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Einblicke in zwei interkulturelle Gemeinden
Kirche ist, wo sich zwei oder drei im Namen Christi versammeln. Doch was, wenn diese Menschen unterschiedlich sind? Wenn Reformierte und Pfingstler:innen, Menschen aus deutschen landeskirchlichen und internationalen Gemeinden gemeinsam Gottesdienst feiern? Noch immer ist das eine Seltenheit. Dabei zeigen zwei Gemeinden in Deutschland, wie diese Vielfalt Teil einer Gemeinschaft werden kann – dieser Beitrag erzählt ihre Geschichte.
Mein Name ist Lisa Ketges. Ich bin Theologin und habe über zwei Jahre die zwei Gemeinden immer wieder besucht. Ich habe mitgebet, mitgearbeitet und bin mit den Menschen vor Ort ins Gespräch gekommen.
Das Verständnis von Kirche, von dem ich in diesem Blog berichte, setzt also dort an: in den Gemeinden vor Ort, im konkreten Gemeindealltag.
Ich habe ihre liturgische, musikalische und gemeindepädagogische Arbeit mit einem Blick von aussen betrachtet. Ich habe nach den Erfahrungen der Menschen in den Gemeinden und dem Wissen gefragt, das sie im Rahmen ihrer Arbeit zusammengetragen haben. Ich war zugleich mittendrin und habe erlebt, wie es ist, Teil der Gemeinschaft zu sein, die sich in den Gemeinden versammelt.
So entstand ein erfahrungsgesättigtes, praktisches und zugleich allgemeines, umfassend gehaltenes Bild von Kirche. Kirche, wie ich sie hier beschreibe, lebt vor Ort mit den Menschen und kann sich ihrem Umfeld nicht entziehen. Wie ‚ist‘ Kirche also? Was macht sie aus, wenn sie Menschen versammelt, die verschieden sind? Und in welchem Verhältnis steht sie mit dem Umfeld vor Ort?
Ich gehe in diesem Blog der Frage nach, welchen Beitrag zum gesellschaftlichen Miteinander Kirche leisten kann, wenn sie eine Gemeinschaft der Verschiedenen ist.
Am Anfang standen ein Wunsch und eine Hoffnung. So erzählte mir jemand in einem Gespräch:
«Ja, also wo man sagt, wie kann das sein, dass wir in einem, in einer Kirche zwei Gottesdienste feiern, sich aber die beiden Gemeinden niemals begegnen. Wie kann, wie kann unsere Gesellschaft so sein? Und dann zu sagen: okay, ich schaffe ein Ort, an dem das anders ist. Und dieser Ort soll ja eigentlich auch dahin wirken, dass man irgendwann sagt, ja, wir müssen keinen iranischen Gottesdienst und nen deutschen Gottesdienst feiern, sondern wir müssen irgendwie anfangen, GEMEINSAM KIRCHE zu sein. […] Und (Pause) Ich weiss aber nicht, ob es am Ende (Pause) gelingt, dass das wirklich passiert (Pause) oder ab wie viel man sagen muss, es ist passiert.» (wörtlicher Auszug aus einem Gespräch. Grossschreibung hebt Betonung hervor)
Der Wunsch nach Begegnung und die Hoffnung auf eine Gemeinschaft Gottes, die alle umfasst, trieb vor mehr als 20 Jahren Menschen an zwei verschiedenen Orten in Deutschland an, etwas zu ändern. Weil sie das Gefühl hatten, dass sie als Kirche vor Ort neben der Gesellschaft vorbeilebten.
Wen sie ausserhalb der Kirchgemeinde trafen, trafen sie oft nicht im Gottesdienst. Menschen mit Migrationsgeschichten, Menschen, die in einer anderen christlichen, einer nicht-reformierten oder lutherischen Tradition Zuhause waren. Zugleich drängte sich durch diakonische Angebote und Migrationskirchen in der Nachbarschaft die Begegnung mit denen auf, die aus anderen Ländern der Welt nach Deutschland gekommen, aber nun längst dort Zuhause waren.
Die beiden Gemeinden versuchten, die vielfältige Gesellschaft um sie herum auch in ihre Kirche, in ihre Gemeinschaft vor Ort zu holen.
Die Gemeinde St. Georg-Borgfelde mit dem Afrikanischen Zentrum Borgfelde in Hamburg und der Himmelsfels in Spangenberg (ein Camp für Jugendliche und junge Erwachsene) sollten Orte werden, wo sich alle gemeinsam in einer Kirche Zuhause fühlten.
Die zunehmende Vielfalt in der Gesellschaft, sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland, ist ein nicht mehr wegzudenkender Fakt. Diese wird diskutiert, wertgeschätzt und kritisiert. In jedem Fall aber prägt diese Vielfalt Debatten und die öffentliche Wahrnehmung. Mehr und mehr kommt dabei auch der Faktor der Religion ins Spiel.
Die Vielfalt zeigt sich in der Landschaft der christlichen Kirchen und Gemeinden noch einmal besonders: Während die Mitgliederzahlen der beiden grossen Kirchen (römisch-katholisch und reformiert bzw. in Deutschland: evangelisch) abnehmen, gibt es immer mehr andere christliche Kirchen und Gemeinden. Während zu manchen erprobte Beziehungen bestehen, sind viele andere bislang (noch) nicht mit anderen Kirchen im Austausch.
Die Frage, wie in einer solchen vielfältigen Gesellschaft ein gutes Miteinander gelebt werden kann, ist nicht leicht zu beantworten. Doch es gibt Erfahrungen zum Umgang miteinander, von denen gelernt werden kann.
Es gibt Räume, in denen diese Vielfalt aufgegriffen, reflektiert und wertgeschätzt wird.
Ein solcher Raum kann und sollte eine Kirchgemeinde sein. Ein Ort, an dem sich die gesellschaftliche Vielfalt sammelt, Menschen sich gesehen fühlen und mit ihren Gaben geachtet erfahren.
Solche Räume der Begegnung sind die beiden Gemeinden, in denen ich geforscht habe. Sie sind Räume der Aushandlung und der Diskussion, ob über die Bibel oder den Alltag der Menschen. Und sie sind Räume des Zusammenlebens, in denen sich alle, die da sind, bewusst auf die Nähe mit anderen einlassen. Für die Mehrheit der landeskirchlichen Gemeinden in Deutschland gilt dies jedoch noch nicht. Eine solche diverse, interkulturelle Gemeinde ist (noch) die Ausnahme.
Die beiden Gemeinden bilden eine Ausnahme. Diese Gemeinden sind geprägt von der Verschiedenheit ihrer Mitglieder: sie sprechen unterschiedliche Sprachen, haben verschiedene Migrationsgeschichten, Bildungswege und religiöse Heimaten.
Für die, die sich in den beiden Gemeinden engagieren, stellt ihr ‚besonderes Profil‘ aber keine Besonderheit dar. Es ist in ihren Augen vielmehr Spiegelbild der vielfältigen und interkulturellen Gesellschaft. Die Gemeinden entsprechen dem „Normalfall Interkulturalität“ unserer Welt.
Zum „Normalfall“ zählen auch Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen, die Menschen in der Gesellschaft machen. So beschreibt es ein Interviewpartner:
«Frage der Rassismus spielt auch eine Rolle. Ist so ein unangenehmes Thema, wenn man von Interkulturalität redet, ja. Man geht das meistens ausweichen und nur die positive Sachen beleuchten. […] Das auf Menschen bezogene Ausgrenzung innerhalb Kirchen auch stattfindet, letztendlich. […] Doch, es gibt Rassismus und die müssen angesprochen werden und dann mussen sensibilisiert werden. […] und ich kann nich schweigen, wenn ich verstehe, wenn ich WEISS, dass Menschen, die aussehen wie ich, in dieser Gesellschaft noch zu kämpfen haben und Ausgrenzung, Diskriminierung und so weiter.» (wörtlicher Auszug aus einem Gespräch, Grossschreibung zeigt Betonung an)
Rassismus, Diskriminierung und andere Formen der Marginalisierung und Ausgrenzung von Einzelnen oder Gruppen sind Lebenserfahrungen der Menschen, die zu diesen Gemeinden dazugehören. Dies betrifft nicht nur den beruflichen Kontext oder den Alltag.
Auch innerhalb der Kirche kommt es immer wieder zu rassistischen und diskriminierenden Handlungen und Äußerungen.
So ist eine Kirchgemeinde kein Ort, an dem diese Formen der Diskriminierung nicht stattfinden. Beide Gemeinden wollen aber sensibel dafür sein. Sie machen sich und andere immer wieder darauf aufmerksam und versuchen, Änderungen anzustossen.
Die Menschen in den Kirchgemeinden haben dabei einen kritischen Blick. Was in ihren Augen normal sein sollte, ist in der ‚grossen Kirche‘ noch lange nicht angekommen: die Widerspiegelung der gesellschaftlichen Vielfalt in der Kirche und ein reflektierter Umgang damit.
Deshalb sprechen sie den Handlungsbedarf an und setzen sich dafür ein, dass die interkulturelle Arbeit in der Kirche ausgebaut wird. Dabei gehen sie aber auch kritisch mit bestehenden Verhältnissen von Macht, Besitz und Deutungshoheit um. Bestehende Verhältnisse sind oft einseitig geprägt und Menschen mit Migrationsgeschichten häufig benachteiligt. Ihr Ziel ist es, diese einseitigen Verhältnisse in ihrer Gemeinde aufzulösen.
> Die Menschen in den beiden Gemeinden bemühen sich um ein gleichberechtigtes Miteinander. Dies wollen sie auch in ihr Umfeld vermitteln.
Deshalb verstehen sie die Arbeit der beiden Gemeinden als eine Bildungsaufgabe nicht nur für die Kirche, sondern auch für das Zusammenleben aller Menschen vor Ort.
Dabei treibt die Menschen in den Gemeinden eine Vision an. Sie spiegelt zugleich ihr Verständnis von Kirche-Sein: Sie verstehen Kirche als Gemeinschaft der bleibenden und wertgeschätzten Verschiedenheit. Für sie bedeutet das, dass die Vielfalt, die Verschiedenheit der Menschen in dieser Gemeinschaft nicht in undifferenzierte Einigkeit und Uniformität aufgelöst werden soll. Im Gegenteil: Alle sollen bleiben, wie sie sind – aber sie sollen mit anderen darüber ins Gespräch kommen. So können alle einander kennenzulernen und erfahren, was das eigene Leben bereichern könnte.
Alle sollen lernen, sich selbst und eigene Gewissheiten zu hinterfragen, und einmal die Perspektive zu wechseln. Ihre Verschiedenheit ist für die Menschen in den beiden Gemeinde deshalb eine wichtige Ressource: nicht nur mit Blick auf ihre Gaben und Perspektiven, sondern auch als selbstkritischer Spiegel. Kirche als Gemeinschaft der bleibenden und wertgeschätzten Verschiedenheit beschreibt dann das andauernde Bemühen umeinander, das beständige Interesse aneinander und die bleibende Neugierde aufeinander. Das gilt auch dann, wenn es schwierig wird und Konflikte auftreten. Als solche Gemeinschaft sind sie Kirche, auch wenn sie sich nicht über alle theologischen Themen einig werden oder sich in unterschiedlichen liturgischen Traditionen wohlfühlen.
Doch diese selbst auferlegte Bildungsufgabe gilt nicht nur für die Innenperspektive innerhalb der Kirche. Sondern auch für den Blick nach aussen, in die Gesellschaft hinaus.
Für die Mitwirkenden in den beiden Kirchgemeinden ist klar, dass Kirche immer verortet ist. Kirche ist in den sozialen Zusammenhängen vor Ort verflochten. Das politisch-gesellschaftliche Umfeld ist auch das Umfeld einer Kirchgemeinde. Deshalb ist es wichtig, die Beziehung als gegenseitig zu verstehen. Nicht nur wirkt das Umfeld in die Gemeinde hinein, sondern auch die Gemeinde und ihre Arbeit, ihr Zusammenleben kann in das Umfeld hinein wirken.
So erzählt es auch ein Mitwirkender in einem Gespräch:
«[D]ass eben diese Gemeinde als Labor von interkultureller Gemeinschaft, […] also, dass die, die Entwicklungen diesbezüglich der Stadt BEFÖRDERT. Also denn die Stadt IST interkulturell, aber sie muss sicherlich noch mehr investieren oder sich weiterentwickeln im Bereich der gemeinsam getragenen Verantwortung. Also das, was wir gemacht haben, insbesondere in der Jugendarbeit, zielte ja darauf hin. Also Menschen aus unterschiedlichen kulturellen, religiösen Traditionen in GRUPPEN also hineinzuintegrieren, die gemeinsam lernen (Pause) also Verantwortung zu entwickeln für den städtischen Raum.» (wörtlicher Auszug aus einem Gespräch. Grossschreibung zeigt Betonung an)
Für die Mitwirkenden ist klar, dass ihr Engagement für ein gutes Zusammenleben etwas ist, von dem auch die Stadt, das Quartier und das Umfeld profitieren können.
Nicht nur direkt, indem sich die Personen einbringen. Sondern auch indirekt: indem die Menschen, die zu dieser interkulturellen Gemeinde gehören, sensibel für Machtgefälle und Diskriminierungen, für interkulturelle Verständigungsschwierigkeiten und strukturelle Ungerechtigkeiten werden. Sie achten in ihrem eigenen Leben darauf und stossen so Veränderungen an. Die Gemeinde hilft also dabei, dass Menschen zu Multiplikator:innen für ein gutes Miteinander vor Ort werden.
Damit ist Kirche öffentlich wirksam. Sie verbindet ein theologisches Selbstverständnis mit einem öffentlichen Auftrag: Sie ist Kirche „im Sinn einer die Gesellschaft kritisch interpretierenden und mitgestaltenden Kirche“ (Schlag 2012, 14, H.i.O.). So hat Kirche also eine doppelte Funktion: Sie lebt und gestaltet das Zusammenleben vor Ort mit, schaut aber gleichzeitig immer auch kritisch auf die Gesellschaft und das soziale Miteinander.
Kirche ist Teil des Sozialraums vor Ort, zugleich aber davon distanziert, weil sie noch einen anderen Horizont hat, der ihr Selbstverständnis, ihre Aufgaben und ihr Handeln bestimmt: Die Zugehörigkeit zur weltweiten christlichen Kirche, die mehr ist als die Summe ihrer Kirchen vor Ort.
Die Gesellschaft kann an dieser Stelle doppelt von der Kirche profitieren: Zum einen, weil sie mitarbeitet und vor Ort Dinge mit voranbringt. Zum anderen, weil die Kirche auf Herausforderungen und Lücken hinweisen kann, die manchmal erst durch einen kritischen Blick aus der Distanz sichtbar werden.
Über die Jahre haben die Mitglieder in den beiden Gemeinden eine Art der Werteorientierung und eine Haltung entwickelt, mit denen sie das Zusammenleben und ihr Miteinander gestalten. So bringen die Mitglieder Erfahrungen im Umgang und der Balance von solcher ‚Verschiedenheit‘ mit, Erfahrungen in der Aushandlung von Konflikten und dem achtsamen Umgang mit Ressourcen.
Die Mitglieder dieser Gemeinden haben eine hohe Toleranz für andere Meinungen. Sie haben über die Zeit einen Umgang mit Konflikten entwickelt, der von Wertschätzung geprägt ist.
Sie sind sich einig darüber, dass sie sich nicht immer einig werden müssen – und arbeiten trotzdem konstruktiv und mit einem gemeinsamen Ziel vor Augen zusammen. Sie verstehen ihre Verschiedenheit als wertvolle Ressource. Und sie haben eine Grundhaltung entwickelt, die nach der Bereicherung fragt, die im eigenen Leben entstehen kann, wenn sie Neues kennenlernen.
Die Menschen in den Gemeinden heben dabei besonders hervor, dass ihr Selbstverständnis als Christ:innen eine Ressource für sie sei. Nicht nur für sie persönlich, sondern auch für ihr Miteinander. Dass sie eine Gemeinschaft Gottes sind, hält sie zusammen: Kirche ist für sie eine Gemeinschaft der bleibenden und wertgeschätzten Verschiedenheit.
Für die Verantwortlichen in den beiden Gemeinden war schnell klar, dass ihre Überzeugungen sich auch in ihrer Organisation widerspiegeln müssen. Wertschätzung für Verschiedenheit muss sich auch dort zeigen, wo es um konkretes Arbeiten, das Treffen von Entscheidungen und die Zukunft der Gemeinde geht. In ihren Augen muss daher Gemeinde in geteilter Verantwortung und mit gemeinsamen Rechten und Pflichten organisiert und geleitet werden.
Beide Gemeinden bemühen sich seit der Anfangszeit darum, ihre Leitungsorgane partizipativ und niedrigschwellig aufzustellen. Sie wollen strukturell verankern, wovon sie überzeugt sind: Dass eine Gemeinde immer von der Vielfalt der Gaben und Fähigkeiten profitiert. Dass alle Mittel der Macht (Geld, Räume, Personal, Wissen) geteilt werden müssen, wenn man wirklich etwas verändern will und mit anderen zusammenarbeiten will. Dass Strukturen nie ein Hinderungsgrund sein dürfen, wenn Mitarbeit und Beteiligung allen möglich sein sollen.
Dahinter liegend geht es immer auch um Macht. Macht stellt sich als komplexes Phänomen dar. Sie ist allgegenwärtig, aber zugleich schwer fassbar. Wie sie sich zeigt, sich auswirkt oder wer in welchem Sinne machtvoll handelt, ist oft schwer zu beschreiben. Häufig wird nach den negativen Formen der Machtausübung und den Konsequenzen für die gefragt, die (vermeintlich) keine Macht haben. Für mich zeigte sich im Laufe meiner Forschung aber ein anderes Bild.
Macht war ein Faktor, der ständig und überall präsent war, ausgesprochen und ausgesprochen. Macht zeigte sich aber viel nuancierter und vielfältiger als auf den ersten Blick ersichtlich.
Um diese Phänomene von Macht, ganz besonders im kirchlichen Kontext, besser zu verstehen, habe ich ein theoretisches Konzept entwickelt. Ich nenne diese Perspektive auf Macht Gestaltungsmacht. Es erlaubt mir, Macht auf ihre kritische, konstruktive und produktive Wirkung und Möglichkeiten zu befragen.
In meinem Konzept der Gestaltungsmacht hat Macht (mindestens) zwei Seiten. Erstens, eine handlungsbezogene Seite. Sie zeigt sich darin, was oder wie jemand etwas tut. Und zweitens eine deutungsbezogene Seite. Sie wird besonders in Sprache sichtbar und hörbar, also im Reden, Predigen oder Schreiben, in Interpretation und Deutung.
Dabei ist es nie nur eine Person, die in einer Situation Macht hat oder machtvoll handelt. Weiter ist es wichtig, die Bedeutung von Faktoren einzubeziehen, die von aussen dazukommen und die Beteiligten beeinflussen: z.B. die Frage nach Gender, aber auch die Bewertung von Bildungsabschlüssen und die Erfahrung von Rassismus und Diskriminierung.
Welchen Einfluss haben diese unsichtbaren Faktoren auf eine Situation, in der Menschen sich begegnen? Wie prägen sie die Perspektive und Möglichkeit jeder einzelnen Person?
Dieser Vorschlag ermöglicht eine konkrete Analyse von sozialen Aushandlungen über Macht, Machtbesitz und Machtausübung. Aber auch Machtmonopole und Machtmissbrauch lasse sich so aufdecken. Das hilft dabei, neue Handlungsräume für Einzelne und für Gruppen aufzuzeigen. Ein Beispiel ist das Teilen von Räumlichkeiten und die Verantwortung für Veranstaltungen.
In beiden Gemeinden war die Verfügbarkeit eines Raumes für Treffen und Veranstaltungen ein wichtiger Punkt. Was für die einen selbstverständlich ist, ist für die anderen häufig ein grosses Problem. Während landeskirchliche Gemeinden oft eigene Gebäude zur Verfügung haben, suchen kleine und finanziell nicht sicher aufgestellte Kirchen nach Räumen, die sie für Gottesdienste und Gemeindetreffen nutzen können. Auch ein Mietverhältnis ist für diese Kirchen nur eine vermeintliche Sicherheit, bleiben sie doch von den Vermietern und deren Bedingungen abhängig.
Beide Gemeinden wollten diesen Erfahrungen eine andere Form der geteilten Räume entgegenstellen. Die Verantwortlichen auf dem Himmelsfels, einem Camp für junge Menschen, die eine interkulturelle, internationale Gemeinschaft suchen, machen es deshalb so: Die Verantwortlichen bezeichnen metaphorisch das Camp als Eigentum aller, die den Himmelsfels besuchen.
Der Himmelsfels ‘gehört’ niemandem und allen zugleich. Was der Ort ist und wie er für die Einzelnen ist, möchten sie der Deutung der Einzelnen überlassen. Nur ein Schutzraum soll er sein, in dem sich möglichst viele wohl fühlen.
Die Verantwortlichen sind auch offen dafür, dass die Teilnehmenden am Ort tatsächlich mitbauen und ihn gestalten, z.B. beim Bemalen der Schlafräume oder dem Ausbau neuer Räume. Für manche der Teilnehmenden stellt dieser Perspektivwechsel eine völlig neue Erfahrung dar – einen Raum im übertragenen Sinne zu besitzen. Sie werden eingeladen, sich nicht als Gäste, sondern als Partner:innen zu verstehen, die am gemeinsamen Zuhause der Gemeinschaft auf dem Himmelsfels mitarbeiten dürfen und sollen.
In diesem Beispiel klingt die komplexe Gemengelage an, die ich mit der analytischen Perspektive der Gestaltungsmacht in den Blick nehme. Auf der einen Seite öffnen die Verantwortlichen des Camps auf dem Himmelsfels die Deutung über den Ort, stellen ihre Räume für andere zur Verfügung und laden viele andere ein, den Ort als ‘ihren’ Ort zu verstehen. Manche der Teilnehmenden, Jugendliche und junge Erwachsene, machen dabei wertvolle Erfahrungen und finden darin eine Möglichkeit, sich auszuprobieren und daran zu wachsen.
Auf der anderen Seite bleibt die organisatorische und ökonomische Verantwortung in der Hand eines festen Teams von Mitarbeitenden, die für das Camp, seine Instandhaltung und auch rechtliche Fragen verantwortlich sind. Die Macht bzw. die Nuancen der Macht, der Deutungs- und der Handlungsmöglichkeiten, die in der Situation liegen, zeigen sich also je nach Perspektive unterschiedlich.
Durch das differenziertere Verständnis von Macht als Gestaltungsmacht, das ich vorschlage, können diese Nuancen aber in den Blick genommen werden. So entsteht ein Verständnis eines situativen Machtgefüges, das der Fragilität und Beweglichkeit einer solchen komplexen Dimension des sozialen Miteinanders angemessen ist.
Kirche als Gemeinschaft der Christ:innen kann also ein Raum sein, in dem ein Zusammenleben der vielfältigen Gesellschaft erprobt und reflektiert werden kann.
Im Verständnis von Kirche vor Ort, die auf ihr Umfeld bezogen ist, kann das erprobte Zusammenleben in das gesellschaftliche Miteinander hineinwirken.
In den hier beschriebenen Beispielen der zwei interkulturellen Gemeinden in Deutschland zeigt sich das an ganz konkreten Stellen. Die Mitwirkenden beschreiben eine doppelte Aufgabe der Bildung für interkulturelles Zusammenleben: in der Kirche und in der Gesellschaft. Zu ihrem Selbstverständnis gehört, sich in beiden Bereichen dafür einzusetzen, dass ihre Erfahrungen und ihr Wissen als erprobte Gemeinschaft der Verschiedenen weitergetragen wird und wächst. Besonders wichtig ist, dass diese Gemeinden viel Erfahrung darin haben, mit Konflikten umzugehen, Sensibilität für interkulturelle Fragen zu entwickeln und strukturelle Veränderungen anzustossen.
Hinzu kommt eine neue Perspektive auf Macht, die ich beitrage. Das praxisbasierte Konzept der Gestaltungsmacht kann dazu beitragen, komplexe Machtverhältnisse in der Kirche und in der Gesellschaft besser zu verstehen. So können einseitige und benachteiligende Machtverhältnisse aufgedeckt und verändert werden.
Am Ende stehen ein Wunsch und eine Hoffnung, von der eine Person im Gespräch erzählt:
«Und dass diese Gemeinschaft eigentlich auch überall ist, also es ist nicht auf einen einzelnen Ort bezogen, sondern es ist im Endeffekt – wird mehr zu ’ner Lebenshaltung auch gegenüber anderen Menschen und dass man das immer wieder mitbringt – dass man das mitnehmen kann.» (wörtlicher Auszug aus einem Gespräch)
Für diese Person entsteht aus den Erfahrungen in den interkulturellen Gemeinden, gleich ob in Hamburg oder im Jugendcamp Himmelsfels, etwas, das über den Moment und die Situation hinausgeht.
Sie wünscht sich, dass die Erfahrungen von Gemeinschaft, die sie gemacht hat, nicht auf diese Orte beschränkt sind.
Sie hofft, dass sie ausstrahlen: als Gemeinschaft, die alle als vielfältig und verschieden annimmt und wertschätzt; als Gemeinschaft, die von der Verschiedenheit der Menschen in ihr lebt; als Gemeinschaft, die aus Überzeugung und in Erfahrung besteht; als Gemeinschaft, die sich versammelt und als Lebenshaltung darüber hinaus wirkt.
Diese Person ist sich sicher, dass Menschen, die eine solche Gemeinschaft erfahren, etwas zum friedlichen und wertschätzenden Miteinander in der Kirche und in der Gesellschaft beitragen können. Die Hoffnung ist zugleich schon Überzeugung. Das erprobte Miteinander, die erlebte Gemeinschaft strahlt aus – aus den beiden Gemeinden, aus den christlichen Gemeinschaften, aus ihren Versammlungen als Christ:innen vor Ort in die Welt.
Thomas Schlag: Öffentliche Kirche. Grunddimensionen einer praktisch-theologischen Kirchentheorie, Zürich: TVZ, 2012.
Lisa Ketges: Macht, Diversität und christliche Gemeinschaft. Empirische Rekonstruktionen für eine praktisch-theologische Ekklesiologie, Transcript Verlag, 2026, Open Access
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