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Liebe in Trümmern

1. September 2026

Die Nachrichten lassen keinen sicheren Boden mehr. Epstein, Pelicot, Fernandes, Ulmen: Namen werden zu Chiffren für Gewalt, Verrat und Erniedrigung. Wer heute an die Liebe zwischen Männern und Frauen glaubt, tut das nicht mehr unschuldig.

Dieser Artikel ist der erste Teil einer Reihe zum Thema Heterofatalismus, die sowohl bei Reflab wie auch hier auf dem EKS-Blog erscheint. Heterofatalismus bezeichnet die Auffassung, dass heterosexuelle Beziehungen für Frauen nachteilig bis sogar lebensgefährlich sind, und die daraus entstandene Bewegung, dass manche Frauen solche Beziehungen nicht mehr suchen.

Wenn der Nahbereich gefährlich wird

Anfang 2026 veröffentlichte das US-Justizministerium mehr als drei Millionen Seiten aus den Epstein-Akten. Viele Namen wurden unkenntlich gemacht, ganze Seiten geschwärzt. Wesentliche Teile der Akte Epstein sind noch immer unter Verschluss. Trotzdem zeichnet sich längst das erschütternde Bild eines Systems der sexuellen Ausbeutung ab, an dem Hunderte der einflussreichsten Politiker, Banker, Intellektuellen aus der ganzen Welt beteiligt waren. Kunden, Mitwisser, Profiteure, Ermöglicher oder Teilhaber eines sozialen Umfelds, das junge Frauen und Minderjährige verfügbar machte und sich gegenseitig schützte.

Dann der Fall Gisèle Pelicot: Über Jahre hinweg wurde sie von ihrem damaligen Ehemann Dominique systematisch betäubt, vergewaltigt und anderen Männern zur Vergewaltigung ausgeliefert. Er filmte die Taten, archivierte sie und bot seine bewusstlose Frau online anderen Männern an, die sie missbrauchten, während er zusah und dokumentierte. Die Geschichte erschütterte die Welt. Durch ihre öffentliche Aussage und das biografische Buch «Eine Hymne an das Leben» holte sich Gisèle Pelicot die Deutung über das ihr Angetane zurück.

Im Frühling dieses Jahres ging dann der Fall der Fernsehmoderatorin und Schauspielerin Collien Fernandes durch die Medien: Sie beschuldigt ihren Ex-Mann Christian Ulmen, Fake-Profile in ihrem Namen erstellt, darüber mit Männern kommuniziert und pornografisches Material verbreitet zu haben, das den Eindruck erweckte, es zeige sie. Fernandes spricht von «virtueller Vergewaltigung».

Noch einmal bedrückend näher rückte das Thema in diesem Juli: Die Aargauer Staatsanwaltschaft erhob Anklage gegen den ehemaligen SVP-Grossrat Patrick Frei. Er soll seine damalige Partnerin und deren minderjährige Tochter wiederholt betäubt, sexuell missbraucht und die Taten gefilmt haben; auch seine frühere Ehefrau soll er laut Anklageschrift über Jahre hinweg auf ähnliche Weise missbraucht haben. Ein Schweizer Fall also, der die Gewalt aus den internationalen Schlagzeilen mitten in die eigene Nachbarschaft holt.

Das Verstörende an diesen Schreckensgeschichten liegt nicht nur in ihrer Brutalität. Es liegt in ihrer Nähe.

Die Gefahr kommt oft nicht aus dunklen Gassen, sondern aus Schlafzimmern, Smartphone-Chats, geteilten Wohnungen, gewachsenen Beziehungen.

Dominique Pelicot war kein Fremder. Er war Ehemann. Auch die Aargauer Anklage erzählt von Gewalt im engsten familiären Umfeld. Und die Vorwürfe rund um Collien Fernandes und Christian Ulmen betreffen digitale Gewalt in einer ehemals intimen Beziehung. Genau das erschüttert:

Der Ort, an dem Vertrauen wohnen sollte, wird zum Tatort.

Man kann danach nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Wer Frauen jetzt erklärt, sie sollten sich doch bitte nicht so misstrauisch anstellen, hat nichts verstanden. Kein Wunder, dass die ZEIT-Autorin Viktoria Morasch das aktuelle Verhältnis zwischen Männern und Frauen als «Trümmerlandschaft» beschreibt.

Warum «alle Männer» nicht einfach Unsinn ist

Im Kielwasser dieser Geschichten machen Hashtags wie #alleMänner und #EntdeckeDenUlmenInDir wieder die Runde. In Podcasts, Foren und Zeitungen wird diskutiert, ob heterosexuelle Beziehungen überhaupt noch gelingen können – oder ob sie durch Misstrauen, Machtgefälle und Gewaltgeschichten nicht irreparabel beschädigt sind.

Natürlich stimmt der Satz «alle Männer» nicht als moralisches Urteil über jeden einzelnen Mann. Er stimmt nicht vor Gericht, nicht biografisch, nicht seelsorgerlich. Und doch wäre es zu billig, ihn empört vom Tisch zu wischen.

Solche Sätze entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie sind der wütende Überschuss realer Erfahrungen. Sie sagen: Zu viele Männer schauen weg. Zu viele kennen Grenzverletzungen in Freundeskreisen, Witze, Bilder, Chats, Fantasien von Verfügbarkeit. Zu viele halten sich für unbeteiligt, weil sie selbst niemanden vergewaltigt haben.

Auch die Zumutung «Entdecke den Ulmen in dir» muss man nicht als pauschale Schuldanweisung lesen. Man kann sie als unbequeme Frage verstehen: Wo profitiere ich von Machtgefällen? Wo habe ich gelernt, Frauenkörper als Material zu sehen? Wo beginnt Gewalt lange vor der Straftat?

Nicht jeder Mann ist Täter. Aber kein Mann lebt ausserhalb der Kultur, die Täter hervorbringt.

Gesetze reichen nicht, aber ohne sie geht es nicht

Wer Liebe retten will, darf nicht bei Appellen stehen bleiben. Es braucht Recht. Es braucht Ermittlungsbehörden, die digitale Gewalt verstehen. Es braucht Gesetze, die nicht-einvernehmliche Deepfakes, sexualisierte Bildmanipulationen und digitale Demütigung klar bestrafen (entsprechende Reformen sind inzwischen auf dem Weg – gerade der Fall Fernandes hat die bestehenden Schutzlücken sichtbar gemacht). Es braucht Plattformen, die nicht erst reagieren, wenn der Schaden längst viral geworden ist.

Auch im Analogen gilt: Gewalt gegen Frauen darf nicht als Beziehungsdrama verharmlost werden. Betroffene brauchen Schutzräume, schnelle Verfahren, finanzielle Unterstützung und eine Justiz, die Scham dorthin verschiebt, wo sie hingehört: zu den Tätern.

Daneben braucht es Sensibilisierung. Jungen und Männer müssen lernen, Macht wahrzunehmen, bevor sie missbraucht wird. Sexualität braucht Einvernehmen, nicht Eroberung. Nähe braucht Sprache, nicht Anspruch.

Eine Gesellschaft schützt Frauen nicht durch Empörung, sondern durch Regeln, Ressourcen und eingeübte Aufmerksamkeit.

Die Ehe steht nicht ausser Verdacht

Darum treffen auch die Abgesänge auf Ehe und traditionelle Paarbeziehungen einen realen Punkt. Die französische Politologin und Aktivistin Emilia Roig etwa kritisiert die Ehe als Institution, die historisch auf Abhängigkeit gebaut wurde – und fordert in ihrem Buch «Das Ende der Ehe» nicht bloss eine Reform, sondern die Abschaffung der Ehe als Institution. Eine «Revolution der Liebe» sei nur ausserhalb einer normativen Institution wie der Ehe möglich. Der Staat solle nicht ein einziges Modell des Zusammenlebens privilegieren, sondern unterschiedliche Formen von Gemeinschaft fördern.

Noch immer tragen Frauen häufiger Sorgearbeit, reduzieren Erwerbsarbeit, verlieren Geld, Zeit und Freiheit. Noch immer kann Liebe zum Decknamen für Verfügbarkeitsdruck, Manipulation oder sogar Gewaltanwendung werden. Wer das nicht sehen will, verteidigt nicht die Liebe, sondern seine Bequemlichkeit.

Und doch folgt daraus nicht zwingend, dass Ehe oder heterosexuelle Beziehungen überhaupt besser abgeschafft oder dem Aussterben anheimgegeben würden. Aber sie haben ihre Selbstverständlichkeit und ihre Unschuld verloren. Sie müssen sich bewähren: im Umgang mit Geld, Macht, Sexualität, Sorgearbeit und Freiheit.

Wer die Ehe verteidigen will, muss zeigen, dass sie nicht bloss alte Abhängigkeiten verlängert.

Die blosse Berufung auf Tradition trägt nicht mehr; sie wird hohl, sobald sie die Verletzungen verschweigt, die unter ihrem Schutz möglich waren.

Theologische Überbelastung

An diesem Punkt lohnt sich ein Blick in die kirchliche Geschichte. Denn vieles von dem, was heute zerbricht, wurde zuvor religiös überhöht.

Besonders seit der Romantik hat sich die Vorstellung der Liebesehe tief in das christliche Denken eingeschrieben. Die Idee, dass es den einen richtigen Menschen gibt, dass sich in der Paarbeziehung existenzielle Erfüllung bündelt, wurde nicht nur kulturell erzählt, sondern theologisch aufgeladen.

Die christlichen Kirchen waren an dieser Entwicklung entscheidend beteiligt. Predigten, Ehevorbereitungskurse, Seelsorge und Familienideale haben daran mitgewirkt, ein romantisch-verklärtes, unverkennbar modernes Ideal der Liebesehe (und der daraus hervorgehenden beschaulichen Kleinfamilie) in biblische Texte hineinzulegen – um es anschliessend als göttliche Ordnung wieder aus ihnen herauszuholen.

Besonders wirkmächtig wurde die Deutung der Ehe als Abbild der Beziehung zwischen Christus und der Kirche. Was im Epheserbrief als Analogie formuliert ist, wurde zur metaphysischen Aufwertung der Paarbeziehung.

Die Ehe erschien plötzlich als Ort einer fast sakramentalen Tiefe, als spirituelles Projekt mit Heilsbedeutung.

Das bleibt nicht folgenlos. Wer die Ehe so versteht, macht sie schwer. Scheitern wird zur existenziellen Krise. Trennung wird moralisch aufgeladen. In hochreligiösen Kontexten konnte das bis zur sozialen Ächtung reichen. Und wer nicht verheiratet ist, erscheint als jemand, der noch unterwegs ist – noch nicht angekommen.

Eine überhöhte Ehe zerbricht nicht unbedingt seltener, aber auf jeden Fall brutaler.

Patriarchale Unterwanderung

Neben der Überhöhung steht die zweite Hypothek: das patriarchale Erbe.

Die christliche Tradition hat lange in Strukturen gedacht, die männliche Autorität voraussetzen. Unterordnung wurde nicht nur sozial erwartet, sondern theologisch abgesichert. Biblische Texte wurden so gelesen, dass sie bestehende Machtverhältnisse stabilisierten.

Das hatte konkrete Folgen. Frauen waren ökonomisch abhängig, rechtlich benachteiligt, sozial gebunden. Und auch dort, wo Gewalt geschah, fehlte oft die Sensibilität, sie als solche zu erkennen.

Was als eheliche Pflicht galt, entzog sich lange der Kritik.

Noch gravierender ist vielleicht etwas anderes: Die Mischung aus religiöser Autorität und persönlicher Abhängigkeit hat ein Klima erzeugt, in dem Widerspruch schwer fiel. Wer die Ordnung infrage stellt, stellt scheinbar auch Gott infrage.

Wo männliche Macht biblisch legitimiert gilt, wird Widerstand zur Auflehnung gegen Gott.

Diese Geschichte lässt sich nicht einfach abschütteln. Sie wirkt nach – in Rollenbildern, Erwartungen, verinnerlichten Vorstellungen von Beziehung.

Die Ehe als weltliches Wagnis

Und doch gibt es innerhalb derselben Tradition auch eine entlastende Spur. Gerade die reformierte Theologie hat die Ehe bewusst ent-sakralisiert. Für Martin Luther war die Ehe kein Sakrament, sondern ein «weltlich Ding»: Er ordnet sie in seiner Schrift «Vom ehelichen Leben» (1522) der «weltlichen Ordnung» zu und entzieht sie damit bewusst der Sakralisierung; Zwingli bewegt sich in eine ähnliche Richtung, wenn er die Ehe als öffentlich geregelte Lebensform versteht, die vor der Gemeinschaft verantwortet wird.

Das ist keine Abwertung, sondern eine Befreiung. Die Ehe gehört in den Bereich des gelebten Lebens, nicht in den Bereich des Heiligen, das unantastbar gemacht wird.

Die Ehe ist kein heiliges Sondergebiet, sondern Teil des gewöhnlichen Lebens – und gerade darin ernst zu nehmen.

Damit wird möglich, die Ehe als eine Lebensform unter anderen zu verstehen. Sie verliert ihren Absolutheitsanspruch. Sie wird verhandelbar, gestaltbar, auch kritisierbar.

Diese Perspektive könnte heute neu fruchtbar werden. Nicht indem man ein neues Ideal entwirft – eine theologisch steile «Theologie der Ehe», diesmal nach den Vorgaben eines neuzeitlichen Verständnisses von Freiheit, Selbstbestimmung und Gerechtigkeit –, sondern indem man den Druck reduziert.

Was es braucht, sind keine neuen Hochglanzentwürfe von Beziehung.

Eher braucht es Paare, die bodenständig anschaulich machen, dass es gehen kann. Unperfekt, widersprüchlich, manchmal mühsam. Dass beide zum Zug kommen können und beide Kompromisse machen. Dass gestritten wird. Dass Machtverhältnisse benannt werden. Dass Grenzen respektiert und die persönliche Integrität des anderen geachtet wird.

Die Zukunft der heterosexuellen Ehe entscheidet sich nicht in Theorien, sondern in gelebten, verletzlichen Beziehungen auf Augenhöhe.

Kein letzter Sieg den Tätern

In einem Artikel unter dem Titel «Danach weiter lieben» beschreibt Jolinde Hüchtker eine berührende Szene:

«In der ersten Reihe der Hamburger Laeiszhalle sitzt ein Mann, als Pelicot ihre Memoiren erstmals in Deutschland vorstellt, und wirft ihr eine unauffällige Kusshand zu. Es ist ihr neuer Partner, den sie in ihrem Buch Jean-Loup nennt.»

Nach allem, was ihr angetan wurde, spricht Pelicot weiter von Liebe.

Sie glaubt nicht, dass Männer und Frauen natürliche Feinde sind. Sie wagt sogar eine neue Beziehung. «Heute weiss ich, dass meine Liebe mich verwundbar macht», schreibt Pelicot am Ende ihres Buches; «Aber ich bin bereit, dieses Risiko weiter einzugehen. Denn die Liebe ist zugleich meine mächtigste Rüstung.»

Das ist keine naive Rückkehr ins Märchen. Es ist ein Akt der Freiheit. Pelicot lässt sich von der Gewalt nicht vorschreiben, was sie noch hoffen darf. Sie verweigert den Tätern die Macht über ihre Zukunft.

Darin liegt eine Zumutung auch für unsere Debatten. Wir müssen die Gewalt ernst nehmen, ohne ihr die ganze Wirklichkeit zu überlassen. Wir müssen unsere Gesellschaft sensibilisieren, Recht verschärfen, Frauen schützen, Macht benennen. Aber wir dürfen nicht so tun, als wäre Misstrauen eine nachhaltige Lösung.

Wer nach dem Horror wieder liebt, verharmlost die Gewalt nicht. Er widerspricht ihr.

Ja: Die niederträchtigen Gewalttäter zerstören Körper, Vertrauen, Biografien. Sie machen aus Intimität ein Waffenlager. Sie vergiften das Verhältnis der Geschlechter.

Aber man sollte ihnen nicht auch noch diesen letzten Sieg schenken: dass wir aus ihren Taten den Schluss ziehen, gesunde heterosexuelle Beziehungen auf Augenhöhe seien eine Illusion. Das wäre zu viel Ehre für die Täter. Zu viel Macht für ihre Armseligkeit. Zu viel Kapitulation vor ihrer Gewalt.

Der Einspruch muss anders lauten: Wir glauben nicht weniger an Liebe, sondern genauer. Nicht harmloser, sondern wacher. Nicht romantisch blind, sondern gerechtigkeitsfähig.

Die Liebe den Tätern zu überlassen, wäre Verrat an den Opfern und an der Liebe selbst.

Darum bleibt nur dieser trotzige Wille: Wir geben sie nicht auf. Nicht blind. Nicht naiv. Aber auch nicht ohne Hoffnung.

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