Warum das Apostolikum für Jesus und Paulus überraschend gewesen wäre
Kürzlich habe ich in Olten einen Vortrag über das Apostolische Glaubensbekenntnis gehalten. In der Diskussion sagte jemand aus dem Publikum:
„Für mich ist das Credo der Kern und Massstab des christlichen Glaubens.“
Dieser Satz hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Einerseits konnte ich gut verstehen, was gemeint war: Das Credo ist vertraut, verdichtet, klingt nach „zentral“. Andererseits merkte ich: Ich kann dem nicht einfach zustimmen.
Gerade das Apostolikum hat blinde Flecken. Und je länger ich darüber nachdenke, desto weniger kann ich es als Massstab des Glaubens verstehen – eher als eine starke, aber einseitige Stimme im Chor der biblischen und kirchlichen Tradition.
Wenn wir im Gottesdienst das Apostolische Glaubensbekenntnis sprechen, passiert nämlich etwas Merkwürdiges: Wir sprechen mit Worten auf den Lippen, die älter sind als jede Moderne – und zugleich sprechen wir sie als Menschen, für die Glaube optional ist und religiöse Sprache sofort unter Verdacht steht.
Schon die ersten Zeilen stolpern vielen über die Zunge:
„empfangen durch den Heiligen Geist, geboren aus der Jungfrau Maria“ –
„hinabgestiegen in das Reich des Todes“ –
„am dritten Tage auferstanden von den Toten“.
Ist das heute noch sagbar? Und wenn ja: Wie?
Diese Frage ist wichtig. Aber eine andere ist fast noch spannender – und wird selten gestellt:
Ist dir schon aufgefallen, was im Apostolikum alles nicht vorkommt?
- Keine Geschichte Israels.
- Kein Auszug aus Ägypten.
- Keine Propheten.
- Keine Psalmen.
- Kein „Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig“.
Dafür sehr viel Christologie – und sogar der Name eines römischen Provinzstatthalters: Pontius Pilatus hat es ins grundlegende christliche Bekenntnis geschafft. Mose nicht.
Das ist, milde gesagt, eigenartig.
Ein Bekenntnis, das Jesus so nie gesprochen hätte
Stell dir vor, jemand wäre zu Jesus von Nazareth gegangen und hätte gesagt:
„Rabbi, fass deinen Glauben doch bitte einmal in zwölf Sätzen zusammen. Am besten so, dass man es bei der Taufe auswendig sprechen kann.“
Was wäre dann gekommen?
Ziemlich sicher nicht das Apostolikum.
Für Jesus ist das Herz des Glaubens ein anderes „Credo“: das Schema Jisrael aus Deuteronomium 6:
„Höre, Israel, der HERR, unser Gott, der HERR ist einzig.“
Dazu gehören für ihn untrennbar:
- die Tora,
- die Propheten,
- der Exodus als Grundgeschichte der Befreiung,
- die Psalmen als Gebetsbuch Israels.
Jesus betet, denkt und lebt im Alphabet Israels. Gottes Geschichte mit diesem Volk ist für ihn nicht Kulisse, sondern der Raum, in dem Gott sich zeigt. Wenn Jesus vom Reich Gottes spricht, dann ist das erfüllt-biblische Hoffnungsrede Israels – nicht der Start einer neuen, vom Judentum abgetrennten Religion.
Das Apostolikum kennt diesen Resonanzraum nur ganz am Rand:
„Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“
Gott als Schöpfer – ja. Aber Gott als der,
- der Israel aus Ägypten befreit,
- der „der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“ heisst,
- der durch die Propheten Recht und Gerechtigkeit einfordert –
kommt im Text nicht vor.
Für Jesus wäre dieses Bekenntnis darum vermutlich nicht falsch, aber verstörend schmal gewesen: zu viel Christusgeschichte, zu wenig Israelgeschichte.
Und Paulus?
Ähnliches gilt für Paulus. Auch er kennt verdichtete Bekenntnissätze. Berühmt ist die frühe Formel aus 1 Korinther 15:
Christus ist gestorben für unsere Sünden
nach der Schrift,
und ist begraben worden,
und ist auferweckt worden am dritten Tage
nach der Schrift.
Das klingt bereits wie ein kleines Credo – und man hört, wie nahe das am Apostolikum ist: Tod, Begräbnis, Auferstehung.
Aber entscheidend ist diese kleine Ergänzung: „nach der Schrift“.
Paulus sagt:
Das, was mit Jesus geschieht, ist nicht isoliertes Wunderereignis. Es ist Erfüllung der Geschichte Gottes mit Israel. Ohne „die Schrift“ – also die Hebräische Bibel – wäre diese Christusgeschichte gar nicht als Heilsgeschichte zu verstehen.
Paulus wäre wohl irritiert gewesen über ein Bekenntnis, das:
- den Namen „Israel“ nicht kennt,
- den Exodus verschweigt,
- die Propheten nicht erwähnt,
- aber den römischen Statthalter Pontius Pilatus prominent einbaut.
Nicht, weil „unter Pontius Pilatus“ theologisch unwichtig wäre – im Gegenteil: Es verankert den Glauben mitten in der Geschichte, an einem Datum, unter einem Herrscher. Aber Paulus hätte wohl gefragt:
Wo ist der lange Weg Gottes mit der Welt, mit Israel, mit der Tora, mit der Verheissung?
Kurz: Das Apostolikum erzählt die Mitte – aber es erzählt den Weg dorthin kaum.
Warum das Credo so einseitig wirkt – und warum das nicht zufällig ist
Das Apostolische Glaubensbekenntnis ist nicht vom Himmel gefallen. Es ist kein grosses Lehrdokument wie das Nicänum, sondern eine Verdichtung von Taufbekenntnissen der römischen Gemeinde. Es will vor allem eines: in knapper Form sagen, wer Gott ist, wer Jesus Christus ist und wer der Heilige Geist ist – und was das mit meinem Leben zu tun hat.
Darum konzentriert es sich radikal auf einige Punkte:
- Schöpfung (Gott als Ursprung aller Wirklichkeit)
- Inkarnation (geboren aus Maria)
- Passion und Kreuz (gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben, begraben)
- Auferstehung und Himmelfahrt
- Geist und Kirche
- Vergebung, Auferstehung, ewiges Leben.
Das ist gewissermassen die Kurzfassung des Christusereignisses – erzählt auf einer Linie von Geburt bis zur eschatologischen Hoffnung.
Dass die Geschichte Israels nicht vorkommt, ist also keine Panne, sondern eine Entscheidung: Man fokussiert auf das, was in der Taufe bekannt werden soll. Aber diese Entscheidung hat Nebenwirkungen:
- Das Judentum wird zur unsichtbaren Voraussetzung des Glaubens – statt zum ausdrücklich bekannten Fundament.
- Die Kirche kann sich allzu leicht als „Erbin anstelle Israels“ verstehen, nicht als Gemeinschaft, die in die Geschichte Israels hineingenommen ist.
- Die Gefahr eines christlichen Antijudaismus wird verstärkt – historisch haben wir dafür einen hohen Preis bezahlt.
Heute – nach der Shoah, im jüdisch-christlichen Dialog, mit einer neuen Aufmerksamkeit für die bleibende Erwählung Israels – können wir diesen Preis nicht mehr übersehen.
Ergänzungsbedürftig – gerade weil es bleibt
Heisst das: Wir sollten das Apostolikum am besten weglassen?
Ich glaube: Nein.
Aber wir sollten ehrlich mit seiner Einseitigkeit umgehen – und sie theologisch bearbeiten.
Für mich heisst das mindestens drei Dinge:
- Historische Ehrlichkeit:
Wir sagen laut: Das Credo ist ein Kind seiner Zeit. Es ist Taufbekenntnis, kein vollständiger Bibelindex. Es setzt Israels Geschichte voraus, benennt sie aber nicht. Das darf – und muss – benannt werden. - Hermeneutische Ergänzung:
Wenn wir heute das Credo sprechen, können wir innerlich und liturgisch ergänzen. Zum Beispiel so:- „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde“ –
und denken mit: den Gott Abrahams und Saras, den Gott des Exodus, den Gott der Propheten. - „… und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn“ –
und erinnern uns: Dieser Jesus ist Jude, lebt, betet und stirbt als Sohn Israels.
- „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde“ –
- Reformierte Bekenntnisfreiheit ernst nehmen:
In der reformierten Tradition war das Apostolikum ja gerade Anlass zu heftigen Konflikten. Im Apostolikumsstreit stritten Pfarrer und Kirchenleitungen darum, ob ein Bekenntnis erzwungen werden darf. Die Antwort, die sich durchgesetzt hat: Nein.- Niemand muss das Credo sprechen.
- Wer es spricht, tut es frei – und darum verantwortlich.
Adventlich glauben: Warten, ergänzen, neu entdecken
Vielleicht ist das die eigentliche Chance des Apostolikums heute:
- Es ist zu eng, um alles zu sagen, was zu sagen wäre.
- Es ist zu alt, um sich bequem mit moderner Religiosität zu decken.
- Es ist zu christologisch zugespitzt, um die jüdischen Wurzeln des Glaubens zu verschlucken, ohne Fragen zu provozieren.
Gerade deshalb kann es ein guter Gesprächsanlass sein – mit uns selbst, mit unseren Gemeinden, mit Jüdinnen und Juden, mit Menschen, die glauben möchten, aber stolpern, wenn sie „hinabgestiegen in das Reich des Todes“ sprechen sollen.
Und vielleicht passt genau das besonders gut in die Adventszeit. Advent ist die Zeit des Noch-nicht:
- Wir feiern nicht, dass wir alles haben, sondern dass wir alles erwarten.
- Wir leben nicht aus Vollständigkeit, sondern aus der Verheissung.
- Wir glauben nicht, weil wir alles verstanden haben, sondern weil wir offen sind für das, was Gott noch zeigen wird.
So kann auch das Credo ein adventlicher Text werden:
kein fertiger Massstab, der alles andere misst, sondern eine unvollständige, ehrliche, alte Stimme, die uns einlädt,
- zu warten,
- zu ergänzen,
- neu zu entdecken,
wer Gott ist – für Israel, für Jesus, für Paulus und für uns heute.
Nicht statt „Ich glaube“ – sondern genau in diesem tastenden, wartenden, adventlichen: Ich glaube.

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