God’s Ghostwriters

19.Feb. 2026

Candida Moss deckt in God’s Ghostwriters ein lange vernachlässigtes Kapitel der Bibelgeschichte auf: die zentrale, doch oft unsichtbare Rolle von Sklaven bei der Abfassung und Überlieferung des Neuen Testaments. Mit historischer Akribie und dem Konzept der „kritischen Fabulation“ (Critical Fabulation)  hinterfragt die Autorin traditionelle Vorstellungen von Urheberschaft und rückt stattdessen Kopisten, Sekretäre und Boten ins Licht – Personen, ohne die die Entstehung der biblischen Texte undenkbar gewesen wäre. Ein Buch, das die Verbindung von Sklaverei und frühem Christentum in neuem Licht zeigt.

Candida Moss ist Professorin für Theologie am Department for Theology and Religion der Universität Birmingham. Sie versteht sich in erster Linie als Historikerin und widmet ihre Forschungen der Dynamik von Körper und Macht im frühen Christentum, wobei sie sich insbesondere für die Rolle der Sklaven bei der Entstehung und Überlieferung der Texte des Neuen Testaments interessiert.

Candida Moss, Professorin für Theologie an der Universität Birmingham, versteht sich vor allem als Historikerin. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf den Macht- und Körperdynamiken im frühen Christentum, insbesondere auf der Rolle versklavter Menschen bei der Entstehung und Tradierung neutestamentlicher Schriften.

Die Veröffentlichung von God’s Ghostwriter: Enslaved Christians and the Making of the Bible (2024) löste in der biblischen und historischen Forschung große Resonanz aus. Als Teilnehmerin der entsprechenden Sitzung der Society of Biblical Literature (SBL) im selben Jahr erlebte ich selbst, wie lebhaft die Debatten waren – besonders in der Programmgruppe Slavery, Resistance, and Freedom. Kein Wunder: Das Buch erschließt ein bisher kaum beachtetes Thema und eröffnet überraschende Perspektiven.

Das Projekt: Zwischen Geschichte und Fabulation

In diesem für ein breites Publikum konzipierten Werk untersucht Moss, wie Texte des Neuen Testaments kopiert, überliefert und gedeutet wurden. Ihr Ansatz ist zweifach: Zum einen stützt sie sich auf eine fundierte Quellenanalyse, um antike literarische Praktiken zu rekonstruieren.

Zum anderen bedient sie sich der kritischen Fabulation – einer Methode, die Saidiya Hartman prägte und die es ermöglicht, Lücken in den Überlieferungen mit plausiblen, historisch verankerten Erzählungen zu füllen. Ziel ist es, zwischen den Zeilen zu lesen und marginalisierte Realitäten sichtbar zu machen, die von den „Eliten“ verdrängt wurden.

Diese Herangehensweise mag Leser:innen zunächst irritieren, da die Grenze zwischen Fabulation und historischer Faktizität nicht immer klar ist.

Doch gerade darin liegt die Stärke des Buches: Es öffnet ein Fenster zu einer lange verdeckten Welt und zeigt, wie literarische Berufe – von Kopisten über Briefträger:innen bis zu Vorleser:innen – meist von Personen mit niedrigem sozialen Status ausgeübt wurden.

Moss macht deutlich, dass literarisches Schaffen kein Werk einzelner Genies war, sondern ein kollektiver Prozess – von der Wortwahl über die Textstruktur bis zur Interpretation bei öffentlichen Lesungen.

Sklaverei und Christentum

Der erste Teil des Buches analysiert in drei Kapiteln, wie das Sklavensystem des Römischen Reiches mit dem frühen Christentum verwoben waren.

Moss beschreibt die Mechanismen der Versklavung, die Organisation der Haushalte um den pater familias und die begrenzten Aufstiegsmöglichkeiten durch Freilassung. Dabei wird klar: Die literarische Elite bestand keineswegs aus sozialen Eliten, sondern vor allem aus Sklaven und einfachen Schreibern, die das Wissen weitergaben. Anhand von Berufen wie librarius, notarius oder lector zeigt sie, wie körperlich anstrengend und technisch anspruchsvoll diese Tätigkeiten waren – und wie unverzichtbar versklavte Menschen für die literarische Produktion waren.

Diese Perspektive zieht sich durch die gesamte Analyse: Die ersten Christen bewegten sich in den sozioökonomischen Strukturen ihrer Zeit, und die Verbreitung des Christentums profitierte von römischen Netzwerken – sei es durch Handel, Patronage oder sogar Menschenhandel. Besonders anschaulich wird dies am Beispiel der Paulusbriefe, die oft in Gefangenschaft entstanden. Sekretäre wie Tertius waren keine bloßen Abschreiber, sondern übten intellektuelles Urteilsvermögen aus, das Form, Rhetorik und sogar theologische Bedeutung der Texte prägte.

Im dritten Kapitel weitet Moss den Blick auf die Evangelien: Obwohl Jesus selbst kein Sklave war, teilt er als marginalisierte Figur, deren Sprache. Der Kreuzestod an erinnert an Sklavenerfahrungen, und rückt in der Nähe der Unterdrückten. Diese Spannung zwischen Göttlichkeit und Unterwerfung stellt eine zentrale theologische Herausforderung dar und verhindert, Sklaverei als „göttliche Ordnung“ zu romantisieren.

Autorschaft neu gedacht

Im zweiten Teil vertieft Moss die konkreten Arbeitsprozesse hinter den Texten.

Anhand der Thomas-Apostelgeschichte zeigt sie, dass die Verbreitung des Evangeliums weitgehend auf unterwürfigen Boten beruhte, die zwar eine zentrale, aber marginalisierte Rolle spielten. Diese Figuren verfügten über einen echten Handlungsspielraum und konnten die mündliche Überlieferung und die Auslegung der Dokumente beeinflussen. Nichtchristliche Kritiker, insbesondere Celsus, bestätigen indirekt diese Dynamik, indem sie das Christentum mit Frauen und Sklaven sowie mit informellen Verbreitungswegen in Verbindung bringen, die auf Gerüchten und häuslichen Gesprächen beruhen. Dennoch hing die Verbreitung des Christentums ebenso sehr von diesen Netzwerken der Dienerschaft ab wie von der materiellen Unterstützung durch die Eliten.

Anhand der Thomasakten zeigt sie, wie stark die Verbreitung des Evangeliums von untergeordneten Boten abhing – Figuren, die zwar zentral, doch oft unsichtbar blieben. Nichtchristliche Kritiker wie Celsus bestätigen indirekt diese Dynamik, indem sie das Christentum mit Frauen, Sklaven und informellen Verbreitungswegen in Verbindung bringen.

Doch nicht nur Boten, sondern auch Kopisten – meist Sklaven oder Freigelassene – prägten die Texte maßgeblich. Ihre kreative Macht, ob bei Diktaten oder eigenständigen Fassungen, wurde lange unterschätzt. Moss’ Analyse von Paratexten und handschriftlichen Varianten beweist: Die Bibel ist kein mechanisches Produkt, sondern Ergebnis handwerklicher Kunst. Die traditionelle Vorstellung vom „Autor“ wird so erweitert – die wahren Mitgestalter:innen treten aus dem Schatten.

Im letzten Teil untersucht Moss am Beispiel der Blandina von Lyon (2. Jahrhundert), wie die Ideologie des frühen Christentums römische Sklavenlogik übernimmt: Begriffe wie „Unterwerfung unter Gott“ oder „Zugehörigkeit zum Leib Christi“ sind keine bloßen Metaphern, sondern spiegeln reale Hierarchien wider. Diese christliche Identität, geprägt von Gehorsam und Kontrollverlust, steht im Widerspruch zu römischen Idealen von Freiheit und Männlichkeit – und reproduziert zugleich die Ungleichheiten des Sklavensystems. Je nach sozialem Status erlebten Gläubige diese Strukturen unterschiedlich, was u.a. die Marginalisierung versklavter Menschen perpetuierte.

Allgemeine Bewertung

Insgesamt bietet dieses Werk den Leserinnen und Lesern die Möglichkeit, ihren Horizont zu erweitern, wenn sie sich mit der Geschichte des biblischen Korpus befassen. Die Berücksichtigung von Figuren, die jahrtausendelang marginalisiert und zum Schweigen gebracht wurden, ermöglicht eine differenzierte und weniger idealisierte Lesart von Texten, die oft als Wort Gottes bezeichnet werden.

Insgesamt erweitert das Buch den Horizont aller, die sich mit der Geschichte des biblischen Korpus beschäftigen. Die Berücksichtigung jahrtausendelang marginalisierter Figuren ermöglicht eine differenziertere Lesart der Texte. Moss weist zwar auf die Gefahr von Anachronismen hin, betont aber, dass eine rein historisch-neutrale Lesart moralisch nicht relevanter wäre. Eine solche Analyse könnte die Verschleierung sklavischer Arbeit sogar verlängern.

Das Buch richtet sich an alle, die sich für Geschichte und Theologie begeistern und an innovativen Ansätzen in den Geisteswissenschaften interessieren.

Candida Moss, God’s Ghostwriter: Enslaved Christians and the Making of the Bible, London, William Collins, 2024

Sascha Cosandey ist Assistentin und Doktorandin in Neues Testament an der Universität Genf. Ihre Dissertation befasst sich mit Sklavenmetaphern im paulinischen Korpus und ihren hermeneutischen Herausforderungen.

Dieser Text wurde vom französischen übersetzt mit KI-Unterstützung (Deep-L, Mystral). 

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