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Glaube und Radikalisierung? Keine Angst vor KI.

20. April 2026

Im SRF-Podcast Perspektiven wird gefragt, ob KI religiösen Fundamentalismus schüre. Der Beitrag benennt reale Probleme: verzerrte Trainingsdaten, halluzinierende Sprachmodelle, glatte Antworten, mögliche Radikalisierung. Das stimmt auch. Aber der Grundton des Beitrags bleibt für Stephan Jütte zu kulturpessimistisch. Und vor allem: Er tut so, als beginne hier etwas, das in Wahrheit längst im Gang ist.

KI fällt nicht in eine heile religiöse Welt. Sie fällt in eine Welt, in der die Autorität der Institutionen längst brüchig geworden ist. Digitalisierung hat nicht erst Informationen beschleunigt. Sie hat die alten Monopole auf Deutung, Wissen und Orientierung zersetzt. Nicht nur Medienhäuser, Parteien und Universitäten spüren das. Kirchen tun es auch. Pfarramt, Kanzel, theologische Fakultät, kirchliche Stellungnahme: All das spricht nicht mehr automatisch mit geliehener Autorität. Das mag man beklagen. Aber es ist zunächst einmal eine Beschreibung der Lage.

Vor diesem Hintergrund wirken Teile der KI-Kritik seltsam nostalgisch. Und es klingt so, als wäre die menschliche Alternative besser. Als wären Theologie und Kirche jene vielstimmigen, globalen, selbstkritischen Räume, als die man nun die Maschine vermisst. Das überzeugt mich nicht.

Wie viele afrikanische, asiatische oder lateinamerikanische Stimmen kommen in einem durchschnittlichen Theologiestudium tatsächlich vor? Wie viele nichtwestliche Perspektiven prägen Ethik, Dogmatik und Systematik?

Die KI erfindet diese Verzerrung nicht. Sie macht sie sichtbar.

Auch die Rede von halluzinierenden Sprachmodellen ist aufschlussreich. Ja, sie halluzinieren. Genau deshalb begegnen wir ihnen mit Skepsis. Der Schein ihrer Autorität ist gebrochen. Schwieriger ist doch der Unsinn, der mit Amt, Titel, Talar oder akademischem Gestus vorgetragen wird. Menschen halluzinieren seit langem. Kriegsminister, Patriarchen und Präsidenten tun das doch gerade sehr medienwirksam und wie es scheint häufig. Nur haben ihre Halluzinationen oft bessere Kleidung – oder eng geschnittene Anzüge.

Und die Radikalisierung? Auch hier scheint mir die Debatte an der falschen Stelle neu anzusetzen.

Die Gewöhnung an Eindeutigkeit ist keine Folge religiöser Chatbots. Sie ist das Grundrauschen digitaler Öffentlichkeiten.

Die algorithmische Belohnung des Lauten, Einfachen und Identitären prägt Social Media seit Jahren. Dass nun auch KI auf Vereinfachung, Anschluss und Bestätigung hin optimiert ist, verschärft ein Problem, das längst da ist. Es schafft es nicht aus dem Nichts.

Darum wäre ich vorsichtig mit kulturkritischer Panik. Natürlich gibt es Risiken: Datenmissbrauch, Verzerrung, schlechte Antworten. Aber die Alternative heisst nicht: zurück zur menschlichen Autorität.

Gerade weil institutionelle Autorität erodiert, liegt in der KI auch ein demokratisierendes Moment.

Sie entmonopolisiert den Zugang zu Wissen und Orientierung. Sie macht die erste Antwort breiter verfügbar. Und diese erste Antwort ist, das werden wir nicht vergessen, bloss eine KI-Antwort, die wir mit Vorsicht geniessen. Eine Antwort, über die wir diskutieren müssen, die geprüft werden soll. Das entlastet keine Kirche von ihrer Verantwortung. Es verändert lediglich ihre Aufgabe. Und zwar nicht erst seit gestern.

Die eigentliche Zumutung für Kirchen, Religionsgemeinschaften und ebenso für politische und bildende Strukturen liegt darin, sich nicht mehr darauf verlassen zu können, dass ihre Stimme schon deshalb Gewicht hat, weil sie ihre Stimme ist. Besonders die akademische Theologie kann nicht mehr von der Verwaltung richtiger Antworten in ihren jeweiligen Schulen leben. Sie muss Urteilskraft bilden. Sie muss Menschen befähigen, Fragen besser zu stellen, Antworten zu prüfen, Perspektiven zu erweitern und auch eine KI gegen den Strich zu lesen. Man möchte hoffen, dass man das auch an Schulen lernt, wo es um Geschichte, Biologie, Politik oder Literatur geht. Das ist kein Niedergang. Das ist Fortschritt.

Ich traue Menschen mehr zu als manche alarmistische Diagnose.

Ich glaube nicht, dass sich die Mehrheit geistlich an Maschinen ausliefert.

Ich glaube eher, dass wir lernen werden, mit ihnen umzugehen: kritisch, widersprüchlich und manchmal belächelnd. Wie mit anderen Medien auch.

Die Zukunft von Religion, Bildung und Kultur liegt sicher nicht darin, der KI ähnlicher zu werden: schneller, glatter und affirmativer. Nicht in jener Gleichförmigkeit von Antwort und Bildsprache, die alles sofort verfügbar macht und alles im selben Ton ausgibt. Ihre Stärke könnte im Kontrast dazu liegen: in Achtsamkeit, Gegenwärtigkeit, Beziehung, Unterbrechung und in Formen des Lernens und Glaubens, die nicht bloss Output erzeugen, sondern Aufmerksamkeit, Urteil und Verantwortlichkeit.

Nicht dort, wo wir der KI ähneln, wird sich die Zukunft von Religion, Bildung und Kultur entscheiden. Sondern dort, wo wir ihr etwas entgegensetzen, das sie nicht kann: Gegenwart, Beziehung, Urteilskraft und die Fähigkeit, sich unterbrechen zu lassen.

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