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Konversionstherapien wirken wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Doch in Beratungs- und Seelsorgestellen häufen sich nach wie vor Berichte darüber. Nach eigenen Erfahrungen mit solchen Praktiken und mehr als zehn Jahren Begleitung von Betroffenen bin ich von einer Sache überzeugt: Um zu verstehen, warum sie fortbestehen, müssen wir über die Therapien selbst hinausblicken und die religiösen und sozialen Mechanismen hinterfragen, die sie erst ermöglichen.
Ich war etwa sechzehn, als ich erstmals mit verantwortlichen Personen aus meiner religiösen Gemeinschaft über meine Homosexualität sprach. Wie viele junge Menschen aus konservativ-christlichen Kreisen erhielt ich schnell Erklärungen über die vermeintlichen Ursachen dieser Anziehung. Mal wurde sie auf die sexuellen Missbrauchserfahrungen zurückgeführt, die ich erlebt hatte, mal auf familiäre Dysfunktionen oder sogar auf spirituelle Ursachen, die eine Befreiung oder Heilung erforderten.
Die Schlussfolgerung lag auf der Hand: Wenn Homosexualität eine Ursache hatte, musste es auch eine Heilung geben.
Jahre lang unternahm ich verschiedene Schritte, um meine sexuelle Orientierung zu ändern: Gebete, geistliche Begleitung, Fachliteratur, Begegnungen mit Menschen, die als «geheilt» präsentiert wurden, aber auch pseudotherapeutische Ansätze, die auf der Vorstellung beruhten, Homosexualität sei das Ergebnis von Wunden, die es zu identifizieren und zu heilen galt. Schliesslich führte mich dieser Weg in die USA, wo ich eine Konversionstherapie absolvierte, die Elemente der Befreiung, Exorzismen und intensive Begleitung kombinierte.
Damals empfand ich diese Schritte nicht als Zwang. Ich war freiwillig dabei. Ich wollte mich ändern. Ich wollte der Glaubensüberzeugung treu bleiben, die mich prägte, meiner Gemeinschaft und dem Bild eines «richtigen» Lebens, das mir vermittelt wurde. Als diese Bemühungen scheiterten, zweifelte ich nicht an den Methoden – ich zweifelte an meiner eigenen Fähigkeit, mich zu ändern. Wie viele andere, die mit solchen Praktiken konfrontiert waren, dachte ich: Wenn die Heilung ausblieb, lag das daran, dass mein Glaube nicht stark genug war oder ich nicht genug Anstrengungen unternommen hatte.
Mit Abstand betrachte ich heute die tiefste Gewalt der Konversionstherapien nicht allein in den Praktiken selbst.
Sie liegt in der Botschaft, die sie vermitteln: dass ein wesentlicher Teil des Menschen verschwinden muss, damit er voll und ganz akzeptiert wird.
Lange Zeit glaubte ich, meine Erfahrung sei eine Ausnahme. Doch als ich begann, öffentlich darüber zu sprechen – zunächst mit der Gründung der «Antenne LGBTI Genève» im Januar 2016 und meinen ersten Medienauftritten zu diesem Thema –, erhielt ich immer mehr Anfragen von Menschen, die mit denselben Konflikten zwischen Glauben, sexueller Orientierung, geschlechtlicher Identität und gemeinschaftlicher Zugehörigkeit kämpften. Mit der wachsenden Sichtbarkeit der Anlaufstelle stieg die Zahl der Anfragen weiter an. Die Lebenswege waren unterschiedlich, doch die Mechanismen ähnelten sich oft. Durch diese Begegnungen wurde mir klar: Meine Geschichte war alles andere als einzigartig. Konversionstherapien lassen sich nicht auf einige isolierte Praktiken reduzieren. Sie sind in grössere religiöse und soziale Systeme eingebettet, deren Auswirkungen bis heute das Leben vieler Menschen tiefgreifend prägen.
Bevor wir weitergehen, ist eine terminologische Klarstellung nötig. Der Begriff «Konversionstherapien» ist zwar in öffentlichen Debatten weit verbreitet, aber ungenau. Zum einen, weil viele dieser Massnahmen nichts mit Therapien im medizinischen oder psychotherapeutischen Sinne zu tun haben. Zum anderen, weil sie nicht immer explizit darauf abzielen, eine Person zu «bekehren». Gesetzestexte und aktuelle Stellungnahmen sprechen treffender von Praktiken oder Massnahmen, die darauf abzielen, die sexuelle Orientierung, die geschlechtliche Identität oder den Geschlechtsausdruck einer Person zu ändern oder zu unterdrücken. Dennoch werde ich in diesem Artikel den Begriff «Konversionstherapien» verwenden, da er der Öffentlichkeit am geläufigsten ist und sich in öffentlichen Debatten durchgesetzt hat.
In den letzten Jahren ist das Thema Konversionstherapien zunehmend aus dem Schatten getreten. Die wichtigsten medizinischen und wissenschaftlichen Organisationen betrachten diese Praktiken heute als unwirksam und potenziell gefährlich. Mehrere europäische Länder haben bereits spezifische Gesetze erlassen und die Europäische Union hat die Mitgliedstaaten aufgefordert, Massnahmen zum besseren Schutz der Betroffenen zu ergreifen. Auch die Vereinten Nationen haben die schädlichen Auswirkungen dieser Praktiken verurteilt und die Staaten aufgefordert, Schutzmassnahmen zu ergreifen.
Auf Bundesebene hat der Nationalrat 2022 die Motion 22.3889 angenommen, die ein Verbot und die Ahndung von Konversionsmassnahmen gegen LGBTIQ+-Personen fordert. Die Behandlung im Ständerat steht jedoch noch aus, da der Bericht des Bundesrats zur Postulatsforderung 21.4474 abgewartet wird.
In mehreren Kantonen gab es legislative Initiativen mit unterschiedlichen Fortschritten, je nach politischem Kontext. Bisher haben Neuenburg, Waadt und Wallis Konversionstherapien bereits verboten. Einige Kantone arbeiten weiter an entsprechenden Gesetzen, während andere abwarten, bis der Bundesbericht vorliegt, oder sich weigern, das Thema überhaupt aufzugreifen.
In Genf liegt der erste Gesetzesentwurf zur Ächtung von Konversionstherapien bereits mehrere Jahre zurück. Nach verschiedenen parlamentarischen Blockaden hat der Staatsrat kürzlich vorgeschlagen, das Verbot von Konversionspraktiken in das Gleichstellungsgesetz zur Bekämpfung von Diskriminierung aufgrund des Geschlechts (LED-Genre) zu integrieren. Andere Kantone wie Zürich oder Schaffhausen haben legislative Schritte eingeleitet und könnten bald zu den Kantonen mit einem rechtlichen Rahmen zählen.
Vor diesem Hintergrund stellt die jüngste Position des Rats der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) zur politischen Forderung eines nationalen Verbots sogenannter «Konversionsmassnahmen» einen wichtigen Meilenstein dar. Sie schliesst sich der Position der Schweizer Bischofskonferenz an und markiert eine bedeutende Entwicklung in der Wahrnehmung dieser Praktiken durch die Kirchen. Solche Stellungnahmen sowie die laufenden parlamentarischen Arbeiten sind notwendig. Doch ihre Umsetzung vollzieht sich oft in institutionellen Prozessen, deren Langsamkeit und Komplexität im krassen Gegensatz zur Dringlichkeit stehen, die Betroffene im Alltag erleben.
Denn während die Institutionen Debatten führen, leben die Betroffenen weiter mit den Folgen dieser Praktiken.
Jugendliche werden nach wie vor mit Forderungen nach Veränderung konfrontiert. Erwachsene leben in Angst, Schuld oder Doppelleben. Familien zerbrechen. Menschen verlassen ihre religiöse Gemeinschaft oder denken sogar daran, ihrem Leben ein Ende zu setzen.
Was mich heute am meisten berührt: Trotz aller Fortschritte ist das Thema nach wie vor hochaktuell. Nicht, weil Konversionstherapien heute noch in derselben Form wie früher auftreten, sondern weil die Mechanismen, die sie ermöglichen, weiterhin weit verbreitet sind.
Wenn von Konversionstherapien die Rede ist, denkt man oft an die spektakulärsten Formen: Exorzismen, Heilungscamps oder Pseudotherapien, die darauf abzielen, die sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität zu ändern. Einige dieser Praktiken existieren auch in der Schweiz weiter. So habe ich Menschen begleitet, die Befreiungsrituale, Gebetsstunden zur «Wiederherstellung ihrer zerrissenen Identität» oder andere geistliche Massnahmen erlebt haben, die darauf abzielten, ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität zu ändern oder zu unterdrücken.
Organisationen, die früher offen von «Heilung» sprachen, scheinen aus der Öffentlichkeit verschwunden zu sein. Doch verschiedene Zeugnisse deuten darauf hin, dass einige Aktivitäten nun diskreter weitergeführt werden. Dennoch: Wenn wir uns nur auf diese sichtbaren Formen konzentrieren, könnten wir das Wesentliche übersehen.
Das Problem liegt nicht nur in den spektakulärsten Praktiken. Es liegt in den Mechanismen, die ihnen zugrunde liegen.
In den letzten Jahren hat sich der Diskurs in einigen konservativ-religiösen Kreisen gewandelt. Während früher offen von Heilung oder Wiederherstellung der Homosexualität die Rede war, behaupten einige Gemeinschaften heute, homosexuelle oder trans Personen willkommen zu heissen. Auf den ersten Blick könnte dies wie ein Fortschritt wirken. Bei genauerem Hinsehen haben sich die Bedingungen jedoch oft nicht grundlegend geändert.
Es wird nicht mehr zwingend verlangt, dass eine Person heterosexuell wird. Stattdessen wird ihr oft nahegelegt, auf ein emotionales oder sexuelles Leben zu verzichten. Einige Gemeinschaften präsentieren Ehelosigkeit und Enthaltsamkeit als den einzigen Weg, der mit dem Glauben vereinbar ist. Andere bieten Begleitformen an, die der Person helfen sollen, ihre Begierden zu kanalisieren oder besonders emotional intensive Freundschaften zu leben. Ich habe sogar kürzlich von Sitzungen gehört, in denen gleichgeschlechtliche Umarmungen über längere Zeit praktiziert wurden, um die emotionale und sexuelle Energie «umzulenken».
Diese Ansätze mögen weniger brutal wirken als die Konversionstherapien von einst. Doch oft basieren sie auf derselben Grundannahme: dass eine Liebesbeziehung oder sexuelle Beziehung zwischen Menschen desselben Geschlechts mit dem Willen Gottes unvereinbar sei. Deshalb spreche ich gerne von subtileren, heimtückischeren Formen der Konversion. Die Worte haben sich geändert. Die Methoden haben sich angepasst. Doch diese Entwicklung ist oft eher eine Anpassung der Haltung als eine inhaltliche Veränderung: Ein Teil des Menschen wird nach wie vor als problematisch angesehen und muss unterdrückt, kontrolliert oder verändert werden.
Meiner Erfahrung nach sind es nicht einmal so sehr die Praktiken selbst, die die tiefsten Wunden verursachen, sondern das Glaubenssystem, in das sie eingebettet sind. Wenn jemand von Kindheit an hört, dass seine sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität gegen den Willen Gottes verstösst, können die Folgen verheerend sein – selbst wenn keine formelle Konversionstherapie stattfindet. Gerade deshalb darf sich die aktuelle Debatte nicht darauf beschränken, einige extreme Praktiken zu identifizieren. Sie muss auch die religiösen, gemeinschaftlichen und sozialen Mechanismen hinterfragen, die Menschen dazu bringen, sich selbst als unvollständig, mangelhaft oder veränderungsbedürftig zu betrachten.
Wenn über Konversionstherapien gesprochen wird, konzentriert sich die Debatte oft auf die Praktiken selbst. Man diskutiert über ihre Definition, ihr Verbot oder ihre Regulierung. Doch nach mehr als zehn Jahren Begleitung von Betroffenen stelle ich fest, dass das Ausmass der Folgen, die sie hinterlassen, oft unterschätzt wird.
Die erste Wunde ist meist identitätsbezogen.
Manche Menschen lernen bereits in der Kindheit, dass ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität ein Problem darstellt, das es zu lösen gilt. Man erklärt ihnen, ihre Identität sei durch vergangene Traumata verletzt worden und ihre Begierden lägen fernab von Gottes Willen. Wenn sie diese Botschaft immer wieder hören, verinnerlichen sie sie irgendwann. Die Scham wird dann nicht mehr nur von aussen auferlegt – sie wird zu einer Art, sich selbst zu betrachten.
Ich kenne diesen Mechanismus nur zu gut, denn ich habe ihn selbst durchlebt. Jahre lang lernte ich, einem Teil von mir selbst zu misstrauen. Ich lernte, meine Begierden als verdächtig, meine Gefühle als gefährlich und meine sexuelle Orientierung als Hindernis für meine Beziehung zu Gott zu betrachten. Es dauerte fast zwanzig Jahre, bis ich diese Selbstwahrnehmung schrittweise abbauen und eine ruhigere Identität zurückgewinnen konnte.
Diese Scham erzeugt oft ein tiefes Schuldgefühl. Viele Menschen glauben auch nach dem Austritt aus der Gemeinschaft oder dem Ende der Praktiken, die sie verletzt haben, noch immer, Gott enttäuscht zu haben. Manche sind überzeugt, dass sie für das, was sie sind, verurteilt werden. Andere leben in einem ständigen Spannungsfeld zwischen ihrem Glauben und ihrer Identität, als müssten sie sich zwischen beidem entscheiden.
Die Folgen betreffen auch das emotionale und sexuelle Leben.
Ich habe Menschen jeden Alters begleitet, die ihr Liebes- und Sexualleben nie frei erkunden konnten. Manche haben Jahrzehnte damit verbracht, ihre Gefühle zu unterdrücken oder zu kontrollieren. Andere lebten ein Doppelleben: Öffentlich vertraten sie die Erwartungen ihrer Gemeinschaft, während sie im Verborgenen versuchten, ihre emotionalen und sexuellen Bedürfnisse zu stillen.
Diese Situation führt oft zu grosser Beziehungsunreife. Wenn jemand einen Grossteil seines Lebens damit verbracht hat, seine Sexualität als beschämend oder gefährlich zu betrachten, hatte er keine Möglichkeit, schrittweise die Orientierungspunkte zu entwickeln, die die meisten Menschen im Laufe ihres Lebens ganz natürlich erwerben. Manche tun sich schwer, ausgewogene Beziehungen aufzubauen, Grenzen zu setzen, ihre Bedürfnisse zu erkennen oder einfach daran zu glauben, dass sie Liebe verdienen.
Ich denke dabei an einen Priester, der sich an mich gewandt hat. Er liebt seinen Dienst und seine priesterliche Berufung, doch seit Jahrzehnten muss er seine Homosexualität verbergen. Heute weiss er nicht, welche Wahl er treffen soll: Soll er seinen Dienst fortsetzen oder sein Coming-out wagen? Die Freiheit könnte den Preis haben, seine Stelle, seine Wohnung und seinen sozialen Status zu verlieren. Das Leid besteht nicht nur im Verzicht auf emotionale und sexuelle Erfüllung. Es liegt auch in der Isolation, im Geheimnis und in den Jahren, die er damit verbracht hat, einen wesentlichen Teil von sich selbst zu verleugnen.
Zu den emotionalen Wunden kommen oft familiäre und gemeinschaftliche Brüche hinzu.
Ich habe Jugendliche kennengelernt, die nach ihrem Coming-out ihr Zuhause verlassen mussten. Andere verloren ihre religiöse Gemeinschaft, ihre Freunde oder sogar einen Teil ihrer Familie. Manche mussten sich zwischen ihrer Identität und ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe entscheiden, die bis dahin ihr wichtigstes soziales Netzwerk darstellte. Für viele bedeutet dieser Bruch eine echte Entwurzelung.
Ich denke an einen Jugendlichen, der von seiner Familie eingeschlossen wurde, um zu verhindern, dass er andere Männer trifft. Oder an einen jungen Mann, der von seinem Pfarrer vor seiner Gemeinschaft blossgestellt wurde, bevor er fast alle familiären Bindungen verlor. Diese Situationen mögen extrem klingen, doch sie veranschaulichen eine Realität, die in vielen Lebensläufen – in mehr oder weniger sichtbarer Form – wiederzufinden ist.
Auch die spirituelle Dimension ist tiefgreifend betroffen.
Entgegen einer weitverbreiteten Annahme verlieren die Betroffenen nicht zwangsläufig ihren Glauben. Viele glauben weiterhin an Gott oder pflegen ein spirituelles Leben. Doch sie wissen nicht mehr, wie sie diesen Glauben mit dem in Einklang bringen sollen, was sie sind. Manche wenden sich von den Kirchen ab, ohne dabei ihre Spiritualität aufzugeben. Andere entwickeln eine tiefe Wut gegen die religiöse Institution. Wieder andere leben in der schmerzhaften Überzeugung, nicht mehr der Liebe Gottes würdig zu sein.
Die Verwirrung zwischen Gott, Glauben und religiösen Institutionen stellt oft eine zusätzliche Wunde dar. Ein wichtiger Teil der Begleitungsarbeit besteht darin, den Menschen zu helfen, zwischen Spiritualität und der Gewalt oder den Urteilen, die sie erlebt haben, zu unterscheiden.
Schliesslich wäre es unmöglich, dieses Thema zu behandeln, ohne die psychische Gesundheit zu erwähnen.
Depressionen, Angststörungen, soziale Isolation, Selbstverletzung, Suchterkrankungen, Suizidgedanken oder -versuche sind Realitäten, denen ich in den Lebensgeschichten von Betroffenen regelmässig begegne. Ich denke dabei an eine nicht-binäre Person, die noch heute, Jahre nach den erlebten Konversionspraktiken, mit Suizidgedanken und selbstverletzendem Verhalten kämpft. Diese Feststellung erklärt, warum Konversionstherapien nicht auf eine einfache theologische oder moralische Meinungsverschiedenheit reduziert werden können. Hinter den ideologischen Debatten stehen reale Menschen, deren Lebenswege manchmal tiefgreifend verändert wurden. Die Folgen beschränken sich nicht auf einige Monate des Leidens. Sie begleiten die Betroffenen oft über Jahre, manchmal ein Leben lang.
Auch aus diesem Grund kann sich die aktuelle Debatte nicht auf die blosse Frage eines Verbots beschränken. Bevor wir uns fragen, wie diese Praktiken sanktioniert werden sollen, müssen wir das Ausmass der Wunden verstehen, die sie verursachen, und die Zeit, die für ihre Heilung notwendig ist.
Eines der am häufigsten von konservativ-religiösen Kreisen vorgebrachten Argumente gegen ein Verbot von Konversionstherapien ist das der Selbstbestimmung. Schliesslich sollte eine erwachsene Person doch frei sein, die Begleitung ihrer Wahl in Anspruch zu nehmen? Wenn jemand ein heterosexuelles Leben führen, auf eine geschlechtliche Transition verzichten oder seine Anziehung unterdrücken möchte, um im Einklang mit seinem Glauben zu leben – warum sollte der Staat ihm das verbieten?
Diese Frage verdient es, ernst genommen zu werden. Umso mehr, als die meisten Menschen, die ich im Laufe der Jahre kennengelernt habe, zumindest äusserlich vollständig einwilligend waren. Ich selbst war es, als ich Konversionsmassnahmen auf mich nahm. Niemand hat mich gezwungen, an Befreiungssitzungen teilzunehmen oder eine «Therapie» in den USA zu beginnen. Ich bin freiwillig gegangen.
Doch mit Abstand bin ich mir nicht mehr sicher, dass «freiwillig» zwangsläufig «frei» bedeutet.
Wenn man in einer Umgebung aufwächst, in der Heterosexualität als die einzige legitime Form von Liebe, Sexualität und Familie dargestellt wird, wird die Idee einer anderen Möglichkeit undenkbar. Wenn religiöse Verantwortliche behaupten, Homosexualität stehe im Widerspruch zu Gottes Willen, bestimmte Beziehungen gefährdeten das Seelenheil oder eine geschlechtliche Transition stelle eine Rebellion gegen die göttliche Ordnung dar, dann gehen die Konsequenzen weit über eine blosse theologische Meinung hinaus.
In vielen der mir bekannten Situationen fürchteten die Betroffenen nicht nur Missbilligung. Sie fürchteten, ihre Familie, ihre Gemeinschaft, ihre Freunde, ihren Arbeitsplatz oder ihre Zukunft zu verlieren. Manche hatten seit ihrer Kindheit gehört, dass ihr Glück von ihrer Fähigkeit abhing, sich zu ändern. Andere hatten Prophezeiungen erhalten, die eine heterosexuelle Ehe oder eine baldige Heilung ankündigten. Wieder andere lebten in der Überzeugung, dass ihr ewiges Heil auf dem Spiel stand.
In einem solchen Kontext kann man wirklich von einer freien Wahl sprechen?
Diese Frage scheint mir entscheidend. Denn die Debatte über Konversionstherapien wird oft als Gegensatz zwischen Schutz und Freiheit dargestellt. Meine Erfahrung jedoch bringt mich zu der Überzeugung, dass die eigentliche Herausforderung woanders liegt. Es geht um unsere Fähigkeit, die Mechanismen der Beeinflussung zu erkennen, die die Art und Weise prägen, wie eine Person sich selbst wahrnimmt.
Ich glaube fest an Selbstbestimmung. Ich glaube, dass eine Person ihre Identität, ihre Spiritualität und ihre sexuelle Orientierung in ihrem eigenen Tempo erkunden können sollte – ohne äusseren Druck. Ich glaube auch, dass es verkehrt wäre, jemanden zu einem Coming-out zu drängen, zu dem er oder sie sich nicht bereit fühlt. In meiner eigenen Begleitungsarbeit bemühe ich mich gerade darum, jede Form von aufgedrängter Richtung zu vermeiden.
Doch Selbstbestimmung setzt einen echten Raum innerer Freiheit voraus. Sie setzt voraus, dass mehrere Wege denkbar sind, ohne dass einer davon automatisch den Verlust des Umfelds, der Gemeinschaft oder der Beziehung zu Gott nach sich zieht.
Und genau dieser Raum fehlt in den meisten Situationen, die ich begleite. Deshalb bin ich der Überzeugung, dass Konversionstherapien nicht allein unter dem Gesichtspunkt der individuellen Einwilligung analysiert werden können. Sie müssen auch im Lichte von Machtverhältnissen, gemeinschaftlichen Dynamiken, Indoktrinationsmechanismen und Formen spiritueller Abhängigkeit betrachtet werden, die die Entscheidungen der Betroffenen tiefgreifend beeinflussen.
Letztlich geht es vielleicht nicht darum, ob manche Menschen frei darüber entscheiden, sich ändern zu wollen. Die eigentliche Frage ist vielmehr: Unter welchen Bedingungen haben sie gelernt zu glauben, dass sie sich ändern müssen, um akzeptiert zu werden?
Konversionstherapien werden oft als Massnahmen der Begleitung dargestellt. Das macht es manchmal schwierig, das Thema zu erfassen. Die Menschen, die sie durchführen, handeln nicht immer aus böser Absicht. Viele sind aufrichtig davon überzeugt, zum Wohl derer zu handeln, die sie begleiten. Manche haben selbst ähnliche Wege durchlaufen und glauben, im Namen Gottes eine Lösung weiterzugeben, die ihnen geholfen hat.
Die Frage ist also nicht in erster Linie die der Aufrichtigkeit der Absichten, sondern die der Natur der angebotenen Begleitung. Sobald die Antwort von vornherein feststeht und die Person in Richtung eines vordefinierten Ergebnisses gelenkt wird, verlässt man den Bereich der Begleitung und betritt den des spirituellen Missbrauchs.
In seiner jüngsten Stellungnahme zu Thema «Seelsorge und sexuelle Orientierung» betont der Rat EKS, dass die Begleitung einer Person nicht darin besteht, sie zu einer vorbestimmten Antwort zu führen, sondern ihr einen Raum zu bieten, in dem sie unterscheiden, wachsen und eigene Entscheidungen treffen kann. Diese Vision entspricht tief meiner eigenen Praxis. Wenn jemand zu mir kommt, betrachte ich es nicht als meine Aufgabe, ihm oder ihr zu sagen, wer er oder sie ist oder was er oder sie werden sollte. Ich versuche nicht, eine Person davon zu überzeugen, dass sie homosexuell, heterosexuell, trans oder cis ist. Ich versuche ebensowenig, ihr eine bestimmte Bibelauslegung aufzudrängen oder ihr vorzuschreiben, was Gottes Wille für ihr Leben ist.
Meine Aufgabe besteht vor allem darin, einen ausreichend sicheren Rahmen zu schaffen, in dem diese Person ihre Fragen, Ängste, Wünsche, ihren Glauben und ihre Identität erkunden kann. Ich kann Erfahrungen teilen, Ressourcen anbieten, Fragen stellen und Denkanstösse geben. Aber ich glaube fest daran, dass bestimmte Antworten nur aus dem Inneren der Person selbst entstehen können.
Diese Haltung steht im krassen Gegensatz zu dem, was ich oft in Zusammenhängen mit Konversionstherapien erlebt habe. In diesen Kontexten kennt der Begleiter oder die Begleiterin in der Regel bereits die Antwort, noch bevor der Prozess beginnt. Das Ziel besteht nicht darin, der Person zu ermöglichen, ihren eigenen Weg zu finden, sondern sie dazu zu bringen, sich einer als richtig empfundenen Norm anzupassen. Die Begleitung hört dann auf, ein Raum des Unterscheidens zu sein, und wird zu einem Werkzeug der Lenkung.
Hier beginnt für mich der spirituelle Missbrauch.
Ich verwende den Begriff «spiritueller Missbrauch» mit Bedacht, aber auch mit Überzeugung. In Genf taucht der Begriff des spirituellen Missbrauchs übrigens in der Ausführungsverordnung zum Laizitätsgesetz (Règlement d’application de la loi sur la laïcité Art. 4c) auf, und er hat die Überlegungen zu den Projekten zur Ächtung von Konversionstherapien geprägt. Dieser Begriff scheint mir essenziell, weil er eine Realität benennt, die weit über die blosse Frage der sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität hinausgeht.
Spiritueller Missbrauch liegt vor, wenn eine Person mit religiöser Autorität diese Autorität nutzt, um Druck auf das Gewissen eines anderen auszuüben. Dieser Druck kann sehr unterschiedliche Formen annehmen. Er kann offen sein, wenn eine verantwortliche Person sagt, dass sich jemand ändern muss. Er kann subtiler sein, wenn er sich durch Heilungsversprechen, Prophezeiungen, implizite Drohungen, Rede über das Seelenheil oder als spirituelle Selbstverständlichkeiten präsentierte Forderungen äussert. In allen Fällen ist der Mechanismus ähnlich: Die Person wird nicht mehr ermutigt, frei zu unterscheiden, sondern sich dem anzupassen, was ihr als die einzige vor Gott akzeptable Antwort präsentiert wird.
Das ist auch der Grund, warum ich oft zurückhaltend gegenüber bestimmten Diskursen bin, die sich als Kompromisse präsentieren. Man hört manchmal: «Wir nehmen homosexuelle Menschen auf, aber…» Wir nehmen sie auf, aber sie müssen zölibatär leben. Wir nehmen sie auf, aber sie müssen auf ein emotionales und sexuelles Leben verzichten. Wir nehmen sie auf, aber sie können bestimmte Verantwortungen nicht übernehmen. Diese Positionen werden manchmal als Versuche der Öffnung dargestellt. Dennoch vermitteln sie eine grundlegende Botschaft: Manche Menschen können nur dann ganz sie selbst sein, wenn sie auf einen Teil ihres Daseins verzichten.
Ich persönlich glaube nicht an diese bedingte Aufnahme. Ich glaube, dass uns das Evangelium zu einer radikalen und bedingungslosen Aufnahme der Menschen aufruft. Sobald ein «aber» diese Anerkennung einschränkt, betreten wir bereits eine Logik der Kontrolle, des Urteils oder der Normalisierung. Letztlich geht die Frage weit über die der Konversionstherapien hinaus. Sie berührt unsere Vorstellungen von spiritueller Autorität selbst. Ist eine religiöse Gemeinschaft dazu berufen, den Menschen zu sagen, wer sie sein sollen? Oder ist sie dazu berufen, sie dabei zu begleiten, das zu entdecken, was sie bereits sind? Hier liegt meiner Meinung nach heute die tiefste Herausforderung der Debatte.
Seit mehreren Jahren diskutiert die Schweiz über ein Verbot von Konversionstherapien. Es gab bereits wichtige Fortschritte – sowohl auf politischer als auch auf kirchlicher Ebene. Doch jedes Jahr ohne wirksamen Schutz setzt neue Menschen diesen Praktiken und ihren Folgen aus.
Jugendliche wachsen noch immer mit der Vorstellung auf, dass ein Teil von ihnen verschwinden müsste. Erwachsene leben in Angst, Schuld oder Doppelleben. Familien zerbrechen. Menschen verlassen ihre religiöse Gemeinschaft. Andere verfallen in Depressionen oder denken daran, ihrem Leben ein Ende zu setzen.
Deshalb bin ich überzeugt, dass ein gesetzliches Verbot heute notwendig ist.
Nicht, weil ein Gesetz allein ein so komplexes Problem lösen könnte. Aber weil es endlich eine klare Grenze setzen würde. Eine Gesellschaft hat die Pflicht, Menschen vor Praktiken zu schützen, die ihre Integrität verletzen. Ein Gesetz schafft auch eine soziale Norm. Es sendet ein Signal an religiöse Gemeinschaften, Begleitungsfachpersonen und die Betroffenen selbst: Keine sexuelle Orientierung und keine geschlechtliche Identität müssen korrigiert, wiederhergestellt oder geheilt werden. Es trägt auch dazu bei, einen Teil der Last zu erleichtern, die heute auf den Schultern der Betroffenen liegt, die sich oft allein gegen Mechanismen wehren müssen, die sie überfordern.
Doch Gesetzgebung allein wird nicht ausreichen.
Genauso wichtig ist es, Räume des Wiederaufbaus für diejenigen zu schaffen, die diese Praktiken erlebt haben oder in Glaubenssystemen aufwuchsen, die sie erst möglich machen. Die Wunden, die Konversionstherapien hinterlassen, sind oft tief. Sie betreffen Identität, Selbstwertgefühl, emotionales Leben, Sexualität, Spiritualität und soziale Bindungen. Manche Menschen brauchen Jahre, manchmal Jahrzehnte, um das zu heilen, was verletzt oder zerstört wurde.
Schliesslich müssen wir die Aufklärungs- und Dialogarbeit fortsetzen. Konversionspraktiken werden nicht einfach verschwinden, nur weil sie illegal werden. Sie werden zurückgedrängt, sobald sich die Mentalitäten weiterentwickeln, religiöse Verantwortliche geschult werden und Gemeinschaften die konkreten Folgen ihrer Diskurse und Praktiken reflektieren können. Dieser Dialog ist nicht immer einfach, aber er bleibt unabdingbar.
Am Ende dieser Reflexion bin ich nach wie vor überzeugt, dass die Debatte über Konversionstherapien weit über die blosse Frage der sexuellen Orientierung, der geschlechtlichen Identität oder der Selbstbestimmung hinausgeht. Sie stellt uns vor die Frage, wie wir Autorität ausüben, andere begleiten und ihre Fähigkeit zur Unterscheidung und zur Freiheit, sie selbst zu sein, anerkennen. Sie zwingt uns auch, eine grundlegendere Frage zu stellen: «Was geschieht, wenn ein Mensch dazu kommt zu glauben, dass er einen wesentlichen Teil von sich selbst ändern muss, um geliebt, anerkannt oder aufgenommen zu werden?»
Vielleicht ist das am Ende die eigentliche Frage, die die Kirchen heute hören müssen. Denn eine Glaubensgemeinschaft sollte nie ein Ort sein, an dem man lernt, sich selbst zu misstrauen. Sie sollte ein Ort sein, an dem jeder und jede wachsen, unterscheiden und ganz die Person werden kann, zu der er oder sie berufen ist.
Adrian Stiefel ist Pfarrverantwortlicher (Chargé de ministère) der Église protestante de Genève (EPG). Er ist Gründer und Leiter der Antenne LGBTI Genève, der kantonalen Anlaufstelle der EPG für LGBTIQ+-Fragen und ein Verein von öffentlichem Interesse. Seit über zehn Jahren begleitet er Menschen, die mit religiöser Diskriminierung, Rekonstruktionsprozessen oder Fragen zu Glauben, sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität konfrontiert sind. Er äussert sich zudem öffentlich zu Konversionstherapien und der Inklusion von LGBTIQ+-Personen in religiösen Kreisen.
Nay, Yv E. (2022). Konversionsmaßnahmen in der Schweiz. Bestehende Forschung – Nationale und internationale Policies – Politischer Handlungsbedarf. Zürich : Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften ZHAW. Link zur Studie.
Ziegler, A., Bagi, R., Jaber, T. (2022). Les thérapies de conversion en droit suisse. In: Jusletter, 31. Oktober 2022. Link zum Artikel
Ferrario, M. & Taroni, M. (2021). La pathologisation de l’homosexualité: le rôle du droit dans le chemin vers l’interdiction des thérapies de conversion en Suisse. Ex/Ante, 2021(2), 43-51. Link zum Artikel
Arena, F., Favier, A., Gilbert, P., Stiefel, A. & Walder, N. (2025). Thérapies de conversion: identifier, analyser, agir. Discussion croisée. ThéoRèmes, n° 22. Link zum Artikel
WHO (2020). Practices of so-called “conversion therapy” – Report of the Independent Expert on protection against violence and discrimination based on sexual orientation and gender identity (A/HRC/44/53). Link zum Bericht
Der Rat EKS hat sich für ein nationales Verbot von «Konversionssmassnahmen» ausgesprochen: «Nach vertiefter Beratung ist der Rat zur Überzeugung gelangt, dass Massnahmen, die darauf ausgerichtet sind, die sexuelle Orientierung, die Geschlechtsidentität oder den Geschlechtsausdruck bei Minderjährigen und/oder Erwachsenen zu verändern oder zu unterdrücken, auch mit rechtlichen Mitteln verhindert werden sollen. Er ist der Ansicht, dass ein Verbot, solche Massnahmen anzubieten, zu vermitteln und zu bewerben mit den entsprechenden strafrechtlichen Sanktionen eine wichtige präventive Wirkung entfalten kann.» (Ratsposition zur politischen Forderung eines nationalen Verbots sogenannter «Konversionsmassnahmen», 27. Mai 2026)
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