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Gott, seine Bilder und wir

29. Juni 2026

Bilder umgeben uns, fesseln uns, prägen uns. Zwischen Werbebildschirmen, sozialen Netzwerken und sakralen Darstellungen formen sie unsere Wünsche, unsere Überzeugungen und sogar unser Verhältnis zu Gott. Doch wie können wir in diesem visuellen Strom unterscheiden, welche Bilder uns entfremden und welche uns für die göttliche Gegenwart öffnen?

Dieser Beitrag vertieft Impulse aus dem Forum Glaube und Gesellschaft (25. – 27. Juni 2026), bei dem Philosoph:innen, Theolog:innen und Kunstschaffende diese grundlegende Spannung zwischen Bildersturm und Offenbarung ausgelotet haben.

Bilder, die uns fesseln

Der Begriff «Bildersturm», der für den Titel des Forums verwendet wurde, hat mindestens zwei Bedeutungen: Er bezeichnet die Zerstörung von Bildern –mit Bezug auf die historischen Bilderstürme im Christentum –, aber auch die für die zeitgenössische Kultur typische Bildflut, in der das Bild erneut zu einem zentralen Träger von Kommunikation, Bedeutung und Macht geworden ist.

Wir werden geprägt von dem, was wir verehren

Der Hauptreferent dieser Session, der Philosoph James K. A. Smith (Calvin University, Grand Rapids), lud uns ein, in die Dichte kultureller Praktiken und Artefakte einzutauchen, die uns bis in die Tiefe prägen: ästhetische Formen, Erzählungen und Bilder, die – oft unbemerkt – unser Verlangen ordnen, unsere Bindungen bestimmen und damit bestimmten Zeitgeistern dienen.

Smith wirft einen besonders kritischen Blick auf die Träger der neoliberalen Ideologie, die er als eine der dominierenden Kräfte unserer Zeit identifiziert. Seiner Ansicht nach verwandelt diese Ideologie unter dem Deckmantel von Neutralität und Transparenz Bürgerinnen und Bürger in konkurrierende Konsumentinnen und Konsumenten, und macht Besitz zu einer Art Heilsweg. So fungiert der Apple Store mit seiner minimalistischen Ästhetik als moderner Tempel des Konsums, in dem das Begehren vom Markt geprägt wird.

Im Widerstand eintreten… durch Bilder

Zeitgenössische Kunstwerke, aber auch Wege der mystischen Erfahrung können diese Schichten unseres Begehrens unterbrechen oder öffnen. Sie laden uns zu einem Durchgang durch Ungewissheit und Dunkelheit ein, der uns vom unmittelbaren Zugriff auf die Dinge befreit, damit eine andere Form von Gemeinschaft sichtbar wird: eine Gemeinschaft, die über Besitz und Verfügbarkeit hinausgeht. Dieser Weg entzieht uns nicht der Welt; aus christlicher Perspektive stellt er uns neu in sie hinein.

Um sich ein Bild von dieser Perspektive zu machen, empfehle ich die Lektüre eines von Smith auf Substack veröffentlichten Artikels: «Stop Looking for the Light: Listen to the Dark» (25. Januar 2026).

Bilder, die uns verwandeln

Zwischen Distanz und Nähe, Präsenz und Abwesenheit drehten sich die verschiedenen Beiträge und Diskussionen des Forums um eine zentrale Frage: Wie lässt sich die Gegenwart eines Gottes denken, der sich nicht unabhängig von Bildern gibt und sich zugleich in keines der von uns gemachten Bilder einschliessen lässt?

Zwischen Distanz und Nähe

Die reformierte Theologie hat in ihrer Geschichte oft die Distanz zwischen Gott und seiner Schöpfung betont – und dabei eher seine Abwesenheit als seine Gegenwart hervorgehoben. Gemäss klassischer trinitarischer Theologie kann der Vater nur durch den Sohn dargestellt werden. Der Sohn aber, erhöht zur Rechten des Vaters, steht uns gerade nicht zur Verfügung. Von nun an macht sich Gott durch die Gabe des Heiligen Geistes in der Welt gegenwärtig.

Für eine reformierte Perspektive, die die politische Dimension dieses Punktes aufgreift, siehe den Beitrag von Stephan Jütte auf Substack «Die Leerstelle des Herrn» (13. Mai 2026) oder den von Manuel Schmid auf dem Blog der EKS «Auffahrt reformiert» (14. Mai 2026).

Diese Distanz konnte eine rein instrumentelle Beziehung zu den Dingen der Welt begünstigen: eine Beziehung, die nicht mehr vor ihnen innehält, um darin Gottes Schöpfung zu erkennen, sondern in ihnen vor allem Objekte menschlicher Nutzung sieht. Die Welt wird dann zum Material, mit dem der Mensch durch sein Leben und Wirken den Gott bezeugt, der am Ende der Zeit alles versöhnen wird.

Angesichts dessen betonten mehrere Referentinnen und Referenten die Notwendigkeit einer kontemplativen Beziehung zur Wirklichkeit. Eine solche Beziehung betrachtet die Welt als Medium der Gegenwart Gottes. Unser Verhältnis zur Welt ist darin zugleich passiv und aktiv: Etwas gibt sich. Es lässt sich nicht bloss herstellen, benutzen oder manipulieren.

Gegenwart im Geist und im Körper

Zweifellos ist diese Sichtweise der reformierten Tradition zugespitzt. Tatsächlich ist die Vorstellung einer geistlichen Gegenwart Gottes, die der Gemeinschaft der Gläubigen zugrunde liegt, nicht bloss mental zu verstehen, als würde sie durch Abstraktion von Körper und Welt wirken. Sie bezeichnet jene verwandelnde und verkörperte Dynamik, die auch in der Betrachtung von Kunstwerken oder im mystischen Weg der Entäusserung erkundet wird.

Heute kann die reformierte Perspektive über die blosse Ablehnung von Bildern hinausgehen, ohne ihre kritische Wachsamkeit aufzugeben. Diese Wachsamkeit lässt sich meiner Meinung nach so formulieren: Es steht uns nicht zu, die Bilder auszuwählen, durch die Gottes Blick auf uns ruht.

Die Welt ist von Bildern übersättigt. Diese Übersättigung scheint den Raum zu ersticken, der für die Entdeckung Gottes notwendig ist. Und zugleich gelangen wir nicht unabhängig von diesen Bildern zur Gegenwart des Geistes. Die Herausforderung, in der Welt zu leben und uns den Bildern auszusetzen, die sie durchziehen, liegt in der Wahrnehmung einer Kluft: zwischen den Bildern, die wir entsprechend unseren Erwartungen formen, und denen, die Gott uns schenkt, um sich uns zu offenbaren.

Das Bild Gottes als offene Schöpfung

Der Beitrag, den ich während des Forums gemeinsam mit Ruben Binyet vom Podcast «Cultura» gehalten habe, war eine Möglichkeit, diese theologische Herausforderung der Kluft zwischen unseren Bildern und denen Gottes zu vertiefen.

«Du sollst dir kein Bildnis machen» – aber Gott macht sich Bilder

Aus biblischer Sicht lässt sich Gott nicht mit dem Bild in Verbindung bringen, das der Mensch herstellt, aufrichtet und seinem eigenen Blick anpasst (vgl. Jesaja 44,9–23). Er ist derjenige, der Israel bei seiner Befreiung vorangeht – er ist nicht derjenige, über den der Mensch verfügen kann. Daran erinnert das Verbot, sich Bilder von Gott zu machen (2. Mose 20,1–6).

Gleichzeitig entscheidet sich Gott dafür, der Welt durch Bilder gegenwärtig zu sein – zuerst durch den Menschen (Genesis 1,27). Und der christliche Glaube erkennt in Jesus Christus dieses Bild (Kolosser 1,15; Johannes 1,18), das den Blick für all die anderen lebendigen Bilder öffnet, in denen Gott seine Gegenwart offenbart (2. Korinther 3,18).

Wir können keine Bilder von Gott erschaffen. Was wir erschaffen, ist niemals fähig, die lebendige Gegenwart Gottes zu tragen. Aber könnten wir nicht ein Bild von dem Bild Gottes erschaffen? Und sei es nur als Orientierung und um zu lernen, die Bilder Gottes wahrzunehmen. Ist es nicht im Grunde genau das, was uns die Evangelien bieten: ein Bild desjenigen, der im Heiligen Geist den Vater offenbart und dadurch offenbart, was die wahre imago Dei ist?

Die Bilder des Ebenbildes Gottes können Orientierung bieten: Nichts schliesst aus, dass Gott sich ihrer bedient, um auf seine Offenbarung hinzuweisen. Da jedoch die imago Dei nicht verschlossen sein kann, muss auch ihr Abbild diese Offenheit zum Ausdruck bringen – doch jede Schöpfung impliziert eine Verschlossenheit, einen Moment des Schweigens oder der Blindheit. Dies mahnt uns zur Vorsicht bei der Schaffung und Betrachtung dieser Bilder.

Das Bild in der Begegnung

Die Geschichte vom «barmherzigen Samariter» (Lukas 10,25–37) veranschaulicht diese Herausforderung und zeigt, wie sich Fallstricke des Bildes vom Bild Gottes vermeiden lassen. Diese Erkenntnis verdanke ich den Arbeiten von Frank Mathwig zu den Menschenrechten. Siehe sein demnächst im TVZ-Verlag erscheinendes Buch: Das Echo der Empörung (2026).

Das Reich Gottes lässt sich nicht festhalten

Gerade als Jesus sich über den Erfolg seiner Jünger freut und feststellt, dass das Reich Gottes von ihnen verkündet und gelebt wird (Lukas 10,21-24), steht ein Gesetzeslehrer auf, um ihn auf die Probe zu stellen – was stark an die Versuchung Jesu in der Wüste nach seiner Taufe erinnert. Auf einen Moment der Erfüllung folgt somit eine Phase der Prüfung

Der von Jesus bestätigte Erfolg der Jünger könnte in der Tat den Eindruck erwecken, dass der Schlüssel zum Reich Gottes endlich verfügbar sei – dass es ausreiche, die Lehre Jesu anzuwenden und nach seinem Vorbild zu leben, um dorthin zu gelangen. Ist er nicht schliesslich das Ebenbild Gottes, der wahre Mensch? Und brauchen wir nicht Orientierungspunkte, um uns beim Erlernen des Reiches Gottes zurechtzufinden?

Auffällig ist, dass Jesus auf die Frage des Gesetzeslehrers nie direkt antwortet. Er wirft die Frage zurück und verweist den Gesetzeslehrer auf seine eigene Auslegung – zunächst des Gesetzes (Lukas 10,26–28), dann der Geschichte des barmherzigen Samariters (vv. 29–37). Dieser erste Punkt zeigt: Jesus verweigert sich einer Vereinnahmung seiner Stimme. Er stellt sich nicht zwischen den Gesetzeslehrer und das, was dieser selbst noch über Gott entdecken muss.

Das Bild vom «Nächsten» und der «Nächste» als Bild

Anschliessend gibt die Geschichte vom barmherzigen Samariter einen Hinweis darauf, wie wir uns fruchtbar, auf Bilder beziehen können, um uns daran zu orientieren.

Zunächst möchte der Gesetzeslehrer, dass Jesus den «Nächsten» bezeichnet (V. 29). Das ist verständlich, da das Gesetz gebietet, ihn zu lieben (V. 27). Doch in der Frage des Gesetzeslehrers wird der «Nächste» nicht mehr um seiner selbst willen betrachtet: Er wird zu einem Mittel für die eigene Rechtfertigung des Gesetzeslehrers (V. 29), damit er zum ewigen Leben gelangen kann (V. 25). So stellt sich das Bild, das ich mir vom Nächsten mache, wie ein Vorhang zwischen mich und den Nächsten, den ich erst noch entdecken muss.

Genau an diesem Punkt ist die Umkehrung, die durch die abschliessende Frage Jesu bewirkt wird, entscheidend: «Wer von diesen dreien, meinst du, hat sich als Nächster des Mannes erwiesen, der den Räubern zum Opfer gefallen war?» (V. 37). Der Nächste ist nicht mehr das Objekt des Handelns des Gesetzesgelehrten: Er ist derjenige, den der Gesetzesgelehrte in einer konkreten Situation entdecken soll. Der Nächste offenbart sich erst am Ende eines Prozesses: Er steht nicht von vornherein zur Verfügung.

Barmherzigkeit sehen lernen

Die von Jesus erzählte Geschichte bestätigt zudem die Nächstenliebe als Ort der Gegenwart Gottes: Die Barmherzigkeit, die der Gesetzeslehrer in der Geschichte vom barmherzigen Samariter wahrnimmt (V. 37), ist das, was den «Nächsten» (V. 36) ausmacht – ohne dass Jesus es selbst aussprechen musste. Dies wurde dem Gesetzeslehrer offenbart. Nun ist eben diese Barmherzigkeit ein Ausdruck des Charakters Gottes (2. Mose 34,6) und der Erwartung, die Gott an den Menschen stellt (z. B. Hosea 6,6).

Diese Geschichte legt nahe, dass die Wahrnehmung von Barmherzigkeit in einer von Gewalt entstellten Welt als Zeichen für die Gegenwart Gottes – und damit für sein Ebenbild – erscheint. Nicht eine Barmherzigkeit, die im Vorfeld durch die Vorstellung definiert wird, die man davon hat – Barmherzigkeit als moralischer Imperativ zum Beispiel –, sondern Barmherzigkeit als die Qualität einer Begegnung. In der Geschichte vom «barmherzigen Samariter» ist es die Begegnung zwischen einem Menschen, der von menschlicher Gewalt getroffen wurde, und einem Menschen, den diese Situation bewegt, der tief im Innersten berührt ist – der von dem, was er in dieser Begegnung wahrnimmt, ergriffen wird.

Diese Perspektive erinnert auch an das Gleichnis vom Jüngsten Gericht (Matthäus 25,31–46), dessen Kernproblem darin besteht, dass die Jünger ihren Herrn nie dort gesehen haben, wo sie ihn hätten sehen sollen: nämlich gerade in Begegnungen, die nach Mitgefühl und Barmherzigkeit verlangten. Die Jünger sehen nicht, was sie doch sehen sollten – was uns, den Leserinnen und Lesern, die Gelegenheit gibt, sehen zu lernen.

Die Welt im Licht des Bildes Gottes neu betrachten

Das Gleichnis vom «barmherzigen Samariter» zeigt, zu welcher Sichtweise das Bild Gottes einlädt.

Der Gesetzeslehrer entdeckt sich selbst in dem Blick, den er auf die Geschichte des Samariters richtet – die Geschichte offenbart ihn in dem, wozu er berufen ist, indem er der Nächstenliebe folgt: «Geh und handle auch du so.» (V. 37);

Zugleich bietet die Geschichte vom «barmherzigen Samariter» unserer Wahrnehmung keinen Abschluss. Sie stellt unsere gewöhnliche Wahrnehmung der Situationen, die uns begegnen, infrage: es macht ein Unterschied, wenn ich die Welt lese und betrachte in der Erwartung, darin Spuren der Barmherzigkeit Gottes zu entdecken.

Das Bild Gottes verwandelt uns – und wir selbst sind dazu berufen, zu solchen verwandelnden Bildern zu werden.

Auch wenn die Kunst oder der mystische Weg Räume für ein solches Lernen eröffnen können, lädt das Evangelium dazu ein, im Lesen der Geschichten der Welt einen besonderen Ort dieses Lernens zu sehen: damit wir in der Gegenwart die überraschende Geschichte Gottes und das Geschenk seiner Bilder wahrnehmen können.

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