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Kirche ist kein Schweizer Taschenmesser

1. September 2026

Kirchen suchen Freiwillige, entwickeln neue Angebote und versuchen, möglichst viele Menschen zu erreichen. Dahinter steckt oft die Vorstellung, Kirche müsse für jede Lebensphase etwas bereithalten. Der Freiwilligen-Monitor 2025 und die eigene Erfahrung legen eine andere Sicht nahe: Menschen engagieren sich dort, wo sie gesehen werden, gestalten können, Beziehungen finden und ihrem Tun Bedeutung geben. Die Zukunft der Kirche liegt deshalb nicht in immer neuen Werkzeugen, sondern in einer klareren Vorstellung davon, wofür sie eigentlich da ist.

(K)ein selbstverständlicher Ort?

Es gab Phasen meines Lebens, in denen Kirche für mich ein selbstverständlicher Ort war. Als Jugendlicher verbrachte ich viel Zeit in meiner Kirchgemeinde, übernahm Verantwortung in der Jugendarbeit und später im Kirchgemeinderat. Ich kannte die Leute, sie kannten mich, mir wurde etwas zugetraut. Kirche war nicht einfach eine Institution, der ich angehörte, sondern ein sozialer Raum, in dem ich vorkam und etwas bewirken konnte.

Dann zog ich weg. In der neuen Kirchgemeinde fand ich keinen Anschluss, suchte allerdings auch nicht danach. Das Interessante daran ist rückblickend weniger, dass die Integration misslang. Interessanter ist: Ich vermisste nichts.

Mein Leben war nicht ärmer, weil darin keine Kirchgemeinde vorkam.

Später, während eines Austauschjahres in Berlin, änderte sich das wieder. Eine Studentengemeinde wurde für einige Monate zu einem selbstverständlichen Teil meines Lebens. Dort trafen sich Menschen, denen ich ohnehin an der Universität begegnete. Man diskutierte, feierte Gottesdienst, ass zusammen und zog danach manchmal weiter durch die Stadt. Das Kirchliche war kein abgegrenzter Sonderbereich, sondern verwob sich mit dem übrigen Leben. Noch später, in Bern, engagierte ich mich gleichzeitig an zwei kirchlichen Orten. Bei der offenen kirche bern tue ich das bis heute. Aus einem Kirchgemeinderat trat ich nach zwei Jahren ziemlich resigniert wieder aus.

Diese biografische Zufälligkeit interessiert mich inzwischen mehr als die Frage nach meiner persönlichen Kirchlichkeit.

Derselbe Mensch kann Kirche zu unterschiedlichen Zeiten brauchen, ignorieren oder bewusst suchen.

Und selbst innerhalb derselben Lebensphase kann ein kirchliches Engagement tragen, während ein anderes scheitert. Bindung ist offenbar keine stabile Eigenschaft von Personen, sondern entsteht in einer Konstellation aus Lebensphase, Beziehungen, Aufgaben, Gestaltungsmöglichkeiten und der Bedeutung, die Menschen einer Tätigkeit geben. Für kirchliche Strategiedebatten ist das nicht banal.

Denn diese gehen erstaunlich häufig von einer anderen Vorstellung aus: Kirche müsste im Grunde für jeden Menschen zu jedem Zeitpunkt etwas bereithalten. Wenn Menschen sie nicht brauchen, stimmt etwas mit dem Angebot, der Kommunikation oder der Zugänglichkeit nicht. Also differenzieren wir Zielgruppen, entwickeln neue Formate und versuchen, für immer mehr Lebenssituationen anschlussfähig zu werden. Das dahinterliegende Kirchenbild erinnert mich zunehmend an ein Schweizer Taschenmesser. Für jede Situation lässt sich noch etwas ausklappen.

Engagement ist kein moralischer Sonderzustand

Die neuere Freiwilligenforschung hilft zunächst, einige kirchliche Selbstverständlichkeiten zu relativieren. Der funktionale Ansatz von E. Gil Clary, Mark Snyder und anderen geht davon aus, dass freiwilliges Engagement unterschiedliche Funktionen für die Engagierten erfüllen kann. Menschen bringen Werte zum Ausdruck, suchen soziale Beziehungen, lernen etwas, sammeln Erfahrungen oder erleben Selbstwirksamkeit. Entscheidend ist dabei gerade nicht, eines dieser Motive als das eigentliche und die anderen als egoistische Beimischungen auszusortieren. Mehrere Motive können gleichzeitig wirksam sein.

Das ist für Kirchen deshalb relevant, weil hier freiwilliges Engagement gerne moralisch überhöht wird.

Nächstenliebe, Dienst und Pflicht gelten als besonders legitime Motive, während Freude, Geselligkeit, persönlicher Gewinn oder der Wunsch, etwas auszuprobieren, schnell etwas weniger nobel erscheinen. Empirisch lässt sich diese Hierarchie kaum halten. Menschen engagieren sich häufig gerade dann dauerhaft, wenn sich altruistische und selbstbezogene Motive sinnvoll verbinden.

Der Freiwilligen-Monitor Schweiz 2025 bestätigt dieses Bild. Das freiwillige Engagement ist in der Schweiz keineswegs eingebrochen: Zwei Drittel der Bevölkerung engagieren sich in irgendeiner Form freiwillig. Verändert haben sich vielmehr die Formen der Verbindlichkeit.

Projektbezogene und zeitlich überschaubare Engagements werden attraktiver, insbesondere für jüngere Menschen, während langfristige institutionelle Verpflichtungen schwerer zu besetzen sind.

Im kirchlichen Bereich bleibt die Zufriedenheit der bereits Engagierten ausgesprochen hoch. Zugleich nennen nur wenige Menschen kirchliche Organisationen als bevorzugten Bereich eines künftigen Engagements. Bemerkenswert ist ausserdem die Bedeutung persönlicher Ansprache: 44 Prozent der kirchlich Engagierten nennen die direkte Anfrage durch eine leitende Person als Auslöser ihres Engagements.

Die Herausforderung besteht deshalb nicht darin, eine angeblich engagementmüde Gesellschaft zu mobilisieren, sondern zu verstehen, unter welchen Bedingungen Menschen bereit sind, ihre Zeit, ihre Fähigkeiten und einen Teil ihrer Biografie mit einer Organisation zu verbinden. Für Kirchen lassen sich daraus sechs Beobachtungen ableiten.

1. Menschen engagieren sich dort, wo sie als Personen vorkommen

Die Bedeutung persönlicher Ansprache wird häufig als Rekrutierungsinstrument gelesen: Wer Freiwillige braucht, sollte Menschen direkt fragen. Das stimmt, greift aber zu kurz.

Bevor jemand sinnvoll angesprochen werden kann, muss er wahrgenommen worden sein.

Eine Person fragt mich nicht einfach, weil irgendwo eine Lücke besteht, sondern weil sie mir eine bestimmte Fähigkeit, ein Interesse oder eine Rolle zutraut.

Darin liegt ein feiner, aber entscheidender Unterschied. Organisationen, die dringend Personal benötigen, tendieren dazu, Menschen unter dem Gesichtspunkt ihrer Verwendbarkeit zu betrachten. Wer könnte den Besuchsdienst übernehmen? Wer wäre etwas für den Kirchgemeinderat? Wer könnte das Sommerlager leiten?

Kirchliche Gemeinschaft müsste sich gerade darin unterscheiden, dass diese funktionale Perspektive nicht den ersten Zugriff auf Menschen bildet. Theologisch ist das keine zusätzliche Freundlichkeit, sondern folgt aus einer elementaren anthropologischen Behauptung: Der Wert einer Person entsteht nicht aus ihrem Beitrag zur Organisation. Die erste Frage lautet deshalb nicht: Was kannst du für uns tun? Sondern: Wer bist du?

2. Verantwortung ohne Macht ist auf Dauer unattraktiv

Die Freiwilligenforschung zeigt nicht nur, warum Menschen ein Engagement aufnehmen, sondern auch, weshalb sie bleiben. Entscheidend ist die Passung zwischen Erwartungen und tatsächlicher Erfahrung. Wer sich beteiligen möchte, aber strukturell nur als ausführende Hilfskraft vorkommt, erlebt diese Passung nicht.

Kirchen kennen ein eigenartiges Muster: Sie suchen Menschen, die Verantwortung übernehmen sollen, und kontrollieren anschliessend möglichst genau, wie diese Verantwortung wahrgenommen wird. Neue Leute dürfen den Jugendtreff führen, sofern er ungefähr so bleibt wie bisher. Sie dürfen ein Projekt entwickeln, solange es die vorhandenen Abläufe nicht stört.

Sie dürfen mitentscheiden, solange das Ergebnis den Erwartungen derjenigen entspricht, die schon länger da sind.

Das Problem ist nicht nur motivational. Es ist ekklesiologisch. Wer von Volkskirche spricht, formuliert mehr als eine freundliche Würdigung ehrenamtlicher Mitarbeit. Der Gedanke enthält eine Machtkritik. Kirchliche Verantwortung gehört nicht einigen wenigen Subjekten, denen viele Helferinnen und Helfer zuarbeiten. Wer Mitverantwortung will, muss deshalb bereit sein, Gestaltungsmacht abzugeben. Sonst sucht man keine Mitverantwortlichen, sondern zuverlässige Ausführende.

3. Engagement ist auch ein Bildungsprozess

Ein weiterer Befund wird kirchlich leicht unterschätzt: Menschen engagieren sich nicht nur aufgrund vorhandener Fähigkeiten.

Engagement kann Fähigkeiten überhaupt erst hervorbringen.

Jüngere Freiwillige nennen Lernmöglichkeiten und Kompetenzgewinn vergleichsweise häufig als Motiv. Ältere Menschen gewichten soziale Beziehungen und Zugehörigkeit stärker. Dieselbe Tätigkeit kann deshalb in verschiedenen Lebensphasen eine völlig andere Funktion erfüllen.

Kirchen verfügen hier über ein erhebliches Potenzial. Menschen moderieren zum ersten Mal eine Sitzung, verantworten Geld, organisieren Reisen, begleiten andere durch Krisen oder lernen, Konflikte nicht sofort abzubrechen. Jugendliche erleben, dass Erwachsene ihnen tatsächlich Verantwortung zutrauen. Menschen nach der Pensionierung entdecken, dass das Ende einer beruflichen Rolle keineswegs das Ende ihrer Fähigkeiten bedeutet. Kirche kann damit ein Erprobungsraum sein.

Während der Arbeitsmarkt Menschen vor allem danach sortiert, was sie bereits können, kann freiwilliges Engagement Räume eröffnen, in denen Menschen entdecken, was sie noch können könnten.

Die theologische Tradition nennt einen solchen Vorgang Berufung. Das muss man nicht mystifizieren. Berufung kann sehr prosaisch beginnen: Jemand sieht etwas in einem anderen Menschen, spricht ihn an und traut ihm etwas zu. Die Person antwortet – und wird in dieser Antwort zu jemandem, der sie vorher noch nicht war.

4. Gemeinschaft ist mehr als Bindung

Dass soziale Beziehungen ein wesentlicher Grund freiwilligen Engagements sind, überrascht kaum. Interessanter ist die Frage, welche Art von Gemeinschaft dabei entsteht.

Robert Putnams Unterscheidung zwischen bonding und bridging social capital ist dafür hilfreich. Bindendes Sozialkapital stärkt Beziehungen innerhalb bestehender Gruppen. Es erzeugt Vertrauen, Verlässlichkeit und Unterstützung. Brückenbildendes Sozialkapital verbindet Menschen über soziale, kulturelle oder weltanschauliche Grenzen hinweg.

Kirchen brauchen beides. Ihre Stärke liegt traditionell im bindenden Sozialkapital: Menschen kennen sich lange, begleiten einander durch Lebensphasen und verfügen über eingespielte Beziehungen. Genau darin liegt aber auch ein Risiko. Je stabiler eine Gemeinschaft nach innen ist, desto schwieriger kann der Eintritt von aussen werden.

Eine kirchliche Gemeinschaft wäre deshalb nicht schon dann interessant, wenn alle sich gut verstehen. Interessanter ist, ob Verschiedenheit die Zugehörigkeit aushält.

Kann ich politisch widersprechen, religiös anders akzentuieren, biografisch aus dem Raster fallen und dennoch dazugehören?

In einer zunehmend sozial sortierten Gesellschaft könnte darin sogar eine spezifische Stärke kirchlicher Räume liegen: Menschen begegnen dort anderen, die sie aufgrund ihrer Milieus, Berufe oder politischen Vorlieben selbst kaum ausgesucht hätten.

5. Sinn entsteht nicht durch ein kirchliches Etikett

An diesem Punkt müssen wir uns der Frage stellen, was Kirche eigentlich von anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen unterscheidet: Gemeinschaft gibt es auch im Chor. Selbstwirksamkeit in einer politischen Bewegung. Bildung in einem Verein. Solidarität in der Nachbarschaft.

Kirche besitzt auf keine dieser Erfahrungen ein Monopol.

Die Engagementforschung verweist allerdings auf die besondere Bedeutung von Werteorientierung. Menschen möchten nicht lediglich beschäftigt sein. Sie möchten erleben, dass eine Tätigkeit zu Überzeugungen passt, die ihnen wichtig sind. Im kirchlichen Bereich treten Sinn, Gemeinschaft und religiöse oder spirituelle Orientierung besonders deutlich hervor.

Die entscheidende Frage lautet: Welche Bedeutung in konkretem kirchlichem Engagement erfahrbar wird?

Genau an dieser Stelle ist eine Beobachtung von Rob Bell hilfreich. Bell, der die Mars Hill Bible Church mitaufgebaut hat, hat sich wiederholt gegen die Tendenz christlicher Milieus gewandt, alltägliche kulturelle Praktiken durch das Adjektiv „christlich“ zu einer eigenen Parallelwelt zu erklären. Musik muss nicht christliche Musik sein, Kunst nicht christliche Kunst, ein Treffen nicht schon dadurch kirchlich werden, dass man ihm eine Andacht anhängt.

Kirchen neigen dazu, ihre Identität durch Markierungen zu sichern. Ein Essen erhält einen geistlichen Impuls, ein Konzert einen kirchlichen Rahmen, eine Wanderung einen Bibeltext. Dagegen ist im Einzelnen nichts einzuwenden.

Problematisch wird es, wenn das Christliche nur noch daran erkennbar ist, dass wir gewöhnlichen Dingen einen religiösen Zusatz verpassen.

Ein Mittagstisch muss nicht ständig erklären, dass er kirchlich oder christlich ist. Entscheidend ist, ob Menschen dort erfahren: Für mich ist Platz. Ein Besuchsdienst braucht keine religiöse Zusatzsemantik, wenn in ihm tatsächlich sichtbar wird, dass kein Mensch vergessen werden soll. Christliche Bedeutung entsteht nicht durch Etikettierung, sondern durch Praxis und Deutung.

6. Verantwortung braucht eine Grenze

Die Freiwilligenforschung betont zu Recht Selbstwirksamkeit. Menschen möchten erleben, dass ihr Handeln einen Unterschied macht. Gerade im kirchlichen Kontext braucht dieser Gedanke aber ein Gegengewicht.

Denn Selbstwirksamkeit kann in Selbstüberforderung kippen.

Wer sich lange engagiert, kennt die Dynamik. Man sieht, was getan werden müsste, und übernimmt es. Eine Sitzung mehr, ein Projekt zusätzlich, noch einmal einspringen, weil sonst niemand da ist. Organisationen können von diesem Verantwortungsgefühl lange profitieren. Irgendwann verbrauchen sie jedoch genau die Menschen, auf die sie besonders angewiesen sind.

Kirchlich müsste deshalb neben dem Satz „Dein Handeln macht einen Unterschied“ ein zweiter stehen: „Es hängt nicht alles von dir ab.“

Das ist keine Ausrede für schlechte Organisation. Es ist eine theologische Begrenzung menschlicher Verantwortung. Menschen dürfen aufhören. Projekte dürfen scheitern. Institutionen dürfen kleiner werden. Nicht jede Struktur, die einmal sinnvoll war, muss um jeden Preis erhalten bleiben. Gerade eine Kirche, die vom Glauben an Gott spricht, müsste eigentlich besonders gut darin sein, ihre eigene Unentbehrlichkeit zu relativieren.

Das Schweizer Taschenmesser

Damit komme ich zurück zu meinem Bild: Viele kirchliche Strategien folgen unausgesprochen der Vorstellung, Kirche müsse für möglichst viele Menschen möglichst viele relevante Funktionen erfüllen. Sie soll Gemeinschaft ermöglichen, Einsamkeit verhindern, Werte vermitteln, Demokratie stärken, Familien unterstützen, Kultur fördern, Integration leisten, Jugendliche bilden, ältere Menschen begleiten, Spiritualität anbieten, gesellschaftspolitische Debatten moderieren und selbstverständlich an den Lebensübergängen präsent sein.Das ist nicht grundsätzlich falsch und gleichzeitig in der Summe heikel.

Denn aus vielen plausiblen Aufgaben entsteht leicht ein institutionelles Selbstbild, nach dem Kirche überall gebraucht werden müsste. Sinkt ihre Bedeutung in einem Bereich, wird ein neues Angebot entwickelt. Fehlt eine Zielgruppe, entsteht ein neues Format. Das Schweizer Taschenmesser wird um ein weiteres Werkzeug ergänzt. Diese Art der Relevanzbehauptung ist auch theologisch nicht harmlos.

Kirchen legitimieren ihre gesellschaftliche Bedeutung gerne über ihre Funktionen: Sie vermitteln Werte, schaffen sozialen Zusammenhalt, fördern ökologisches Bewusstsein, engagieren sich für Integration, Demokratie und soziale Gerechtigkeit.

All das kann wichtig sein, und vieles davon gehört selbstverständlich zu kirchlichem Handeln. Problematisch wird es dort, wo aus diesen Wirkungen eine Begründung für die Bedeutung der Kirche selbst werden soll. Denn dann gerät Kirche in einen Rechtfertigungszwang: Sie muss zeigen, dass sie gesellschaftlich nützlich ist, weil sie Leistungen erbringt, die andernfalls fehlen würden. Genau damit begibt sie sich aber in einen Wettbewerb, den sie weder gewinnen kann noch gewinnen muss. Gemeinschaft entsteht auch in Vereinen, soziale Arbeit wird von professionellen Organisationen geleistet, politische Bildung findet anderswo statt, und für ökologische Sensibilisierung braucht es keine Kirche. Der gesellschaftliche Nutzen kirchlichen Handelns ist real, aber er kann nicht das Gütesiegel des Glaubens sein. Sonst wird am Ende ausgerechnet die Nützlichkeit zum Massstab dafür, ob Kirche noch eine Existenzberechtigung hat.

Die gegenwärtige Debatte über Freiwilligenarbeit trifft diesen Punkt: Natürlich sollten Kirchen gute Bedingungen für Engagement schaffen. Sie sollten Menschen wahrnehmen, Verantwortung teilen, flexible Formen ermöglichen und sorgsam mit ihren Ressourcen umgehen. Der Freiwilligen-Monitor liefert dafür hilfreiche Hinweise. Aber all das beantwortet noch nicht die Frage, weshalb es Kirche geben soll.

Ein Rädchen im Getriebe?

Das Gegenbild zum Schweizer Taschenmesser wäre eine Kirche, die sich als ein Akteur unter anderen versteht. Ein Rädchen im Getriebe einer pluralen Gesellschaft. Das Bild klingt zunächst bescheiden, vielleicht sogar etwas kläglich. Es enthält aber eine wichtige Einsicht: Ein Rädchen muss nicht alles leisten. Es übernimmt eine bestimmte Aufgabe und ist darauf angewiesen, dass andere andere Aufgaben übernehmen.

Kirche müsste dann nicht behaupten, Gemeinschaft besser zu können als jeder Verein, Bildung besser als jede Schule oder Solidarität besser als jede zivilgesellschaftliche Initiative.

Kirche könnte anerkennen, dass Menschen ausserhalb ihrer Mauern Sinn, Zugehörigkeit, Verantwortung und Trost erfahren.

Dazu passt ein weiterer Befund des Freiwilligen-Monitors: Kirchlich Engagierte sind überdurchschnittlich häufig auch ausserhalb der Kirche freiwillig tätig. Kirchliches Engagement bindet Menschen also nicht notwendig enger an die eigene Organisation. Es kann Fähigkeiten und Haltungen stärken, die andernorts wirksam werden.

Wenn jemand in einer Kirchgemeinde gelernt hat, eine Gruppe zu leiten, Konflikte auszuhalten oder einem einsamen Menschen zuzuhören und diese Fähigkeit später im Quartierverein, in der Politik oder in einer sozialen Initiative einsetzt, hat Kirche diese Person nicht verloren. Ihre Wirkung hat lediglich den institutionellen Raum verlassen. Das scheint mir ein attraktiveres Verständnis kirchlicher Verantwortung zu sein als der Versuch maximaler Bindung.

Allerdings hat auch das Bild vom Rädchen eine Grenze.

Denn ausgerechnet Kirche sollte daran erinnern, dass Menschen keine Rädchen sind. Ihr Wert bemisst sich nicht daran, wie gut sie in einem gesellschaftlichen Getriebe funktionieren.

Darin liegt möglicherweise ihr eigentlicher Beitrag: nicht alles leisten zu wollen, aber dort, wo sie handelt, eine andere Sicht auf Menschen und Verantwortung wachzuhalten.

Vielleicht lässt sich die Aufgabe deshalb so bestimmen: Kirche braucht keine unbegrenzte Zuständigkeit. Sie braucht Klarheit über ihre begrenzte Verantwortung und den Horizont, aus dem sie diese wahrnimmt.

Dann muss sie nicht für jede Lebenslage ein Werkzeug bereithalten. Sie darf akzeptieren, dass Menschen sie zeitweise nicht brauchen, dass sie anderswo Gemeinschaft finden und Verantwortung übernehmen, dass sie kommen, gehen und manchmal zurückkehren.

Der Fokus verschiebt sich von der Frage, wie wir Menschen halten auf die Frage, was geschieht, solange sie da sind.

Werden sie gesehen, bevor sie gebraucht werden? Können sie tatsächlich etwas gestalten? Dürfen sie Fähigkeiten entdecken? Entstehen Beziehungen über vorhandene Milieugrenzen hinweg? Wird erfahrbar, wofür das gemeinsame Tun steht? Und dürfen Menschen Verantwortung übernehmen, ohne dabei glauben zu müssen, dass alles von ihnen abhängt?

Keine Kirche für jede Lebenslage aber eine Kirche, die es braucht.

Literatur

Bell, Rob (2005): Velvet Elvis. Repainting the Christian Faith. Grand Rapids: Zondervan. Bell kritisiert die Ausbildung einer christlichen Parallelkultur und insbesondere die inflationäre Verwendung von „christlich“ als Etikett für kulturelle Produkte und Praktiken.

Clary, E. Gil / Snyder, Mark et al. (1998): „Understanding and Assessing the Motivations of Volunteers: A Functional Approach.“ Journal of Personality and Social Psychology 74/6, 1516–1530. Grundlegend für den funktionalen Ansatz, nach dem freiwilliges Engagement gleichzeitig unterschiedliche persönliche, soziale und wertebezogene Funktionen erfüllen kann.

Fischer, Adrian / Lamprecht, Markus / Stamm, Hanspeter (2025): Freiwilligen-Monitor Schweiz 2025. Zürich/Genf: Seismo. Empirische Grundlage zu Umfang, Motiven, sozialen Voraussetzungen und Veränderungen des freiwilligen Engagements in der Schweiz.

Putnam, Robert D. (2000): Bowling Alone. The Collapse and Revival of American Community. New York: Simon & Schuster. Prägend für die Unterscheidung von bindendem und brückenbildendem Sozialkapital.

Stalder, Sabine / Jütte, Stephan (2025): „Was der Freiwilligenmonitor 2025 den Kirchen sagt.“ Analyse der Ergebnisse des Freiwilligen-Monitors mit besonderem Blick auf kirchliches Engagement, Flexibilisierung, persönliche Ansprache und Mitgestaltung.

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1 Kommentar

  1. Andreas Michel

    Warum Kirche nicht auch (nicht nur) ein Taschenmesser? Doch sehr stilish und erst noch sehr brauchbar. Will Kirche nicht auch stilish und brauchbar sein? Ich denke, beides ist nötig, wenn sie weiterexistieren will.

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