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Gegen die Vereinnahmung des Christlichen

5. Mai 2026

Wenn das Kreuz zur Fahne wird, ist die Gefahr leicht zu erkennen. Schwieriger wird es dort, wo christliche Vereinnahmung freundlich, menschenrechtlich und moralisch sauber auftritt. Am Streit um die «10-Millionen-Initiative» zeigt sich: Kirche darf politisch nicht schweigen. Aber sie muss so sprechen, dass das Evangelium frei bleibt – auch von den Gewissheiten der Guten.

Christliche Vereinnahmung wird meist von rechts befürchtet – mit gutem Grund. Der Blick in die USA genügt. Dort wird das Kreuz zur Fahne, das Evangelium zur Identitätsmarke, die Kirche zum Resonanzraum eines politischen Lagers. Religion prüft nicht mehr, sie verstärkt. Sie segnet, was Macht will.

Religiöser Erwartungsdruck

Aber sie hat eine Schwester, über die weniger gern gesprochen wird: die progressive Vereinnahmung des Christlichen. Sie tritt nicht mit nationalem Pathos auf. Sie braucht keine Bibel auf der Bühne, keine sakral aufgeladene Flagge, keinen frommen Machtkult. Sie arbeitet mit moralischer Evidenz und dem Gefühl, auf der richtigen Seite der Geschichte und des Evangeliums zugleich zu stehen.

Sie behauptet nicht nur: Diese politische Position überzeugt mich aus christlichen Gründen. Sie sagt: Christlich kann man gar nicht anders. Wer zögert, laviert. Wer differenziert, verrät. Wer keine Parole fasst, schweigt. So wird aus einer notwendigen christlichen Stimme religiöser Erwartungsdruck.

An der Debatte um die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» lässt sich das gut beobachten. Die Vorlage berührt Fragen, zu denen Kirchen etwas zu sagen haben: Migration, Schutzsuchende, Menschenwürde, Angst, Zusammenhalt, Belastungsgrenzen, Integrationsaufgaben.

Der Mensch ist nicht zuerst Bevölkerungsfaktor. Nicht Kostenstelle. Nicht Integrationsproblem. Er ist Geschöpf Gottes: verletzlich, angewiesen, verantwortlich, würdig.

Es braucht christliche Stimmen

Darum ist es richtig, wenn kirchliche Hilfswerke, Theologinnen, Ethiker, Publizistinnen und engagierte Gemeindeglieder in diese Debatte eingreifen. Felix Reich, Redaktionsleiter von «reformiert.», hat in seinem Kommentar stark gemacht, dass Werte kein Besitz sind, den man verteidigt, sondern eine Praxis, die gelebt werden muss. Das Evangelium, so seine Linie, stellt sich auf die Seite vulnerabler und schutzsuchender Menschen. Angst dürfe nicht politisch bewirtschaftet, sondern müsse durch Begegnung und Teilen verwandelt werden.

Auch Christoph Sigrist findet deutliche Worte. Als Präsident der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz sieht er sich gemeinsam mit der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus in der Pflicht, fremdenfeindlichen Denkmustern zu widersprechen. Er fordert, kirchliche Verantwortungsträger müssten Position ergreifen, wenn Minderheiten diskriminiert oder Schutzsuchenden Zugänge verwehrt werden.

Zwischen öffentlicher Theologie und kirchlicher Vereinnahmung

Sigrist zieht zugleich eine wichtige Grenze: Parolen gehören nicht auf die Kanzel, theologische Stimmen aber sehr wohl in die gesellschaftliche Debatte. Dieser Satz ist besser als manche kirchliche Grundsatzerklärung. Er markiert den Unterschied zwischen öffentlicher Theologie und kirchlicher Vereinnahmung.

Denn natürlich kann Kirche nicht unpolitisch sein. Wer Menschenwürde sagt, sagt auch etwas über Recht, Zugehörigkeit und Macht. Wer Schutzsuchende sieht, sieht mehr als eine migrationspolitische Kategorie. Eine Kirche, die bei der Diskriminierung von Minderheiten neutral bleiben will, hat nicht Neutralität gewonnen, sondern ihre Sprache verloren. Aber daraus folgt nicht, dass sie jede politische Vorlage mit einer christlichen Parole versehen muss. Und auch nicht, dass jene, die keine Abstimmungsempfehlung abgeben, automatisch die Schwachen verraten. Hier beginnt die heikle Zone.

Keine offizielle EKS-Parole

Der Rat der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz hat entschieden, zur Initiative keine offizielle Parole herauszugeben. Dafür wurde die EKS scharf kritisiert. Der Vorwurf lautet: Gegen die SRG-Halbierungsinitiative habe sich die EKS positioniert, weil kirchliche Sendegefässe wie «Wort zum Sonntag» oder Fernsehgottesdienste betroffen gewesen seien. Bei einer migrationspolitischen Vorlage, die Schutzsuchende und das Menschenbild einer Gesellschaft betrifft, bleibe sie zurückhaltend.

Diese Irritation ist verständlich. Sie trifft einen wunden Punkt. Eine Kirche, die sich nur dann öffentlich exponiert, wenn ihre eigenen institutionellen Interessen berührt sind, hätte ein Glaubwürdigkeitsproblem. Aber so einfach ist es nicht.

EKS-Präsidentin Rita Famos sagt nicht, die Initiative gehe die Kirche nichts an. Im Gegenteil: Sie nennt die aufgeworfenen Fragen ethisch, gesellschaftspolitisch und theologisch höchst relevant. Sie hält die Antwort der Initiative für falsch, weil eine maximale Bevölkerungszahl in der Verfassung komplexe Probleme nicht löse. Zugleich verweist sie auf frühere Stellungnahmen der EKS zu migrationspolitischen Vorlagen und begründet den Verzicht auf eine aktuelle Parole damit, dass die Kirche nicht inflationär vor Abstimmungen Stellung beziehen solle.

Famos bezieht damit als Präsidentin der EKS erkennbar Position, ohne die Institution auf eine Parole zur vorliegenden Initiative festzulegen. Man kann das kritisieren. Man kann fragen, ob diese Unterscheidung öffentlich zu fein ist. Man kann fragen, ob «Debatten statt Parolen» nicht rasch wie eine elegante Formel für institutionelle Vorsicht klingt. Und man kann sehr wohl fragen, ob die EKS bei der SRG-Halbierungsinitiative schneller die eigene Betroffenheit erkannte als hier die Betroffenheit der Schutzsuchenden. Trotzdem ist die theologische Zurückhaltung nicht falsch.

Theologische Zurückhaltung aus Gründen

Die Kirche hat kein politisches Lehramt. Sie entscheidet nicht stellvertretend für die Gewissen ihrer Mitglieder. Sie steht nicht über der demokratischen Öffentlichkeit. Sie verfügt nicht über eine höhere Einsicht in Abstimmungsfragen, die sie nur noch in Parolen übersetzen müsste. Gerade die reformierte Tradition misstraut einer Kirche, die sich als geschlossene Autorität zwischen Evangelium und Gewissen schiebt.

Felix Reichs Kommentar in «reformiert.» zeigt diese Spannung exemplarisch. Er beginnt stark: Werte seien kein Besitz, den man verteidige, sondern eine Praxis, die gelebt werden müsse. Und er hält zu Recht fest, dass kirchliche Stimmen etwas zu sagen haben, wenn Zugehörigkeit und Bleiberecht von einer Bevölkerungsgrenze abhängig gemacht werden sollen.

Das ist präzis formuliert: kirchliche Stimmen. Nicht die Kirche als politisches Lehramt. Nicht das Christentum als fertige Abstimmungsparole. Sondern Stimmen aus einer Tradition, die Menschenwürde, Schutz und Verletzlichkeit nicht für Nebenthemen hält.

Doch genau hier beginnt der Kommentar zu kippen:

Aus der berechtigten Forderung, eine christliche Perspektive in die Debatte einzubringen, wird stellenweise die Erwartung, die Kirche müsse als Institution sagen, was christlich geboten sei. Die Pluralität kirchlicher Stimmen rückt in die Nähe einer christlichen Position.

Das ist theologisch heikel. Denn eine christliche Stimme in der Öffentlichkeit ist nicht dasselbe wie die christliche Position.

Kirche kann eine Debatte prägen, ohne sie zu schliessen. Sie kann Gründe nennen, ohne Gewissen zu ersetzen. Sie kann aus dem Evangelium heraus widersprechen, ohne ihre politische Folgerung mit dem Evangelium selbst zu verwechseln. Der Verzicht des Rates der EKS auf eine Parole ist darum nicht einfach Feigheit. Er schützt eine Unterscheidung, die gerade in aufgeheizten Debatten wichtig wird: Das Evangelium gibt Kriterien, keine Stimmempfehlung.

Keine politische Verfügbarkeit

Karl Barth hilft an dieser Stelle weiter. Nicht, weil er Politik aus dem Glauben heraushalten wollte. Im Gegenteil. Barth war alles andere als unpolitisch. Er hilft, weil er den Glauben vor seiner politischen Verfügbarkeit schützen wollte. Das Evangelium ist nicht der religiöse Tiefengrund eines Programms. Es ist das Wort, das auch die frommen Programme richtet. Darum kann es keine christliche Partei geben – jedenfalls nicht in dem Sinn, dass eine politische Richtung das Christliche besitzt.

Das Wort Gottes steht nicht im Dienst eines Programms. Es richtet auch die, die sich auf es berufen.

Das gilt gegen rechts. Aber es gilt auch gegen links.

Es gibt Gründe, eine Politik der Abschottung zu kritisieren. Es gibt starke biblische Motive für die Sorge um Fremde, Arme und Schutzsuchende. Es gibt gute theologische Gründe, sich gegen eine Sprache zu wehren, die Menschen zu Lasten erklärt. Aber daraus folgt nicht automatisch ein bestimmter Gesetzestext, eine bestimmte migrationspolitische Steuerung, eine bestimmte Abstimmungsparole.

Aber es ist zu billig, die Anliegen hinter der «10-Millionen-Initiative» nur als fremdenfeindliche Reflexe abzutun. Natürlich gibt es Grenzen des Wachstums. Natürlich spüren Menschen, dass Wohnraum knapp wird, Verkehrssysteme überlastet sind, Schulen und Integrationsstrukturen unter Druck geraten, Landschaft verbraucht wird und gesellschaftliche Verständigung anspruchsvoller wird. Eine Politik, die diese Erfahrungen moralisch abräumt, macht es sich zu leicht. Sie überlässt die realen Fragen jenen, die daraus einfache Antworten machen. Und eine Kirche, die diesen Herausforderungen nur seelsorglich begegnen will, ist abgehoben.

Christlicher Glaube ist keine Abkürzung durch politische Komplexität.

Wer so tut, als liege die richtige Parole bereits fertig im Evangelium, macht den Glauben kleiner, als er ist. Dann wird aus Theologie Moralrhetorik. Aus Verantwortung wird Druck. Aus Gewissensbildung wird Gewissensersatz. Und aus der Kirche wird jene Instanz, vor der sich Reformierte eigentlich hüten sollten: eine religiöse Autorität, die den politischen Streit mit dem Hinweis beendet, das Christliche sei hier doch eindeutig.

Weder beliebig noch eindeutig

Eindeutig ist nicht die politische Lösung. Eindeutig ist die Verpflichtung, Menschen nicht zu entwürdigen und das soziale Band nicht mürbe werden zu lassen.

Das ist kein Rückzug ins Unverbindliche. Es ist die Bedingung verantwortlicher Rede. Kirche muss widersprechen, wenn Schutzsuchende zu Sündenböcken gemacht werden. Sie muss den Finger darauflegen, wenn Angst politisch ausgeschlachtet wird, die Würde von Minderheiten verteidigen. Sie kann dabei aus ihren Erfahrungen sprechen: aus Deutschkursen, Mittagstischen, Seelsorge, Hilfswerken, Migrationsprojekten, Gemeindearbeit. Dort begegnen Menschen einander nicht als abstrakte Kategorien. Dort zeigt sich, was in der politischen Sprache oft verschwindet.

Aber Kirche muss nicht so tun, als könne sie aus diesen Erfahrungen eine unfehlbare Abstimmungsempfehlung ableiten. Sie kann prophetisch stören. Sie kann politische Argumente prüfen. Sie kann Menschenbilder kritisieren. Sie kann auch eine Parole fassen, wenn sie nach sorgfältiger Prüfung zum Schluss kommt, dass dies nötig ist. Nur darf sie dabei nicht behaupten, mit ihrer Parole sei das Christliche selbst gesprochen.

Entscheidend, wie sie spricht

An diesem Punkt könnte die Debatte um die EKS produktiv werden. Nicht die Frage ist entscheidend, ob Kirche politisch sprechen darf. Natürlich darf sie. Entscheidend ist, wie sie spricht: als moralische Grossinstanz, als Partei mit Gebetbuch, als Verband, der religiöse Autorität in Abstimmungsdruck verwandelt – oder reformiert: vielstimmig, öffentlich, angreifbar, ohne den Streit der Gewissen zu ersetzen.

Die stärkste Form kirchlicher Öffentlichkeit ist darum nicht zwingend die offizielle Parole.

Oft sind es Personen: Christoph Sigrist, der aus der Erfahrung mit Minderheiten spricht. Felix Reich, der die Angst nicht verachtet, aber ihre politische Bewirtschaftung kritisiert. Rita Famos, die eine problematische Initiative ablehnt, aber der Kirche nicht die Rolle einer Abstimmungsbehörde geben will. Kirchliche Hilfswerke, die aus konkreter Arbeit mit Geflüchteten argumentieren. Gemeinden, die nicht nur über Migration reden, sondern Begegnung ermöglichen. Das ist keine Schwäche, sondern reformierte Öffentlichkeit.

Das Evangelium bleibt frei

Die Kirche darf nicht schweigen. Aber sie muss auch nicht jede Erwartung erfüllen, die von ihr verlangt, das eigene politische Urteil religiös zu bestätigen. Wer von der Kirche verlangt, sie müsse jetzt endlich sagen, was christlich ist, sollte vorsichtig sein. Vielleicht verlangt er nicht mehr öffentliche Theologie. Vielleicht verlangt er die Taufe der eigenen Position. Das Evangelium ist dafür zu frei.

Es lässt sich nicht von rechten Identitätspolitiken einkassieren. Es lässt sich aber auch nicht von progressiven Gewissheiten verwalten. Es steht quer zu beiden, weil es den Menschen nicht als Mittel einer politischen Ordnung sieht. Weder als nationalen Besitzstand noch als moralisches Argumentationsmaterial.

Die Kirche muss politisch sprechen, wenn Menschenwürde, Schutz und Zusammenleben auf dem Spiel stehen. Aber sie muss so sprechen, dass der Glaube nicht zur Parole schrumpft.

Sie muss die Politik ernst nehmen, ohne sie zu sakralisieren. Sie muss Gewissen bilden, ohne sie zu ersetzen. Sie muss Partei ergreifen für Menschen, ohne Partei zu werden.

Das ist weniger bequem als ein Ja oder Nein im Namen des Christentums. Aber es ist reformierter. Die Kirche gewinnt nichts, wenn sie Abstimmungen religiös überhöht. Sie hat schon genug zu tun, wenn sie dafür sorgt, dass in ihnen der Mensch nicht verloren geht.

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2 Kommentare

  1. Hans-Balz Peter

    Hier eine von einigen Fehlern befreite verbesserte Version meines Kommentars von ca 12:30 — bitte wenn möglich ersetzen

    Gegen die Vereinnahmung des Christlichen
    Diese Ueberschrift irritiert mich. Sollte es nicht darum gehen, wie i c h mich verhalte – oder, als Ratsgremium, eine Kirchenleitung – wie sich dieses G r e m i u m vor der konkreten Fragestellung einer grundlegenden Verfassungsänderung verhalten, positionieren soll? – Der auf die Ueberschrift folgende Text, wohlerwogen, alles berücksichtigend, nichts gewichtend (ausser in der Beurteilung eines Theologen, der das anders sieht) — so viel Text, um zu sagen, warum man nicht ja,ja oder nein, nein sagen will.
    Die Gegenüberstellung: Diskussion versus „Parole“ halte ich für irreführend. Erstens nicht Entweder-Oder; und zweitens: was heisst Parole? Hier ist gewiss nicht die „parole de Dieu“ gemeint – die Anstoss erregen könnte; aber die Frage hat ebenso gewiss damit zu tun. Laut KI beziechnet „Parole“ in der Schweizer Politik eine „Abstimmungsempfehlung“ im Zusammenhang einer Volksabstimmung. Das muss nicht zwingend nur ein „Ja“ oder ein „Nein“ sein, sondern kann ein reflektives und argumentatives Abwägen von Vor- und Nachteilen sein – und in ein begründetes „Vorzugsurteil“, quasi in ein Zeugnis des diskursiven Prozesses münden. Dass „die Medien“ in der Verkürzung daraus evtl. eine „Parole“ im engS. machen, muss ausgehalten werden. Denn es geht ja in e r s t e r Linie um das, was gesagt werden muss, und erst sekundär um die Angst vor der Kritik oder der heute medial so hochgeschätzen Empörung.

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    • Stephan Jütte

      Danke für den sorgfältigen Kommentar. Ich verstehe den Einwand gut. Allerdings war mein Punkt nicht, Diskussion gegen Positionierung auszuspielen. Im Gegenteil: Eine Position sollte Ergebnis einer ernsthaften Diskussion sein.

      Meine Skepsis richtet sich eher gegen die Versuchung, das Christliche vorschnell mit einer politischen Vorlage zu identifizieren – so, als gäbe es hier schlicht die christliche und die unchristliche Seite. Kirche sollte urteilen, argumentieren und Orientierung geben. Aber sie sollte zugleich der Versuchung widerstehen, den eigenen politischen Schluss mit dem Evangelium selbst gleichzusetzen.

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