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Ostern reformiert: Auferstehung als Quelle kirchlicher Erneuerung

1.Apr. 2026

Wie kann sich die reformierte Kirche erneuern, ohne sich im Reformstress zu verlieren? Manuel Schmid verbindet in seinem Osteressay die Auferstehung Jesu mit dem reformatorischen Leitgedanken «ecclesia semper reformanda» und zeigt: Kirchliche Erneuerung lebt von der Gegenwart des lebendigen Gottes.

«Christus ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden!»

Dieser Osterruf verbindet Christinnen und Christen aller Konfessionen, Kulturen und Klimazonen. Er erzählt nicht nur von dem, was einmal geschehen ist. Und er träumt auch nicht nur von einem ewigen Leben jenseits unserer Erdenzeit. Nein, Ostern hält in uns den Glauben wach, dass die Wirklichkeit dieser jetzigen Welt offener ist, als sie aussieht. Dass Gott Neues schafft, wo Menschen nur noch mit dem Ende rechnen.

Ostern ist Gottes Einspruch gegen die Behauptung, es bleibe doch alles beim Alten.

Für die Kirche ist Ostern deshalb nicht bloss ein hoher Feiertag. Es ist gewissermassen ihr Ernstfall. Paulus formuliert es in unnachgiebiger Schärfe: Wenn Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist unsere Predigt leer und unser Glaube vergeblich (1. Korinther 15). Mehr kann man es theologisch nicht zuspitzen.

Gewiss ist Ostern nicht alles – aber ohne Ostern ist alles nichts.

Ohne Ostern bleibt vom Christentum eine respektable Erinnerungskultur. Mit Ostern steht mehr im Raum: dass Gottes Schöpferkraft stärker ist als Erschöpfung, Scheitern und die lähmende Macht der Alternativlosigkeit. Dass dem Menschen neue Möglichkeiten des Lebens zugespielt werden, wo er keinen Ausweg mehr gesehen hat. Dass sich auch dort, wo keine zukunftsfähige Lösung mehr in Sicht ist, wo scheinbar nur noch die Wahl zwischen schlecht und schlechter im Raum steht, plötzlich ein Weg eröffnet, ein kreativer Raum auftut.

Die Kirche unter Reformationsdruck

Diese Osterbotschaft trifft auf eine Kirche, die unter Druck steht.

Die reformierte Kirche in der Schweiz (und nicht nur hier…) verliert seit Jahren Mitglieder. Mit den Mitgliedern schwindet auch das verfügbare Geld, die kulturelle Selbstverständlichkeit des Christentums und gesellschaftliche Reichweite kirchlicher Kommunikation. Die Reaktionen darauf ist bekannt: Fusionen, Strukturprozesse, Prioritätendebatten, neue Gottesdienstformate, umstrittene Sparpläne, hitzige Diskussionen um heilige Kühe und lahme Enten im Kirchenbetrieb.

Vieles davon ist nötig und ist klug. Manches ist getrieben von Leidenschaft und Menschenliebe, anders von Angst und Selbsterhaltungstrieb. Jedenfalls ist den meisten klar, dass Veränderungen unumgänglich und gute Ideen gefragt sind.

Was also bedeutet Ostern für eine Kirche, die mitten in einem kulturellen Wandel steckt und nach ihrer Rolle in einer zunehmen postchristlichen, pluralisierten Gesellschaft sucht?

Gerne fällt in solchen Zusammenhängen der vertraute Satz:

«Ecclesia semper reformanda est»: Die Kirche ist ständig neu zu reformieren.

Die bekannte Formel ist zwar kein Originalton der Reformatoren. Sie stammt nicht aus der Anfangsphase reformatorischer Umbrüche, sondern geht in dieser Form auf Karl Barth zurück, den wohl bedeutendsten reformierten Dogmatiker des 20. Jahrhunderts.

Barth selbst betont im Kontext des vielzitierten Satzes, dass es der Kirche nicht darum gehen kann, der eigenen «Originalität» zu vertrauen, auf den eigenen Einfallsreichtum zu setzen. Vielmehr geht es um ein erneuertes Vertrauen auf die Gegenwart und das Handeln des lebendigen Gottes inmitten seiner Kirche. Dieser Gott sorgt dafür, dass die Kirche sich nicht mit ihren bestehenden Formen identifizieren lässt – er ist es, der die Kirche immer wieder vor neue Fragen stellt… und immer wieder auch in Frage stellt.

Nicht alles, was sich verändert, wird auch besser

Für einige liegt in diesem Diktum ein grosser Transformationstreiber, den sie den Beharrungskräften etablierter Kirchenstrukturen und Ämterverständnisse entgegensetzen, auf den sie sich berufen, um «endlich etwas zu bewegen».

Unter den meisten reformierten Christenmenschen löst die Rezitation des berühmten barth’schen Diktums erfahrungsgemäss aber keine spontanen Freudensprünge mehr aus.

Zu ausgelutscht, abgenutzt, überdehnt ist die Formulierung für viele inzwischen.

Die strukturellen, personellen, finanziellen Reformen und Reförmchen haben sie ermüdet: Sie mögen nicht noch einmal alle Bälle in die Luft werfen, noch einmal Unruhe ins System bringen.  Vielleicht mögen sie auch nicht einmal mehr hoffen auf Veränderungen, die dann doch nicht kommen – oder die, wenn sie kommen, nicht das erhoffte Leben zurückbringen.

Denn nicht alles, was sich bewegt, lebt auch wirklich – und nicht alles, was sich verändert, wird besser.
Es gibt Reformen, die viel Arbeit machen und doch keine neue Energie freisetzen.

Der neoliberale Imperativ der Spätmoderne, sich ständig «neu zu erfinden», ist schon als Individuum verdammt anstrengend und längst nicht immer erfolgversprechend. Als Gemeinschaft und Institution kann er zur Zumutung werden, die den Eindruck nur noch verstärkt, der heutigen Aufgabe nicht gerecht zu werden, die richtig guten Ideen nicht zu haben, «das Zeug» für eine hoffnungsvolle Zukunft nicht zu besitzen.

Inspirierte Erneuerung statt Hektik

Ostern kann gerade hier sowohl entlasten als auch neuen Mut befeuern. «Christus ist auferstanden» – das heisst auch: Die Kirche muss ihre Zukunft nicht aus eigener Genialität hervorbringen. Sie muss nicht beweisen, dass sie kulturell anschlussfähig genug ist, um ihr Dasein zu rechtfertigen. Sie muss auch nicht versuchen, paralysiert vom eigenen Bedeutungsverlust auf einmal kreativ und gewichtig und «systemrelevant» (usw.) zu werden.

Hektik ist noch kein Zeichen des Heiligen Geistes.

Wer Reformen vor allem aus Angst betreibt, wird am Ende eng. Eng im Denken, eng in der Sprache, eng im Blick auf das, was noch möglich wäre. Angst macht geschäftig, aber selten schöpferisch. Wer nur aus Angst reformiert, verwaltet am Ende bloss eleganter den Mangel.

In der Auferstehung begründete Hoffnung ist etwas anderes. Sie ist die Folge der österlichen Behauptung, dass Gott Zukunft schafft, wo Menschen nur noch Abbruch sehen.

Darum handelt die Kirche nicht klüger, wenn sie besonders nervös wird. Sie handelt klüger, wenn sie geistlich tiefer wird.

Das bedeutet nicht, dass Strukturfragen unwichtig wären. Natürlich braucht die Kirche gute Entscheidungen, klare Prioritäten, tragfähige Formen. Aber sie sollte sich nichts vormachen: Ihre Zukunft entscheidet sich nicht zuerst an Organigrammen, sondern daran, ob sie mit der Gegenwart Gottes rechnet. Ob sie sich von jenem Geist in Bewegung setzen lässt, der Jesus von den Toten auferweckte, statt bloss auf Druck zu reagieren.

Möglichkeiten jenseits der Erwartungen

Ostern sagt nicht: Alles wird gut, wenn wir uns nur genug anstrengen.
Ostern sagt: Gott schafft Leben, wo keines mehr zu erwarten war.

Im gegenwärtigen philosophischen Diskurs wird häufig zwischen Wünschen und Hoffnungen unterschieden. Der entscheidende Unterschied liegt im Kriterium der Möglichkeit: Wünsche dürfen sich auch auf das Unmögliche richten. Jemand kann sich wünschen, fliegen zu können, wieder jung zu sein, auf dem Mars zu leben, Taylor Swift zu heiraten usw.

Hoffnungen hingegen leben davon, dass man das Erhoffte in irgendeinem Sinn für möglich hält. Man kann nicht ernsthaft hoffen, morgen als Einhorn aufzuwachen und über Regenbögen zu rutschen, oder schwerelos über die Dächer seiner Heimatstadt zu fliegen – es sei denn, man hätte gerade einen Paragliding-Kurs für Fortgeschrittene absolviert und wüsste, dass es fliegerische Möglichkeiten gibt, welche die naturgegebenen Anlagen des Menschen übersteigen…

Darin liegt das Geheimnis von Ostern:

Denn die Auferstehung Jesu bestätigt nicht einfach das, was ohnehin schon im Rahmen unserer Erwartungen liegt. Sie verschiebt die Grenze des Möglichen selbst.

Die Jünger waren nach dem Tod Jesu am Boden zerschlagen. Bei aller Fantasie konnten sie sich nicht vorstellen, wie aus dieser Niederlage und Schmach noch irgendetwas Gutes hervorgehen soll. Sie waren in einer endgültigen Sackgasse gelandet… bis ihnen der Auferstandene begegnet: Ostern bricht den Möglichkeitsraum auf und öffnet neue Wege!

Ostern ist darum nicht bloss die Bestätigung einer Hoffnung. Es ist ihre Begründung.

Osterhoffnung – auch reformiert

Für die Kirche heute heisst das: Ihre Hoffnung speist sich nicht aus dem, was sie realistischerweise noch erreichen kann. Sie speist sich aus einem Leben, einem Möglichkeitsraum, einem Ideenreichtum, der nicht von dieser Welt ist… und doch mitten unter uns real wird.

Was wir als Kirche in allen Reformbestrebungen und Widerständigkeiten, in aller Veränderungsbereitschaft und Traditionstreue wohl am verzweifeltsten brauchen, ist diese Bereitschaft, uns dem österlichen Möglichkeitsraum neu auszusetzen: Orte, an denen mit Gottes Gegenwart gerechnet wird, die unsere Systemlogiken aufsprengt. Gemeinschaften, die nicht nur verwalten, was ist, sondern erwarten, was kommt. Menschen, die sich von seinem Geist bewegen lassen, langjährige Verbitterungen loszulassen, Versöhnung in verfahrene Beziehungen zu bringen und sich zu freuen, wenn andere aufblühen und Gottes Potenziale sichtbar machen.

«Ecclesia semper reformanda» – das heisst dann nicht: Die Kirche muss sich ständig neu erfinden. Sondern: Die Kirche wird immer wieder neu von Gott her eröffnet.

Die Kirche bleibt erneuerbar, weil sie nicht sich selbst gehört.

Das ist vielleicht der schlichteste Ostergedanke für eine müde Kirche. Sie muss nicht aus eigener Kraft auferstehen. Sie wird gerufen. Sie wird unterbrochen. Sie wird in Bewegung gesetzt. Von einer Kraft her, die grösser ist als ihre Erschöpfung.

In diesem Sinne ist «semper reformanda» ein Hoffnungswort. Ein Satz für Kirchen, die mehr wollen als ihr eigenes Fortbestehen. Ein Satz für Kirchen, die dem lebendigen Gott zutrauen, dass er auch im 21. Jahrhundert noch Neues schafft.

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