutigt wurde er dazu offenbar auch von dem britischen Historiker Tom Holland (der in dem hier besprochenen Essay zitiert wird), dessen vieldiskutierte Deutung der Geschichte des Westens dem Christentum eine Bedeutung zuschreibt, die dem Wasser gleichkommt, in dem westliche Menschen schwimmen. Auch für Grau ist der Protestantismus die formierende Kraft hinter der westlichen Moderne. Mit der Geschichtsdeutung Tom Hollands kann er alle politischen und geistigen Kräfte, die in Form von Liberalismus, Modernismus oder Säkularismus in der Atmosphäre der Gegenwart herumwabern, als Metamorphosen des Protestantischen betrachten, und sie darüber hinaus als eine legitime Entwicklung begrüssen.
Zum Kerngedanken
Doch was sind gemäss Grau die “theologischen und intellektuellen Grundlagen” (S. 21) des Protestantismus? Was ist es, was ihn “im Innersten ausmacht” (S. 23)? Um diesen Fragen nachzugehen, bietet der Autor eine unterhaltsame Nacherzählung der neueren protestantischen Theologiegeschichte seit dem 18. Jahrhundert. Die ist solide gemacht, obwohl sie an vielen Stellen gar sehr an der Oberfläche kratzt und unbeschwert von jeglicher tieferen Beschäftigung mit der neuesten Forschung manche Verkürzungen enthält. Aber das ist in der Form des zugespitzten Thesen-Essays auch erlaubt. Denn der Autor möchte vor allem eines zeigen: Die Denkgeschichte des deutschen Protestantismus ist eine Geschichte schonungsloser intellektueller Redlichkeit. Im Geiste Martin Luthers trauten sich Theologen wie Johann Salomo Semler, David Friedrich Strauss, Friedrich Schleiermacher oder Rudolf Bultmann, unbequeme Fragen zu stellen, und die Antworten darauf nicht zu scheuen. Dieses Nachforschen brachte den Gott des Christentums auf das Sterbebett, es führte zur Entzauberung der Welt und zum finalen Triumph des religiösen Individuums. Protestantismus besteht für Grau also in einer Haltung intellektueller Aufrichtigkeit, die auf vier Prinzipien beruht: “der Entdeckung religiöser Subjektivität, der damit einhergehenden Individualität, der Kritik von Institutionen und vermeintlichen Wahrheiten sowie der Skepsis gegenüber weltlichen Erlösungsfantasien” (S. 120).
Das liest sich alles auf den ersten Blick süffig und einigermassen plausibel. Bis man erschrocken aufhorcht und merkt, dass Grau das Kunststück gelungen ist, all diese protestantischen Grundmotive restlos von ihrem theologischen Kern zu trennen, und das ganz bewusst. Denn dem “protestantischen Prinzip” (S. 135) liegt schliesslich eine selbstsäkularisierende Dynamik inne, die in der Aufhebung des Theologischen enden muss. Die heute zu beobachtende Massenabwanderung von den Kirchen stellt demgemäss nicht den Untergang, sondern die Erfüllung des protestantischen Prinzips dar. “Entsprechend beweist sich die Zukunft des Protestantismus nicht in Kirchenmitgliedschaften, sondern in einem kritischen Verhältnis zur Welt” (S. 135).
Aus all dem wird deutlich, dass sich Grau nicht so sehr für die Kirchen interessiert, sondern dafür, was ausserhalb der Kirchenmauern vom Protestantismus übrigbleibt und Nachwirkungen zeigen wird in der Gegenwartskultur. Grau wehrt sich interessanterweise an mehreren Stellen gegen die Sichtbarkeit von Religion. Dabei wird beispielsweise behauptet, dass Karl Barths Religionskritik entscheidend dazu beigetragen habe, jede Form einer “sichtbaren Kirche” (S. 104) als illegitim zu entlarven, obwohl im 20. Jahrhundert wohl kaum eine Ekklesiologie so vehement auf die Sichtbarkeit von Kirche gepocht hat wie diejenige Barths. Aber das ist nicht so wichtig, denn wie in einer jesajanischen Friedensvision gesellen sich hier ohnehin ein Dietrich Bonhoeffer, Friedrich Gogarten und Paul Tillich scheinbar widerspruchslos zueinander und unterstreichen den Punkt des Autors. Dass nämlich der Kulminationspunkt des deutsch-protestantischen Denkens nicht in konkreten Glaubensvollzügen, der versammelten Gemeinde oder einer robusten Theologie besteht, sondern in einem liberal und erstaunlich atomistisch verfassten Bildungsbürgertum, das sich gerade durch seine Distanz zu Kirche und Glauben auszeichnet.
Was die Zukunft der Kirchen anbelangt, sieht Grau übrigens schwarz. Und er kann rhetorisch kräftig austeilen. Auf der einen Seite steht der “offizielle Gremienprotestantismus”, der ein “unappetitliches Amalgam aus linken Politphrasen und moralischem Kitsch” (S. 21) bildet, auf der anderen Seite “religiöse, frömmelnde, traditionalistische oder einfach nur reaktionäre Schwärmereien” (S. 80) und “bekenntnisverliebte Verkündigungstheologie” mit ihrer “infantil anmutenden Sondersprache” (S. 125). Aber ein Therapeutikum gegen die geistliche Kargheit oder die realitätsverweigernde Flucht zur “Sprache Kanaans” (S. 125) wird hier nicht geboten, ausser der Empfehlung, die ganze Übung hinter sich zu lassen und die Widerborstigkeit des Protestantismus als Geisteshaltung mitzunehmen in die Freiheit der Individualität.
Zum Schluss
Mit seinem neuen Essay hat Alexander Grau ein kurzweiliges Plädoyer hingelegt, das in seinem Gehalt leider nicht viel Neues enthält, und auch die Diskussion, die Kirchen führen müssen, kaum bereichern wird. Es erinnert in seiner Darstellung der Quintessenz des neueren protestantischen Denkens an das Buch Honest to God von John A. T. Robinson aus den 70er-Jahren, in seiner Reduktion des Christlichen auf eine säkularisierte Lebenshaltung an das philosophische Projekt Gianni Vattimos. Es hätte schon nur geholfen, dem Büchlein einen bescheideneren Titel zu geben.
Gemeint ist hier nicht die Zukunft des Protestantismus an sich, also der reformatorischen Theologie, oder des Glaubens, der nach wie vor Millionen von Menschen auf der Welt, zunehmend in der südlichen Hemisphäre, zusammenbringt. Gemeint ist die Zukunft des deutschen Kulturprotestantismus, als dessen Vertreter sich der Autor sieht. Es ist aber nicht auszuschliessen, dass der Rezensent völlig an der Hellsichtigkeit dieses Buches vorbeisieht. Dass es sich hier um ein Zeugnis davon handelt, dass der Kulturprotestantismus, angesichts der aufgewühlten Gemengelage der Gegenwart, ein Comeback feiern wird. Dann wird es sich aber nicht mehr um einen kulturellen, sondern um einen politisch motivierten, ja reaktionären Kulturprotestantismus handeln, auf den man sich auch nicht gerade freut.
Auf jeden Fall zeigt dieses Buch von Neuem, wie gesellschaftsprägend der Protestantismus bis heute ist, und wie interpretationsoffen er dasteht für die Sache der Intellektuellen, die seit jeher versucht haben, diese Tradition auf eine dünne Essenz zu reduzieren, die der eigenen Haltung entspricht. Das zumindest kann zu denken geben.
Alexander Grau, Die Zukunft des Protestantismus (claudius essay), München 2025, 152 S.
Daniel N. Herrmann lebt in Bern, ist reformierter Pfarrer und Doktorand in Systematischer Theologie an den Universitäten Genf und Hannover.

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