a
  1. Start
  2. Blogposts
  3. Blog
  4. Geistliche Betrachtung zum Jahresbeginn 2026

Geistliche Betrachtung zum Jahresbeginn 2026

30.Dez. 2025

„Siehe, ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21,5)

Es gibt Sätze in der Bibel, die leuchten, selbst wenn man sie nur leise liest. „Siehe, ich mache alles neu!“ – da liegt ein Atemzug von Zukunft drin, ein Versprechen, das nicht nach Parole klingt, sondern nach Gottes Stimme, die mitten in unsere Müdigkeit hinein spricht. Ein Satz wie eine geöffnete Tür. Nicht: „Reiss dich zusammen.“ Nicht: „Mach endlich.“ Sondern: „Siehe.“ Schau hin. Nimm wahr. Halte inne. Lass dich unterbrechen von einer Wirklichkeit, die grösser ist als das, was du gerade für möglich hältst.

Und dann: „Ich mache.“ Nicht ihr. Nicht du. Nicht wir als Projektgemeinschaft, die sich mit Vorsätzen und Disziplin über Wasser hält. Sondern Gott. Ein göttliches Tätigkeitswort, das weder hektisch noch ideologisch ist, sondern schöpferisch. Gott ist nicht nur Ursprung, sondern Gegenwart; nicht nur Anfang, sondern ständige Bewegung. Der Gott der Bibel ist kein Museumsdirektor, der das Bewährte konserviert. Er ist der, der Leben hervorruft, wo es verschüttet ist, und Hoffnung, wo man sie längst abgeschrieben hat.

„Ich mache alles neu.“ Das klingt nach dem grossen Programm. Und tatsächlich steht der Satz in einem grossen Zusammenhang: Offenbarung 21 ist ein Fenster auf die Neuschöpfung – die Vision vom neuen Himmel und der neuen Erde, vom Ende der Tränen, vom Tod, der nicht mehr sein wird. Es ist der Horizont der Vollendung. Aber vielleicht ist gerade das Tröstliche: Diese Zukunft ist nicht nur Endstation, sondern Gegenwart im Werden. Wie ein Licht, das vom Morgen her schon in die Nacht hinein fällt.

Das Neue macht nicht nur Sehnsucht, sondern auch Angst

Wenn wir ehrlich sind, löst „das Neue“ nicht nur Sehnsucht aus. Es kann auch Unruhe machen. Denn neu heisst: anders. Und anders heisst: Verlust von Gewohntem, von Sicherheit, von Kontrolle. Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen – nicht nur „die anderen“, sondern wir selbst – sich nach dem Vertrauten sehnen. Nach einem Zurück. Nach einer Version der Welt, die übersichtlicher war, geordneter, einfacher. Und ja: Slogans, die „Wiederherstellung“ versprechen, treffen einen Nerv nicht nur in den USA, weil sie unseren inneren Wunsch bedienen, die Zukunft möge bitte nicht zu radikal werden.

Vielleicht ist das eine unterschätzte geistliche Aufgabe zum Jahresbeginn: neu lernen, was „neu“ bedeutet. Nicht jede Neuheit ist Erneuerung. Manches, was sich neu nennt, ist nur eine glänzende Verpackung für alte Mechanismen: Macht, Angst, Ausschluss. Und manches, was „traditionell“ heisst, ist in Wahrheit eine Projektion – ein nostalgisches Bild, das nie so existiert hat, aber tröstlich wirkt. Wir sind erstaunlich begabt darin, in die Vergangenheit ein Zuhause zu malen.

Gottes Zusage „Ich mache alles neu“ steht quer dazu. Sie sagt nicht: „Zurück.“ Sie sagt auch nicht: „Vorwärts um jeden Preis.“ Sie sagt: „Neu.“ Und dieses Neu ist nicht bloss Innovation, nicht bloss Update, nicht bloss ein frischer Anstrich. Es ist Neuschöpfung – eine Qualität, die aus Gottes Reich kommt.

Die Angst vor Krieg – und das Leben in der Ungewissheit

Vielleicht hören wir diese Losung in diesem Jahr auch deshalb so scharf, weil unsere Gegenwart schwer ist. In Europa ist die Angst gewachsen, der Krieg könne sich ausweiten – nicht nur als Schlagzeile, sondern als Hintergrundrauschen in Gesprächen, als Unruhe in der Brust. Der NATO-Generalsekretär warnte im Dezember 2025, Europa müsse sich auf die Gefahr eines Krieges vorbereiten und dürfe die Bedrohung durch Russland nicht unterschätzen.
Gleichzeitig ringt die EU darum, die Ukraine finanziell und militärisch zu stützen – jüngst etwa mit einem grossen Kreditpaket, weil der Krieg längst auch ein Abnutzungskrieg von Ressourcen und Durchhaltefähigkeit geworden ist.

Und mitten darin: Trauer. Die Ukrainerinnen und Ukrainer, die seit Jahren mit Verlust, Angst, Kälte und Zerreissung leben, tragen die Last, die sich im Westen oft nur als „Sorge“ anfühlt. Die UN-Menschenrechtsbeobachtung in der Ukraine warnte im Dezember 2025 erneut vor Angriffen auf Energieinfrastruktur, die Zivilisten gerade im Winter gefährden.

Solche Sätze haben ein Gewicht: Sie sind nüchtern, aber sie beschreiben, wie sehr Zukunft plötzlich wieder bedrohlich werden kann.

Und dann kommt die Losung und sagt: „Siehe, ich mache alles neu.“ Nicht als billige Vertröstung. Eher wie eine Kerze, die nicht vorgibt, die Nacht sei schon vorbei – aber die zeigt, dass die Nacht nicht das letzte Wort hat.

Terror und Verfolgung: Wenn das Leben bedroht wird, weil man glaubt

Hart ist das Wort „neu“, wenn wir auf Orte schauen, an denen Menschen heute nicht nur Angst vor Veränderung haben, sondern um ihr Leben fürchten – manchmal auch wegen ihres Glaubens.

In Mosambik, im Norden, in der Provinz Cabo Delgado, eskalieren seit Jahren Angriffe islamistischer Milizen. Im November 2025 berichteten internationale Stellen von einer neuen Welle der Gewalt und massiver Vertreibung.
In der Demokratischen Republik Kongo wurde 2025 ein Angriff auf eine katholische Kirche in Komanda (Ituri) gemeldet, bei dem zahlreiche Menschen starben. Und in Nigeria sind Angriffe auf Kirchen und Entführungen von Gottesdienstbesuchenden weiterhin Realität – erst im Dezember 2025 wurden laut Reuters in Kogi State 13 Kirchenmitglieder bei einem Überfall entführt.

Das sind nicht einfach „ferne Konflikte“. Es sind Orte, an denen Zugehörigkeit – religiöse, ethnische, politische – zur Gefahr wird. Wo Menschen nicht mehr nur diskutieren, sondern fliehen. Wo Familien nicht mehr nur planen, sondern überleben.

Und doch: Gerade dort ist die biblische Verheissung nicht zynisch, sondern radikal. Denn Offenbarung 21 ist kein Text für die gut gepolsterte Gelassenheit. Er ist ein Text für bedrängte Gemeinden. Er sagt nicht: „Es wird schon.“ Er sagt: Gott wird sein. Gott wird wohnen. Gott wird abwischen. Und damit sagt er: Das, was euch jetzt bedroht, ist nicht endgültig.

Reich Gottes: Nicht Moralismus, sondern Ausrichtung

In reformierter Perspektive ist das befreiend. Denn das Reich Gottes ist kein moralisches Programm, das wir durch genügend Anstrengung herbeiführen. Es ist Gottes Wirklichkeit, die sich Bahn bricht – manchmal leise, manchmal überraschend, oft gegen die erwarteten Logiken. „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit“: Das ist kein Aufruf zur Selbstoptimierung, sondern eine Einladung zur Ausrichtung. Nicht: „Seid endlich besser.“ Sondern: „Richtet euer Herz aus auf das, was Gott wirkt.“ So wie man eine Antenne dreht, um ein Signal zu empfangen.

Und was ist diese Gerechtigkeit? Sie ist nicht moralische Überlegenheit. Sie ist auch nicht das Gefühl, „auf der richtigen Seite“ zu stehen. Gottes Gerechtigkeit ist die, die aufrichtet, was gekrümmt ist; die dem Schwachen Raum gibt; die Schuld nicht beschönigt, aber die Zukunft nicht abschneidet; die die Würde des Menschen schützt, weil Gott selbst sie zugesprochen hat. Sie kommt nicht zuerst mit dem Finger, sondern mit offenen Händen.

Vielleicht lässt sich Gottes „Alles neu“ genau so begreifen: nicht als Drohung an das Bestehende, sondern als Verheissung für das Zerbrochene.

Das Neue im Grossen und im Kleinen

Und nun die zarte, persönliche Frage: Darf man das auch für das eigene Leben erwarten – ohne naiv zu werden? Darf man hoffen, dass in Beziehungen etwas neu werden kann, in einem Herzen, das müde ist, in einer Angst, die fest sitzt?

Ja – aber vielleicht nicht im Sinn eines schnellen „Neustarts“. Eher im Sinn eines Weges, der Vertrauen braucht. Denn wir wissen: Neues kann Angst machen. Selbst eine gute Veränderung kann uns zunächst erschrecken, weil sie das Alte entmachtet – die gewohnten Strategien, die eingeübten Selbstbilder, die vertrauten Rollen.

Die Losung nimmt uns ernst, indem sie nicht sagt: „Du musst alles neu machen.“ Sie sagt: „Gott macht alles neu.“ Das entlastet. Und es ermutigt zugleich: Wenn Gott der Handelnde ist, dann darf auch mein kleiner Neubeginn ein Echo sein – keine Leistungsschau, sondern eine Antwort.

Vielleicht sieht das so aus: Dass ich mich mitten in meiner Gewohnheit von einem kleinen „Siehe“ unterbrechen lasse. Dass ich bemerke, wie sehr ich manchmal das Alte verteidige, nicht weil es gerecht war, sondern weil es vertraut war. Dass ich entdecke, wo ich „neu“ sage, aber eigentlich „mehr von mir“ meine. Und dass ich mich dann – ganz unspektakulär – auf Gottes Neuheit hin ausrichte: ein Gespräch, das ich nicht länger verschiebe; ein Schritt zur Versöhnung, der nicht alles löst, aber die Tür öffnet; ein Mut, der nicht laut ist, aber standhält.

Gottes Neues ist oft nicht glamourös. Es ist wie ein Same. Wie etwas, das im Verborgenen arbeitet. Wie ein Licht, das nicht blendet, aber die Dunkelheit verändert. Vielleicht beginnt die Losung deshalb mit „Siehe“: Weil man es leicht übersieht, wenn man nur nach dem grossen Knall sucht.

Am Anfang eines Jahres wissen wir nicht, was kommen wird. Aber wir hören ein Wort, das grösser ist als unsere Prognosen – grösser als Kriegsangst, grösser als Terror, grösser als unsere Nostalgie und unsere Müdigkeit: „Siehe, ich mache alles neu.“ Wer so spricht, gibt Zukunft. Nicht als Illusion, sondern als Verheissung.

Und das genügt, um dieses Jahr nicht nur zu beginnen, sondern ihm entgegenzugehen – mit leichterem Herzen, mit wacherem Blick, und mit dem stillen Vertrauen: Gott ist schon am Werk.

Und wenn Ihnen das schwer fällt das zu glauben, hilft es vielleicht in dieses Gebet einzustimmen:

Gott, du sagst: „Siehe, ich mache alles neu.“

Wir treten in dieses neue Jahr mit dem, was wir hoffen,
und mit dem, was uns Angst macht.
Mit der Sorge um Frieden in Europa,
mit der Trauer über den Krieg und das Leid der Menschen in der Ukraine,
mit dem Erschrecken über Terror und Gewalt,
und mit der Bitte um Schutz für alle, die verfolgt werden.

Lehre uns, hinzusehen, ohne zu verzweifeln.
Gib uns ein Herz, das nicht hart wird,
und einen Mut, der nicht laut sein muss, um zu tragen.

Mach in uns neu, was müde geworden ist:
unsere Liebe, wo sie klein wird,
unsere Geduld, wo sie reisst,
unsere Hoffnung, wo sie flackert.
Schenke uns Vertrauen, wenn Neues uns verunsichert,
und Weisheit, wenn wir am Alten festhalten, nur weil es vertraut ist.

Lass dein Reich kommen –
als Gerechtigkeit, die aufrichtet,
als Frieden, der schützt,
als Barmherzigkeit, die verbindet.
Und lass uns Schritte gehen, die deinem Licht entsprechen:
achtsam, klar, und voller Menschlichkeit.

Du Gott der Zukunft,
halte uns in deiner Gegenwart –
heute und an jedem Tag dieses Jahres.

Amen.

EKS blog

VON

Alle Beiträge

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert