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Die Sommerpause kommt nicht zu früh. Nach einem dichten Halbjahr ist sie mehr als eine nette Unterbrechung im Kalender. Sie ist nötig. Zum Durchatmen. Zum Setzenlassen. Zum Kraftschöpfen. Manches nehmen wir mit in diesen Sommer. Nicht als erledigte Traktanden, sondern als Nachklang. Als Fragen, die weiterarbeiten.
Am Neujahrsmorgen wurden wir mit der schrecklichen Brandkatastrophe in Crans-Montana geweckt. Viele junge Menschen und deren Familien wurden aus dem Leben gerissen. Zurück bleiben Trauer, Erschütterung, Ratlosigkeit. Es gibt Momente, in denen Worte zu klein sind. Dann bleibt nicht nichts. Dann bleibt das Gebet. Nicht als einfache Antwort. Nicht als Vertröstung. Sondern als Raum, in dem Schmerz, Klage und Hoffnung nebeneinanderstehen dürfen. Das Gebet kann uns begleiten und tragen. Die Betroffenen suchen immer noch einen Weg zurück ins Leben. Ich nehme sie und ihre Angehörigen in Gedanken mit in die Sommerpause.
Die Debatte um die 10-Millionen-Schweiz hallt immer noch nach. Berechtigte Sorgen, politische Reflexe und grosse Fragen nach dem Zusammenleben trafen aufeinander. Manchmal laut, gehässig, oft auch in fairen, abwägenden Gesprächen. Am Schluss konnten wir alle nur ein ja oder nein in die Urne einlegen. Solche Debatten zeigen, wie rasch aus Sorgen Schlagworte werden. Und wie schnell Positionen einander ersetzen, bevor überhaupt zugehört wurde. Der Schweiz fehlt es nicht an Positionen. Sie hat viele davon. Was fehlt, sind faire Dialoge. Gespräche, in denen nicht sofort sortiert wird: dafür, dagegen, richtig, falsch. Sondern gefragt wird: Welche Ängste sprechen hier? Welche Verantwortung tragen wir? Wie bleiben wir ein Gemeinwesen, das mehr kann als Parolen? Die nächsten Abstimmungen stehen an und wir bekommen eine neue Chance, uns im Debattieren zu üben.
Und immer das wichtige Thema Schutz der persönlichen Integrität. Ein Thema, das weh tut. Aber gerade darum nicht an den Rand gehört. Die Begegnungen mit der Guido Fluri Stiftung und die Safeguarding-Konferenz der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen Europas in Warschau haben mir erneut vor Augen geführt, wie viel auf dem Spiel steht: Als Kirche dürfen wir nicht nur von Vertrauen sprechen. Wir müssen Räume schaffen, in denen Vertrauen geschützt wird. Dazu gehören klare Strukturen, verlässliche Zuständigkeiten, Meldestellen und Standards. Dazu gehört aber ebenso eine Kultur, die hinschaut. Wie gehen wir mit Macht um? Wie hören wir Betroffenen zu? Die EKS arbeitet daran. Die GEKE erinnert uns daran, dass dies nicht nur ein nationales Thema ist. Schutz ist kein Zusatzprogramm. Er gehört zur Glaubwürdigkeit der Kirche.
Auf meinem Tisch liegt das druckfrische Buch «Leadership – weibliche Aspekte». Seine Herausgabe hat im ersten Jahr mir und meinem Team viel abverlangt. Zwischen den Deckeln die Essays von Weggefährtinnen, denen ich in meinen ersten Amtsjahren begegnet bin. Frauen, die mit viel Engagement Führungsfunktionen auf sich genommen haben. Sie schildern ihre Erfahrungen, die teilweise auch schmerzhaft waren. Ich freue mich, ihre Geschichten und Reflexionen nun auf die Reise zu Lesenden zu schicken. Mögen sie eine Ermutigung für alle sein, die sich ihre Positionen erkämpfen müssen. Und ich freue mich, sie an der Vernissage am 9. September vorzustellen.
Und nun also Sommer.
Wir atmen durch. Das ist wichtig. Auch kirchliche Arbeit braucht Pausen. Wer immer nur weiterläuft, verliert den Blick für das, was trägt. Ruhe ist kein Luxus. Sie ist eine geistliche Notwendigkeit.
Meine Gedanken sind in diesen Tagen aber auch bei all den internationalen Freundinnen, Freunden, Geschwistern, die sich eine Sommerpause nicht leisten können. Weil Krieg herrscht. Weil Kirchen unter Druck stehen. Weil Armut, Gewalt oder politische Unsicherheit den Alltag bestimmen. Während wir Inseln des Ausruhens suchen, kämpfen andere darum, überhaupt festen Boden unter den Füssen zu behalten. Viele der Menschen, die ich in meinem internationalen kirchlichen Netzwerk kennengelernt habe, nehme ich in meinen Gedanken und Gebeten mit in die Sommerpause. Der Bruder aus Uganda, der mich per Chat bittet, sie im Gebet mitzutragen, weil Ebola sich ausbreitet: « Keep us in prayer to get ebolafree. Keep children in prayers.» Oder die Freundinnen und Freunde im Libanon, deren Kirchen voll von Geflüchteten im eigenen Land sowie aus den Nachbarländern sind und die sie mit viel Solidarität unterstützen, obschon auch ihre Kräfte und Ressourcen beinahe ausgeschöpft sind.
Darum wünsche ich uns eine Pause, die nicht gleichgültig macht. Eine Ruhe, die uns nicht wegführt von der Welt, sondern zurückbringt mit klarerem Blick. Eine Sommerzeit, in der sich Erschöpfung lösen darf und Verantwortung nicht verloren geht.
Jesus sagt im Matthäusevangelium:
Kommt zu mir, all ihr Geplagten und Beladenen. Ich will euch erquicken. (Mt. 11,28)
Das ist kein Ferienversprechen. Es ist mehr. Es ist eine Einladung an alle, die tragen, was zu schwer geworden ist. An die Trauernden. An die Streitenden. An die Verletzten. An die Verantwortlichen. An die Müden.
Ich wünsche uns allen solche Inseln des Ausruhens. Kleine, echte Orte der Ruhe. Für den Körper. Für die Seele. Für die Kirche. Für diese Welt, die Gottes Frieden so dringend braucht.
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