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Die Karwoche beginnt mit dem Palmsonntag, dem letzten Sonntag vor Ostern, an dem des triumphalen Einzugs Jesu in Jerusalem gedacht wird. Sie setzt sich fort mit dem Gründonnerstag, dem Tag, an dem das letzte Mahl Christi mit seinen Jüngern gefeiert wird. Ihren Höhepunkt erreicht sie am Karfreitag, der dem Tod Jesu am Kreuz gewidmet ist. Der Karsamstag markiert eine stille Pause zwischen Kreuzigung und Auferstehung und erinnert an den Abstieg Christi in das Reich der Toten (vgl. 1 Petr 3,19). Dieser Text versucht eine theologische Deutung der Karchwoche aus reformierter Perspektive.
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Und sie kreuzigen ihn und teilen seine Kleider unter sich, indem sie das Los darüber werfen, wer sich was nehmen dürfe. 25 Es war aber die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten.
Markus 15,24-25
Denn ich habe euch vor allen Dingen weitergegeben, was auch ich empfangen habe: dass Christus gestorben ist für unsere Sünden gemäss den Schriften.
1 Korinther 15,3
Die Entwicklung dieser liturgischen Abfolge hat ihren Ursprung in der Feier des Ostergeheimnisses, in dem Tod und Auferstehung Jesu Christi ein untrennbares Ganzes bilden. Ursprünglich steht die Passion nicht für sich allein: Sie wird immer im Licht des Osterereignis betrachtet. Dieser ursprüngliche Kern umfasst somit den Karfreitag bis zum Ostersonntag, und wird als « Triduum sacrum » (drei heilige Tage) bezeichnet[1].
So stellte die christliche Kunst bis zum 5. Jahrhundert das Kreuz nur als Symbol des Lebens dar, niemals als Abbild des Leidens[2] . So war die Woche vor Ostern ganz auf die Vorbereitung der Täuflinge ausgerichtet, die in der Osternacht getauft werden sollten.
Das antike Triduum stand im Zeichen des endgültigen Sieges des Schöpfer- und Erlösergottes über die Mächte der Finsternis und des Todes. Der Tod Jesu steht im Mittelpunkt, wird aber durch die Erneuerung des Lebens gedeutet.
Ab dem 4. Jahrhundert erhielten die Schlüsselmomente der Passionsgeschichte jedoch eine eigenständige liturgische Dimension.
Der Reisebericht der Egeria ist ein wichtiges Zeugnis dieser Entwicklung. Wir befinden uns in Jerusalem: Am Freitag, bei Tagesanbruch, beim ersten Hahnenschrei beginnt eine Reihe von Prozessionen zwischen den symbolträchtigen Orten der Passion – Gethsemane (Verhaftung), eine Kirche die „Kreuz“ genannt wird (Gerichtsverfahren), Golgatha (Kreuzigung) und eine Kirche die „Auferstehung“ genannt wird (Begräbnis)[3] .
Diese rituelle Inszenierung, verleiht dem Ostergeheimnis eine beispiellose dramatische Intensität. Allerdings entstand erst im 8. Jahrhundert eine Liturgie, die sich um eine vollständige Dramaturgie der Passion herum strukturierte die am Palmsonntag sein Beginn hat[4] .
Von da an entwickelte sich eine liturgische Praxis, die zunehmend zwischen einem Fest, das der Auferstehung gewidmet ist (Ostersonntag und Osterzeit), und einem Fest, das den Leiden und dem Tod Christi gewidmet ist (Passionszeit, Karfreitag), unterschied.
Die liturgische Erneuerung des 20..Jahrhunderts, verbunden mit ökumenischen Annäherungen, versuchte ihrerseits, die ursprüngliche Einheit des Ostergeheimnisses als gemeinsame Feier des Todes und der Auferstehung Christi wiederzufinden.
Heute muss die Kirche mit einem komplexen Erbe umgehen. Einerseits hat sie eine Praxis geerbt, die auf einer narrativen Entfaltung des Ostergeheimnisses bestand, die die verschiedenen Momente der Erzählung unterscheidet und ihnen eine eigene Bedeutung verleiht.
Andererseits hat sie versucht, die ursprüngliche Intuition dieses Festes wiederzufinden, indem sie die Momente des Leidens und des Todes im Licht des österlichen Sieges neu verortet hat.
Aber besteht nicht die Gefahr, dass die Vorwegnahme der Auferstehung das Tragische, den eigentlich empörenden Moment, der durch das Durchleben der Karwoche dargestellt wird, banalisiert? Wie kann man diesen Moment angemessen einordnen, ohne seinen Aufforderungen zu verschleiern?
Für sich genommen laden die Ereignisse der Karwoche und insbesondere der Karfreitag weniger zum Feiern als vielmehr zum Trauern ein. Dies war auch in der antiken Praxis der Fall: Der Eucharistiefeier am Ostersonntag gingen zwei Fastentage voraus.
Mit anderen Worten: Ohne Ostern ist Karfreitag nichts anderes als das Gedenken an ein politisches Verbrechen, und die Karwoche ist die lebhafte Erinnerung an das Scheitern der Bewegung, die in der Person Jesu von Nazareth Gestalt annahm.
Gleichzeitig gäbe es keine christliche Tradition, wenn dieses Scheitern nicht überwunden worden wäre. Offensichtlich ist es nicht dabei geblieben – und diese Tatsache bestimmt für den Glauben die Art und Weise, wie er sich zu diesem Scheitern verhält.
Noch einmal: Für die christliche Tradition haben das Leiden und Sterben Christi nur in Verbindung mit seiner Auferstehung eine Bedeutung.
Dies weist auf eine theologische Spannung hin: Der Tod am Kreuz und die Auferstehung sind untrennbar miteinander verbunden, stehen aber gleichzeitig in einem scharfen Gegensatz zueinander, der sich jeder theologischen Harmonisierung widersetzt.
Die Geschichte der christlichen Theologie könnte weitgehend als Versuch gesehen werden, diesen Gegensatz zu verhandeln und gleichzeitig Lösungen, die als problematisch angesehen werden, zu überarbeiten oder zu verwerfen. Hier lassen sich zwei Wege nennen, wie diese Verhandlung stattgefunden haben könnte.
Auf der einen Seite steht die Ablehnung einer bestimmten „Opfertheologie”: ihr zufolge dient der Tod Christi dazu, die Beleidigung, die der Mensch Gott durch die Sünde zugefügt hat, zu kompensieren – eine Wiederaufnahme der Ausführungen von Anselm von Canterbury zur Inkarnation.
Diese Sichtweise spiegelt das Bild eines Gottes wider, der Blutdurst über Barmherzigkeit stellt. Modern geprägte Theologien lehnen dieses Bild Gottes tendenziell ab, da es mit ihren moralischen Werten unvereinbar ist.
Angesichts dieser Sichtweise haben einige die Vielfalt der neutestamentlichen Interpretationen des Todes Jesu hervorgehoben, um dessen Bedeutung über die Interpretationen im Sinne einer „Opfergenugtuung” hinaus zu erschließen[5] .
Doch die Kritik reicht tiefer: Sie betrifft die Funktion der Opfermetaphorik für das Heilsverständnis, die durch den christlichen Glauben grundlegend umgedeutet, auch hinterfragt, wird[6].
Mit Blick auf die Gräueltaten des 20. Jahrhundert ging es auch darum, eine typisch lutherische Betonung der erlösenden Bedeutung des Leidens Christi zu nuancieren: Durch das Leiden Christi hätten wir Zugang zu den Gütern, die Gott verspricht. Sie sind der Ort des „freudigen Austauschs” zwischen der Gerechtigkeit Christi und der menschlichen Sünde[7] .
Die Passivität, die diese Sichtweise hervorhebt, setzt sich insbesondere einer Kritik aus: Sie birgt die Gefahr, dass sie die Bemühungen um eine Veränderung der sozialen Strukturen hemmt und zur Untermauerung ungerechter Ordnungen beiträgt.
Manche theologischen Ansätze haben die emanzipatorische Dimension des Leidens Christi hervorgehoben und es als Zeichen für das Leiden Gott selbst verstanden, im Mitleiden mit seiner Schöpfung[8]. Durch die Teilhabe am Leiden Jesu zeigt Gott auf welcher Seite er tatsächlich steht: nicht auf der Seite der Mächtigen, die Leiden zufügen, sondern auf der Seite derer, die das Leiden erfahren.
Auch wenn diese Perspektivenwechsel die Grammatik des christlichen Glaubens in Bezug auf die Art und Weise, wie mit dem Leiden und Sterben Christi umgegangen wird, offensichtlich bereichern, bleibt doch die Tatsache, dass es der Versuch ist, „Sinn zu stiften”, den die Passionsgeschichte selbst in Frage stellt.
Haben wir es bei diesen Bemühungen nicht in Wirklichkeit mit einer ständigen Verlagerung eines Problems zu tun, das sich niemals endgültig lösen lässt?
Das Leiden und Sterben Christi kann nicht vom Ostergeheimnis getrennt werden. Und diese Dimension stört, weil sie das Bild Gottes direkt mit Ungerechtigkeit und Leid in Verbindung bringt. Und sie stört in höchstem Maße, wenn man versucht, diese Leiden für sich selbst zu betrachten.
Und wenn das Wort „Gott” weiterhin die Bedeutung einer letzten Realität hat, die sich nicht einfangen lässt und letztlich jede Existenz bestimmt, dann ist jedes Wort über Gott in der Entfaltung der Karwoche immer ein Wort zu viel.
Die ritualisierte Wiederaufnahme der Erzählungen schmiedet Gemeinschaften und trägt zur Entstehung des Selbst bei[9] . Wendet man diese Perspektive auf die Karwoche an, kann man folgende Lesart wagen: Die Möglichkeit, die sich durch das Durchleben der Karwoche und ihren Höhepunkt am Karfreitag bietet, ist die einer Gemeinschaft der Gescheiterten.
Das „letzte Mahl” am Gründonnerstag symbolisiert das, was geschehen muss, aber nicht geschehen wird. Das Mahl, das Jesus mit seinen Jüngern einnimmt, enthält gleichzeitig das Versprechen einer wiederhergestellten Lebensgemeinschaft – das Mahl im Reich Gottes – und dessen endgültige Verweigerung – Verlassenheit, Verrat, Manipulation, Hinrichtung[10] .
Aus dieser Perspektive scheint die Karwoche nur ein banaler Ausdruck der Tragik des Daseins zu sein. Eine Geschichte, die gut begann, aber schlecht endete – wie so viele andere auch.
Das Besondere an der Karwoche ist, dass das, was in ihr Gestalt annimmt (eine neue Gemeinschaft), und das, was in ihr endet (das Leben Jesu), vom Schöpfer von Himmel und Erde gewählt wurde. Es ist nicht die Teilhabe am Leiden an und für sich, die diese Gemeinschaft der Karwoche ausmacht. Es ist die göttliche Erwählung.
Aber diese Aussage führt uns bereits aus der Karwoche heraus und hin zum Ostermorgen. Diese Erwählung ist genau das, was während der Karwoche nicht gesagt werden kann und was sogar durch die Passionsgeschichte widerlegt wird: den für sich genommen ist sie die Geschichte einer gescheiterten Bewegung, wo Gottes Segen nicht sichtbar ist. Und doch ist es genau das, womit wir uns in dieser Woche beschäftigen müssen. Eine „gefährliche Erinnerung” (Johann Baptist Metz).
Sich weigern, das Leiden zu verklären, und dennoch ein Durchleiden zu bezeugen, bis in seiner Erfüllung in einem ungerechten und entehrenden Tod. Vielleicht besteht darin der Sinn der Karwoche – und dessen was diese Woche mit uns macht.
[1] Die heutige Auffassung des Triduum sacrum umfasst den Gründonnerstag.
[2] Jacques Landsberg, L’art en croix. Le thème de la crucifixion dans l’histoire de l’art, Tournai, La Renaissance du livre, 2001, S. 51-52.
[3] Égérie, Journal de voyage, 36-37 (Sources chrétiennes Vol. 296, 1982, S. 281-291). Die Bezeichnungen « Kreuz » (Crucem) und « Auferstehung » (Anastasis) verweisen auf unterschiedliche Kultorte der Jerusalemer Gemeinde. Vgl. die Erläuterungen in ebd., S. 60–66.
[4] Karl-Heinrich Bieritz, Das Kirchenjahr. Feste, Gedenk- und Feiertage in Geschichte und Gegenwart. Neu bearbeitet und erweitert von Christian Albrecht, München, Verlag C. H. Beck, 20149 , S. 199-200.
[5] Vgl. insbesondere François Vouga, La religion crucifiée. Essai sur la mort de Jésus, Genf, Labor et Fides, 2013.
[6] Siehe hierzu Ingolf U. Dalferth, Der auferweckte Gekreuzigte. Zur Grammatik der Christologie, Tübingen, Mohr Siebeck, 1994, insbesondere S. 235-315.
[7] Martin Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen, Paris, Seuil, 1996, S. 40-41.
[8] Typisch in diesem Sinne: Jürgen Moltmann, Der gekreuzigte Gott, Paris, Cerf, 1974 (1972); Jésus, le messie de Dieu, Cerf, 1993 (1989), S. 217-295. Ebenso Dorothée Sölle, Souffrances, Paris, Cerf, 1992 (1973).
[9] Hier sollten die aufschlussreichen Seiten über die Beziehung zwischen „Mythos” und „Gemeinschaft” bei Jean-Luc Nancy, La communauté désœuvrée, Paris, Christian Bourgois, 1990, noch einmal gelesen werden.
[10] Zu diesem Thema siehe die aufschlussreichen Seiten von Giancarlo Gaeta, Les temps de la fin. Proximité et distance de la figure de Jésus, Genf, Labor et Fides, 2025, S. 81f.

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