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Ein Beitrag von Sabine Stalder und Stephan Jütte
Die Schweiz ist ein Land der Freiwilligen. 86 Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren leisten in irgendeiner Form einen Beitrag zum Gemeinwohl – durch Zeit, Geld oder Nachbarschaftshilfe. Zwei Drittel (66 Prozent) engagieren sich aktiv freiwillig. Die gute Nachricht: Dieses Engagement ist krisenresistent. Weder Pandemie noch gesellschaftlicher Wandel haben es einbrechen lassen. Gleichzeitig zeigt der Freiwilligenmonitor 2025 klar: Die Formen des Engagements verändern sich, und die soziale Ungleichheit beim Zugang zu Freiwilligenarbeit bleibt hoch. Für Kirchen ist das ein Weckruf – und eine grosse Chance.
Insgesamt werden in der Schweiz jährlich rund 590 Millionen Stunden freiwillig geleistet. Unterschieden wird zwischen formeller und informeller Freiwilligenarbeit:
Die Faktoren, die das freiwillige Engagement prägen, sind klar: Bildung, Staatsangehörigkeit, Haushaltseinkommen, Geschlecht, Sprachregion und die Verweildauer am Wohnort / Wohnsitzdauer.
Frauen engagieren sich häufiger informell als Männer. Besonders viel informelle Freiwilligenarbeit leisten ältere Personen zwischen 65 und 74 Jahren. In den jüngeren Altersgruppen profitieren anteilsmässig häufiger auch nicht-verwandte Personen vom informellen Engagement – Nachbarschaft, Freundeskreis, Quartier.
Menschen ohne nachobligatorischen Bildungsabschluss und mit einem monatlichen Haushaltseinkommen unter 5 000 Franken engagieren sich deutlich seltener als Personen mit höheren Abschlüssen oder Einkommen.
Personen mit Schweizer Nationalität engagieren sich häufiger informell als Personen mit ausländischer Nationalität, Doppelbürger:innen liegen dazwischen. Ein Grund: Familienangehörige von in der Schweiz lebenden Ausländer:innen leben häufig nicht in der Schweiz – dadurch fallen weniger informelle Care-Aufgaben vor Ort an.
Das häufig vermutete Stadt-Land-Gefälle lässt sich nicht bestätigen: Im städtischen Umfeld ist das Engagement nicht wesentlich geringer als im ländlichen, und auch zwischen den Sprachregionen zeigen sich keine gravierenden Unterschiede. Entscheidend ist weniger die Postleitzahl als die soziale Lage und die Frage, wie gut jemand vor Ort verwurzelt ist.
Kirchliche Engagements umfassen sowohl formell organisierte Tätigkeiten als auch grosse informelle Anteile:
Dabei zeigen sich einige markante Merkmale:
Zufriedenheit: 95 Prozent der kirchlich Engagierten sind sehr oder eher zufrieden – ein überdurchschnittlich hoher Wert im Vergleich zu politischen oder öffentlichen Ämtern (90 Prozent).
Entschädigung: Die finanzielle Vergütung ist gering; nur wenige erhalten mehr als eine Spesenentschädigung. Anerkennung, Gemeinschaft und Weiterbildung sind zentrale „Lohnformen“.
Dauer und Bindung: 76 Prozent der kirchlichen Freiwilligen engagieren sich zeitlich unbefristet. Gleichzeitig nimmt die Bereitschaft zu projektbezogenen, kürzeren Einsätzen zu (7 Prozent projektbezogen, 9 Prozent an Grossanlässen), während langfristige Verpflichtungen an Attraktivität verlieren.
Auffällig ist die Altersstruktur: Der Altersdurchschnitt der kirchlich Engagierten liegt bei 45+, der Median bei 56 Jahren.
«Es wird nötig sein, jüngere Personen „nachzuziehen“, damit auch künftig genügend Freiwillige vorhanden sind.»
Jüngere Menschen engagieren sich seltener in formellen kirchlichen Funktionen, zeigen aber ein deutlich höheres Interesse an projektbezogenen oder flexiblen Formen des Engagements. Das klassische Milizprinzip und die traditionelle Vorstandstätigkeit stossen bei vielen Jüngeren auf Ablehnung – einerseits aus Zeitgründen, andererseits wegen der hohen und langfristigen Verbindlichkeit.
Es wird nötig sein, jüngere Personen „nachzuziehen“, damit auch künftig genügend Freiwillige vorhanden sind. Dazu brauchen Kirchen andere Rollenbilder, andere Formen der Beteiligung – und andere Wege der Ansprache.
Der Freiwilligenmonitor beschreibt Engagement heute als „wiederkehrend, aber punktuell“. Immer mehr Freiwillige möchten flexible Einsätze, kürzere Zeiträume und weniger langfristige Bindung.
Formen verändern sich – das Niveau bleibt hoch. Für Kirchen, die stark auf dem Milizprinzip und klassischen Ehrenämtern aufbauen, bedeutet das:
Sonst gehen ihnen mittelfristig die nächsten Generationen von Freiwilligen verloren.
Freiwilligenarbeit ist keine selbstverständliche Konstante über alle Gruppen hinweg, sondern in vielem ein soziales Privileg:
Für Kirchen heisst das:
Die Motivation der Freiwilligen ist dual:
Im kirchlichen Bereich stehen Sinn, Gemeinschaft und Glaube im Vordergrund: Das Motivbündel „Wertorientierung und Solidarität“ ist besonders wichtig. 8 Prozent der formell Freiwilligen geben an, sich aus religiöser oder spiritueller Überzeugung zu engagieren.
Auffällig: Der Faktor „die Tätigkeit macht Spass“ hat den zweithöchsten Stellenwert.
Wer Freiwillige gewinnen will, muss beides verbinden: Solidarität und Selbstentfaltung, Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit. Kirchgemeinden sind gut beraten, Räume zu schaffen, in denen Menschen ihre Gaben entdecken, Gemeinschaft erleben, sich weiterentwickeln – und zugleich merken: Mein Einsatz bewirkt etwas.
Die informelle Care-Arbeit – Betreuung und Pflege ausserhalb des eigenen Haushalts – wird überwiegend von Frauen getragen. Besonders aktiv sind Menschen im Alter von 65 bis 74 Jahren. Gleichzeitig ist die Beteiligung an der informellen Freiwilligenarbeit seit der Pandemie gesunken.
Das deutet auf eine zunehmende Belastung der Hauptakteur:innen hin – und auf eine Lücke in der professionellen und strukturellen Unterstützung. In jüngeren Altersgruppen profitieren anteilsmässig häufiger auch nicht-verwandte Personen, was zeigt: Solidarität geht über Familiengrenzen hinaus.
Für Kirchen ergibt sich eine doppelte Aufgabe:
Kirchliche Organisationen sind in vieler Hinsicht Anker der Dauer:
Gleichzeitig ist die Rekrutierungsbasis fragil: Nur rund 2 Prozent der Befragten nennen kirchliche Organisationen als „Wunschbereich“ für ein künftiges freiwilliges Engagement. Das zeigt eine Verankerungslücke – trotz stabiler, motivierter Basis.
Entscheidend ist, wie Menschen überhaupt zum Engagement kommen:
«Beziehung schlägt Inserat.»
Beziehung schlägt Inserat. Es lohnt sich, wenn Leitungspersonen gezielt auf Menschen zugehen, Potenziale sehen, Mut machen und Aufgaben klar und passend formulieren – statt darauf zu warten, dass jemand „von selbst“ vor der Tür steht.
Der Freiwilligenmonitor 2025 zeigt: An Engagement mangelt es nicht. Es mangelt an passenden Formen, offenen Zugängen und zeitgemässen Strukturen – insbesondere im kirchlichen Bereich.
«Die Frage ist, ob Kirchen jetzt den Mut haben, ihre Formen so zu verändern, dass sich auch die nächste Generation eingeladen fühlt.»
Für Kirchen heisst das konkret:
Theologisch gesprochen: Freiwilligenarbeit ist gelebte Nächstenliebe, geteilte Verantwortung und sichtbare Gemeinschaft. Gesellschaftlich ist sie ein Schatz, den wir nicht nur bewahren, sondern gerecht gestalten müssen.
Die Zahlen sagen: Die Basis ist stark, der Trend insgesamt stabil, im kirchlichen Bereich sogar leicht steigend. Die Frage ist, ob Kirchen jetzt den Mut haben, ihre Formen so zu verändern, dass sich auch die nächste Generation eingeladen fühlt – nicht nur zum Mitmachen, sondern zum Mitgestalten.

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