Von guten Begegnungen
Theologe Daniel Schmid Holz ist der neue Präsident von plusbildung. Im Gespräch mit dem St. Galler Pfarrer über seine Ziele mit dem Dachverband für kirchliche Erwachsenenbildung, Inspiration und Vielfalt sowie seine späte Berufung zur Trompete.
Daniel Schmid Holz, was hat Sie motiviert, neu das Präsidium von plusbildung zu übernehmen?
Meine Überzeugung, dass dieser Verband bestehen bleiben muss. Ich arbeite seit langer Zeit in der Erwachsenenbildung, früher an zwei kirchlichen Tagungszentren und bis heute in der reformierten Landeskirche des Kantons St. Gallen. Deshalb sehe ich, welche Bedeutung das Thema hat, für das sich plusbildung einsetzt. Zugleich ist es für die Menschen, die sich in diesem Bereich engagieren, wichtig, einen Ort zu haben, wo sie Gleichgesinnte finden. Sich austauschen können.
Was reizt Sie an dieser Aufgabe besonders?
Den Verband gesamtschweizerisch zu stärken, sprachübergreifend. Die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen der Romandie. Miteinander unterwegs sein zu können. Obwohl es den Verband schon über zehn Jahre gibt, kennen die Mitgliedsorganisationen einander kaum. Das erschwert die Zusammenarbeit im Verband und auch, dass man aufeinander zugeht. Ich möchte das ändern und ein Format schaffen, bei dem man sich gegenseitig kennenlernt. Dazu gehören auch Portraits der Mitgliedshäuser und Personen für die sozialen Netzwerke und die Website.
Die Mitgliedsorganisationen von plusbildung kämpfen teils ums Überleben. Was kann der Verband tun, ihre Angebote zu stärken?
Er kann seine Öffentlichkeitsarbeit ausbauen und auch Kirchenleitungen und Bildungsgremien der Kirche ansprechen. Ihnen diese Form der Erwachsenenbildung bekannt machen.
plusbildung versteht sich als ökumenische Plattform – wo sehen Sie das grösste Potenzial?
Indem plusbildung ökumenisch aufgestellt ist, hat der Verband eine grössere Vielfalt, als wenn er nur evangelisch, katholisch oder christkatholisch ausgerichtet wäre. Es verbindet uns, dass wir Bildung auf einem kirchlichen Hintergrund anbieten, auf einem christlichen Hintergrund. Und das können wir als Verband zeigen.
Wo sehen Sie Herausforderungen einer ökumenischen Ausrichtung?
In unserer Verschiedenheit. Deshalb finde ich es wichtig, zu betonen, dass eine ökumenische Ausrichtung ein Miteinander bedeutet, als gleichwertige Partnerinnen und Partner. Die einzelnen Mitglieder sollen ihre Eigenheit bewahren können. So können wir einander inspirieren. Das ist unsere Chance.
Wie begegnen Sie Skepsis gegenüber kirchlicher Bildung?
Ich versuche, gute Begegnungen zu schaffen. Für Menschen, die es wagen, an einem Angebot unter dem Label «Kirche» teilzunehmen und dann vielleicht sagen können, dass ihnen das gefallen hat.
Was bedeutet für Sie persönlich «kirchliche Bildung» im 21. Jahrhundert?
Dass einerseits die Menschen, die noch in der Kirche sind, mit der Tradition der Kirche vertraut werden. Andererseits finde ich es zentral, dass Kirche im gesellschaftlichen Leben als Partnerin wahrgenommen wird, die einen Beitrag zu einem guten Leben leistet. Dass sich die Kirche nicht auf sich selbst zurückzieht.
Sie sind seit 17 Jahren Bildungsbeauftragter der reformierten Landeskirche St. Gallen und haben zehn Jahre ein Bildungshaus geleitet. Für wen sind kirchliche Angebote für Erwachsenenbildung interessant?
Wir haben heute im kirchlichen Bildungsbereich zunehmend ein Publikum, welches sich zwar für Kirche interessiert, aber nicht vertraut ist mit ihrer Tradition, mit theologischen Fragen. Es ist ein Publikum, dem im weitesten Sinn auch das Christentum fremd geworden ist. Und aus der Tradition der Sozialethik hat die Kirche den Auftrag, sich damit zu befassen, was Menschen existenziell beschäftigt. Was ihre Fragen nach dem Anfang und dem Schluss des Lebens sind. Etwa pränatale Diagnostik, das Sterben, auch Fragen bezüglich dem Klimawandel, wie wir damit umgehen, uns verhalten, Fragen von Krieg und Frieden. Es sind Fragen bezüglich des Lebensstils: Wie soll ich leben, damit ich mich wohl fühle, damit ich ein gutes Leben lebe?
Das heisst, die Angebote der Mitglieder von plusbildung setzen nicht voraus, dass ich gläubig bin?
Genau. Es ist wie beim barmherzigen Samariter, der an einem verletzten Menschen vorbeikam und nicht fragte, welchen Glauben dieser habe, bevor er ihm half, sondern handelte. So ist es mit der kirchlichen Bildung und der Öffentlichkeit; wir wenden uns an Menschen, die mit Fragen unterwegs sind und zuerst geht es einfach darum, dass wir wie ein Echolot sind, um zu sehen, wo der Puls der Menschen ist. Es ist kein Religionsunterricht. Zum Beispiel das Lassalle-Haus, wo Stille und Meditation wichtig sind. Natürlich entstand das vor dem Hintergrund von Buddhismus und Christentum. Aber ich muss nicht Buddhist oder Christ sein, um zu entdecken, dass mir Stille und Meditation guttun können. Darum geht es. Nicht um eine Frömmigkeit. Heute ist die Frage, wer ich bin, viel bedeutender als zu anderen Zeiten und wenn diese Frage mit einem Bedürfnis, einer Sehnsucht zusammenkommt, auch spirituell berührt zu werden, gibt es ganz unterschiedliche Formen, das zu pflegen.
Glauben Sie, Sie werden generell unterschätzt oder überschätzt? Was wäre Ihnen lieber?
Diese Frage stelle ich mir selten. Ich denke, ich stelle mein Licht eher etwas unter den Scheffel. Mir ist es durchaus wohl, etwas, wie soll ich sagen, nicht unterschätzt zu werden, aber etwas «underdressed» unterwegs zu sein.
Ist es ein Zufall, dass Sie Trompete spielen, die für Aufbruch steht, für Wandel, für den Übergang in eine neue Zeit?
Dass ich Trompete spiele, hat weniger mit Aufbruch zu tun, sondern mit einer Sehnsucht. Diese hatte ich seit meiner Kindheit und als ich 30 war, beschloss ich, endlich Trompete zu lernen. Kurz darauf fielen mir Zeichnungen aus Kindertagen in die Hände – von einer Trompete. Übrigens ist der Einsatz als Signal, etwa als Flügelhorn im Militär und auf der Jagd nur eine Form der Trompete. Sie ist auch ein Solo-Instrument. Persönlich spiele ich sie gern in einer Band. Dort geht es darum, eben nicht über die anderen hinwegzuspielen, sie nicht zu übertönen.
Daniel Schmid Holz (65) ist promovierter Theologe und Pfarrer, seit 2008 Beauftragter für Erwachsenenbildung der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen und seit drei Jahren im Vorstand von plusbildung. Er ist Gründungsmitglied der St. Galler «Agenda 2030» und Mitglied der Südosteuropa-Gruppe der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen Europas (GEKE). Er leitete während zehn Jahren den Bildungsbereich des evangelischen Tagungs- und Studienzentrums Boldern und war 18 Jahre Vorsitzender des ständigen internationalen Ausschusses des Deutschen Evangelischen Kirchentags.
plusbildung ist ein schweizweiter Verband von über vierzig Bildungshäusern, Fachstellen und Organisationen aus dem katholischen, evangelisch-reformierten und ökumenischen Umfeld. Sein Ziel ist die Stärkung christlich begründeter Erwachsenenbildung. Der Verband wurde im Jahr 2013 gegründet.
Interview: Thomas Stucki
Dieser Text wurde von plusbildung zur Verfügung gestellt und für den EKS-Blog leicht gekürzt.
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