– oder: Warum die Kirche sich nicht von Jahrgangsetiketten leiten lassen sollte
Die Generation Alpha ist in aller Munde. Der Begriff verspricht Orientierung in einer unübersichtlichen Gegenwart: Kinder und Jugendliche, so heisst es, seien „anders“, geprägt von Smartphone, Pandemie, Krieg und Krise – und daraus lasse sich ableiten, was aus ihnen einmal werde. Wer so spricht, beruhigt sich selbst. Erkenntnis entsteht dabei kaum.
Kein analytisches Instrument
Der Diskurs über Generationen ist kein analytisches Instrument, sondern ein publizistischer Reflex. Das zeigt exemplarisch der jüngste Beitrag von Markus Bernet in der NZZ am Sonntag. Generationendiskurse ersetzen komplexe soziale, ökonomische und politische Verhältnisse durch Alterskohorten und tun so, als liesse sich aus dem Geburtsjahr erklären, wie Menschen denken, fühlen und handeln. Klassenlagen, Bildungszugänge, Migrationserfahrungen, Geschlechterrollen, regionale Kontexte – all das verschwindet zugunsten eines vermeintlich homogenen Jahrgangscharakters. Was bleibt, ist ein Pseudowissen, das erstaunlich anschlussfähig für Ressentiments ist.
Besonders problematisch wird diese Rhetorik dort, wo sie moralisch aufgeladen wird. Wenn Kindern und Jugendlichen pauschal „Lebensunfähigkeit“, fehlende Frustrationstoleranz oder politische Radikalisierung zugeschrieben werden, dann ist das keine Beschreibung, sondern eine Abwertung. Begriffe dieser Art erzeugen Distanz statt Verantwortung. Sie verschieben den Blick weg von den Strukturen, die prägen – Bildungspolitik, Arbeitsmarkt, Medienökonomie, soziale Ungleichheit – hin zu einer Generation, die angeblich selbst das Problem ist.
Die theologische Versuchung der Zielgruppenlogik
Für die Kirche ist dieser Diskurs nicht harmlos. Denn das Denken in Generationen wirkt tief in kirchliche Selbstverständigungsprozesse hinein. Spätestens dann, wenn gefragt wird, wie das Evangelium „für die Generation Alpha übersetzt“ werden müsse, ist Vorsicht geboten. Hinter dieser Frage steckt eine theologische Versuchung: das Evangelium als Botschaft zu verstehen, die jeweils neu angepasst, vereinfacht oder verpackt werden muss, damit sie eine bestimmte Zielgruppe erreicht.
Dieses Denken ist verständlich – und dennoch problematisch. Es setzt stillschweigend voraus, dass der Gehalt des Evangeliums von seiner kulturellen Anschlussfähigkeit abhängt. Und es führt dazu, dass Kirche sich selbst vor allem als Kommunikationsagentur versteht: Welche Sprache brauchen die Jungen? Welche Formen erreichen die Digital Natives? Welche Themen sind für Alpha relevant?
Damit verschiebt sich der Fokus. Nicht mehr die Praxis der Nachfolge steht im Zentrum, sondern ihre Verpackung. Nicht mehr das, was das Evangelium tut – Menschen in Beziehung setzt, Lebensformen prägt, Widerstandskraft entwickelt –, sondern das, was es angeblich leisten soll: Sinn stiften, Werte vermitteln, Gemeinschaft erzeugen.
Evangelium als Praxis, nicht als Zeitdiagnose
Theologisch lässt sich dem etwas entgegensetzen. Das Evangelium ist nicht in erster Linie eine Botschaft, die in jede Zeit neu übersetzt werden müsste, sondern eine Praxis, die sich in der Welt und durch die Geschichte hindurch Bahn gebrochen hat. Christlicher Glaube lebt von der Nachfolge – und diese Nachfolge hat sich immer in sehr unterschiedlichen sozialen, kulturellen und politischen Kontexten vollzogen.
Wer kirchengeschichtlich genau hinschaut, erkennt: Christliche Praxis war nie an eine bestimmte Generation gebunden. Sie wurde getragen von Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenslagen und Milieus. Was sich verändert hat, sind die sozialen Ausgestaltungen, nicht aber der Grundvollzug: Vertrauen, Hoffnung, Widerstand, Solidarität, Gebet, Gemeinschaft.
Der Verdacht liegt nahe, dass die starke Fixierung auf Generationen in ekklesiologischen Orientierungsfragen auch eine Folge eines sehr verkopften Evangeliumsverständnisses ist – eines Verständnisses, das sich vor allem über ethische Positionen, gesellschaftliche Relevanz und kirchliche Gemeinschaftsformen definiert. Dieses Verständnis ist nicht falsch, aber unvollständig. Es übersieht, dass Nachfolge sich oft dort ereignet, wo sie gar nicht als solche etikettiert wird: in neuen Formen von Sorgearbeit, in politischen Engagements, in digitalen Öffentlichkeiten, in fragmentierten Biografien.
Kirche zwischen Projektion und Vertrauen
Gerade im Blick auf Kinder und Jugendliche wäre deshalb Zurückhaltung angezeigt. Wer permanent Diagnosen über „die Generation Alpha“ erstellt, projiziert eigene Ängste in die Zukunft. Die Welt ist komplex, also basteln wir uns Schubladen, in die wir Menschen stecken können. Das beruhigt – vor allem jene, die schreiben und analysieren.
Die leitende These dieses Beitrags ist daher nicht programmatisch, sondern wahrnehmungsbezogen: Kirche sollte sich stärker den Erscheinungen und Formen widmen, in denen das Evangelium praktisch gelebt wird. Das setzt einen Perspektivwechsel voraus. Nicht die Frage, wo sich kirchliche Formen in der Gesellschaft wiederfinden oder reproduzieren lassen, steht im Zentrum, sondern die Aufmerksamkeit dafür, wo sich christliche Praxis jenseits kirchlicher Selbstbeschreibungen ereignet.
Das bedeutet: Kirche blickt neugierig in die Gesellschaft hinein – in unterschiedliche Milieus, soziale Lagen, kulturelle Praktiken und politische Konstellationen. Nicht, um dort ihre vertrauten Muster wiederzuerkennen oder missionarisch zu platzieren, sondern um wahrzunehmen, was Gott in der Welt tut. Theologisch gesprochen: Die Welt ist nicht primär Adressatin kirchlicher Aktivität, sondern Ort göttlichen Handelns. In diesem Sinn braucht es – wie kürzlich auch im RefLab betont – Neugier statt Nabelschau.
Kirchlich betrachtet verschiebt sich damit die Fragestellung grundlegend. Sie lautet nicht: Wie wird Kirche für eine bestimmte Generation attraktiv? Sondern: Wie eröffnet Kirche Räume, in denen Menschen – unabhängig von Alter, Herkunft oder Milieu – Nachfolge einüben können? Räume, die nicht über Zielgruppenlogiken definiert sind, sondern über Praktiken: gemeinsames Fragen, Teilen, Hoffen, Widerstehen, Feiern.
Eine solche Haltung setzt Vertrauen voraus. Vertrauen darauf, dass das Evangelium nicht an seiner mangelnden Zeitgemässheit scheitert, sondern an unserer Neigung, es funktional zu verkürzen – auf Werte, Haltungen, Programme oder kirchliche Angebote. Wo das Evangelium primär als Ressource für gesellschaftliche Relevanz oder institutionellen Erhalt gelesen wird, verliert es seine eigentliche Kraft: Menschen in eine Praxis der Nachfolge hineinzuziehen, die sich nicht planen, aber wohl ermöglichen lässt.
Vielleicht braucht es deshalb weniger Generationenetiketten und mehr Aufmerksamkeit für Machtverhältnisse, Ressourcenverteilung und institutionelle Zumutungen. Weniger Zielgruppenrhetorik und mehr Sensibilität für konkrete Lebenslagen. Weniger moralische Panik angesichts gesellschaftlicher Veränderungen – und mehr theologische Gelassenheit im Vertrauen darauf, dass Gottes Wirken nicht an kirchliche Formen gebunden ist.
Kirche wäre dann nicht zuerst diejenige, die erklärt, wie die Welt ist oder werden sollte. Sondern eine Gemeinschaft, die lernfähig bleibt – weil sie damit rechnet, dass das Evangelium ihr immer schon voraus ist.
Eine Einladung zum Weiterdenken
Diese Fragen haben Manuel Schmid und ich in der aktuellen Folge des Podcasts Ausgeglaubt diskutiert. Wir sprechen darüber, warum Generationendiskurse analytisch schwach sind, welche ekklesiologischen Kurzschlüsse sie begünstigen – und weshalb es sich lohnt, Nachfolge nicht in Zielgruppen, sondern in Praktiken zu denken.
Vielleicht ist es an der Zeit, aufzuhören, permanent neue Generationen zu erfinden – und stattdessen neu zu lernen, was es heisst, Kirche zu sein: nicht für eine Generation, sondern mitten in einer vielfältigen, widersprüchlichen Welt.

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