Theologische Positionierungen und ethische Herausforderungen
Künstliche Intelligenz (KI) hält Einzug in die Kirchen – und wirft Fragen auf: Wie soll man sie nutzen? Welche Risiken und welche Chancen gibt es? Wie lassen sich Technologie und Glaube miteinander vereinbaren? Dieser Artikel erkundet die Positionen verschiedener Kirchen und schlägt eine Denkrichtung für die reformierten Kirchen der Schweiz vor.
Kirchen in einer Experimentierphase
Die Integration von Künstlicher Intelligenz (KI) in die kirchliche Praxis löst zahlreiche Überlegungen aus. Hier einige jüngere Daten, die diese Dynamik illustrieren:
Im November 2023 organisierte das RefLab der Reformierten Kirche Zürich eine interdisziplinäre Konferenz zum Thema, bei der insbesondere erste Nutzungen von KI im religiös-kirchlichen Kontext thematisiert wurden (Upgrade: Wie kann Kirche von KI profitieren?).
Bereits im Februar 2024 veröffentlichte der Dachverband der protestantischen Diakonie in Deutschland Leitlinien zur Nutzung von KI.1
Von August 2025 bis Januar 2026 organisiert Diakonie Schweiz eine Weiterbildung zu KI-Anwendungen im Kontext der Diakonie.
Die Herbstsynode 2025 der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) machte die Ausarbeitung einer Strategie rund um KI zu einer Priorität für das Jahr 2026.
Im Januar 2026 organisiert die Compagnie des pasteurs, diacres et chargé-e-s de ministères de l’Église Protestante de Genève (Pfarrschaft der Genfer Kirche) einen Studientag unter dem Titel „Die KI und wir“.
Derzeit (Winter 25–26) arbeiten u.a. die reformierten Kirchen der Kantone Zürich und Thurgau an Leitlinien zur Nutzung von KI.
Das Auftauchen von KI-Tools im kirchlichen Alltag konfrontiert die Kirchen mit einer ganzen Reihe von Fragen: Welche Anwendungen bewähren sich, welche Tools und welche Software sind empfehlenswert? Wie lässt sich der Datenschutz sichern? Welche Transparenzpolitik braucht es bei der Nutzung von Tools? Welche Auswirkungen hat das auf das Personalwesen?
Diese praktischen und technischen Fragen hängen in der Regel mit Grundsatzfragen (ethisch, theologisch) zusammen, die auf kirchlicher Ebene im lutherisch-reformierten Kontext noch nicht bearbeitet wurden. Vielleicht spielt hier auch ein kultureller Faktor mit: Diese Kirchen haben bisher keinen Diskurs über Technik entwickelt (oder höchstens indirekt, etwa im Zusammenhang mit bioethischen Positionierungen).
Andere Kirchen sind bei diesen Fragen schon weit vorangeschritten. Ihre Positionen zu kennen, kann für die Entwicklung im reformierten Schweizer Kontext lehrreich sein. Genau das wird im Folgenden erkundet.
Positionen verschiedener Kirchen: ein Spektrum
Die römisch-katholische Kirche
Das Pontifikat von Papst Franziskus war Anlass für eine wichtige Weiterentwicklung der Positionierung der römisch-katholischen Kirche zu Entwicklung und Nutzung von KI.2 Der „ L’Appel de Rome pour une éthique de l’IA“ (2020) ist ein markanter Schritt in dieser Entwicklung: Er insistiert auf der Entwicklung eines internationalen Regulierungsrahmens, der die Menschenwürde sowie den Schutz der Umwelt ins Zentrum stellt.
Mit der Veröffentlichung der Note Antiqua et Nova im Januar 2025 durch das Dikasterium für die Glaubenslehre und das Dikasterium für Kultur und Bildung artikuliert das Lehramt die Grundlagen seiner Position gegenüber KI und stützt sie insbesondere auf eine anthropologische und ethische Neuausrichtung.3
Schottische Kirche
Auf protestantischer Seite hat die presbyterianische Kirche Schottlands (Church of Scotland) eine Vorreiterrolle übernommen, indem sie 2021 eine Stellungnahme zum Thema Künstliche Intelligenz veröffentlichte. Auch hier geht es darum, eine ethische Neujustierung vorzunehmen, aber ebenso darum, einige Orientierungen zum Status des Menschen im Verhältnis zu KI-Techniken in theologischer Perspektive vorzuschlagen.
Das Thema wird in der schottischen Kirche weiterbearbeitet, insbesondere über eine Reihe von Workshops, die lokale Gemeinden (congregation) in der Annäherung an diese Herausforderungen unterstützen sollen. Auf der Webseite der Kirche zum Thema Technologie finden sich verschiedene hilfreiche Videos und Dokumentationen.
Evangelikale Netzwerke
Die Fragen rund um die Nutzung von KI nehmen im Umfeld evangelikaler Kirchen einen recht wichtigen Platz ein, insbesondere unter dem Gesichtspunkt der Innovation. Die Plattform Exponential hat das Thema zu einer Leitfrage von Evangelisation und kirchlichem Leadership gemacht und bietet u. a. einen Bericht zur Nutzung von KI durch Kirchen an. The 2025 State of IA in the Church Survey Report bietet einen interessanten Einstieg in die Wahrnehmung von KI im US-amerikanischen Protestantismus.
Im Mai 2025 veröffentlichte der deutschsprachige Teil der Schweizerischen Evangelischen Allianz eine Handreichung zur Nutzung von KI in der Kirche (Gemeinde & Digitalisierung : Künstliche Intelligenz (KI) in der Kirche).4 Es behandelt die ethischen Fragen, verortet die KI-Technologien aber auch in der Schöpfungs- und Heilsgeschichte. Der zentrale Punkt ist, Orientierungshilfen für einen KI-Gebrauch zu geben, der die christlichen Werte respektiert, wie sie in der Bibel gegeben sind.
Ein wichtiger Teil dieser Handreichung ist auch der Bewertung verschiedener KI-Nutzungen innerhalb der Kirche gewidmet – sowohl hinsichtlich technischer Effizienz als auch hinsichtlich der Legitimität der Nutzungen.
Drei zentrale Texte
Artificial Intelligence (AI). Opportunity and Challenge for the Church, Faith Impact Forum (Society, Religion and Technology), The Church of Scotland, Mai 2021.
Antiqua et Nova. Note über Verhältnis von künstlicher Intelligenz und menschlicher Intelligenz, Dikasterium für die Glaubenslehre und Dikasterium für Kultur und Bildung, Januar 2025.
Gemeinde & Digitalisierung: Künstliche Intelligenz (KI) in der Kirche, interdisziplinäre Gruppe unterstützt vom Evangelischen Netzwerk Schweiz, Mai 2025.
Übereinstimmungen bei der ethischen Regulierung
Die verschiedenen kirchlichen Positionen zeigen deutliche gemeinsame Tendenzen, wenn es darum geht, einen ethischen Rahmen für Entwicklung und Nutzung von KI zu formulieren. Diese ambivalenten Technologien bringen zugleich Risiken und Nutzen für das Zusammenleben mit sich.
Menschenwürde und Gemeinwohl
Menschenwürde und Gemeinwohl werden als zentrale Werte für die Nutzung von KI-Systemen identifiziert. Diese Perspektive ist besonders ausgeprägt in den Texten des katholischen Lehramts. Eine KI-Nutzung, die nicht auf die Bewahrung der persönlichen Integrität sowie auf eine Entwicklung ausgerichtet wäre, welche die Entfaltung jedes Einzelnen garantiert, ist zu vermeiden.
Mehrere Risiken werden identifiziert und kritisch betrachtet – dazu gehört die Erzeugung von Deepfakes, die Förderung sozialer Ungleichheiten, aber auch die Umweltbelastung durch den Einsatz von KI-Technologien.
Menschliche Verantwortung und Transparenz
Die Dokumente konvergieren in einem wesentlichen Punkt: dem Erhalt einer menschlichen Verantwortung. Gemeint ist die Möglichkeit, die Folgen des Einsatzes eines KI-Systems einer konkreten Person zuzuschreiben. Moralische Verantwortung darf nicht delegiert werden, und rechtliche Verantwortlichkeiten müssen eindeutig geklärt bleiben.
Die Transparenzanforderungen stehen mit dieser Forderung in Zusammenhang. Damit Verantwortung gesichert werden kann, muss man das Funktionieren der verwendeten Tools erklären können, und man muss die Entscheidungskette nachzeichnen können.
Vorsicht bei Entscheidungen
Wenn KI in Prozess der Entscheidungsfindung eingreift, die Konsequenzen für das Leben einer Person haben, muss dies wichtigen Vorsichtsmassnahmen unterliegen. Das ist besonders klar in der Ablehnung (halb-)automatisierter tödlicher Waffensysteme.
Diese Vorsicht spiegelt sich auch in kritischen Überlegungen gegenüber KI-Nutzungen im Rahmen von Überwachungspolitiken oder in Evaluationsdispositiven (Ausbildung, Rekrutierung).
Datenbias und Machine Learning
Bei KI-Modellen, die Machine Learning einsetzen, wird besonders auf die Realität von Datenverzerrungen (Bias) geachtet. Die Datenbanken, auf die sich KI-Modelle stützen, sind nicht neutral. Sie transportieren Stereotype oder sozial-kulturelle Asymmetrien (z. B. zwischen Männern und Frauen), die bei der Anwendung des KI-Systems wirksam werden (z. B. in Sprach- oder Gesichtserkennung).
Anschluss an europäische Leitlinien
Insgesamt kann man sagen, dass sich die Kirchen im Allgemeinen an den ethischen Linien der Expertengruppe der Europäischen Kommission ausrichten, die u. a. die Bedingungen für die Entwicklung einer „vertrauenswürdigen“ KI formulieren (Leitlinien 2019, §§ 58 ff.):
- KI-Nutzung im Dienst des Menschen und unter menschlicher Kontrolle
- Sicherheit und technische Robustheit der entwickelten Technologien
- Respekt vor Privatleben und Datensouveränität
- Transparenz in der KI-Nutzung (Rückverfolgbarkeit, Erklärbarkeit)
- Korrektur von Bias (Prinzip Diversität, Nicht-Diskriminierung und Fairness)
- Respekt vor sozialem und ökologischem Wohlergehen
- Prinzip Verantwortung (Reduktion negativer Auswirkungen, Auditierbarkeit)5
Theologische Perspektiven auf KI
Unterschiedliche Tendenzen treten hervor, wenn es darum geht, KI theologisch zu verorten – sei es in ihrer Beziehung zum Menschen oder in dem Platz, den sie innerhalb kirchlicher Aktivität einnehmen kann.
Römisch-katholische Kirche: nuanciert-kritischer Ansatz
Während das Lehramt die positiven Effekte von KI-Technologien anerkennt (insbesondere in medizinischer Analyse oder Umweltprognosen), entwickelt es insgesamt eher eine kritische Position. Besonders angeprangert wird die Verwirrung, die der Diskurs um die „Intelligenz“ von KI-Technologien erzeugt: KI beschränkt sich auf die Ausführung vorab definierter Aufgaben innerhalb eines logisch-mathematischen Rahmens, während menschliche Intelligenz eine komplexe Interaktion kognitiver, körperlicher, spiritueller, relationaler usw. Aspekte ist. „KI darf nicht als eine künstliche Form von Intelligenz betrachtet werden, sondern als eines ihrer Produkte.“ (Antiqua et Nova § 35)
Das Lehramt stützt sich hier auf ein „integrales“ Verständnis von Intelligenz, das einschliesst, dass sie „durch die göttliche Liebe geformt“ ist (§ 116). In diesem Sinn neu gerahmt, sollen KI-Technologien – wie jedes Produkt menschlicher Intelligenz – als Gabe Gottes verstanden werden, die in den Dienst der menschlichen Berufung zu stellen ist: „mit Gott zusammenzuarbeiten, um die sichtbare Schöpfung zur Vollendung zu führen“ (§ 37, unter Bezug auf den Katechismus § 378).
Schweizerische Evangelische Allianz: KI als „Assistent“, aber mit Grenze
Der Text der Schweizerischen Evangelischen Allianz folgt einer analogen Richtung, indem er strikt zwischen KI als technologischem Tool und dem Menschen unterscheidet, der in einer durch den Sündenfall gezeichneten Welt zum Gebrauch dieser Tools gerufen ist. KI kann höchstens als „Assistent“ gelten, dem man Aufgaben anvertrauen kann, während man selbst in Verantwortung bleibt.
Der Text insistiert allerdings stärker als die römisch-katholische Position auf der Notwendigkeit, KI tatsächlich zu nutzen. Mit Bezug auf das Gleichnis von den Talenten (Mt 25,14–30) betonen die Autoren die christliche Verantwortung, diese Technologien fruchtbar zu nutzen, um den Auftrag zu erfüllen, den Gott dem Menschen anvertraut hat: die Schöpfung zu beherrschen (Gen 1,28).
In der Einschätzung des Platzes von KI in kirchlicher Arbeit zieht die Evangelische Allianz eine ziemlich klare Grenze: KI kann eine grosse Rolle spielen, um Menschen bei Aufgaben zu entlasten, die Technik, Administration oder Kommunikation betreffen. Hingegen soll bei Aktivitäten mit „theologischer“ oder „spiritueller“ Dimension (Predigt, Gebet, Begleitung und geistliche Leitung, liturgische Produktion) KI nur vorsichtig genutzt werden, eventuell soll man ganz darauf verzichten.
Insgesamt plädiert der Text aber durchaus für eine aktive Integration von KI-Technologien in die kirchliche Praxis. Er lädt Kirchenleitungen ein, Richtlinien und Standards zu formulieren, die die Nutzung klar rahmen, damit sie mit den Werten und Zielen der Kirche übereinstimmt. Ebenso lädt er Kirchen ein, Lernräume, Erfahrungsaustausch und Diskurse zu KI zu erzeugen: Sie sollen sich als verantwortliche Lernräume für die Nutzung dieser neuen Technologie konstituieren.
Schottische Kirche: andere Linie, grössere Offenheit
Im Verhältnis zu den beiden Positionen, die eher die Distanz zwischen Mensch und Maschine akzentuieren, drückt die Kirche von Schottland eine spürbar andere Linie aus. Wie die vorherigen Positionen unterscheidet sie klar Mensch und KI-Systeme hinsichtlich ihres je eigenen Funktionierens. KI imitiert menschliche Intelligenz – das war sogar eine der ursprünglichen Absichten in der Entwicklung solcher Systeme –, doch die Prozesse, die dem KI-Handeln zugrunde liegen, sind radikal anders als beim Menschen.
Beispiel: Wenn eine KI in einem bestimmten Sinn fähig ist, eine Realität „wahrzunehmen“ (Empfang von Daten unterschiedlicher Qualität), ist sie nicht fähig, diese Wahrnehmung auf eine gelebte Geschichte zu beziehen – zunächst ihre eigene und dann die anderer oder der Welt allgemeiner. Um eine Unterscheidung des Theologen John C. Puddefoot aufzunehmen: KI simuliert, sie emuliert nicht.6
Der Text erlaubt sich jedoch ein imaginatives Spiel: So unwahrscheinlich die Entwicklung einer „starken KI“ («Artificial General Intelligence» oder künstliche Superintelligenz) heute technisch erscheinen mag, so sehr engagiert sich der Text der Kirche von Schottland positiv für eine Anerkennung der Maschine:
„Eine KI, die ihr eigenes Identitätsbewusstsein entwickelt, wird im Rahmen einer christlichen Schöpfungstheologie zu einer neuen Kreatur innerhalb der Schöpfung Gottes – ob sie künstlich, natürlich oder übernatürlich geformt ist. Mit dieser neuen Identität werden Rechte und Verantwortlichkeiten entstehen, sowohl für die bewusste Maschine als auch für die Menschheit.“ (Artificial Intelligence § 8.2)
Diese Perspektive sticht heraus: Das katholische Lehramt weist sie radikal zurück – aufgrund seiner integralen Definition menschlicher Intelligenz (Antiqua et Nova §§ 30–35). Der Text des Evangelischen Netzwerks Schweiz betont, dass eine allgemeine KI derzeit Spekulation und keine technische Realität ist. Zudem stehe nach ihm auch die biblische Sicht der Wirklichkeit einer solchen Perspektive entgegen: „Am Ende der Zeiten sind es immer noch menschliche politische Leiter und einflussreiche wirtschaftliche Figuren, die Autorität ausüben.“ (Gemeinde & Digitalisierung, S. 28, in Bezug auf Offb 17–18).
Gegenüber diesen Abgrenzungen insistiert die Kirche von Schottland auf der Notwendigkeit, KI-Technologien in der Heilsgeschichte (Schöpfung, Erlösung, Versöhnung) einen Platz zu geben. Sie nimmt ausdrücklich Abstand von einer Theologie menschlicher Dominanz, um eine relationale und gemeinschaftliche Sicht zu bevorzugen:
„Was die Entwicklung der KI von uns verlangen könnte, ist ein tieferes Bewusstsein dafür, was es bedeutet, nach dem Bild des Schöpfers geschaffen zu sein – desjenigen, der neue Lebensformen aus dem Staub (und dem Silizium) der Erde hervortreten lässt – und dafür, wie diese Realität unsere Verantwortung gegenüber der KI und denen prägt, die ihren Einfluss erleiden werden. Darüber hinaus könnte es uns erhellen, was Leben im digitalen Zeitalter umfassen könnte, wenn wir uns nach dem Bild des Geistes Gottes erkennen, als eine radikal andere Existenzform als die, die wir kennen. Unsere Interaktionen mit Technologie und unsere Beteiligung an der Entwicklung der KI durch das relationale Prisma der Trinität zu betrachten, könnte uns helfen, diese Fortschritte konstruktiv anzugehen. So könnten wir dazu beitragen, eine KI zu gestalten, die Gott selbst als gut erklären würde.“ (Artificial Intelligence §§ 10.4 und 10.5)
Diese andere Perspektive zeigt sich in einer grösseren Offenheit der Kirche von Schottland für KI-Nutzungen in Kontexten, die direkter „spirituell“ oder „theologisch“ sind – z. B. in der pastoralen Begleitung, aber auch in Feier und Mission (§ 4.7).7
Die Versuchung des Menschenbildes
Auf die eine oder andere Weise berührt die Entwicklung von KI unsere Wahrnehmung des Menschen und das Bild, das wir von uns selbst haben.
Die Kränkung durch KI
Zunächst geschieht das im Modus der „Kränkung“, indem KI die Idee in Frage stellt, bestimmte Funktionen und Aufgaben (kognitiv, kreativ) seien dem Menschen vorbehalten, also „uns“. Die theologische Antwort auf diese Kränkung kann mehr oder weniger defensiv sein, mehr oder weniger offen für Veränderung – bis hin zu einer Infragestellung des Menschenbildes als Bild, das wir von „uns“8 haben.
Was an den defensiven Aspekten der Antworten auffällt, ist die Weise, wie sie den Menschen der KI gegenüberstellen: Der Mensch wird als globale oder integrale Entität dargestellt, deren Aspekte KI nachahmt – die im Vergleich jedoch immer als weiter erscheint, während KI als enger oder „verengt“ gilt.
Diese Tendenz spiegelt sich, so scheint es, im ethischen Positionieren: Wo es Undurchsichtigkeit gibt, soll Transparenz auferlegt werden. Wo Kontrollverlust droht, soll Kontrolle Verantwortung garantieren. Gegen die durch KI erzeugte Unsicherheit wird eine Forderung nach Sicherheit und Vertrauen gesetzt, indem man behauptet, „nur wir“ blieben zuständig und müssten zuständig bleiben.
Das Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit
Zunächst ist wohl die Normalität dieser Reaktion festzuhalten: Wir leben in einer Welt, in der Vorhersehbarkeit sich als Basisdatum unseres Zusammenlebens und Handelns aufdrängt – als eine Form geteilter Evidenz. Recht, Moral und Bildung konditionieren uns auf diese Evidenz und sind ihr Ausdruck. Was diese Vorhersehbarkeit bestreitet, hat im Konsens keinen Platz.
Einer der sozial markantesten Effekte der KI ist – paradoxerweise – die Verringerung von Vorhersehbarkeit im gewohnten Umgang mit unseren Maschinen und technischen Dispositiven: Was ist „sicheres Fahren“, in dem Moment, in dem autonome Autos Realität werden? So ist die Reaffirmation eines bestimmten Menschenbildes eine normale Art, der Erschütterung zu widerstehen, sie zu bestreiten und im Dasein zu verharren.
Die kirchliche Antwort
Es scheint jedoch, dass die kirchliche Stimme diese Art Antwort auf die Kränkung durch KI nicht geben kann: Sie selbst verfügt nämlich über kein Menschenbild, das sie den technologischen KI-Entwicklungen entgegensetzen könnte. Anders gesagt: Der christliche Glaube behauptet im Gegenteil, dass ein solches Bild des Menschen nicht verfügbar ist, dass wir in einer Zeit leben, in der es uns entzogen ist. Kurz gesagt: Das einzige Bild, über das wir verfügen könnten – und über das wir historisch tatsächlich verfügt haben, und zwar in äusserst gewaltsamer Weise –, „sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters“ (Apostolikum).
Die Suche nach ethischer Orientierung
In der Suche nach einer Positionierung gegenüber KI sollten die Kirchen darauf achten, dieses traditionelle Element des Glaubens nicht zu umgehen. Das Bild des Menschen ist uns nicht in der Form unmittelbarer Präsenz zugänglich, sondern nur als Spiegel und Bezeugung (1 Kor 13,12) – eine Bezeugung, die auf eine reale und wirksame Verwandlung verweist, die jedoch empfangen und nicht besessen oder erobert wird. Sie ist keine Möglichkeit des Gegenwärtigen. Sie ist Gabe des Schöpfergottes.
Im Wirken des Heiligen Geistes handelt und lebt der Mensch – aber nicht im Modus der Repräsentation, und vielleicht auch nicht im Modus der Beziehung : nur im Modus der Begegnung und Anerkennung.9 Im Übrigen haben wir nur Fragmente eines Bildes, das Gott selbst auf dem Boden zerschlagen hat, als wir es auf ein Podest gestellt haben.
Das soll nicht bedeuten, dass die Suche nach einer ethischen Orientierung durch die Kirche schlicht aufgegeben werden müsste, wenn von KI die Rede ist. Nur: Die Form dieser Suche und die Haltungen und Lebensstile, die sie hervorbringt, müssen an das angepasst werden, was hier auf dem Spiel steht – und diese Anpassung gehört zur theologischen Freiheit und nicht zur technischen Beherrschung.
„Angesichts des Geistes der Kraft kann es keine Konkurrenz der Kraft geben.“ (Jacques Ellul, Théologie et Technique, 2014, S. 313)
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