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Grenzen des Heiligen – Tagung zu spirituellem Missbrauch in Zürich

10.Sep. 2025

Spiritueller Missbrauch ist ein dunkles Kapitel religiösen Lebens – und zugleich eine Herausforderung für Kirchen, Theologie und Gesellschaft. Bei der Tagung „Grenzen des Heiligen – Spiritueller Missbrauch und die Verantwortung religiöser Autorität“, die am 8. September in der Paulus Akademie Zürich stattfand, diskutierten Fachleute aus Theologie, Psychologie und Religionswissenschaft gemeinsam mit kirchlichen Organisationen und Betroffenen über Ursachen, Folgen und notwendige Konsequenzen.

Rund um fünf Referate und daran anschliessende Diskussionsrunden wurde deutlich, wie vielschichtig das Phänomen ist: Von geschlossenen Ordensgemeinschaften (Judith Könemann) über religiöse Sondergruppen (Georg Otto Schmid) bis hin zu den subtilen Grenzverschiebungen in Seelsorge (Elis Eichener) und den Ambivalenzen evangelischer Spiritualität (Reiner Anselm) – immer wieder zeigte sich, dass spiritueller Missbrauch tiefer greift als ein Randphänomen. Ergänzt wurden die Analysen durch die praktische Perspektive der Beratung (Susanne Schaaf), die den verletzlichen Weg der Betroffenen eindrücklich in den Mittelpunkt stellte.

Judith Könemann: Vertrauen zerstört, Integrität verletzt

Die Münsteraner Theologin Judith Könemann stellte in ihrem Vortrag heraus, dass spiritueller Missbrauch nicht nur ein Nebenaspekt sexueller Gewalt ist, sondern eine eigenständige Form des Missbrauchs mit eigenen Folgen. Besonders betroffen seien junge Erwachsene, vor allem Frauen, in geschlossenen Gruppen und Ordensgemeinschaften. Könemann zeigte, wie religiöse Autoritäten zur „Stimme Gottes“ erklärt oder missverstanden werden können – mit verheerenden Konsequenzen: fundamental zerstörtes Vertrauen, Verletzungen der persönlichen Integrität und nachhaltige seelische Schäden. Entscheidend sei nicht die Absicht der Täter:innen, sondern das Leiden der Opfer.

Georg Otto Schmid: „Aber Gott will das!“ – Dynamiken in Sondergemeinschaften

Der Religionswissenschaftler Georg Otto Schmid, Leiter der Informationsstelle Relinfo, beleuchtete spirituellen Missbrauch in sogenannten Sondergemeinschaften. Typisch sei dort die völlige Identifikation der Führungsfigur mit göttlicher Autorität. Am Beispiel der Mormonen unter Präsident Russell Nelson und der hinduistisch geprägten Bewegung Bhakti Marga zeigte Schmid, wie krasse Autoritätsgefälle entstehen: Eigene Wahrnehmung gilt als verdächtig, Gehorsam als Pflicht, Informationen werden kontrolliert, soziale Kontakte eingeschränkt. So entstehe eine umfassende Abhängigkeit, die bis in Beziehungen, Sexualität und persönliche Würde hineinreiche.

Susanne Schaaf: Beratung zwischen Glauben und Identität

Aus der Praxis berichtete die Psychologin Susanne Schaaf, Geschäftsleiterin der Fachstelle Infosekta. Sie beschrieb die Folgen spirituellen Missbrauchs: Scham, Angst, Minderwertigkeitsgefühle und Identitätskrisen. Oft präge sich ein Gottesbild ein, das Gehorsam belohnt und Ungehorsam bestraft. In der Beratung sei es daher entscheidend, Betroffenen zuzuhören, ihnen zu glauben und ihnen auch eine theologische Sprache für ihr Erleben anzubieten, bevor die eigentliche psychologische Verarbeitung beginnen könne. Glaube könne dabei Ressource und Risiko zugleich sein – gefährlich werde es, wenn Harmonie und Loyalität über die Anerkennung von erlittenem Unrecht gestellt würden.

Elis Eichener: Seelsorge als möglicher „Tatort“

Der Praktische Theologe Elis Eichener von der Ruhr-Universität Bochum sprach über die besondere Ambivalenz der Seelsorge. Mit Bezug auf Michel Foucaults Konzept der Pastoralmacht bezeichnete er Seelsorge drastisch als „Tatort“ spirituellen Missbrauchs. Denn das asymmetrische Verhältnis von Seelsorger:in und Ratsuchenden könne zu subtiler Gedankenformung und Internalisierung fremder Wahrheiten führen. Am Beispiel des Falls Klaus Vollmer zeigte er, wie toxische Systeme entstehen können. Um Missbrauch vorzubeugen, plädierte Eichener für ein „Grenzregime der Seelsorge“: zeitliche Begrenzung, kontrollierte Nähe und Ambiguitätstoleranz. Ziel müsse stets die geistige Freiheit der Ratsuchenden bleiben.

Reiner Anselm: Ambivalenzen des Protestantismus

Zum Abschluss sprach der Münchner Theologe Reiner Anselm über evangelische Kontexte. Eigentlich, so Anselm, sei der protestantische Glaube mit seiner Betonung der individuellen Gottesbeziehung besonders missbrauchsresistent. Doch in der Praxis habe sich gezeigt, dass die Sakralisierung des Alltags – etwa im protestantischen Arbeitsethos – ein Einfallstor für Missbrauch sein könne. Täter nutzten die religiöse Sprache von Hingabe, Vertrauen und Opfersein, um Macht auszuüben und Aufarbeitung zu blockieren. Aufgabe der Theologie sei es daher, diese Ambivalenzen kritisch offenzulegen und die Grenze zwischen Gott und Mensch als Brandmauer gegen Missbrauch hochzuhalten. Dazu reichen Schutzkonzepte nicht aus, es brauche vor allem theologische Bildung und die kritische Arbeit an der eigenen Tradition und Gegenwartsform.

Stimmen aus den Organisationen

In einer Circle-Einheit kamen die Evangelische Allianz, die Interessengemeinschaft Missbrauchsbetroffene im kirchlichen Umfeld, die Römisch-Katholische Zentralkonferenz (RKZ), die Evangelisch-methodistische Kirche (EMK) und die Initiative Zwischenraum zu Wort. Sie berichteten von ihrer Arbeit für und mit Betroffenen und, erinnerten daran, dass Prävention und Aufarbeitung allein nicht reichen. Notwendig sei ein Kulturwandel in den Kirchen, der Schutzreflexe überwindet und den Stimmen der Betroffenen dauerhaft Gehör verschafft.

Fazit

Die Tagung in der Paulus Akademie machte deutlich: Spiritueller Missbrauch ist kein Randthema, sondern eine Herausforderung, die die Mitte kirchlicher Praxis betrifft. Er wurzelt in Machtverhältnissen, Strukturen und theologischen Deutungen – und verletzt Menschen in ihrer Würde. Die Referent:innen und Organisationen waren sich einig, dass Aufarbeitung und Sensibilisierung unerlässlich sind. Am Ende bleibt die Aufgabe, das Heilige nicht als Herrschaftsmittel zu missbrauchen, sondern als Quelle von Freiheit, Vertrauen und Würde zu erhalten und – leider – vielfach überhaupt erst wieder zu gewinnen.

*

Die Tagunspublikation mit allen Referaten und den PowerPoint Präsentationen wird zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.
Auf Vimeo finden Sie Kurzvideos mit allen Referierenden.

EKS blog

VON:

Stephan Jütte

Stephan Jütte

Dr. theol., Leiter Theologie und Ethik, Mitglied der Geschäftsleitung

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1 Kommentar

  1. Jean-Claude A. Cantieni

    Sehr geschätzte Gremium

    Spontan; Christentum liefert den Stoff, um Tendenz zu Vormachtsfragen an sich auszuloten. Wie fragil begann es in den Katakomben Roms, auf denen es Absolutheitscharakter, der eigentlich einer eines freisetzenden ‚legibus assolvere‘ zu sein hat, erhob, sich zu einem weltumspannenden Bankensystem Immobilienimperium … zu entwickeln hatte? Was hat Kirche heute noch mit der ersten Apostel-Koinonia zu tun?
    Brauchen wir eine weitere Reformation als Archäo-logie, Wort (nicht Lehre) von Anfang an bis heute, das Evidenz vor Charisma zu stellen hat? Worin ERBAUEN die Reste der gebauten Kirchengeschichte, erschöpfen sich, rechte uns nicht strikt in einem immer bescheideneren sterilen Wissenstransfer von absteigendem Grenzwertnutzen bzw. (heil-losen) Aufplustern von einem (nur Re-)Ligiösen ohne Bindekraft? Adolf Muschg schrieb die Präambel für die ‚Gesaamtrevion) unsres obersten Landesrechts, worin er auf die Bergpredigt zurückgriff‘, der er zutraust, das sie als reines Wort, Archàlogos selbstredende sei , solchen Charakter dem Gesetzesbuchstaben voranstellte? Scharen wir uns hinter dieses letzt-selbstverständliche Wort dank einem Lichtstrahle als Luke in unsern Systemen, inklusive solchen der Religion?

    Mit freundlichem Grusse

    Antworten

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