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Im Alter fromm geworden?

18.März 2026

Mit dem Tod von Jürgen Habermas verliert Europa einen der prägendsten Philosophen der Gegenwart. Der Nachruf fragt, was sein Denken über Demokratie, Vernunft, Religion und gesellschaftlichen Zusammenhalt heute noch zu sagen hat und warum Habermas auch für Kirche und Theologie eine bleibende Herausforderung ist.

Zum Tod des deutschen Philosophen Jürgen Habermas

Der Tod von Jürgen Habermas (18.06.1929 – 14.03.2026) ist ein Ereignis. Er war über mehrere Jahrzehnte der einflussreichste, weit über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus bekannteste deutsche Philosoph und Soziologe. Bis in die letzten Jahre hinein hat der Wissenschaftler sich in Diskussionen eingebracht, sie auch initiiert, die die kulturellen und politischen Eliten beschäftigen, ganz gleich ob um die Zukunft Europas, die Beteiligung Deutschlands an Kriegen, den Zustand der Demokratie oder die Kommunikation von Menschen und ihre Gefährdung durch Social Media Thema waren.

Wie unterschiedliche Menschen zusammenleben können

Habermas erkannte früh, dass die Gesellschaft durch sehr unterschiedliche Kräfte und Interessen bestimmt ist, die widereinander streiten und sie zu zerreißen drohen, sie unregierbar machen und bei der Bevölkerung zu einer gefährlichen Unübersichtlichkeit führen. In seinem zweibändigen Hauptwerk „Theorie kommunikativen Handelns“ (1981) legt er ein Konzept vor, wie die gegeneinander stehenden Positionen und gesellschaftlichen Mächte in einer Demokratie zusammen leben und – wirken können, ohne diese durch Konflikte und Kämpfe zu schwächen. Habermas ist zu dem führenden Demokratietheoretiker der Bundesrepublik geworden, indem er auf Dialog („Diskurse“) setzt, in denen nach Regeln: mit Argumenten und ohne Druck auszuüben (Stichwort: „herrschaftsfreie Kommunikation“) ein vernünftiger, allein von Argumenten lebender Interessenausgleich gesucht wird.

Ursprünge: Vordenker der Linken

Habermas ist einerseits in seinen Ursprüngen einen Linker gewesen; sein Lehrer war Theodor W. Adorno, einer der Begründer der sog. „Frankfurter Schule“. In seinen frühen Jahren setzte er auf Gesellschaftsveränderung und wurde der führende Theoretiker der Studentenbewegung der 68er; zum Bruch kam es dort, wo diese nicht bereit war, sich von Gewalt als Mittel der Veränderung zu distanzieren. Habermas ist andererseits ein Denker auf der Grenze zwischen Moderne und „Postmoderne“. Zielt die Moderne auf Fortschritt und Reform, versucht postmodernes Denken die vorhandene, mit den Menschenrechten und Selbstentfaltungswünschen einer liberalen Demokratie gegebene Pluralität anzuerkennen und lebbar zu machen. Leitend ist die Einsicht, dass die lange Zeit tragenden Übereinstimmungen („Konsense“) weggebrochen sind und nun nach dem Zerbruch der für als in Steingehauenen Ordnungen mühsam neu gefunden und organisiert werden müssen.

Als Wahrheit kann hier nur noch das gelten, worauf wir uns gemeinsam verständigt haben.

Habermas und die Religion

Aufsehen erregte, dass Habermas ausgerechnet mit dem konservativen Vordenker der katholischen Kirche, Kardinal Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt das Gespräch suchte und – u.a. anläßlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels  in seiner Preisrede „Glauben und Wissen“ (2001) die Bedeutung von Religion und Glaube für eine spätmoderne Gesellschaft hervorhob. Die Beiträge von Kirche und Christentum seien für eine solche, plurale, allein auf nüchterne, aber kraftlose Rationalität setzende Gesellschaft unverzichtbar. Habermas fordert ihre Sinnressourcen zu heben.

Das gesellschaftliche Miteinander lebe von Überzeugungen, die sie durch eine bloß argumentierende Vernunft nicht schaffen könne. Sie brauche die Kraft der Werte und Orientierungen, um nicht beliebig zu werden.

Habermas, der zeitlebens gestand, „religiös unmusikalisch“ zu sein, brachte das von seinen säkularen Kollegen den Vorwurf ein, im Alter „fromm“, und also unkritisch und im Denken altersschwach geworden zu sein.

Habermas legte jedoch schließlich nach, indem er 2019 ein fulminantes Alterswerk präsentierte („Auch eine Geschichte der Philosophie, zwei Bände, mehr als 1.700 Seiten). In ihm entwickelt er das Verhältnis von Glauben und Wissen als die entscheidende Frage der Vergangenheit und der Zukunft des Abendlandes.

Die Aufarbeitung dieser wegweisenden Perspektive hat gerade erst begonnen. Insofern gilt es, sich nicht nur der Vergangenheit des gerade verstorbenen, buchstäblich „Maß gebenden“ Philosophen zu erinnern. Sein Werk hat seine Zukunft womöglich erst noch vor sich. Kirche und Theologie sind gefordert, die ausgestreckte Hand zu ergreifen.

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Heinzepter Hempelmann ist Prof. für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Evangelischen Hochschule Tabor, Marburg (EHT) und  Prof. für Systematische Theologie und Kulturhermeneutik an der Internationalen Hochschule Liebenzell (IHL)

Er nimmt regelmässig den Podcast «Mindmaps» mit Manuel Schmid auf.

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