FOBO – Du bist nicht nur nötig

13. August 2026

FOBO ist die neue Abkürzung für eine drängend gewordene Angst: Fear of Becoming Obsolete. Die Furcht, durch künstliche Intelligenz überflüssig zu werden. Sie sagt viel über unsere Technik. Noch mehr sagt sie darüber, wie wir über Menschen und über uns selbst denken.

In den Debatten um KI und Arbeit ist eine eingängige Abkürzung für eine bestimmte Angst aufgetaucht: FOBO. Fear of Becoming Obsolete. Die Angst, obsolet zu werden. Das Wort stammt aus der Welt der Dinge. Technologien werden obsolet. Geräte, Produktionsverfahren, Software. Die Schreibmaschine wurde vom Computer verdrängt, die CD vom Streamingdienst. Etwas Besseres, Schnelleres oder Billigeres tritt an ihre Stelle.

Aber Menschen? Können Menschen obsolet sein? Jedenfalls klingt das Wort in diesem Zusammenhang brutal.

Wir haben uns daran gewöhnt, über Menschen in Begriffen zu sprechen, die eigentlich für Dinge, Leistungen und Märkte gemacht sind. Wie viel ist jemand wert? Was leistet er? Was trägt sie bei? Wird er noch gebraucht?

Die Frage nach KI verschärft diese Sprache. Wenn eine Maschine meine Arbeit schneller, besser oder billiger erledigt, scheint plötzlich auch die Frage erlaubt, ob es mich noch braucht. FOBO ist deshalb mehr als Zukunftsangst. Es ist die Angst, den eigenen Wert zu verlieren, sobald man ersetzbar wird.

Wenn Arbeit zur Antwort auf die Frage wird, wer wir sind

Wir leben zwar nicht in einer Gesellschaft, die offen behauptet, Menschen hätten je nach Produktivität mehr oder weniger Würde. Aber als Mitarbeiter:in hat man einen höheren oder tieferen Wert. Und dieser Wert ist massgeblich für die gesellschaftliche Teilhabe einer Person und darüber hinaus auch diejenige der Angehörigen und ökonomisch abhängigen Personen in einem Haushalt.

Nicht nur dort, wo es darum geht, Dinge zu kaufen oder sich den Eintritt an Veranstaltungen leisten zu können. Häufig lautet eine der ersten Fragen an eine neue Bekanntschaft: «Was machst du?» Damit meint man normalerweise nicht, was dieser Mensch gerade tut. Gemeint ist sein Beruf. Wir erzählen einander, wer wir sind, indem wir sagen, womit wir unser Geld verdienen. Welche soziale Stellung wir haben oder vielleicht anstreben.

Die Antwort sortiert, verrät Bildung, Einkommen, Status, manchmal Herkunft. Vor allem aber gibt sie Auskunft darüber, wofür jemand gebraucht wird, wo sich jemand auf dem Markt der Arbeit durchgesetzt hat.

Man muss das nicht dramatisieren. Arbeit gehört zu unserem Leben. Menschen wollen gestalten, sich einbringen, prägen. Es gehört zu einem guten Leben, für andere wichtig zu sein und zu erfahren, dass das eigene Tun einen Unterschied macht.

Problematisch wird es, wenn aus dieser Erfahrung eine Bedingung wird, wenn ich gebraucht werden muss, um mich bedeutsam zu fühlen. Wenn ich mich bedeutsam fühlen muss. Man gerät als Person unter Konkurrenzdruck. Nicht mehr nur zu anderen. Auch eine Maschine, die bestimmte Tätigkeiten besser beherrscht, wird vom Werkzeug zur existenziellen Bedrohung.

Künstliche Intelligenz bedroht nicht nur Arbeitsplätze. Sie berührt eine Lebensform, die Menschen seit langem einübt, sich über Produktivität, Leistung und Wirkung zu beschreiben.

Dieser Zwang lässt sich als moderne, kapitalistisch geprägte Form der Selbstrechtfertigung beschreiben. Vor Gott rechtfertigt man sich kaum. Dafür vor Arbeitgebern, Nachbarn, Auftraggebern, Investorinnen, sozialen Netzwerken und vor uns selbst. Selbst entwerfen wir innere Bilder dieser bewertenden Instanzen. Verleihen ihnen Gewicht, Bedeutung und Macht. Weil sie es verlangen wollen wir leistungsfähig, interessant, informiert, engagiert, gesund, resilient und entspannt sein.

Sogar die Erholung gerät unter den Verdacht der Nutzlosigkeit und muss sich deshalb rechtfertigen. Wir schlafen, um leistungsfähiger zu sein. Wir treiben Sport, um belastbarer zu werden. Wir machen Ferien, um unsere Batterien wieder aufzuladen. Nicht nützlich zu sein wird als Pause beschrieben, die ihren Nutzen von der Arbeit her empfängt. Wir erholen uns, um wieder leistungsfähig zu werden.

Marta hat viel zu tun

Im Lukasevangelium gibt es eine kleine Geschichte, die diese Logik auf merkwürdige Weise unterbricht.

Jesus kommt in ein Haus. Marta empfängt ihn und beginnt zu arbeiten. Es gibt zu tun. Ein Gast will bewirtet werden. Ihre Schwester Maria setzt sich zu Jesus und hört ihm zu. Marta wird unruhig. Nicht ohne Grund. Sie arbeitet, während die andere sitzt. Irgendwann beschwert sie sich. Jesus müsse Maria doch sagen, dass sie helfen soll.

Man kann die Geschichte leicht missverstehen. Als würde hier das tätige Leben abgewertet und die kontemplative Versenkung zum eigentlichen Ziel erklärt.

Das wäre eine bequeme Moral für alle, die anderen gern beim Abwaschen zusehen.

Jesus reagiert aber auf Martas Unruhe. Auf ihre Sorge um all das, was getan werden muss. Und er übernimmt ihre Rechnung nicht. Maria sitzt da und tut, gemessen an der Arbeit im Haus, nichts Nützliches. Sie hört zu. Sie ist Gegenüber. Marta ist das ebenfalls. Nur droht ihr die Arbeit gerade den Blick darauf zu verstellen.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Unruhe dieser Geschichte: Marta hat alle Hände voll zu tun und beginnt sich selbst von dem her zu verstehen, was sie leistet. Maria tut weniger und fehlt deshalb trotzdem nicht.

Die Geschichte trennt nicht einfach Tätigkeit und Untätigkeit. Sie zeigt zwei Möglichkeiten, sich selbst zu verstehen: als jemand, dessen Bedeutung an seiner Leistung hängt, oder als jemand, der schon vor aller Leistung Gegenüber ist. Hier hilft Kant weiter.

Würde ist nicht Nützlichkeit

Kant hat eine präzise Unterscheidung formuliert. Einen Preis hat, wofür sich ein Äquivalent finden lässt. Was einen Preis hat, kann verglichen, getauscht und ersetzt werden. Würde hat, was sich dieser Rechnung entzieht.

Arbeit hat in diesem Sinn einen Preis. Leistungen lassen sich vergleichen. Menschen kommen in solchen Vergleichen vor, insofern sie etwas leisten. Aber sie gehen darin nicht auf.

Das ist für die Debatte über künstliche Intelligenz entscheidend. KI wird Tätigkeiten übernehmen, die bisher Menschen erledigt haben. Berufe werden sich verändern. Einige werden verschwinden, andere entstehen. Menschen werden in bestimmten Funktionen ersetzbar. Würde schützt uns davor nicht.

Der Mensch kann ersetzbar sein, ohne deshalb überflüssig zu werden.

Ein Mensch ist kein Produkt auf einem Markt der Fähigkeiten. Seine Würde steigt nicht mit seiner Leistungsfähigkeit und sinkt nicht mit seiner beruflichen Ersetzbarkeit. Die Unterscheidung klingt trivial. Wäre sie es, würde der Verlust einer beruflichen Funktion aber nicht so leicht als Verlust persönlicher Bedeutung erfahren.

Was genau soll eigentlich obsolet werden: eine Tätigkeit oder ein Mensch?

Das klingt selbstverständlich, bis man die Gegenprobe macht. Gilt das für jeden? Was ist mit der dementen Frau im Pflegeheim? Ist ihr Leben lebenswert? Dem schwerbehinderten Mann? Wäre sein Tod nicht auch – wenigstens hinter vorgehaltener Hand und mindestens für seine Angehörigen – eine Erlösung? Dem stinkenden und besoffenen Obdachlosen, der wirre Tiraden brüllt? Ist der noch zu retten?

Wir würden hoffentlich bei keinem von ihnen sagen, ihr Leben sei weniger wert. Wir würden freundlicher formulieren. Krankheit, Unfall oder Drogenabhängigkeit haben ihren Lebenswert bedauerlicherweise gemindert. Würde meint nicht besonders wertvoll, sondern etwas anderes als wertvoll über das man nur philosophisch spekulieren, an das man nur religiös glauben kann.

Würde beginnt dort interessant zu werden, wo die Nützlichkeit als Begründung wirklich ausfällt.

Der Christenmensch als Nichtsnutz

Das christliche Menschenbild bestimmt den Kern des Menschen nicht von seinen Fähigkeiten her. Es kommt von einer eigentümlichen Vorstellung von Gott her: Gott will den Menschen als Partner, als Gegenüber und er bindet sich an ihn.

Als Geschöpf ist er nicht dazu da, eine göttliche Versorgungslücke zu schliessen. Er muss keinen Götterhimmel ernähren, keine Gottheit bei Laune halten, keine kosmische Maschine am Laufen halten. Die biblische Schöpfungserzählung beschreibt den Menschen auch nicht als Personal Gottes. Sie erzählt von einem Gott, der den Menschen um seiner selbst willen will. Der Mensch erscheint nicht zuerst als Mittel für einen Zweck. Er ist gewollt, bevor sich die Frage stellt, wozu er gut ist. Gott hat zum Menschen ein affektiv-ästhetisches Verhältnis, kein zweckrationales.

Menschen sind Kunstwerke, kein Werkzeug.

Das Bild hat Grenzen. Kunstwerke werden gehandelt, bewertet und manchmal als Geldanlage gekauft. Gemeint ist etwas Einfacheres: Gott braucht den Menschen nicht als Instrument. Er will ihn als Gegenüber.

Die Rede von der Gottebenbildlichkeit des Menschen vergöttlicht den Menschen nicht. Er ist nicht Schöpfer, sondern Geschöpf. Gottebenbildlichkeit meint aber auch nicht, dass der Mensch irgendeine exklusive Superfähigkeit besitze, an die keine Maschine je heranreichen werde. Sie meint schlicht, dass Gott sich in jedem Menschen wiedererkennen kann. Die Pointe der christlichen Gottebenbildlichkeit besteht darin, dass Gott selbst menschlich, nicht dass der Mensch selbst göttlich wird.

Das ist die eigentliche Evolutionsgeschichte des Evangeliums: Gott wird Mensch.

Christlicher Humanismus kommt aus der Demut vor Gott her: Wenn Gott uns als seine Kinder verstehen kann, müssen wir uns dann nicht als Geschwister begreifen? Auch die dementen, schwerbehinderten, stinkenden, besoffenen und unerträglichen. Würde bezeichnet dann keine besonders wertvolle Eigenschaft des Menschen. Sie ist überhaupt kein Wert im Sinne eines Preises. Würde hat, was nutzlos und einmalig ist.

FOBO ist das Symptom eines falschen Selbstverständnisses. Natürlich können Menschen in bestimmten Funktionen ersetzt werden. Wo sie aber eine Funktion erfüllen, gehen sie nie in dieser Funktion auf. Sie sind ja nie nur Mittel, sondern immer zuerst Zweck.

Tätigkeiten und Dienstleistungen werden obsolet. Menschen bleiben Personen.

Wer diese Kategorien nicht trennt, macht aus einer ökonomischen Beobachtung eine anthropologische Aussage. «Diese Tätigkeit wird nicht mehr gebraucht» bedeutet dann «Dieser Mensch wird nicht mehr gebraucht».

Das ist weniger beruhigend, als es zunächst klingt. Denn Würde garantiert keine Unersetzbarkeit. KI-Systeme werden Menschen in vielen Funktionen unterstützen und in manchen ersetzen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie wir unsere Unersetzbarkeit gegen die Maschine verteidigen.

FOBO ist das Symptom eines falschen Selbstverständnisses. Aber in diesem falschen Selbstverständnis drückt sich nicht nur ein massenhafter individueller Irrtum aus, sondern ein falsches Bewusstsein, das wir unter menschenverachtenden Bedingungen über Generationen eingeübt haben.

Man kann Grossartiges bauen und Menschen dabei klein machen

Wir feiern Gesellschaften, die technisch, kulturell und organisatorisch Erstaunliches hervorgebracht haben: Pyramiden. Das Kolosseum. Den Petersdom.

Man kann vor solchen Bauwerken stehen und ihre Grösse bewundern. Sie zeigen, was Menschen zustande bringen, wenn Wissen, Arbeit, Organisation, Geld und Macht auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet werden. Aber nicht nur das.

Sie erinnern uns auch daran, dass jemand den Preis dafür bezahlt hat. Meistens nicht solche, die entscheiden konnten. Nicht Menschen, die in ihrer Arbeit auch Zweck und nicht nur Mittel gewesen sind.

Gesellschaften können Grossartiges hervorbringen und ihre Menschen dabei klein machen.

Das ist die politische Herausforderung, vor der wir auch angesichts künstlicher Intelligenz stehen. Wird sie uns klein machen? Werden wir an ihr und ihren Möglichkeiten wachsen?

Die technischen Möglichkeiten entwickeln sich. Produktivität wird steigen. Tätigkeiten können leichter werden. Unangenehme, repetitive oder gefährliche Arbeit kann verschwinden. Vielleicht entsteht tatsächlich ein Reichtum an Möglichkeiten, von dem frühere Generationen nur träumen konnten.

Aber für wen? Wer bestimmt, wessen Arbeit, wessen Beruf oder gar Berufung verschwindet? Wer trägt die Übergangskosten? Wem gehören die Produktivitätsgewinne? Welche Tätigkeiten wollen wir als menschliche Arbeitsgebiete erhalten, obwohl Maschinen sie billiger erledigen könnten? Wie viel gesellschaftliche Teilhabe darf weiterhin daran hängen, ob jemand auf einem Arbeitsmarkt gebraucht wird?

Diese politischen Fragen dürfen nicht durch technische Machbarkeit oder betriebswirtschaftliche Rationalität beantwortet werden. Es sind Fragen, in denen sich zeigt, wer wir zusammen sind oder wenigstens sein wollen.

Die grosse Chance künstlicher Intelligenz und der sich damit verbindenden Möglichkeiten liegt darin, dass sie uns zu dieser Auseinandersetzung zwingen. Sie zwingen uns damit, genauer darüber nachzudenken, was wir voneinander eigentlich erwarten.

FOBO ist auch Ausdruck eines Misstrauens in die politische Steuerbarkeit von Gesellschaft, Spiegelbild eines erschütterten Vertrauens in die Inklusionskraft unserer Gesellschaft. Wenn diese die Menschen nur deshalb und nur insoweit teilhaben lässt, weil und wie sie gebraucht werden, wird sie an den KI-Entwicklungen zerbrechen.

Eine Gesellschaft, die Menschen als Personen ernst nimmt, erhält durch dieselben Techniken neue Möglichkeiten. Welche davon Wirklichkeit werden, ist keine Frage der Maschine oder der Machbarkeit, sondern der politischen Verständigung, Meinungsbildung und Lenkung.

Das ist keine Sonntagsbotschaft gegen die Angst vor künstlicher Intelligenz. Es ist eine politische Aufgabe für alle, die diesen Gott ein wenig lieben.

Oder ihn wenigstens ein wenig fürchten.

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