a
  1. Start
  2. Gottesspuren. Das christliche Europa vor seiner Entzauberung. Vom frühen Christentum bis zur Aufklärung
  3. Gottesspuren. Das christliche Europa vor seiner Entzauberung. Vom frühen Christentum bis zur Aufklärung

Gottesspuren. Das christliche Europa vor seiner Entzauberung. Vom frühen Christentum bis zur Aufklärung

3. Juni 2026

Ein Buch von Volker Leppin, Verlag Herder

Als ich das Vorhaben dieses mehr als 600 Seiten umfassenden Buches zur Kenntnis nahm, nämlich eine Geschichte des christlichen Europas „Vom frühen Christentum bis zur Aufklärung“ (so der Untertitel des Buches) zu schreiben, war mein erster Gedanke: Das geht nicht. Kann ein so umfassender Zugriff über Jahrhunderte hinweg in einer Wissenschaftskultur, die heute eher am Detail interessiert ist, gelingen? Ich werde am Ende meiner Überlegungen auf diesen meinen Ausgangsgedanken zurückkommen.

Europa – das wissen und spüren hier heute allenthalben – steht gegenwärtig vor ungeheuren Herausforderungen. Europa muss sich, will es in irgendeiner Weise in der neu entstehenden multipolaren Welt bestehen, gleichsam selbst neu erfinden. In dieser Situation macht es schon Sinn, auf das zu blicken, was zum Kernbestand des alten Europa gehörte: Das Christentum. Wobei dieser Blick selbst noch einmal verortet wird – es geht um das „christliche Europa vor seiner Entzauberung“.

„Entzauberung“ war der Begriff, mit dem Max Weber die Entwicklung zu dem hin zu fokussieren versuchte, was wir heute die Moderne nennen. Entzauberung, das war bereits für Max Weber Gewinn und Verlust. Es entstehen neue Freiheitsräume, die sogleich durch neue Zwänge eingegrenzt werden.

In dieser Ambivalenz blickt Volker Leppin auf das „vormoderne“ Europa. Wobei er hermeneutisch sehr vorsichtig und bedacht vorgeht. Er will weder eine Verfallsgeschichte schreiben noch eine Erfolgsgeschichte. Beinahe erinnert mich sein Vorhaben an die berühmten Worte Leopold Rankes, die Geschichtswissenschaft wolle und solle „bloss zeigen, wie es eigentlich gewesen“ sei. Wobei wir heute wissen, dass auch dies nicht möglich ist, weil jedes historische Erkennen und Darstellen an bestimmte Voraussetzungen und Perspektivierungen gebunden ist.

Volker Leppin versucht seinen Zugang zum christlichen Europa vor seiner Entzauberung mittels dieser – wie ich meine – kleinen Hermeneutik des historischen Blicks zu beschreiben: „Als Mensch dieser Zeit, der lernen und anerkennen muss, wie geographisch und kulturell begrenzt der europäische Zugang zur Weltwirklichkeit ist, suche ich in dieser Kultur, der ich entstamme, nach empathischeren Gesprächsmöglichkeiten mit anderen Kulturen als denen, die uns die Entwicklung der Moderne bereitstellt. Europa ist nicht nur das Europa der vergangenen zwei- bis dreihundert Jahre. Europa ist reicher als diese Zeit, und ich würde hinzusetzen: in seinem Wirklichkeitsverständnis tiefer, als es die moderne Selbstbeschreibung sein kann. In einer Welt, in der ich merke, dass Europa in der globalen Welt immer mehr mit anderem konfrontiert wird, suche ich nach dem anderen in der Kultur selbst, durch die Europa geworden ist, was es ist. Ich suche nach Potenzialen anderer Sprachfähigkeit – in Beispielen, in Erzählungen, in Geschichten.“ (S. 14)

„Gott ist überall.“ Gott ist auf eine ganz selbstverständliche Art und Weise in der Lebenswelt der Menschen da. Das ist der Ur-Satz der europäischen Welt vor ihrer Entzauberung. Volker Leppin dekliniert diesen Ursatz nun „in Beispielen, in Erzählungen, in Geschichten“ durch. Es ist nicht möglich, diese über 600 Seiten umfassende Deklination in einer Besprechung auch nur annähernd zu beschreiben. Es wird uns aber eine grobe Landkarte an die Hand gegeben, die sechs Gravitationszentren dieser religiösen Lebenswelt ausmacht: Gott wird als geschichtlicher Gott erfahren, der ein bestimmtes Verständnis der Zeit und des Verhältnisses zur Zeit mit sich bringt (1). Gott ist da – in der Natur, die als Schöpfungsraum erfahren wird, der bis hin zur Intimität der eigenen Körperlichkeit reicht (2). Gott spricht – und das Zeugnis dieses Sprechens ist die Bibel. Ein Buch von Menschen geschrieben und von menschlichen Lesern und Leserinnen rezipiert. Ein zerbrechliches Gefäss, das immer wieder theologische Kontroversen hervorbringt (3). Gott ist in der Gestalt Jesu Christi unter den Menschen und wird deshalb auch durch Menschen erfahrbar: Maria, Apostel, die Heiligen (4). Gott wird erfahrbar – an bestimmten verdichteten Orten, in bestimmten Gegenständen, in den Reliquien und vor allem den Bildern. Auch dies zeitigt theologische Kontroversen. Der Streit um die Bilder ist eine der Grundmelodien des religiösen Europa (5). Und schliesslich: Gott ist da – in jedem einzelnen Menschen. Taufe und Abendmahl sind unmittelbare körperliche und vor allem auch individuelle Vollzüge. Die Mystik, die nicht auf eine einzelne zeitliche Epoche zu beschränken ist, hat diese individuell-körperliche Gotteserfahrung am intensivsten zum Ausdruck gebracht (6).

Und dann gibt es eine dunkle, unheimliche Geschichte, die im Grunde alle der von Volker Leppin beschriebenen Gravitationszentren durchzieht. Bereits in der griechischen Mythologie ist der Name „Europa“ mit Raub und Vergewaltigung verbunden. Zeus raubt die phönizische Prinzessin Europa, entführt sie und macht sie sich gewaltsam verfügbar. In ähnlicher Weise hat das Christentum einen jahrhundertelangen Raubzug am Judentum durchgeführt. Hier wird die Sprache unserer von Leppin erzählten Europa-Saga so unerbittlich wie klar: Es ist deutlich, „dass das Christentum einen Raub vollzog, der dem Europas durch Zeus ähnelt. Indem der Gott, den der Jude Jesus verehrt hatte, zu seinem Vater wurde, wurde die eigenständige Hebräische Bibel zum bloßen Alten Testament, ergänzt und nach christlichem Verständnis über weite Strecken überholt durch das Neue. Gerne wurde das Verhältnis der beiden Testamente als heilsgeschichtliche Abfolge charakterisiert, in der die spätere, christliche Zeit die frühere Zeit Israels und des Judentums ablöste.“ (S. 53f.)

In immer neuen Volten durchzieht diese antijudaistische Spur das religiöse Europa, bis sie sich schliesslich mit dem sich aus anderen Quellen speisenden rassistisch begründeten Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts verbindet. Erst der Zivilisationsbruch der Shoah stellte diese unheilvolle antijudaistische Tradition in Frage, und erste Versuche einer Neubestimmung des Verhältnisses von Judentum und Christentum wurden erkennbar. Auch dies gehört zur Geschichte des religiösen Europa. Und ich bin dankbar, dass Volker Leppin dies auch immer wieder deutlich anspricht. Und diese Erinnerung sollte auch denen eine Warnung sein, die einem verloren gegangenen „christlichen Abendland“ nachtrauern.

Ich muss jetzt noch einmal persönlich werden. In mehreren Tagen intensiven Lesens habe ich mir das Buch Volker Leppins angeeignet. Und immer wieder stiegt während dieser Tage eine Kindheits- und Jugenderinnerung auf: Wie ich regelmässig in meiner Heimatstadt Esslingen am Neckar in die Stadtbibliothek begab, mir dort zwei oder drei neue Bücher besorgte und mich dann in mein Zimmer – meist mit ein paar Äpfeln oder Nüssen versehen – zurückzog und stundenlang schmökerte.

Ja – dieses Buch von Volker Leppin ist ein Schmöker im besten Sinne des Wortes. Man kann sich in ihm verlieren, man ist gespannt darauf, was als Nächstes kommt, und wenn man dann dieses Nächste gelesen hat, sehnt man sich nach Fortsetzung. Und am Ende legt man das Buch doch etwas traurig aus der Hand, weil man es nun definitiv zu Ende gelesen hat.

Um nun von meiner etwas romantisierenden Schiene wegzukommen, ein wenig Rückkehr zum professoralen Ernst: Ich habe eingangs die Frage gestellt, ob man mit einem solchen Unternehmen, nämlich die gesamte Geschichte des vormodernen religiösen Europa zu erzählen, nicht scheitern muss. Nein – ich denke, Volker Leppin ist nicht gescheitert. Ich lege das Buch belehrt, bereichert und auch mit neuen Fragen aus der Hand. Ich zögere nicht, dieses Buch etwa Jacob Burckhardts Renaissance-Buch oder Johan Huizingas „Herbst des Mittelalters“ an die Seite zu stellen.

Aristoteles hat gesagt, die Geschichtswissenschaft beschreibe das, was geschehen ist, die Poesie das, was möglich sei. Nach der Lektüre dieses Buches bin ich mir nicht mehr so sicher, ob diese Zuschreibung wirklich sachgerecht ist. Zweifellos, das Buch von Volker Leppin erzählt, wie es gewesen ist – zweifelsohne. Es führt uns in eine uns fremd gewordene Welt religiöser Allpräsenz. Das Buch zeigt, dass wir aus einer Vergangenheit kommen, die anders war als unsere Gegenwart. Eine Vergangenheit, die – das wird in dem Buch immer wieder deutlich – sich auch nicht mehr wiederherstellen lässt. Die Lektüre des Buches bewahrt vor der Illusion einer wie auch immer gearteten Rückkehr. Wenn aber unsere Gegenwart anders ist als unsere Vergangenheit, dann kann auch unsere Zukunft anders sein, als unsere gegenwärtige so triste Welt. Die Geschichtswissenschaft zeigt uns Geschichte als eine bewegliche – und damit auch, dass in jede Gegenwart die Möglichkeit einer anders gearteten Zukunft eingeschrieben ist, wie immer dann eine solche Zukunft auch aussehen mag.

Zwei Bemerkungen zum Schluss.

(1) Das Buch ist für seine Ausstattung und Umfang ungemein preiswert. Wir halten ein über 600 Seiten gebundenes Buch in der Hand mit einem schönen Schriftbild und einem umfänglichen Bildteil (teils sogar in Farbe). Ein Namenregister schliesst den Band ab. Auch das ist heute nicht mehr selbstverständlich.

(2) Menschen, die den Anforderungen eines Berufes und/oder den Herausforderungen einer familiären Gemeinschaft gerecht werden müssen, mögen zögern, sich der Lektüre eines solch umfangreichen Buches zu widmen. Dem kommt der Erzählcharakter des Buches mit seiner klaren, unprätentiösen und damit ungemein lesbaren Sprache entgegen. Die grosse Saga vom religiösen Europa ist gegliedert in viele kleine Kapitel, die sich durchaus als einzeln erzählte Geschichten lesen lassen. Man kann also mit Gewinn in das Buch auch nur hineinschnuppern. Eine Garantie aber, dass man dann doch nicht dem Sog der gesamten Erzählung erliegt, die gibt es nicht.

 

 

EKS Blog

VON

Alle Beiträge

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert