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Eine Hymne an das Leben

23. April 2026

Die Scham muss die Seite wechseln

Unbewusste Sexsklavin ihres Mannes und von Dutzenden über das Internet rekrutierten Männern, gegen ihren Willen zur Ikone für Frauen geworden, die Gewalt erfahren haben: in Eine Hymne an das Leben zieht Gisèle Pelicot ihre Leserinnen und Leser in eine Erzählung von beeindruckender Intensität. Man würde erwarten, von Zerstörung, Scham und unsagbarem Leid zu lesen. Doch eine der bekanntesten Betroffenen sexualisierter Gewalt in Europa führt uns zur Lebensfreude.

Dieses „Und…“, das die Dunkelheit beendet

Der Titel der französischen Originalausgabe beginnt mit einem „Et“ („Und“) – ein Einstieg, der im Deutschen zunächst irritierend wirkt, da er ohne Bezugssatz steht. Im Französischen jedoch entfaltet dieses „Et“ eine besondere Kraft: Es knüpft an ein unsichtbares „Davor“ an und behauptet trotz allem die Fortsetzung des Lebens.

Dieses „Und“ hebt die Geschichte aus dem Abgrund heraus, aus der extremsten Form menschlicher Gewalt. Es verweist bereits vor der Lektüre auf eine innere Kraft – auf den Wunsch nach einem einfachen, ruhigen Glück.

„»Erzählen Sie mir von Ihrer Kindheit«, sagte die Therapeutin schließlich bei unserer dritten Sitzung.
Sie hatte erkannt, dass sich in mir wieder Leben regte.“

Man beginnt den Bericht ihres Leidenswegs – und ahnt bereits, dass er sie nicht zerstören wird.

Direkt hinter der Alltäglichkeit

Das Buch liest sich in einem Zug. Die achtzehn Kapitel wechseln zwischen der Zeit vor und nach der Verhaftung Dominique Pelicots im Jahr 2020. Erzählt werden Begegnung, Ehe, Kinder, Umzüge – und schließlich die Entdeckung der Verbrechen.

Der Verlauf wirkt zunächst ruhig, fast banal. Doch nach und nach bricht diese Normalität auf, als die Wahrheit ans Licht kommt. Gerade dieser Kontrast verleiht dem Text seine Wucht: einfache Lebensfreude – und dahinter, verborgen, das Unfassbare.

Nach dem ersten Schock beschreibt Gisèle Pelicot sich selbst nicht nur als Opfer:

„Ich war auch glücklich gewesen, ganz bestimmt. Ich war nicht nur ein Opfer.“

Während der gesamten Erzählung bleibt diese Haltung bestehen. Sie hält fest an der Realität eines gelebten Lebens – mit Nähe, Freude und Vertrauen.

Und zugleich stellt sich die Frage:

„Was soll ich mit diesen Erinnerungen anfangen?“

Die Kinder hingegen ziehen schneller einen Schlussstrich. Für sie wird der Vater zu einem anonymen „er“.

Die Erschütterung früher Kindheiten

Beide Eheleute verbindet eine schmerzhafte Kindheit. Früh verlieren sie ihre Mutter. In Dominique Pelicots Umfeld herrschen Gewalt, Strenge und Überleben.

Gisèle hingegen entwickelt eine innere Gegenwelt. Sie träumt, stellt sich ein anderes Leben vor. Dieser Lebensimpuls wird zu ihrer konstanten Kraftquelle:

„Ich bin die Gegnerin des Todes, er hat mir zu viel genommen.“

Diese Energie trägt sie durch ihr ganzes Leben – selbst durch die Gewalt.

Heldin wider Willen

Der Prozess macht den Fall öffentlich. Hunderte Frauen versammeln sich vor dem Gericht in Avignon. Sie applaudieren Gisèle Pelicot und rufen Parolen.

Der Satz, der auch den deutschen Titel prägt, wird zum Symbol:

„Die Scham musste die Seite wechseln.“

Gisèle Pelicot selbst nimmt diese Rolle nicht aktiv an. Sie bleibt zurückhaltend, fast nüchtern:

„Mit jeder Faser meines Körpers spürte ich, wie sehr ich den Rest der Welt brauchte.“

Sie entscheidet sich gegen den Ausschluss der Öffentlichkeit und weigert sich zugleich, die Videos der Taten anzusehen. Sie erkennt sich darin nicht wieder – weder als Körper noch als Symbol.

Auffällig ist auch, dass sie ihren Mann nie als „Monster“ bezeichnet. Für Außenstehende wirkt das irritierend. Doch für sie bleibt vieles lange unvorstellbar.

Um damit umzugehen, beschreibt sie eine radikale innere Strategie:

„Ich zerteilte Dominique in zwei Hälften, so wie ich mich vom vergewaltigten Körper dissoziierte.“

Sie ist keine Heldin im klassischen Sinn – sondern eine Überlebende.

Eine einfache, aber wesentliche Kraft

Ihre Stärke speist sich nicht aus Religion. Auf die Frage nach ihrem Glauben antwortet sie:

„›Nein‹, sagte ich, ›ich glaube an höhere Mächte, aber an keinen Gott.‹ Kirchen mag ich, außerhalb der Gottesdienstzeiten.“

Was sie trägt, ist eine tiefe Bindung ans Leben selbst – fast eine einfache, bäuerliche Weisheit: Das Leben erneuert sich, trotz allem.

Nach einer Zeit des Rückzugs beschreibt sie ihre Rückkehr ins Leben. Dort begegnet sie einem Mann, in den sie sich verliebt:

„Ich wollte wieder jemanden lieben. Ich hatte keine Angst.“

Lebensfreude – trotz allem.

Fazit

Gisèle Pelicot ist keine Heldin im klassischen Sinn.
Aber sie verkörpert eine stille, radikale Form von Widerstand:

  • die Entscheidung, am Leben festzuhalten.
  • Eine Kraft, die nicht laut ist – aber unerschütterlich.

Über die Autorinnen

Das Buch wurde gemeinsam von Gisèle Pelicot und der Journalistin und Schriftstellerin Judith Perrignon verfasst.

Gisèle Pelicot wurde 1952 geboren. Über Jahre hinweg wurde sie von ihrem Mann ohne ihr Wissen medikamentös betäubt und von ihm sowie von anderen Männern missbraucht.

Der Prozess machte den Fall international bekannt. Sie wurde zu einer Symbolfigur für Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben – ohne sich selbst je so zu definieren.

Gisèle Pelicot, eine Hymne an das Leben. München, Piper Verlag GmbH, 2026, 256

Janique Perrin ist promovierte Theologin, Pfarrerin und verantwortlich für die französischsprachige Erwachsenenbildung der reformierten Kirchen Bern–Jura–Solothurn.

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