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In diesem Jahr feiert die Kirchgemeinde Davos ihr Reformationsjubiläum. Ich wurde eingeladen ein Referat zum Verhältnis von Kirche und Staat zu halten. Das habe ich sehr gerne angenommen, denn die Bündner Reformation hatte hier nicht nur theologisch sondern auch gesellschaftspolitisch sehr zukunftsweisende Weichen gestellt:
Vor 500 Jahren wurde in Graubünden etwas ausgesprochen, das für seine Zeit erstaunlich war: Über den Glauben eines Menschen sollte nicht die Obrigkeit entscheiden. Jeder und jede sollte selbst wählen können, ob er oder sie katholisch oder evangelisch sein wollte. Und niemand sollte deswegen angefeindet werden. Das klingt heute selbstverständlich. 1526 war es das nicht.
Bis heute ist das ein gutes Vorbild für das Verhältnis von Glaube und Gesellschaft, Religion und Politik: Die Politik schafft einen Raum, in dem Menschen entscheiden können. Aber sie entscheidet nicht an ihrer Stelle.
Und Kirche? Wie verhält sie sich zum Staat und zur Politik? Sie ist keine Partei, hat keine politische Agenda. Sie weiss nicht besser als andere, wie hoch eine CO₂-Abgabe sein soll, wie eine Steuerreform technisch ausgestaltet werden muss oder wie viele Menschen die Schweiz jährlich aufnehmen soll. Und sie sollte auch nicht so tun.
Ich werde skeptisch, wenn Kirchen den Eindruck erwecken, es gebe zu komplizierten politischen Fragen jeweils genau eine christliche Antwort. Dafür ist Politik zu kompliziert. Und dafür sind auch Christinnen und Christen untereinander viel zu verschieden. Aber daraus folgt nicht, dass Kirche unpolitisch wäre.
Wer betet: «Dein Reich komme», kann nicht gleichgültig bleiben gegenüber der Welt, in der wir leben.
Wer glaubt, dass jeder Mensch Ebenbild Gottes ist, wird dort aufmerksam werden, wo Menschenwürde verletzt wird. Wer von der Bewahrung der Schöpfung spricht, kann die Frage nach unserem Umgang mit den Lebensgrundlagen künftiger Generationen nicht einfach ausblenden.
Die Kirche liefert also zwar nicht die politische Antwort, aber sie stellt Fragen, an denen Politik nicht vorbeikommt: Wer zählt? Wer braucht Schutz? Was schulden wir einander? Und gilt die Würde des Menschen wirklich für alle? Das ist nicht wenig.
Für mich liegt genau hier die Grenze kirchlicher Einmischung. Wenn Kirchen sich für einen würdigen Umgang mit Geflüchteten einsetzen, müssen sie nicht gleichzeitig eine bestimmte Asylquote vertreten. Wenn sie sich zum Klimaschutz äussern, müssen sie nicht behaupten, das einzig richtige Instrument dafür zu kennen. Wenn sie sich für alte, kranke oder einsame Menschen einsetzen, müssen sie kein fertiges Modell der Pflegefinanzierung liefern.
Ich selbst orientiere mich dabei an diesem Doppelsatz: Konkret bei der Würde. Zurückhaltend beim Rezept.
Das verlangt der Kirche einiges ab. Gerade in einer Öffentlichkeit, in der schnelle Positionierungen belohnt werden. Manchmal ist es einfacher, sofort eine Stellungnahme zu veröffentlichen, als zunächst zu fragen, ob wir tatsächlich etwas Eigenes beizutragen haben. Ob das vermeintlich Christliche, was wir zu sagen meinen, nicht einfach eine getaufte Version unserer eigenen Überzeugungen ist.
Kirche muss nicht zu allem etwas sagen. Ich halte diesen Mut zur Lücke inzwischen für eine Stärke.
Und dieser Mut ist heute wichtig: Unsere politische Öffentlichkeit funktioniert immer stärker über Lager. Wir wissen schnell, wer «zu uns» gehört und wer nicht. In den sozialen Medien reagieren wir oft, bevor wir überhaupt verstanden haben, was die andere Person sagen wollte.
Kirchgemeinden könnten Orte sein, an denen etwas anderes eingeübt wird. Orte, an denen eine christliche Landwirtin und ein christlicher Klimaaktivist miteinander reden. Eine Geflüchtete und ein Bürger, der Angst hat vor Überfremdung. Menschen, die auch mit christlicher Überzeugung politisch links wählen, und Menschen, die als Kirchenmitglieder rechts wählen. Sie müssen am Schluss nicht alle derselben Meinung sind. Aber indem sie miteinander sprechen, anerkennen sie die Mündigkeit des andern.
Ich möchte meinem Gegenüber zutrauen, aus nachvollziehbaren Gründen zu einem anderen politischen Urteil zu kommen als ich. Das ist anspruchsvoller, als die andere Seite einfach moralisch abzuschreiben.
Vielleicht ist gerade das eine politische Aufgabe der Kirche: nicht noch eine weitere Blase zu bilden.
Vier Dinge erscheinen mir dabei besonders wichtig.
Das klingt unspektakulärer als eine politische Kampagne oder eine öffentlichkeitswirksame Aktion. Aber ich glaube, dass darin ein echter Schatz liegt.
Karl Barth bezeichnete Christinnen und Christen einmal als «Doppelbürger»: Bürgerinnen und Bürger dieser Welt – und zugleich Menschen, deren Hoffnung über diese Welt hinausreicht. Mir gefällt dieses Bild. Es bewahrt vor zwei Irrtümern.
Wir müssen nicht glauben, wir könnten mit dem richtigen politischen Programm das Reich Gottes errichten. Aber wir dürfen genauso wenig glauben, es sei gleichgültig, wie diese Welt aussieht.
Christliche Hoffnung ist kein Rückzug aus der Politik. Im Gegenteil. Sie erlaubt uns, Verantwortung zu übernehmen, ohne uns einzubilden, alles hänge von uns ab. Vielleicht macht gerade das gelassener. Und manchmal auch mutiger.
Die Schriftstellerin Caroline Wahl hat kürzlich gesagt, Literatur sei immer politisch, müsse aber nicht «politisch-politisch» sein. Für die Kirche gilt etwas Ähnliches.
Sie muss keine Partei sein. Sie muss nicht zu jeder Vorlage eine Parole beschliessen. Ihre vielleicht wichtigste politische Wirkung entsteht viel unspektakulärer:
Kirche sendet Menschen aus ihren Gottesdiensten in deren Lebenswelt. Als Menschen, die gehört haben, dass sie selbst unverlierbar wertvoll sind. Und dass dasselbe auch für den Menschen gilt, der völlig anders denkt, glaubt und lebt als sie. Wenn wir das wirklich glauben und danach handeln, bleibt das irgendwann nicht ohne politische Folgen. Vielleicht so, dass wir wie die Bündnerinnen und Bündner damals die Weichen in überraschende Richtungen stellen.

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