Dank des Stipendiums der EKS durfte ich im Herbstsemester 2024 fünf Monate am Ökumenischen Institut Bossey verbringen und das Programm für das Zusatzzertifikat in Ökumenischen Studien absolvieren. Was sich zunächst wie ein gewöhnliches Studiensemester anhörte, wurde für mich zu einer intensiven, herausfordernden und lebensprägenden Erfahrung.
Vielfalt, die verbindet
In Bossey lebte ich mit 31 Mitstudierenden aus 24 Ländern und 25 verschiedenen Kirchen zusammen. Die Unterschiede in Herkunft, Konfession und Kultur waren gross – und gerade das machte Bossey besonders. Im gemeinsamen Alltag rückten die individuellen Geschichten und Erfahrungen in den Vordergrund. Ich lernte, zuzuhören, Vorurteile zu hinterfragen und die Komplexität unserer Welt und Theologie neu zu entdecken.
Lernen zwischen Bibelwissenschaft und Missiologie
Akademisch war das Semester ebenso bereichernd. Ich besuchte Seminare zur biblischen Hermeneutik und zur Missiologie – geleitet von Dozierenden aus Nigeria und Südkorea. Dabei reflektierte ich nicht nur theologische Inhalte, sondern auch meine eigene westlich geprägte Perspektive. Besonders eindrücklich war die Auseinandersetzung mit dem Missionsbegriff, der in Bossey auch den Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und die Würde der Schöpfung umfasst.
Gebet als Brücke zwischen Traditionen
Die täglichen Morgengebete waren für mich das Herzstück des Zusammenlebens. Sie wurden von uns Studierenden gestaltet – konfessionell, regional oder gemischt. Durch sie lernten wir, unsere Traditionen zu erklären, Unterschiede zu respektieren und gemeinsam vor Gott zu treten. Das gemeinsame Gebet hat uns als Gruppe stark verbunden.
Gemeinschaft im Alltag
Neben dem akademischen und spirituellen Leben war auch das alltägliche Miteinander prägend: gemeinsames Kochen, Tischtennis, Exkursionen und Gespräche am See. Diese Erfahrungen führten dazu, dass aus einer Gruppe sehr unterschiedlicher Menschen eine Gemeinschaft wurde – trotz aller Herausforderungen.
Fazit: Eine reale Utopie
Bossey ist für mich ein Stück reale Utopie – ein Vorgeschmack auf das, worauf die ökumenische Bewegung zielt: Versöhnte Einheit unter Christinnen und Christen zum Segen für die Welt. Aber auch eine Erinnerung daran, wie anspruchsvoll dieser Weg sein kann.
Tobias Adam, 27, stammt aus Uster ZH und ist Doktorand am Lehrstuhl für Praktische Theologie und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Universitären Forschungsschwerpunkt Digital Religion(s) der Universität Zürich. Er ist Mitglied der Synode Zürich und war Mit-Initiant der Schöpfungsinitiative. Er hat von September 2024 bis Januar 2025 ein Semester am Ökumenischen Institut Bossey studiert, ermöglicht durch ein EKS-Stipendium. Seine ersten Eindrücke schilderte er im EKS-Blog.
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