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Gegenfigur? Gegenbewegung!

22. April 2026

Papst Leo XIV. wird gerade als vernünftige, weise Gegenfigur zu Donald Trump aufgebaut. Selbst besonnene Stimmen klingen fast ehrfürchtig: Gegen Leo kann Trump nicht gewinnen. Ich gebe zu: Darüber reibe ich mir die Augen. 

Nicht, weil ich falsch fände, was Leo sagt. Im Gegenteil.  

Es ist gut, wenn jemand dem politischen Lärm, der Selbstinszenierung, der Verzweckung religiösen Glaubens und der Verrohung etwas entgegensetzt.

Und doch irritiert mich, wie schnell aus Zustimmung Autorität wird. In einer Podcastfolge hat der stets sorgfältig formulierende Journalist und Redaktor Klaus Brinkbäumer den Papst als die (!) moralische und religiöse Autorität eingeführt, an der Trump nicht vorbeikommen kann. Auch die sonst so kritische SZ jubelt dem Papst euphorisch zu… und vergisst ihre ansonsten scharf formulierte Kritik an undemokratischer Autorität.  

Die mediale Faszination am Katholizismus in ansonsten liberalen Strömungen und Medien ist nicht neu. Beim Tod von Papst Franziskus. Beim Konklave. Plötzlich schauten alle hin, auch Menschen, die mit Kirche sonst wenig anfangen können. Das ist kein Zufall.  

Der Katholizismus steht für viele längst für mehr als Glauben. 

Er verkörpert Würde, Feierlichkeit, Kontinuität, Weltweite. Fast wie eine symbolische Monarchie. Da ist eine Figur, die grösser erscheint als die Institution selbst. Und viele fühlen sich davon angesprochen, ohne im Einzelnen teilen zu müssen, wofür diese Kirche steht.  

Genau das macht mich zurückhaltend. Denn die römisch-katholische Kirche ist nicht einfach die natürliche Instanz in moralischen Fragen. Sie ist es jedenfalls nicht unangefochten. Nicht in der Sexualethik. Nicht in Fragen der Geschlechtergerechtigkeit. Nicht im Umgang mit Macht. Nicht dort, wo Beteiligung und Aufarbeitung hinter Autorität zurückstehen müssen. Darum sollten wir genauer hinschauen. Die römisch-katholische Kirche ist in Fragen der Sexualmoral, der Gleichstellung der Frau, der Vertuschung von Missbrauch der konservativen Maga-Bewegung viel näher, als viele das jetzt gerade wahrhaben wollen. Der Papst, der in letztgültiger Autorität die Wahrheit verkünden darf, provoziert den amerikanischen Präsidenten nur schon deshalb, weil dieser Papst über eine Position verfügt, die dem US-Präsidenten verwehrt bleibt. Er hat immer noch die Institutionen, die ihn zurückpfeifen können und dies – wenn auch zögerlich – tun.  

Es ist das eine, einem Papst zuzuhören, wenn er klug und klar spricht.
Es ist etwas anderes, ihm daraus fast selbstverständlich moralische Überlegenheit zuzuschreiben. 

Man macht es sich zu einfach, wenn man die eigene Verantwortung an einen moralischen Fürsprecher delegiert. Die reformierte Tradition setzt hier einen anderen Akzent der Aufklärung und individuellen Verantwortung. Kirche lebt nicht von der Ausstrahlung einer einzelnen Figur. Sie lebt nicht davon, dass einer, der in absolutistischer Herrschaftsposition regiert, für alle spricht. Sie lebt davon, dass Glaubende selbst lesen, fragen, urteilen, widersprechen und miteinander ringen. Kirche lebt von Beteiligung. Von gemeinsamer Verantwortung. Sie lebt von Engagement, nicht von Applaus und Massenveranstaltungen. Evangelisch-reformiert sein heisst, stets gemeinsam zu ringen um die Wahrheit. Das bedeutet manchmal auch, dass man Vielstimmigkeit aushalten muss, weil die Probleme komplex sind und Antworten vielschichtig.  

Gerade in unruhigen Zeiten ist die Sehnsucht nach starken Figuren gross. Das ist verständlich. Aber vergessen wir nicht, dass starke Führer mit uneingeschränkter Macht gefährlich sind für ein Kollektiv, weil sie ohne Korrektiv auch auf Abwege führen.  

Kirche lebt nicht dort, wo eine Figur alles auf sich zieht. Sondern wo viele Verantwortung übernehmen. Das verbindet die evangelisch-reformierte Kirche mit der demokratischen Gesellschaft.

Oder noch zugespitzter: Nicht der Glanz der Autorität ist evangelisch. Sondern das Vertrauen, dass Gottes Geist einer ganzen Gemeinde zugetraut und anvertraut ist. Und eine ganze Gemeinde und Gemeinschaft braucht es, um nachhaltige Veränderungen herbeizuführen und absolutistische Führer in die Schranken zu weisen. 

EKS Blog

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