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Friedensdenkschrift der EKD – Frieden in unruhigen Zeiten

12.Nov. 2025

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hält an der Vision eines „Gerechten Friedens“ fest – ohne die Realität von Gewalt und Bedrohung zu leugnen. Zwar würdigt sie die pazifistischen Traditionen der Kirche, doch rückt zunehmend die Verantwortung des Staates zum Schutz des Lebens in den Vordergrund. Die evangelische Friedensethik befindet sich in einem Prozess der Neuorientierung, der noch nicht abgeschlossen ist.

Kriege, Terror, autoritäre Tendenzen – die Welt scheint aus der Ordnung gefallen. Wie lässt sich unter solchen Bedingungen von Frieden sprechen, ohne naiv zu wirken? Die neue Friedensdenkschrift der EKD wagt diesen Versuch. Unter dem Titel „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ legt sie eine zeitgemässe evangelische Friedensethik vor – ein Dokument, das keine schnellen Antworten gibt, sondern Orientierung anbietet.

Ein Leitbild mit Geschichte und Zukunft

Im Zentrum steht das Leitbild des Gerechten Friedens, das die EKD weiterentwickelt und für die Gegenwart konkretisiert. Friede wird darin nicht als Zustand verstanden, sondern als Prozess, in dem Gewalt abnimmt und Gerechtigkeit wächst – getragen von Verantwortung und eingebettet in gesellschaftliche und globale Strukturen.

Die Denkschrift entfaltet vier Dimensionen dieses Prozesses:

  • Schutz vor Gewalt – als grundlegende Voraussetzung jedes friedlichen Zusammenlebens.

  • Förderung von Freiheit – verstanden als Befähigung zur selbstbestimmten Lebensgestaltung.

  • Abbau von Ungleichheiten – als Korrektur ökonomischer und sozialer Machtasymmetrien.

  • Friedensfördernder Umgang mit Pluralität – als Anerkennung religiöser und kultureller Vielfalt.

Frieden ist damit mehr als das Ende militärischer Auseinandersetzungen. Er umfasst gerechte Teilhabe, verantwortete Freiheit und das Aushalten von Differenzen. Die EKD knüpft hier bewusst an das biblisch-eschatologische Friedensverständnis an – an das Bild des Schalom, das Gerechtigkeit, Heil und Beziehung einschliesst.

Gewaltverzicht und Verantwortung – ein realistisches Ideal

Zugleich bleibt die Denkschrift realistisch: In einer Welt, die von Sünde, Machtstreben und Angst geprägt ist, kann rechtserhaltende Gegengewalt notwendig werden – immer jedoch als ultima ratio, verhältnismässig und an das Ziel der Wiederherstellung des Friedens gebunden.

Die EKD hält fest:
„Friedenstüchtigkeit statt Kriegstüchtigkeit“
soll das Leitmotiv verantwortlicher Politik sein: Evangelische Friedensethik verknüpft den Vorrang der Friedenstüchtigkeit mit der Notwendigkeit der Verteidigungsfähigkeit.(2.1.3, 75.) Damit positioniert sich die EKD zwischen Pazifismus und Realpolitik. Sie bekennt sich zum Primat der Gewaltfreiheit, anerkennt aber zugleich die Schuldverstrickung jedes Handelns in einer unerlösten Welt. Wer Gewalt anwendet, auch zur Verteidigung, bleibt auf Gottes Gnade angewiesen.

Ethische Wegmarken für Gegenwart und Politik

Die Denkschrift spricht zentrale Konfliktfelder unserer Zeit an – von Waffenlieferungen über Atomwaffen bis hin zur Klimagerechtigkeit.

  • Nukleare Abschreckung widerspricht dem Geist des Gerechten Friedens und kann nur als Übergangslösung gelten.

  • Waffenlieferungen sind ethisch nicht ausgeschlossen, aber nie geboten – sie bedürfen sorgfältiger Abwägung.

  • Klimagerechtigkeit wird als integraler Bestandteil von Friedenspolitik verstanden.

  • Hybride Kriegsführung und digitale Desinformation verlangen ein neues Verständnis von Sicherheit, das Demokratie und Menschenrechte schützt.

Frieden, so die EKD, beginnt im Herzen, braucht aber Strukturen, die ihn ermöglichen.

Resonanzräume: EKS und GEKE

Die Friedensdenkschrift steht nicht isoliert, sondern ist Teil eines grösseren ökumenischen und europäischen Nachdenkens über Frieden. Auch die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) hat sich im Dokument „Ernstfall Frieden: Zum Krieg in der Ukraine“ (2022) mit der neuen Wirklichkeit eines europäischen Krieges auseinandergesetzt.

Darin wird betont, dass die christliche Friedensverantwortung sich nicht in moralischer Distanzierung erschöpft, sondern in aktiver Solidarität zeigt. Die EKS benennt den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine als Bruch des Völkerrechts und als Angriff auf die Menschenwürde – und bekräftigt zugleich die bleibende Berufung der Kirche, Friedensräume zu schaffen, Leiden zu lindern und Versöhnung zu fördern.

Frieden, so die EKS, bedeutet nicht Passivität, sondern entschlossene Parteinahme für das Leben. Christlicher Glaube steht nicht „über“ der Welt, sondern trägt Verantwortung in der Welt – im Gebet, im Handeln, im Hoffen wider die Angst.

Auch die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) hat in ihrer Erklärung zum Krieg in der Ukraine vom 18. März 2022 eine klare Stimme erhoben. Sie ruft zum Gebet, zum Zeugnis und zum Handeln auf – im Vertrauen auf den Gott des Friedens und der Gerechtigkeit.

Die GEKE verurteilt den Bruch des Völkerrechts durch die russische Regierung und bekennt sich zur Solidarität mit den Menschen in der Ukraine, aber auch mit jenen in Russland, die den Mut haben, den Krieg zu kritisieren. Zugleich erinnert sie daran, dass kirchliche Verantwortung über das politische Urteil hinausgeht: Sie besteht in tätiger Nächstenliebe, in Fürbitte, in der Bereitschaft, Schuld zu bekennen und Versöhnung zu suchen.

In dieser Perspektive wird der Gedanke des Gerechten Friedens auf europäischer Ebene konkret: Frieden ist Erinnerung, Verantwortung und Beziehung zugleich – getragen von der Hoffnung, dass Gottes Gerechtigkeit stärker ist als menschliche Gewalt.

Kirchliche Verantwortung im neuen Ernstfall

Die EKD-Denkschrift erinnert daran, dass die Kirche eine öffentliche Verantwortung trägt – durch Gewissensbildung, Friedensbildung und Versöhnungsarbeit.
Sie steht damit in einer Linie mit den jüngeren Stellungnahmen von EKS und GEKE: Alle drei rufen dazu auf, den Glauben nicht von der Weltlage zu trennen, sondern ihn im Spannungsfeld von Hoffnung und Realität als kritische, tröstende und widerständige Kraft zu leben.

Frieden ist in dieser Sichtweise kein Besitz, sondern eine Haltung – eine Bewegung zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen Bekenntnis und Verantwortung.
Und vielleicht liegt gerade darin seine Aktualität: Frieden beginnt mit dem Blick, der nicht wegsieht.

EKS blog

VON:

Stephan Jütte

Stephan Jütte

Dr. theol., Leiter Theologie und Ethik, Mitglied der Geschäftsleitung

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