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Dieser Artikel ist der zweite Teil einer Reihe zum Thema Heterofatalismus, die sowohl bei Reflab wie auch hier auf dem EKS-Blog erscheint. Heterofatalismus bezeichnet die Auffassung, dass heterosexuelle Beziehungen für Frauen nachteilig bis sogar lebensgefährlich sind, und die daraus entstandene Bewegung, dass manche Frauen solche Beziehungen nicht mehr suchen.
Dass Frauen Männern nicht blind vertrauen, ist keine Charakterschwäche, sondern die logische Folge einer Welt, in der die Gefahr meist aus dem eigenen Umfeld kommt. Dieser Blog dreht die Frage um: Nicht Frauen schulden Vertrauen – Männer schulden eine Welt, in der es wieder vernünftig wäre zu vertrauen.
Ich traue meinem Mann nicht zu, was Dominique Pelicot nachgewiesen wurde – oder was Christian Ulmen im Fall Fernandes und Patrick Frei von Iwona L. und Paula L. vorgeworfen wird. Natürlich nicht. Aber Iwona L., Gisèle Pelicot und Collien Fernandes haben ihren Partnern und Paula L. dem Lebenspartner ihrer Mutter vermutlich auch vertraut. Genau in dieser Diskrepanz lebe ich als Frau in einer heterosexuellen Ehe: zwischen konkreter Liebe und gesellschaftlichem Wissen. Ich vertraue einem einzelnen Mann und weiss gleichzeitig, dass weibliches Vertrauen in Männer nie ganz unschuldig ist.
Manuel plädiert in seinem Blog «Liebe in Trümmern» dafür, die Liebe nicht den Tätern zu überlassen. Ich verstehe diesen Impuls. Ich teile ihn sogar. Sein Text leistet daneben wichtige Arbeit zu Recht, Sensibilisierung und der Theologiegeschichte der Ehe – hier greife ich bewusst nur einen Faden heraus: die Frage, wem eigentlich das Vertrauen und die Hoffnung aufgebürdet werden. Aber Hoffnung darf nicht zur Pflicht für Frauen werden. Wer die Liebe retten will, muss deshalb zuerst fragen, warum weibliches Vertrauen so teuer geworden ist und wer es wieder verdienen muss.
Im Echo auf Manuels Abschnitt mit dem gleichen Titel, will ich gerne noch auf ein paar Zahlen eingehen.
In den vergangenen Jahren gab es unzählige Berichte über Gewalt gegen Frauen. Die WHO geht davon aus, dass rund jede dritte Frau körperliche und / oder sexualisierte Gewalt durch einen Intimpartner oder sexualisierte Gewalt durch einen Nicht-Partner erlebt. Im Jahr 2025 bezifferte die WHO das auf rund 840 Millionen Frauen weltweit, die im Laufe ihres Lebens Partnergewalt oder sexualisierte Gewalt erlebt haben. Auch in der Schweiz ist der Nahbereich der gefährlichste Ort: Alle zwei Wochen wird hier eine Frau von ihrem Ehemann, Lebenspartner, Ex-Partner, Bruder oder Sohn getötet, jede Woche überlebt eine weitere einen versuchten Femizid. 2025 fanden deshalb fast 2800 Frauen und Kinder Schutz in Schweizer und liechtensteinischen Frauenhäusern – bei einer Auslastung von 81 Prozent und einem Angebot, das die Empfehlung des Europarats von einem Platz pro 10’000 Einwohnerinnen bei weitem nicht erfüllt (aktuell 0,26).
Das Erschütternde daran ist nicht nur die Gewalt selbst. Es ist ihre Nähe. Die Gefahr kommt nicht primär aus dunklen Gassen, sondern aus Schlafzimmern, Familienchats, gemeinsamen Wohnungen, geteilten Passwörtern, Ehen und Beziehungen. Genau dort, wo Vertrauen wohnen sollte, kann es gegen Frauen verwendet werden.
Das Misstrauen vieler Frauen ist nicht überempfindlich. Es ist eine Überlebensstrategie, die aus einer gewaltförmigen Wirklichkeit entstanden ist.
Im Internet, vor allem auf Instagram und TikTok, kursierte im Jahr 2024 die Frage an Frauen, ob sie im Wald lieber einem fremden Mann oder einem Bären begegnen würden. Viele wählten den Bären. Eine YouGov-Umfrage in Grossbritannien fand im Mai 2024 heraus, dass von den befragten Frauen zwischen 18 und 29 Jahren 53 % den Bären und nur 31 % den unbekannten Mann wählten.
Die Bär-Frage sagt nicht: Jeder Mann ist gefährlicher als ein wildes Tier. Sie sagt:
Viele Frauen haben gelernt, dass sie den Preis einer falschen Einschätzung männlicher Harmlosigkeit selbst bezahlen.
Auch Bewegungen wie 4B lassen sich so verstehen. Die südkoreanische Bewegung steht für vier Verweigerungen: keine Ehe, keine Geburt, kein Dating und kein Sex mit Männern. Die Journalistin Nele Sophie Karsten hat für diese Erschöpfung kürzlich den Begriff «Heterofatalismus» geprägt – sichtbar auch in Hashtags wie #boysober oder #manrepellentoutfits. Man muss diese Antwort nicht teilen, um sie ernst zu nehmen. Sie ist eine radikale Reaktion auf dasselbe Problem: Was, wenn die vertrauten Formen von Liebe, Sex, Ehe und Familie für Frauen nicht nur Schutz bedeuten, sondern auch Risiko?
Als verheiratete Frau ist dieses Wissen besonders schwer auszuhalten. Denn Ehe lebt von Vertrauen. Ich kann nicht jeden Tag neben meinem Mann sitzen und ihn zugleich unter Generalverdacht stellen. Ich will das auch nicht. Eine Beziehung braucht die Möglichkeit, einander zu glauben.
Aber mein persönliches Vertrauen löscht das gesellschaftliche Wissen nicht aus. Ich kann meinem Mann vertrauen und trotzdem wissen, dass andere Frauen ihren Männern auch vertraut haben. Ich kann eine gute Ehe führen und trotzdem sehen, dass Ehe für Frauen nicht automatisch Schutzraum ist. Ich kann lieben und trotzdem wütend sein darüber, dass Frauen immer wieder lernen müssen, vorsichtig zu bleiben.
Genau dieses Spannungsfeld ist die Zumutung: Frauen sollen lieben, vertrauen, offenbleiben, nicht verbittern, nicht pauschalisieren, nicht unfair sein. Gleichzeitig sollen sie wachsam sein, Risiken erkennen, Grenzen schützen, Warnzeichen lesen und sich im Zweifel rechtzeitig entziehen. Das ist eine unmögliche Doppelanforderung.
Der Aufschrei lässt jeweils nicht lange auf sich warten. Unter dem Hashtag #notallmen versuchen – meist Männer – darauf aufmerksam zu machen, dass nicht alle so sind. Dem stimme ich zu. Auch Manuel hält in seinem Text fest, dass der Satz «alle Männer» kein blanker Unsinn ist – darin sind wir uns einig. Aber woher sollen Frauen wissen, welche Männer harmlos sind? Gerade der Schrei nach «nicht alle Männer» lässt vermuten, dass das eigentliche Problem nicht erkannt wurde, sondern der Diskurs verschoben wird auf ein Nebengleis.
Für Frauen ist diese Unterscheidung keine theoretische Fairnessfrage, sondern eine Sicherheitsfrage.
Auch Dieter Nuhr hat sich vor kurzem sehr prominent über die Femizide lustig gemacht. Nach seinem Auftritt gingen beim RBB rund 325 Beschwerden ein. Er gab den Frauen den Tipp mit, die Person, mit der sie schlafen doch erst mal kennen zu lernen. Klassischer Fall von: das Problem nicht verstanden. Erstens ist es Täter-Opfer-Umkehr, wenn die Frau verantwortlich gemacht wird für die Tat eines Mannes. Es ist auch nur eine andere Art zu fragen: «Was hattest du denn an?» und zweitens wird mit dieser Aussage verkannt, dass die meisten Täter aus dem intimsten Umfeld der Frauen kommen. Also nicht der Fremde auf dem Nachhauseweg oder der One-Night-Stand aus dem Club ist statistisch gesehen die grösste Gefahr für eine Frau – sondern ihr Partner / Vater / Stiefvater. Einer aus dem direkten Umfeld also.
Wie sehr sich Gefahr und Fremdheit gegenseitig ausschliessen, zeigt ein Fall, der im Sommer 2026 in der Schweiz Schlagzeilen machte: Der frühere Aargauer SVP-Grossrat Patrick Frei wetterte im Aargauer Parlament gegen ausländische Täter und unterzeichnete kurz vor seiner Verhaftung noch einen Vorstoss für härteres Vorgehen gegen Pädosexuelle. Laut Anklage soll er zur gleichen Zeit die 14-jährige Tochter seiner Partnerin über Monate mit K.-o.-Tropfen betäubt und mehr als 40-mal missbraucht haben. Als der Fall aufflog, kürzten die Behörden nicht ihm, sondern Mutter und Tochter die Sozialhilfe und drohten ihnen mit Abschiebung, ihre Erfahrung sexueller Gewalt begründe keinen «schwerwiegenden persönlichen Härtefall».
Nicht der Fremde war die Gefahr. Und als sie es aussprachen, war es wieder an ihnen, dafür zu bezahlen.
Deshalb liegt die Lösung nicht darin, dass Frauen sich mehr Mühe geben, wieder zu vertrauen. Das Vertrauensproblem ist nicht von Frauen geschaffen worden. Also kann es auch nicht ihre Aufgabe sein, es allein zu lösen.
Männer sind hier nicht Zuschauer, Kommentatoren oder potenziell Missverstandene. Sie sind in der Pflicht. Nicht erst dann, wenn sie selbst Gewalt ausüben, sondern dort, wo sie Gewalt ermöglichen, verharmlosen, überhören oder aus Bequemlichkeit nicht widersprechen. Wer sexistische Witze stehen lässt, wer übergriffiges Verhalten relativiert, wer Täter schützt (zum Beispiel durch Schweigen), weil sie Freunde, Kollegen, Brüder oder Parteifreunde sind, macht sich zum Teil des Problems.
Es reicht nicht, kein Täter zu sein. Männer müssen aktiv dafür sorgen, dass Täter weniger Schutzräume haben: in Chatgruppen, Garderoben, Vereinen, Kirchen, Parteien, Büros, Familien und Freundeskreisen. Sie müssen einander widersprechen, bevor Frauen verletzt werden. Sie müssen Grenzen benennen, bevor Gerichte zuständig werden. Und sie müssen die emotionale, soziale und politische Arbeit übernehmen, die sie zu lange an Frauen delegiert haben.
Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass Männer gekränkt erklären, sie seien doch anders. Vertrauen entsteht, wenn Männer zeigen, dass sie bereit sind, Kosten zu tragen: Freundschaften zu riskieren, Macht zu teilen, Privilegien aufzugeben, unangenehme Gespräche zu führen und Betroffenen zu glauben. Solange Frauen die Hauptlast der Vorsicht tragen, sind Männer ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden.
Nicht Frauen schulden Männern Vertrauen. Männer schulden Frauen eine Welt, in der Vertrauen wieder vernünftig sein kann.
Wer nun einwendet, Ehe und feste heterosexuelle Beziehungen seien doch nachweislich gesund und stabilisierend, hat nicht ganz Unrecht. Aber auch hier lohnt sich der zweite Blick.
Viele Statistiken zeigen, dass Verheiratete im Durchschnitt gesünder sind und länger leben. Dieser Befund ist aber ungleich auf die Geschlechter verteilt. Der sogenannte Ehebonus ist häufig ein Männerbonus. Auch jenseits von Emilia Roigs institutioneller Kritik an der Ehe, wie Manuel sie in seinem Text aufgreift, zeigt sich dieses Ungleichgewicht sehr konkret in den Gesundheitsdaten. Der Verhaltensökonom Paul Dolan bringt es in «Happy Ever After» auf den Punkt: Männer leben länger, wenn sie heiraten – Frauen leben länger, wenn sie es nicht tun. Für Männer wirkt die Ehe statistisch oft schon als soziale Infrastruktur. Sie leben länger und sind gesünder. Für Frauen entscheidet viel stärker, ob diese Ehe tatsächlich gut, sicher, gerecht und entlastend ist.
Wenn Ehe Männer gesünder macht, muss man fragen: Wer produziert diese Gesundheit? Wer erinnert an Vorsorgeuntersuchungen, hält soziale Beziehungen am Leben, organisiert Ernährung, Pflege, Geburtstage, Kinder, Konfliktarbeit und emotionale Stabilität?
Der männliche Ehebonus fällt nicht vom Himmel. Er wird oft von Frauen erarbeitet.
Auch deshalb ist die Frage nicht, ob Ehe gut oder schlecht ist. Die Frage ist: Für wen ist sie gut, unter welchen Bedingungen, mit welcher Machtverteilung — und wer bezahlt den Preis dafür?
Ich will die Liebe nicht den Tätern überlassen. Aber ich will auch nicht, dass Frauen die Liebe retten müssen, indem sie ihre Angst verschweigen und verdrängen. Frauen, die lieben, sind nicht naiv. Frauen, die vorsichtig bleiben, sind nicht verbittert. Und Frauen, die sich entziehen, nicht heiraten, nicht daten oder Männern grundsätzlich misstrauen, verweigern nicht die Liebe. Sie verweigern eine Ordnung, die zu lange von ihnen verlangt hat, Verwundbarkeit für Normalität zu halten.
Auch Gisèle Pelicot, die Manuel am Ende seines Textes zitiert, sagt, sie sei bereit, das Risiko der Liebe erneut einzugehen, das ist ihre freie Entscheidung als Überlebende, kein Massstab für andere Frauen. Das widerspricht Manuels Hoffnung nicht. Es schärft sie: Liebe kann möglich bleiben. Aber nicht als Pflicht zur Versöhnung. Nicht als weibliche Vorleistung. Nicht als Beweis, dass man «nicht alle Männer» verstanden hat. Und nicht als Vertrauensvorschuss für Männer.
Ich vertraue meinem Mann. Aber dass dieses Vertrauen heute nicht mehr unschuldig ist, ist nicht meine Schuld. Es ist Aufgabe der Männer, eine Welt zu schaffen, in der weibliches Vertrauen wieder vernünftig sein kann.
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