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Evangelisation und Präsenz in der Stadt

27. Mai 2026

Wie soll christliche Präsenz im öffentlichen Raum aussehen? Reicht gelebte Solidarität – oder gehört auch die ausdrückliche Einladung zum Glauben dazu? Die Erfahrungen aus einer interkulturellen methodistischen Gemeinde in Italien zeigen, wie unterschiedlich Mission verstanden wird – und weshalb diese Spannungen produktiv sein können.

Dieser Beitrag weist auf Wege hin, wie Gemeinschaft und Evangelisation interkulturell und kultursensibel ausgehend von der diakonischen Dimension des kirchlichen Auftrags gelebt sein könnten. Als Kirchen und als Gesellschaft sind wir mit diesen oder ähnlichen Fragen bezüglich einer gelebten Konvivialität andauernd konfrontiert.

Mission oder Politik?

Die missionarische Praxis ist ein Thema, das auf besondere Weise zur Dimension der christlichen Konvivialität gehört. Es handelt sich um eine Pluralität an Haltungen, die ihrerseits ein komplexes (Un-)Gleichgewicht zwischen Resonanzen und Dissonanzen schaffen. Dabei ist eine doppelte Bewegung zu beobachten: Einerseits die Verkörperung des Wortes Gottes im öffentlichen Raum, andererseits die Hinwendung zu einer ganzheitlichen Form der Evangelisation, bei der auch das Gespräch über Gott und Jesus mit Menschen eine wesentliche Rolle spielt.

So abstrakt formuliert klingt dies zunächst kompliziert. Ein Beispiel aus einer interkulturellen Gemeinde, die ich untersucht habe, macht die Spannung jedoch greifbar.

Eine Szene

Wir befinden uns in einer Versammlung verschiedener evangelischen Kirchen in Italien. Eine italienische Frau aus der Leitung der dortigen Waldensergemeinde erklärt in einem vielleicht zu starken Ton, dass evangelische Christ:innen nur dann evangelisieren, wenn sie die Botschaft Jesu in einem würdevollen Zeugnis verkörpern. Dies unterscheidet sich in ihren Augen grundlegend von der Proselytenmacherei. Mit letzterer verbindet sie auch das Schreiben an entfernte Gemeindeglieder, ohne dass eine seelsorgerliche Beziehung entstanden ist.

Eine Frau philippinischer Herkunft, die schon lange in Italien lebt und Teil einer interkulturellen methodistischen Gemeinde ist, reagiert zustimmend. Für sie ist es undenkbar, dass diejenigen, die nicht in die Kirche kommen, keine Seelsorgebesuche erhalten. Sie befürwortet deshalb solche Besuche ausdrücklich. Ihre Haltung der Frau gegenüber ändert sich allerdings bald, als sie versteht, worauf die Argumentation hinausläuft: Die italienische Frau erklärt, sie wolle nicht weiter evangelisieren, indem sie in der Öffentlichkeit (auf der Strasse bzw. im Park) singe. Sie habe es versucht, könne sich es aber nicht und man sollte sich deshalb nicht schuldig fühlen.

Auf die Aussage, dass in der Öffentlichkeit Singen keinen Sinn macht, lässt die Reaktion der Frau aus den Philippinen nicht lange auf sich warten: Für sie macht es absolut Sinn. Die andere Frau überhört sie und fährt mit einer theologischen Analyse fort. Die komplexen Positionen, die von der Kirche vertreten werden, sind von Interesse für die Gesellschaft, denn der Glaube ist kompliziert.

Ihrer Meinung nach wäre diese Komplexität das Anziehende – nicht das Erzeugen von Schuldgefühlen.

Spannungsvolle Verschiedenheit

Das Argument der Frau italienischer Herkunft ist kategorisch und lässt keinen Widerspruch zu, sodass das vorgebrachte Gegenargument gar nicht erst angehört wird. Dennoch bleibt die Spannung vorhanden und lässt sich nicht ignorieren. Hier stehen sich zwei Standpunkte gegenüber, wie das Christentum in der Gesellschaft präsent sein sollte. Der eine ist eher politischer Natur, der andere orientiert sich stärker an einer traditionellen Sichtweise der Evangelisierung: Als Christ:in teile ich mit anderen Menschen das Beste, was ich habe – Jesus, den Christus, und seine frohe Botschaft.

In diversen Gemeinden oder in einem vielfältigen Umfeld ist es nicht ausgeschlossen, dass es solche unterschiedlichen Sichtweisen gibt.

Singen und mit dem Wort Gottes auf der Strasse zu sein, ist für die eine Frau nicht erstrebenswert. Die christliche Identität wird im Sozialen, im Politischen gelebt und verkörpert einen anspruchsvollen Glauben. Für die andere Frau gilt: Es ist wichtig, in der Öffentlichkeit zu singen und die sich bietenden Gelegenheiten zur Evangelisation zu ergreifen. Sie weist auch darauf hin, dass das Singen im Stadtpark eine wertvolle Veranstaltung ist, bei der man evangelisieren kann, indem man über Lieder und die Bibel spricht. Der Unterschied zu den Philippinen, ihrem Heimatland, besteht darin, dass sich dort die Pfarrer:innen an solchen Aktivitäten beteiligen. Dies ist eine klare Antwort auf die Aussagen der italienischen Frau.

Der Diskussionsleiter nimmt die Radikalität der Positionen wahr. Anschliessend erinnert er daran, dass die Bibel auch dazu auffordert, das verlorene Schaf zu suchen. Sofort meldet sich eine italienische Frau aus der Gemeinde der philippinischen zu Wort. Als Teil einer interkulturellen Gemeinde verspürt sie das Bedürfnis ihre Stimme zu erheben. Sie erklärt, dass ihre Kirche sich an einer Schnittstelle befindet, und sich mit einer Offenheit in Bezug auf unterschiedliche Empfindungen auszeichnet.

Mission und kulturelle Prägung

Musik und Gesang waren für die methodistische Inkulturation auf den Philippinen von grundlegender Bedeutung (Oconer/Asedillo, S. 13-15). Für die philippinische Frau ist es Teil ihrer Tradition.

In der methodistischen Gemeinde sind auch Personen ghanaischer Herkunft präsent. In Ghana führte die sogenannte «Pentekostalisierung» der Hauptkirchen zu einer stärkeren Charismatisierung und zu einem besonderen Interesse an Mission als konkrete Evangelisation. In verschiedenen Gruppen lässt sich deshalb ein Interesse an Evangelisation beobachten, die als wesentlicher Teil der eigenen Berufung verstanden wird.

Mission und Diakonie

Die im Eingang geschilderte Szene und die Positionen, die dort vertreten werden, fragt nach dem Verhältnis von Mission und Diakonie. Der Missionswissenschaftler A.C. Jansson sieht die Beziehung wie folgt (hier ist mein vereinfachtes Bild seines profilierten Schlusses):

Sendungsdienst der Kirche

  • Tätigkeiten: Diakonische Tat und evangelistisches Wort
  • Dimensionen: Verkündigende Dimension und diakonische Dimension
  • (Haupt- oder Neben-) Intention: Evangelistische Intention und diakonische Intention

Diakonie und Evangelisation sind Teil des einen Sendungsdienstes der Kirche. Diakonie kann eine evangelistische Nebenintention haben, sowie Evangelisation eine diakonische Nebenintention

  • Handlungsdimensionen der Kirche: Diakonie, Lobpreis, Verkündigung
  • Wesenskern der Kirche:  Gemeinschaft

(Jansson, 2023, S. 347, 334-335 und 309 – im Sinne von L. Newbigin)

Mission in der Gemeinde

Die Komplexität der Beziehung zwischen Mission und Diakonie, wie sie der Missionswissenschaftler Jansson definiert hat, vor allem hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen Tätigkeiten, Dimensionen und Intentionen, spiegelt sich in den Feldstudien in Italien, und tauchte in verschiedenen Interviews immer wieder auf.

Einerseits findet man eine stark diakonische Haltung, die eine evangelistische Nebenintention hat:

Also, mit anderen Worten, es ist eine Suche nach dem Wohl der Stadt und es ist auch (.) in gewisser Weise (..) indirekt über Gott zu sprechen, auf eine bestimmte bestimmte Art und Weise zu evangelisieren [.] […] Es ist also ein Zeugnis, und wir suchen mit diesem Zeugnis das Wohl der Stadt. Das schon. (Eigene Übersetzung)

Zeugnis bedeutet hier, die evangelische Kirche und ihre christlichen Haltungen indirekt durch das diakonische Handeln zu kommunizieren. Andererseits wird wahrgenommen:

Eine Sache, die mir aufgefallen ist und die ich für einen positiven Aspekt der Pfingstkirche halte: Sie sind sehr stark in der Evangelisation (..) [.] (Eigene Übersetzung)

In dieser anderen Richtung bedeutet Evangelisation ein konkretes Wachstum in der Kirchenmitgliedschaft und auch die entsprechende Strategie dafür:

[S]ie haben haben eher eine gut ausgebildete Gruppe für die Evangelisation (B. räuspert), weil die Pastoren (…) die Pastoren, ja, in dem Sinne, dass sie vielleicht der Leiter der Gruppe sind, aber sie bilden hauptsächlich Leute aus, die (..) eine gute, wie soll ich sagen, sie sind ausgebildet im public speaking, sie sind sehr, sehr gut im public speaking, zum Bei/ wie die Politiker (I. lacht).

Hier nimmt man eine verkündende Dimension mit einer evangelistischen Hauptintention wahr. Zwischen diesen beiden Schwerpunkten gibt es jedoch noch eine dritte Position, die in Korrelation steht:

Das Gute daran ist, weißt du, das ist nur kurz, das Gute an den Methodisten ist (..), dass sie immer bereit sind, das Wort des Herrn zu verkünden, und das geschieht durch Taten (Eigene Übersetzung).

Diese Perspektive verbindet Verkündigung und praktischem Handeln eng miteinander. Sie versteht Mission als Nachfolge:

[W]ir möchten gerne glauben, dass wir uns auf die Nachfolge ausrichten (.) [.] […] Also (.), es geht eigentlich darum, auf den Ruf zur Nachfolge zu reagi/ reagieren, das ist (..) das ist (.) meiner Meinung nach die Grundlage dessen, wozu wir berufen sind. (Eigene Übersetzung)

Mission bedeutet hier ein Heranwachsen in der Nachfolge: dadurch werden die Innen- und Aussengrenzen der Kirche durchbrochen – auf der Grundlage der Berufung durch Gott. Auf den Punkt gebracht mit den Worten des Interviewten: Die Mission Jesu führt zur Erlösung, sein Handeln war missionsorientiert. Und mit den Worten von der anderen interviewten Person: Mission ist eine tägliche Herausforderung.

Diese Überlegungen lassen sich mit der Position des Theologen Henning Wrogemann verbinden. Für ihn vollzieht sich in der christlichen Mission die Verherrlichung Gottes durch den christlichen Dienst an anderen Menschen. Der direkte oder indirekte Dank (also von Menschen anderer Religionen oder Weltanschauungen) oder auch nur das ermöglichte Aufatmen einer Person werden zum Ausdruck des Gotteslobs (Wrogemann, 2022, S. 45).

Es geht um eine Mission, die im Gott-Vertrauen sein Zentrum hat: in der attraktiven bzw. provokativen Resonanz von Gottes Vitalität wird diese sichtbar, hörbar und spürbar.

Mission bedeutet dann Gelassenheit, selbstvergessenes Zeugnis, Innovation, Vorstellungskraft und Diversitätssensibilität. Gemeinschaft ähnelt einem Orchester, dessen Melodien vom Evangelium gegeben werden (Wrogemann, 2024, S. 173).

Mission und Scham

So wie ich sie bisher beschrieben habe, scheint diese Dynamik relativ einfach zu sein. Doch nicht immer ist es der Fall. Was geschieht nun, wenn Vielfalt als Disharmonie empfunden wird? Wenn es theologisch-spirituelle Standpunkte gibt, die nur schwer voneinander akzeptiert werden können?

Zu den «missionarischen Strategien» dieser italienischen Gemeinde gehört auch das Singen von Christmas Carols oder christlicher Lieder im lokalen Viertel. Die Gemeinde möchte als christliche Gemeinschaft wahrgenommen werden und Aufmerksamkeit wecken. Gleichzeitig gibt es unter den Mitgliedern italienischer Herkunft mehrere Personen, die nicht gerne evangelisieren. Es ist aber nicht für alle der Fall.

Eine Person erzählte mir von einer Erfahrung, die sie in Bristol gemacht hat. Dort hätten Leute von der methodistischen Kirche auf der Hauptstrasse Gebets- und Heilungssitzungen angeboten. Einerseits war dies für ihn im italienischen Methodismus undenkbar. Andererseits erklärt er:

Aber die englischen Methodisten, ich meine das (.), also ich, l/ich meine für mich sind sie die echten, nein, die ursprünglichen, ich meine dort wurde er geboren und sie tun diese Dinge hier, eh (..), sie tun sie (.) [.] (Eigene Übersetzung)

Diese Person fokussiert sich auf ein Bild des englischen Methodismus, das evangelikal idealisiert wird. Gleichzeitig hat sich die italienische evangelische Kirche – sowohl die waldensische als auch die methodistische – in ihrer Geschichte als Minderheit seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts vor allem durch ein besonderes Augenmerk für Gerechtigkeit sowie öffentliche und politische Theologie ausgezeichnet. Die Bedeutung der rituellen und emotional-religiösen Dimensionen wurde nicht nur (mindestens institutionell) wenig thematisiert, sondern sogar mit einem gewissen Misstrauen betrachtet, um nicht zu sagen, dass sie regelrecht abgelehnt wurde.

Bei der Begegnung mit Kulturen, die auf diese Dimensionen beruhen, kann es insofern zu starken Spannungen kommen. Der Mangel an gegenseitigem Einfühlungsvermögen im Austausch zwischen der Waldenserfrau italienischer Herkunft und der methodistischen Gemeindevertreterin macht dies deutlich.

Die Frau aus der Waldensergemeinde äussert meines Erachtens nicht nur theologische Bedenken. Hier kann es auch um Verlegenheit, wenn nicht um Schamgefühl gehen. Eine bestimmte Form von Scham ist die sogenannte Scham-Angst, oder Angst vor (zukünftigen) Situationen, in denen Beschämung droht (Jacoby, 1997, S. 159).

In diesem Fall könnte es die Angst sein, sich öffentlich zu exponieren oder lächerlich zu wirken. Bestimmte Formen von Evangelisation können bei Menschen mit eher distanzierter Religiosität die Sorge auslösen, gesellschaftliche Anerkennung zu verlieren – besonders bei denen auf die es wirklich ankommt, und die die politisch-soziale Handlung stark schätzen. Umgekehrt gilt dies ebenso.

Die Grenze zwischen Scham(-Angst) und Stolz ist schwierig zu bestimmen. Als ich einer Frau ghanaischer Herkunft erzählte, wie beeindruckt ich davon war, wie gut ihre Tochter sang, leuchteten ihre Augen vor Stolz und sie erzählte mir, dass das Singen eine Familientradition sei.

In ihrer Kultur ist es ein Grund zum Stolz, die eigene Stimme in den Dienst Gottes zu stellen, selbst mit einem evangelistischen Ziel.

Die Frage der Evangelisierung ähnelt der Frage nach der unterschiedlichen Haltung gegenüber verschiedenen moralischen Ansätzen: Sie ist stark kulturell geprägt und schwer im Gleichgewicht zu halten.

Was ist Mission bzw. Evangelisation?

In der von mir untersuchten Gemeinde fehlt eine Definition, was Mission bzw. Evangelisation bedeutet. Die Missionsverständnisse sind kontextuell und theologisch unterschiedlich. Der Auftrag der Kirche wird theologisch-kulturell definiert.

Wahrscheinlich ist es nicht möglich, eine harmonische Ausbalancierung zu finden, wenn Kulturen und Traditionen so unterschiedlich sind. Was jedoch möglich ist, ist, in Kontakt zu bleiben und die Sache aus einer breiteren Perspektive zu betrachten, ausgehend von den unterschiedlichen Kompetenzen im kirchlichen Handeln. All dies kann geschehen, wenn die Scham-Angst unter Kontrolle gehalten oder gar entkräftet wird. Die Tatsache, dass man weiss, dass alle ihren eigenen Handlungsbereich und ihre eigene Kompetenz haben, kann dabei sogar helfen. In diesem Zusammenhang kann sich bewahrheiten, was die Pfarrerin in einer Predigt an die Gemeinde richtete: Es geht darum, die eigene Leidenschaft zu entdecken, wo unser Herz schlägt, wonach wir suchen, und dem Geist eines Gottes, der treu ist, Raum zu geben.

In Bezug auf die Selbstwahrnehmung ihrer Rolle lässt sich Folgendes für einen erheblichen Teil der methodistischen Gemeinde feststellen: Kirche ist (auch) Dienst, Hilfe und soziales Handeln für Bedürftige. Dies wird als zutiefst methodistisch angesehen.

Für manche Mitglieder fehlt allerdings noch etwas: Eine eindeutige Einladung zur Kirche und ein evangelistischer Kontakt der Gemeinde mit den Menschen, denen sie begegnet. Dies wird von manchen als positiv, wenn nicht sogar wünschenswert gesehen, wenn nicht gar als Bestandteil der Berufung. Diese Dimension hat nicht nur eine Bedeutung mit Blick auf Evangelisation, sondern auch eine erheblich theologische Bedeutung.

Stimme von den Rändern

Ein Gespräch mit den Philippinen – insbesondere mit ihrer lokal verwurzelten Theologie – ist in dieser Hinsicht von Nutzen. Die philippinische Laylayan-Theologie erinnert uns daran, dass das Bekenntnis des eigenen Glaubens in dem Kontext, in dem man sich befindet, zum Gottesverständnis beiträgt. Zugleich betont sie, dass – wie bei Jesus – die Stimmen von den Rändern gehört werden müssen (del Castillo, 2022, S. 4).

Was Evangelisation anbelangt, so kann diese Untersuchung um einen Beitrag ergänzt werden: Eine junge Frau aus Ghana mit internationalen Lebenserfahrungen teilte mir folgende Hoffnung, im Rahmen eines Frühstücksdienstes für Obdachlose:

Ich fände es toll, wenn auch sie am Gottesdienst teilnehmen und das Wort Gottes hören könnten. Es ist zwar gut, ihnen Essen zu geben, aber ich glaube, wir müssen etwas tun, um sie in die Kirche zu bringen (.) [.] (Eigene Übersetzung)

Diese Hoffnung kann als Versuch gesehen werden, nicht nur materielle, sondern auch geistige Nahrung zu geben (im Rahmen einer traditionellen Evangelisation), oder als Versuch, (auf Augenhöhe) eine wahre Laylayan-Theologie zu entwickeln.

Entscheidend sind die Machtverhältnisse – sowohl gegenüber den Menschen, denen man begegnet, als auch innerhalb der Gemeinde selbst.

Zwischen den Kulturen: die diakonische Dimension

Trotz aller Unterschiede wird die diakonische Dimension zu einer gemeinsamen Kontaktfläche zwischen den verschiedenen Perspektiven auf Mission. Dadurch ermöglicht sie einen transkulturellen Dialog.

Am Beispiel der philippinischen Kultur lässt sich dies nochmals besonders gut erkennen. Der Begriff kapwa bedeutet Verantwortung für Mitmenschen, die nicht anders als man selbst sind. Diese Verantwortung ist in einer Gerechtigkeitsdimension zu verorten. Pakikipagkapwa bedeutet dann, dass man einer anderen Person grundsätzlich auf Augenhöhe begegnet (Essel, 2024, S. 1525).

Auf der Grundlage einer verköperten Befreiung kann man das diakonische Handeln einer Kirche bestimmen, die unterschiedliche Sichtweisen auf Evangelisation einbezieht, die wiederum aus verschiedenen Kulturen, Spiritualitäten und Theologien stammen. Ziel ist nicht die Meinungsverschiedenheiten zu verwischen, sondern einen gemeinsamen Nenner zu schaffen, wenn es darum geht, dem anderen Menschen zu helfen, der nicht anders ist als ich selbst, und um gemeinsam Verantwortung für ihn zu übernehmen.

Angesichts dieses gemeinsamen Nenners besteht die Aufgabe darin, eine Mission zu gestalten, die der Vielfalt der Perspektiven und Kompetenzen Rechnung trägt und die nicht auf eine einzige reduziert werden kann und darf – denn dies würde das Ende der Dynamik der Konvivialität bedeuten.

Im Bestreben, die Menschen und ihr Umfeld, aber auch die Vielfalt der gläubigen Menschen, die Teil davon sind, zu verstehen, wird die Gemeinde zum Instrument der Mission Gottes in der Welt. Sie sollte erkennen, dass nicht alle unterschiedlichen Haltungen übernommen werden müssen, sondern dass sie eine Sensibilität für die jeweiligen Kompetenzen der verschiedenen Gruppen entwickelt kann.

Während Evangelisierung der Versuch ist, den Menschen das Evangelium und die christliche frohe Botschaft zu bringen, ist die Mission als Auftrag der Kirche in der Welt etwas weitaus Umfassenderes, das sich weder auf eine einzige theologische, spirituelle noch gar kulturelle Sichtweise reduzieren lässt.

Referenzen

Castillo, Fides A. del: »Laylayan Theology: Listening to the Voices from the Margins«, in: Religions 13 (2022). Open Access.

Essel, Angelo G. M.: »The Possibility of an Enhanced Filipino Value of Pakikipagkapwa through Emmanuel Levinas’ Idea of Responsibility« 8 (2024), S. 1511-1546. Open Access.

Jacoby, Mario: »Scham-Angst und Selbstwertgefühl«, in: Rolf Kühn/Michael Raub/Michael Titze (Hg.), Scham — ein menschliches Gefühl, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 1997, S. 159-168.

Jansson, Andreas C.: Der eine Sendungsdienst der Kirche. Ein Beitrag zur Verhältnisbestimmung von Evangelisation und Diakonie unter besonderer Berücksichtigung der Missionstheologie David J. Boschs, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2023.

Oconer, Luther J./Asedillo, Rebecca C.: The United Methodist Church in the Philippine. General Commission on Archive and History United Methodist Church 2015. Online Access

Wrogemann, Henning: Den Glanz Widerspiegeln. Vom Sinn der christlichen Mission, ihren Kraftquellen und Ausdrucksgestalten. Interkulturelle Impulse für deutsche Kontexte, Münster: Lit 2022.

—: »The Power of the Counter-Factual. Worship of God as the Goal of Mission and as an Expression of a Vital Church«, in: Ralph Kunz/Henning Wrogemann (Hg.), Mission in Crisis. The Church’s Unfinished Homework, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2024, S. 165-179.

 

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