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Ein Land, das nicht verlieren kann

6. Juli 2026

In wenigen Wochen feiert die Schweiz ihren Nationalfeiertag. Die USA haben ihren grossen Geburtstag bereits hinter sich – und die 250-Jahr-Feier geriet zum unfreiwilligen Selbstporträt der ältesten Demokratie der Welt. Ein Lehrstück darüber, wie man eine Nation nicht feiert.

Sturm über der Mall

Am Abend des 4. Juli 2026 dröhnt eine Lautsprecherstimme über die National Mall in Washington: Alle Besucherinnen und Besucher sollen das Gelände sofort verlassen, ein schweres Gewitter zieht auf. Nationalgarde und Secret Service räumen den Festplatz, Zeltdächer reissen sich los, Absperrungen kippen. Hunderte weigern sich zu gehen, streiten mit den Sicherheitskräften und skandieren «USA, USA» gegen die eigenen Beamten. Als jemand auf der verlassenen Bühne ins Mikrofon spricht, rennt ein Teil der Menge zurück Richtung Absperrung – man ignoriert die Wetterwarnung, weil man etwas zu verpassen fürchtet.

Es ist bereits die vierte Evakuierung innert zehn Tagen, nach Hitzekollapsen und früheren Unwettern. Am selben Tag marschieren Männer der rechtsextremen Gruppierung Patriot Front maskiert durch Washington, Konföderiertenflaggen inklusive. Zwei Stunden später öffnen die Tore wieder, kurz nach 23 Uhr tritt der Präsident auf und erklärt, das Land stehe «stärker, freier, reicher, sicherer und stolzer als je zuvor» da.

Die Wirklichkeit musste evakuiert werden, damit die Inszenierung weitergehen konnte.

Chronik eines Debakels

Der Sturm war Schlusspunkt einer Kette von Pannen. Die «Great American State Fair», als moderne Weltausstellung angekündigt, blieb seit der Eröffnung schütter besucht: leere Tribünen, verwaiste Stände, ein Riesenrad, das den Betrieb einstellte. Mehrere angekündigte Musik-Acts sprangen vorab ab. In der Rekordhitze fielen Klimaanlagen aus, Sanitäter behandelten an einem einzigen Tag Dutzende von Besuchern, selbst im Sanitätszelt fehlte die Kühlung.

Vier Bundesstaaten – Maine, Massachusetts, North Carolina und Pennsylvania – verzichteten ganz auf eine Teilnahme; den North-Carolina-Pavillon bespielten private Sponsoren, bis dort ein Video mit einer Konföderiertenflagge auftauchte und entfernt werden musste. Am ersten vollen Messetag wurde ein Mann verhaftet, der Akrobatinnen filmte, die Hände in der Hose.

Hinter der Kulisse tobt ein handfester Verteilkampf: Ein überparteiliches Komitee hatte den Geburtstag seit 2016 vorbereitet, ehe die Regierung die Feier an die eigens geschaffene private Gesellschaft «Freedom 250» zog. Ein Untersuchungsbericht demokratischer Abgeordneter wirft dieser vor, rund 100 Millionen Dollar öffentlicher Gelder umgeleitet, Zugang zum Präsidenten verkauft und Aufträge freihändig an Getreue vergeben zu haben.

Die Feier wollte Amerikas Grösse ausstellen – und stellte seinen zutiefst gespaltenen, maroden Zustand aus.

Das Becken, das nicht spiegeln darf

Wie unter einem Brennglas verdichtet sich das alles am Reflecting Pool vor dem Lincoln Memorial. Im April kündigte Trump an, das «dreckige» Becken innert zwei Wochen für höchstens zwei Millionen Dollar herrichten zu lassen, der Boden sollte künftig im eigens getauften Farbton «Amerikaflaggen-Blau» erstrahlen.

Die Renovation kostete am Ende über sechzehn Millionen – und kurz nach der Wiederbefüllung kippte das Wasser: Algenblüte, abblätternde blaue Farbe, die in Fetzen an die Oberfläche trieb. Der Präsident erklärte das Debakel zum Verbrechen: Vandalen hätten mit «einem Teppichmesser oder einer Art Messer» einen Schlitz in die Auskleidung geschnitten, der in seinen Schilderungen innert Tagen von 250 auf 350 Fuss wuchs; schuld waren ausserdem Obama, Biden und angebliche Pro-Algen-Demonstranten.

Die Parkbehörde bestätigte zwar eine Beschädigung der Folie; Fachleute wandten allerdings ein, dass sich Materialrisse und Schnitte zum Verwechseln ähneln und Algen in einem stehenden Gewässer im Washingtoner Sommer unvermeidlich sind. Trump drohte dennoch, auf die Zerstörung «oder auch nur die versuchte Zerstörung» solcher Anlagen stünden zehn Jahre Gefängnis, «vollumfänglich durchgesetzt».

Einem 67-jährigen Ex-Olympioniken, der nach eigenen Angaben bloss ein Stück der losen Beschichtung berührt hatte, drohen nach der Anklage nun tatsächlich bis zu zehn Jahre Haft – verhängt von einer Regierung, deren Präsident über tausend Capitol-Stürmer begnadigt hat, Sachbeschädiger eingeschlossen.

Ein Spiegelbecken zeigt den Zustand der Regierung – und das Spiegelbild wird zum Sabotageakt erklärt.

Schuld sind immer die anderen

Um die Logik hinter alldem zu verstehen, muss man die religiöse Rahmung der Feierlichkeiten kennen. Trump hatte dem Geburtstag der Nation einen ausdrücklich religiösen Charakter zugedacht: «Wenn wir die Religion stärker zurückbringen, wird alles besser und besser und besser» – gemeint war nie die Religionsfreiheit der Gründungsväter, sondern das eigene konservative MAGA-Christentum.

Im Mai wurde die Nation auf der Mall in einem Grossanlass von Freedom 250 als «One Nation Under God» neu geweiht; die Rednerliste war bis auf eine Ausnahme christlich besetzt. Mit von der Partie: Sean Feucht – der Lobpreismusiker hatte in der Pandemie mit seiner «Let Us Worship»-Tour gegen Corona-Auflagen angesungen und den Spottnamen «Superspreader», den ihm Kritiker verpassten, trotzig zum Titel seines eigenen Dokumentarfilms über die Tour gemacht. Heute rühmt er sich einer Partnerschaft mit Freedom 250 für staatlich gesponserte Erweckungsversammlungen im ganzen Land.

Wer Gottes Vorsehung derart selbstverständlich für die eigene Nation reklamiert, müsste den Sturm über der Mall eigentlich als prophetisches Zeichen deuten: als göttlichen Einspruch, als Weckruf an eine korrumpierte, sektiererisch verengte Bewegung.

Doch genau diese Deutung ist im MAGA-Universum unzulässig: Infrage kommen allein feindliche Mächte. Also machte ein republikanischer Kommentator «linke Saboteure» für die wankenden Bühnenelemente verantwortlich, und Kylie Jane Kremer – registrierte Organisatorin jener Kundgebung, die am 6. Januar 2021 der Erstürmung des Capitols vorausging – wusste, dass Trump-Hasser das Wetter mit Hilfe von gezieltem Geoengineering gekippt hätten (wie schon die klirrende Kälte bei seiner Amtseinführung Menschenwerk gewesen sei). Jedes Scheitern wird so dem Feind zugeschrieben und bestätigt das eigene Narrativ – eine Weltdeutung, die an ihrer Kritik wächst, statt an ihr zu zerbrechen.

Ausgerechnet eine Bewegung, die sich christlich nennt, hat damit das Herzstück des Glaubens entsorgt, auf den sie sich beruft: das Eingeständnis eigener Schuld.

Ein Schweizer Schicksalsmoment

Die Schweiz steht in diesen Wochen zwischen zwei Daten: wenige Wochen vor ihrem Nationalfeiertag – und wenige Wochen nach einer Abstimmung, die von beiden Seiten als Schicksalsmoment gerahmt wurde.

Bei der Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» ging es nach der Lesart beider Lager um die Zukunft des Landes selbst. Die einen sahen ihre Heimat von unkontrollierter Zuwanderung bedroht; sie beschworen die Islamisierung der Schweiz, warnten vor Ausländern, die nicht arbeiten, aber den Sozialstaat aussaugen, und polemisierten gegen jene, die das Land ans Ausland verhökern.

Die anderen brandmarkten die Motive hinter der Initiative als Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, verwiesen auf die Angewiesenheit der Wirtschaft auf ausländische Fachkräfte und sahen mit einer Annahme fundamentale schweizerische Werte in Gefahr: die humanitäre Tradition, die Offenheit, die Verlässlichkeit gegenüber Europa. (Es ist kein Geheimnis, dass ich mich dem zweiten Lager zugerechnet habe.)

Auch Christinnen und Christen stritten leidenschaftlich mit: Konservative sahen das christliche Abendland durch Migration aus fremden Kulturen bedroht, während christliche Hilfswerke und zahlreiche reformierte wie katholische Kirchen die Vorlage unter Berufung auf die biblische Gastfreundschaft («Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen») ablehnten. Die Gefühle gingen hoch, die Argumente wurden zugespitzt, an missgünstigen Unterstellungen und Polemik fehlte es nicht.

Es war, dem Ton nach, eine Abstimmung über Sein oder Nichtsein der Schweiz.

Verlieren können

Am 14. Juni lehnten Volk und Stände die Initiative ab – mit knapp 55 Prozent Nein, bei einer der höchsten Stimmbeteiligungen seit Jahrzehnten und nach dem teuersten Abstimmungskampf seit Einführung der Transparenzregeln. Und dann geschah: nichts Dramatisches. Die Unterlegenen kündigten an, die Gründe zu analysieren und weiterzukämpfen, die Institutionen blieben unangetastet, niemand rief zum Sturm aufs Bundeshaus, niemand witterte Wettermanipulation.

Ganz gefeit ist allerdings auch die Schweiz nicht. Wenn der SVP-Fraktionschef nach der Abstimmung beklagt, die Romandie und die linken Städte hätten dem Land ihren Willen aufgezwungen, klingt dieselbe Melodie an wie in Washington, nur demokratisch domestiziert: Verloren haben nie wir – verloren haben uns die anderen.

Der Unterschied liegt darum nicht in einer besseren Natur der Schweizerinnen und Schweizer, sondern in Institutionen und Gewohnheiten, die das Verlieren einüben. Wer viermal im Jahr abstimmt, lernt, dass Niederlagen zum Normalfall der Demokratie gehören – und dass sich ein verlorener Schicksalsmoment im Rückblick oft als gewöhnlicher Abstimmungssonntag erweist.

Demokratie ist institutionalisierte Fehlerfreundlichkeit: Sie lebt davon, dass man verlieren kann, ohne die Sieger zu Feinden erklären zu müssen.

Was der 1. August erzählt

Am 1. August wird die Schweiz wieder Feuer entzünden, Reden halten, Hymnen singen. Nationalfeiertage sind zivile Liturgien: Sie erzählen einem Land, wer es sein will. Die amerikanische 250-Jahr-Feier führt vor, was geschieht, wenn diese Liturgie zur Selbstbeweihräucherung eines Lagers verkommt – dann feiert eine Nation gegen sich selbst.

Die schweizerische Liturgie hat ihre festen Stücke: den Rütlischwur und Wilhelm Tell, die wehrhaften Eidgenossen, die keinem fremden Vogt weichen, die Friedensinsel inmitten kriegerischer Nachbarn. Man mag über diese Erzählungen lächeln, aber sie leisten, was Liturgien leisten sollen: Sie stiften Zugehörigkeit – und in einer Willensnation mit vier Sprachen, die längst auch eine Einwanderungsnation ist, ist das keine Kleinigkeit.

Zu einer Feier, die diesen Namen verdient, gehört aber auch das, was in der christlichen Tradition Busse heisst: das Eingeständnis, dass die eigene Geschichte Schuld und Versagen einschliesst und dass sich aus beidem lernen lässt.

Die Schweizer Erzählung hätte hier Stoff genug: die zweifelhafte Rolle im Zweiten Weltkrieg, die der Bergier-Bericht dokumentiert hat – abgewiesene Flüchtlinge an der Grenze, Goldgeschäfte mit dem NS-Regime, nachrichtenlose Vermögen von Holocaust-Opfern auf Schweizer Konten; oder das Bankgeheimnis, das Steuerbetrügern und Potentaten jahrzehntelang ein sicheres Versteck bot und an dem ein Teil des Wohlstands hängt, der am Nationalfeiertag so selbstverständlich gefeiert wird.

Ein Land, das nur seine Heldensagen kennt, feiert ein Wunschbild seiner selbst.

Was zu feiern wäre

Dass ein Land seine Fehler benennen kann, ohne an sich irrezuwerden, ist alles andere als selbstverständlich. Es braucht dafür einen Grund, der tiefer liegt als die eigene Makellosigkeit. Die christliche Tradition kennt einen solchen Grund, und die reformatorische Einsicht dazu hat eine erstaunlich politische Pointe: Wer sich von Gott gerechtfertigt weiss, muss sich nicht mehr selbst rechtfertigen.

Wer nicht unfehlbar sein muss, um geliebt zu sein, kann Fehler zugeben, ohne sich aufzugeben.

Billig ist das freilich nicht zu haben. Wer sich dem Blick auf die abgewiesenen Flüchtlinge an der Schweizer Grenze wirklich aussetzt, kommt mit einem raschen  Verweis auf die menschliche Fehlbarkeit nicht davon: Ein ehrliches Schuldeingeständnis kostet etwas – es verpflichtet zur Erinnerung, zur Wiedergutmachung, wo sie noch möglich ist, und zu einer Politik, die aus der eigenen Geschichte gelernt hat.

Eben dieses Eingeständnis verändert aber auch den Blick auf die Gegner von heute. Wer dem eigenen Versagen schonungslos ins Auge sieht, dem zerbricht das Schwarzweissbild, in dem alles Böse auf der anderen Seite wohnt. Aus dieser Nüchternheit wächst die Fähigkeit zuzuhören: die Befürchtungen, Ängste und auch die Ressentiments der Gegenseite wenigstens verstehen zu wollen – nicht obwohl, sondern gerade weil man ihre Schlüsse nicht teilt.

Ein 1. August, der so gefeiert wird – mit Feuer und Hymnen, mit Tell und Rütli, und ohne die Angst, dass ein ehrlicher Blick auf die eigene Geschichte die Feier verderben könnte –, wäre kein schwächerer Feiertag. Er wäre der Festtag eines Landes, das verlieren kann – und eben darum nicht verloren ist.

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