Kirchenbilder

11.Nov. 2025

Vom 19. bis 21. Oktober 2025 fand in Zürich eine Tagung über die Zukunft der reformierten Kirche in der Schweiz statt. Sie brachte Stimmen aus der akademischen Theologie ebenso wie aus kirchlichen Leitungsorganen zusammen. Der folgende Beitrag greift einige Impulse zum Thema Kirchenbilder auf.

Ringen um das Kirchenbild

Diese Tagung führte zwei Bereiche zusammen, die im reformierten Protestantismus heute oft schwer zueinander finden: die dogmatisch-praktische Theologie einerseits und die Leitungsebene der Kirche – also Kybernetik und konkrete Organisationsform – andererseits.

Ein zentrales Anliegen dieser Begegnung war aus meiner Sicht die Arbeit am Kirchenbild. Um Entscheidungen über ihre Zukunft zu treffen, brauchen kirchliche Organisationen Bilder, Geschichten und Deutungen, die Orientierung geben, Handlungsspielräume eröffnen und ihre Entscheidungen begründen.

Traditionell ist es die Theologie, die im Protestantismus diese Verantwortung trägt: Sie formuliert und reguliert das Nachdenken der Kirche, indem sie die Bezüge und Maßstäbe benennt, an denen sich ihr Handeln und ihre Entwicklung ausrichten.

Doch die tiefgreifenden Veränderungen, die das westliche Christentum seit den 1960er-Jahren prägen, haben dazu geführt, dass andere Disziplinen zunehmend Einfluss auf dieses Vorstellungen nehmen: Soziologie, Sozialwissenschaften und Managementlehre beschreiben die Realität kirchlichen Wandels empirisch und bieten Techniken, um organisatorisch darauf zu reagieren. Diese empirische Perspektive gerät jedoch in Spannung zum normativen Anspruch der Theologie, in der sich Glaube mit kritischer Reflexion verbindet.

Lange Zeit standen sich diese Ansätze misstrauisch gegenüber – man ignorierte sich oder kritisierte einander leise. Die Zürcher Tagung markierte im reformierten Kontext einen ersten Schritt über diese Distanz hinaus: ein Zeichen für eine veränderte Weise, die Entwicklung der Kirche theologisch und organisatorisch zu legitimieren.

Die Kirche als Gemeinschaft

Besonders prägend war der Vortrag des niederländischen Theologen Edwin van Driel, der das Verständnis der Kirche als Gemeinschaft auf eine theologisch grundierte Weise erneuerte.

Versammelt in Christus

Bevor sie als Organisation verstanden wird, ist die Kirche eine Schöpfung Gottes. Sie entsteht dort, wo – nach dem Epheserbrief – Juden und Heiden in Christus zusammengeführt werden. Sichtbar wird Kirche also dort, wo Menschen, die sich in ihrer Unterschiedlichkeit nicht auf einen Nenner bringen lassen, im Namen Christi zusammenkommen. Damit tritt ein spezifisches Verständnis von Gemeinschaft hervor: eine Gemeinschaft, die durch Differenz konstituiert ist – und deren Einheit nicht in gemeinsamer Zugehörigkeit liegt, sondern im Getragensein durch Christus. Diese Vorstellung unterscheidet sich deutlich von einem kommunitaristischen Gemeinschaftsbild, das die Zugehörigkeit über die Differenz stellt.

Differenz versus Homogenität

Gleichzeitig bleibt klar: Wo von Kirche als Gemeinschaft die Rede ist, ist die Versuchung zur Homogenität nie weit. Zwischen der subversiven Kraft einer Gemeinschaft der Differenz und der faktischen Gleichförmigkeit vieler kirchlicher Gemeinschaften besteht eine bleibende Spannung.

In den Diskussionen kehrte diese Frage immer wieder: Müssen wir zur Idee von Gemeinschaft nicht auch Kriterien der Inklusivität und Gerechtigkeit hinzufügen? Ist die Kirche nicht vor allem dazu berufen, eine großzügige Gastfreundschaft gegenüber vielfältigen Lebenswegen zu entwickeln, statt ihre Grenzen zu verhärten?

Konflikt als Wesenszug

Daraus ergibt sich eine tiefere Einsicht: Wenn die Kirche tatsächlich eine Gemeinschaft der Differenz ist, wird sie notwendig von Konflikt durchzogen sein – zwischen dem Ruf, ihre Grenzen offenzuhalten, und der Realität menschlicher Endlichkeit und Verletzlichkeit, die auch Schutzräume verlangt.

Die sichtbare Kirche ist darum nicht zuerst Gemeinschaft, sondern ein Raum und eine Zeit der Begegnung und des Zeugnisses, verwurzelt in der evangelischen Geschichte – einer Geschichte, die sich, wie bei Propheten und Aposteln, immer nur plural und fragmentarisch erzählen lässt.

Es ist der Raum einer verletzlichen, anfechtbaren Gemeinschaft, die ihre Bindungen nur festigen kann, indem sie sich zugleich neu öffnet. Eine Gemeinschaft, die ohne den Blick des Glaubens gar nicht zu erkennen wäre – und die daher besonders sensibel bleibt für ihre eigene geschichtliche, soziale und begrenzte Gestalt.[1]

Die Kirche als Lernraum

Ein starkes Bild, das von dieser Tagung bleibt, ist das einer Kirche als Lernort – eine alte Einsicht, die an Calvin erinnert, wenn er von der Kirche als „Mutter der Gläubigen“ spricht (Institutio, IV, 1).

Die Aufgabe der sichtbaren Kirche

Hier geht es um das Selbstverständnis der sichtbaren Kirche, also der Organisation, die in einem politischen und gesellschaftlichen Raum verortet werden kann. Diese ist zu unterscheiden von anderen Verständnissen – etwa der Kirche als Leib Christi oder Gemeinschaft der Heiligen. Die Kirche als Lernraum zu verstehen, bedeutet, ihre Aufgabe so zu bestimmen, dass die konkreten Menschen im Mittelpunkt stehen – und dass sie sich selbst kritisch hinterfragen kann, besonders dort, wo Strukturen sich vor allem der eigenen Selbsterhaltung verschreiben.

Lernen durch Hören

Kirche als Lernraum zu denken – als Ort des Lernens des Glaubens, der Identität in Christus, der gegenseitigen Erprobung –, knüpft an eine alte reformatorische Tradition an: Zwinglis Prophezei (1525) in Zürich.

Der schottische Theologe Bruce Gordon erinnerte während der Tagung daran, dass Zwingli die Kirche als republica interpretum verstand – als Gemeinschaft der Auslegenden, als Schule des Hörens: Hören auf das Wort Gottes und Hören aufeinander. Das verbindende Medium ist der Text – das, was zwischen uns liegt und uns bindet, weil wir uns gemeinsam damit auseinandersetzen.

Lernen geschieht dabei nicht von oben nach unten, sondern im geteilten Interpretieren – ein Vorgang, der, folgt man Paul Ricœur, auch das Lernen am Konflikt einschließt, den jede Auslegung hervorbringt (Le conflit des interprétations, 1969).

So entsteht das Bild einer Kirche, die nicht Hüterin einer Botschaft oder eines Dienstes ist, sondern Räume schafft, in denen Menschen sich gemeinsam der Bibel und ihrer lebendigen Deutung aussetzen – und sich von ihr zu neuem Handeln rufen lassen.

Wiedergewonnene Freiheit

Dieses Verständnis entlastet die kirchliche Organisation: Sie muss nicht alles selbst tragen, sondern vertraut darauf, dass die Verkündigung des Evangeliums von Menschen und Gemeinschaften weitergetragen wird, die sie nicht vollständig repräsentiert. Vielleicht befreit dieses Imaginäre die Kirche auch von einem übermäßigen Drang zur Professionalisierung – einer Versuchung, die leicht zur Hybris wird: zu glauben, sie müsse die ganze Gesellschaft in sich selbst abbilden.[2]

[1] S. die von Christian Grethlein vorgeschlagenen Kirchentheorie (2018). Auch andere Formen der Kommunikation des Evangeliums sollte man hier aufnehmen, u.a. Hilfe zum Leben und gemeinsames Feiern.

[2] Zu dieser Kritik, s. Georges Crespy, Les ministères de la réforme et la réforme des ministères, Genève, Labor et Fides, 1968, besonders Kapitel 1 und 2.

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VON:

Elio Jaillet

Elio Jaillet

Chargé des questions théologiques et éthiques - Beauftragter für Theologie und Ethik

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