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Kirche, künstliche Intelligenz & Klima

13.Aug. 2025

Die Möglichkeiten, Abkürzungen, Erleichterungen der grossen Sprachmodelle künstlicher Intelligenz faszinieren. Wer mit Texten oder Bildern arbeitet, erlebt diese Entwicklung wie eine Zäsur. KI-Anwendungen sind aus dem Arbeitsalltag vieler Menschen kaum mehr wegzudenken. Gleichzeitig verursachen diese Anwendungen einen enormen Ressourcenverbrauch. Während wir klar sehen, wie ein Flugzeug beim Abheben Emissionen verursacht, bleibt das digitale Klimaproblem oft unsichtbar. Es wird der Komplexität nicht gerecht und wirkt hilflos, angesichts dieser Voraussetzungen an die Selbstregulation individuellen Konsums zu appellieren. Die entscheidenden Weichenstellungen sind politisch: etwa Energiesteuern auf Rechenkapazität, Stromverbrauch von Rechenzentren und vielleicht sogar auf synthetisches Kerosin.

Unsichtbarer Energiehunger künstlicher Intelligenz

Wer ein Flugticket bucht, sieht es sofort: den CO₂-Ausstoss pro Strecke, oft gleich in Kilogramm – transparent, abschätzbar, moralisch wirksam. Anders sieht es bei digitalen Technologien aus: Wer eine Frage in ein KI-Tool tippt, bekommt Antwort in Sekunden. Doch was im Browser so leicht daherkommt, zieht im Hintergrund eine immense Rechenmaschinerie in Gang – mit wachsendem ökologischen Fussabdruck.

Schon ein einzelner Prompt an ein Sprachmodell wie ChatGPT kann bis zu fünfzigmal mehr CO₂ verursachen als ein einfacher Websearch – je nachdem, wie komplex die Anfrage ist und wie viele Rechenoperationen der sogenannte „Token-Stream“ auslöst (TIME, 2024). Das Problem dabei: Der Energieverbrauch bleibt unsichtbar. Keine Anzeige, kein Gefühl von Ressourcenverbrauch – keine moralische Bremse.

Unmengen an Energie

Gleichzeitig explodiert der Strombedarf der Infrastruktur. Die Internationale Energieagentur (IEA) rechnet damit, dass Rechenzentren bis 2030 rund 4,5 % des globalen Stromverbrauchs ausmachen könnten (The Times / The Guardian, 2024). Die grössten Treiber dieser Entwicklung? Nicht YouTube oder Netflix, sondern KI-Anwendungen wie ChatGPT, Gemini oder Claude – weil sie unablässig Daten analysieren, gewichten, neu generieren und dabei Unmengen an Energie durch neuronale Netze schleusen.

Besonders im Fokus stehen die Techgiganten Google und Microsoft: Beide haben ihre Emissionen seit 2020 deutlich gesteigert – Google um +48 %, Microsoft sogar um +51 %. Der Grund: rasant steigender Bedarf an Rechenleistung für KI-Produkte (The Guardian, 2025). Zwar präsentieren sie Gegenstrategien: etwa CO₂-Entzug durch biologische Verfahren, wie das Einbringen von Tiermist in Ackerböden zur Kohlenstoffbindung. Doch Fachleute und NGOs sprechen offen von Greenwashing – zu symbolisch, zu wenig wirksam, zu spät (IT Pro, 2025).

Diese digitale Schattenseite bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung erstaunlich blass. Während beim Fliegen oder Fleischessen ein gewisses moralisches Unbehagen mitschwingt – und der Energieeinsatz buchstäblich sichtbar ist –, bleibt der CO₂-Fussabdruck der eigenen KI-Nutzung abstrakt. Wir fühlen nicht, was sie kostet. Dabei ist genau das gefährlich: Denn was wir nicht spüren, verhandeln wir ethisch kaum. Und wo wir keine symbolische Last empfinden, entsteht auch kein Handlungsdruck – weder individuell noch gesellschaftlich.

Während beim Fliegen oder Fleischessen ein gewisses moralisches Unbehagen mitschwingt – und der Energieeinsatz buchstäblich sichtbar ist –, bleibt der CO₂-Fussabdruck der eigenen KI-Nutzung abstrakt.

Warum der ökologische Fussabdruck in die Irre führt

In vielen Appellen zum Klimaschutz hören wir die alte Hoffnung: Wenn jede:r nur sein Verhalten etwas ändert – weniger fliegt, bewusst reist, digital sparsamer agiert –, könne das Klima gerettet werden. Doch diese Ethik des Einzelnen wird von Unternehmen und Politik gerne propagiert – und dient entscheidend dazu, politische Verantwortung zu verschieben.

Diese Ethik des Einzelnen dient dazu, politische Verantwortung zu verschieben.

Die Idee des ökologischen Fussabdrucks, die heute häufig mit persönlicher Verantwortlichkeit verknüpft wird, stammt nicht von Umweltbewegungen, sondern geht auf den Energielieferanten Shell zurück, der Anfang der 2000er Jahre bewusst Konsument:innen für den Schlüssel zum Klimaschutz darstellte. Das war cleveres Marketing – aber gefährlich technisch, denn es verlagert die Schuld weg vom System auf individuelle Verhaltenseinheiten.

Hochsubventionierter Flugverkehr

Subventionen im Flugverkehr sind ein zentrales Beispiel dafür, wie politische Verantwortung systematisch verdrängt wird. In der Schweiz ist der Flugverkehr von der Mineralölsteuer und der Mehrwertsteuer befreit, gestützt auf internationale Vereinbarungen wie das Chicagoer Abkommen von 1944. Dies führt zu massiven Marktverzerrungen und zu deutlich niedrigeren Preisen als bei klimafreundlichen Alternativen. Eine neue Analyse der EPFL zeigt: Die Abschaffung dieser Steuervergünstigungen könnte den CO₂-Ausstoss jährlich um 1,5 Millionen Tonnen verringern und zusätzlich 1,4 Milliarden Franken Steuereinnahmen generieren – eine ökonomische Win-win-Lösung bei gleichzeitig spürbarem Klimanutzen.

Wer vor seinem Laptop sitzt, sieht den Energiebedarf seines KI-Prompts nicht.

In diesem Licht ist klar: Wer vor seinem Laptop sitzt, sieht den Energiebedarf seines KI-Prompts nicht. Im Gegensatz dazu ist das Kerosin beim Flugticket sichtbar – transparent, versteuerbar, erinnerbar. Digitales hingegen bleibt verborgen: Stromverbrauch, Kühlung, Rechenlast – alles unsichtbar, ohne unmittelbare moralische Rückmeldung.

Naive Appelle

Genau deshalb sind Appelle an individuelle Achtsamkeit naiv. Wir brauchen politische Steuerung – keine noch so gut gemeinte, aber wirkmächtige Predigt an den Einzelnen. Was notwendig ist:

  • Energiesteuern auf Rechenleistung, CO₂-Abgaben für digitale Nutzung (z. B. pro AI‑Token)
  • Transparenzpflichten für Plattformbetreiber, die Energieverbrauch offenlegen – öffentlich und nachvollziehbar
  • Und analog zur Flugticket-Abgabe: eine Digitalsteuer, deren Einnahmen in Klimaschutzprogramme oder nachhaltigen Verkehr reinvestiert werden.

Wer „schlecht“ handelt, setzt sich gerade deshalb stärker für starke politische Rahmenbedingungen ein.

Das eigene Verhalten ist nicht der limitierende Massstab für die politischen Forderungen und das politische Engagement: Wer „schlecht“ handelt, setzt sich gerade deshalb stärker für starke politische Rahmenbedingungen ein. Denn wer weiss, wie schwach wir allein moralisch sind, sieht umso klarer, dass wir Systemveränderung, nicht Selbstoptimierung brauchen.

Kirche & Künstliche Intelligenz

Die grossen Sprachmodelle – von ChatGPT über Gemini bis Claude – sind da. Und sie gehen nicht mehr weg. Kirchen werden den Vormarsch dieser Technologien nicht stoppen. Aber das müssen sie auch nicht. Denn LLMs, so herausfordernd sie auch sein mögen, sind kein Übel – sondern Ausdruck menschlicher Kreativität, kollektiven Wissens und technischer Innovationskraft. Sie bieten ungeheure Chancen. Die Frage ist nicht, wie wir sie aufhalten – sondern wie wir lernen, mit ihnen gut zu leben.

Genau an diesem Punkt beginnt die geistliche Verantwortung der Kirchen. Nicht, indem sie sich reflexartig auf die moralische Bremse stellen, als seien sie die letzte Instanz der Weltrettung durch Verzicht. Sondern indem sie die Komplexität ernst nehmen: technisch, sozial, politisch, spirituell.

Denn was KI mit uns macht, lässt sich nicht auf individuelle Konsumentscheidungen reduzieren. Wer Large Language Models nutzt, handelt nicht automatisch verantwortungslos – genauso wenig wie jemand, der fliegt, isst oder schreibt. Die eigentliche Frage ist: In welchem Rahmen geschieht Nutzung? Unter welchen Bedingungen? Und mit welchem Bewusstsein für Folgen und Verantwortung?

Wer Large Language Models nutzt, handelt nicht automatisch verantwortungslos – genauso wenig wie jemand, der fliegt, isst oder schreibt.

Hier können Kirchen viel einbringen – nicht durch Moralin, sondern durch Orientierung.

Was Kirchen tun können

Sie können

  • aufklären, wie KI funktioniert, was sie braucht, was sie verbraucht – auch energetisch, auch sozial.
  • dazu ermutigen, politisch zu denken: etwa über digitale Besteuerung, nachhaltige Infrastruktur, gerechte Zugänge zu KI-Nutzung.
  • Verantwortung einfordern, nicht durch Schuldgefühle, sondern durch Beteiligung an ethischer, demokratischer Technikgestaltung.

Vor allem aber sollten Kirchen selbst sichtbar leben, was sie glauben. Und das bedeutet im Kontext der Klimakrise nicht Alarmismus, sondern Hoffnung. Nicht Passivität, sondern Solidarität mit den Klimaverlierer:innen. Und nicht Rückzug, sondern eine Spiritualität, die Mut macht, Verzicht nicht als Verlust zu sehen, sondern als Einladung zu einem anderen Leben: langsamer, achtsamer, verbundener.

Denn wer betet, muss nicht alles besitzen.
Wer glaubt, kann verzichten, ohne sich ärmer zu fühlen.
Und wer sich verbunden weiss mit dem Leben, wird nicht fragen: „Was darf ich noch?“ – sondern: „Was dient dem Ganzen?“

Spiritualität wird so zur Transformationskraft, nicht zur moralischen Pflicht. Sie erinnert daran, dass Reduktion auch Befreiung sein kann – und dass es eine Freude ist, mit weniger zu leben, wenn man dabei mehr findet: Stille, Beziehung, Tiefe. Kirchliches Engagement für Umwelt und Nachhaltigkeit zeigt sich etwa in der Aktion Schöpfungszeit, in der vom vom 1. September bis 4. Oktober stattfindenden ökumenischen Initiative, die Gemeinden mit Materialien, Aktionen und Impulsen zur Bewahrung der Schöpfung inspiriert.

Hoffnung verpflichtet

Es ist leicht, sich klein zu fühlen angesichts globaler Emissionskurven, technischer Dynamiken und politischer Lähmung. KI, Klima, Kapital – alles scheint übermächtig, komplex, unsteuerbar. Und dennoch: Hoffnung ist keine Flucht aus der Realität. Sie ist ein Widerstand gegen die Resignation. Eine Form der geistlichen Standhaftigkeit.

Kirchliche Hoffnung ist nicht die naive Erwartung, dass sich alles zum Guten wenden wird. Sie ist die Überzeugung, dass Handeln einen Sinn hat, auch wenn der Ausgang offen ist. Dass Veränderung möglich bleibt, auch wenn sie mühsam ist. Und dass Verantwortung nicht aus der Makellosigkeit kommt, sondern aus der Verankerung im Vertrauen.

Die grossen ethischen Herausforderungen – vom digitalen Energieverbrauch über die Klimagerechtigkeit bis hin zur gerechten Technikgestaltung – lassen sich nicht durch moralische Überlegenheit meistern. Aber sie verlangen einen Geist, der sich nicht abfindet. Kirchen können genau das verkörpern: Eine Stimme, die sagt: Wir sehen, was ist. Wir hoffen, was sein kann. Und wir handeln – nicht weil wir müssen, sondern weil wir glauben.

Denn letztlich ist die entscheidende Energie in der Klimakrise nicht Rechenleistung, sondern geistliche Vorstellungskraft: eine Vision vom guten Leben, das nicht auf Kosten anderer geht. Eine Kultur, in der weniger nicht Verlust bedeutet, sondern Beziehung. Und eine Kirche, die daran erinnert, dass Gerechtigkeit und Genügsamkeit keine Belastung sind – sondern Verheissung.

Weiterführende Quellen

1. CO₂-Ausstoß von ChatGPT-Prompts & Token-Intensität
TIME Magazine: The Carbon Emissions of AI Are Worse Than You Think (Juli 2024)

2. Stromverbrauch von Rechenzentren durch KI
The Times: AI forecast to fuel doubling in data centre electricity demand by 2030

The Guardian: Data centres to consume 4.5% of world’s electricity by 2030, IEA warns

3. Emissionsanstieg bei Microsoft & Google
The Guardian: Microsoft’s and Google’s carbon emissions have risen by 51% and 48% since 2020

4. Kritik an CO₂-Kompensationsmaßnahmen („Greenwashing“)
IT Pro: Microsoft’s idea to offset AI emissions by burying poop stinks of greenwashing

5. Ursprung des ökologischen Fussabdrucks bei Shell
Mashable / The Guardian / Fast Company: Zur Marketinggeschichte des „Carbon Footprint“

6. Subventionen des Flugverkehrs in der Schweiz
EPFL Policy Brief (2024): Fiskalische und ökologische Wirkung der Subventionierung des Flugverkehrs in der Schweiz

7. Carbon Pricing als effektives Steuerungsinstrument
Nature Communications (2025): The innovation-inducing effects of carbon pricing

ScienceDirect / Journal of Environmental Management (2025): Do carbon prices trigger clean energy innovation?

The Regulatory Review (University of Pennsylvania): Carbon pricing and innovation

8. Vorschläge zu AI-spezifischer Besteuerung und Regulierung
Tony Blair Institute for Global Change: Greening AI – A Policy Agenda

Federation of American Scientists (FAS): AI, Energy & Climate – What’s at Stake

SSRN Paper (Yale/Harvard): Token Taxation and AI Emissions

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