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Kirchen als Schutzräume für Betroffene von sexuellem Missbrauch

17.Feb. 2026

Am 31. Januar 2026 organisierte der Verein Dignity in Cossonay einen Sensibilisierungstag zu sexuellem und geistlichem Missbrauch. Die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) war eingeladen, die vom Sommersynode 2025 verabschiedeten Grundsätze und Standards zum Schutz der persönlichen Integrität vorzustellen.

Mehr als 160 Personen nahmen an diesem Treffen in der evangelischen Kirche von Cossonay teil. Der in der Romandie aktive Verein Dignity setzt sich für ein besseres Bewusstsein für sexuellen Missbrauch und für die Wiederherstellung von Betroffenen ein. Er begleitet vor allem Erwachsene, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, sowie deren Angehörige.

Um die Öffentlichkeit für diese Realitäten zu sensibilisieren, realisierte Dignity bereits 2023 den Dokumentarfilm «Dignity: de l’ombre à la lumière». Er dient als Präventions- und Dialoginstrument: Einzelpersonen oder Gruppen – häufig Kirchgemeinden – können eine Vorführung organisieren, gefolgt von einer Podiumsdiskussion mit Betroffenen. Aufgrund dieser Erfahrungen verspürte der noch junge Verein das Bedürfnis, einen Schritt weiterzugehen und einen Konferenztag speziell zum Thema Missbrauch zu organisieren, offen für alle Interessierten.

Der Vormittag fand im Plenum statt und widmete sich den spezifischen Mechanismen sexuellen Missbrauchs sowie der Frage geistlichen Missbrauchs. Am Nachmittag konnten die Teilnehmenden zwischen verschiedenen thematischen Workshops wählen, darunter: die spirituelle Bedeutung des Körpers, geistliche Traumata oder eine Theologie des Leidens.

In diesem Rahmen war die EKS eingeladen, gemeinsam mit der Fédération des Églises évangéliques (FREE) einen Workshop für kirchliche Leitungsverantwortliche zu gestalten. Die EKS stellte die am Sommersynode 2025 verabschiedeten Grundsätze und Standards vor, den Entstehungsprozess sowie die Modalitäten ihrer Umsetzung. Der Austausch ermöglichte es Verantwortlichen aus unterschiedlichen evangelikalen und reformierten Kontexten, ihre Fragen einzubringen. Neben der Begleitung von Betroffenen nahmen insbesondere Fragen nach rechtlichen Ressourcen und zugänglichen Meldestellen einen zentralen Platz in den Diskussionen ein.

Der Tag wurde am Abend mit der Vorführung des Dokumentarfilms fortgesetzt, der sich auf den Prozess der Wiederherstellung nach sexueller Gewalt konzentriert, gefolgt von einer Podiumsdiskussion mit Betroffenen.

Umrahmt von musikalischen Beiträgen und Tanz sollte die Atmosphäre dieses Tages weder leichtfertig noch bedrückend sein, sondern bewusst wohlwollend und ohne Tabus. Ziel war es, Betroffenen eine Stimme zu geben und zugleich Verständnis- und Handlungsansätze im Umgang mit Missbrauch innerhalb der Kirchen zu vermitteln.

Interview mit Lisa Zbinden, Beraterin und Soziologin für Gender und Sexualität, sowie Margarita Fugger Heesen, Psychologin, Tänzerin und Gründerin von Dignity

Woher kam die Idee, Dignity zu gründen?

Margarita Fugger-Heesen: In meinen Tanzkursen wie auch in Beratungsgesprächen wurde ich mit zahlreichen Situationen von Frauen konfrontiert, die traumatische Erfahrungen in ihrem Körper gemacht hatten. Zudem sah ich eine von der RTS produzierte Dokumentation, die diese Gewalt sichtbar machte – was sehr wichtig ist. Allerdings liess sie wenig Raum für die Hoffnung auf ein «Danach». Das konnte ein Gefühl der Ohnmacht erzeugen und manchmal sogar den Wunsch, wegzuschauen, statt weiter gegen diese Problematik anzukämpfen. So entstand in mir die Idee, einen Dokumentarfilm zum Thema Missbrauch zu realisieren, der eine Dimension von Hoffnung und Wiederaufbau integriert.

Warum richten Sie sich speziell an Kirchen?

Lisa Zbinden: Der Traum von Dignity ist es, dass Kirchen zu Orten werden, an denen Betroffene geschützt werden, an denen Gewalt klar benannt wird – und die darin ein Beispiel für die Gesellschaft sind.

Wir glauben, dass die Kirche als Erste gegen Gewalt aufstehen sollte, weil wir berufen sind, in den Spuren Jesu zu gehen – er hat verletzliche Menschen geschützt, Herrschaftsansprüche angeprangert und dazu aufgerufen, für die Herde Sorge zu tragen. Wir glauben auch an einen Gott der Gerechtigkeit.

Die Enthüllungen, die heute ans Licht kommen, sind so schmerzhaft sie auch sind, zugleich eine Chance für die Kirche. Eine Kirche, die den Mut hat, diese Realitäten anzuschauen, sich an die Seite der Betroffenen stellt und transparent handelt, weckt Vertrauen und stärkt das Sicherheitsgefühl – innerhalb wie ausserhalb ihrer Mauern.

Was ist Ihrer Erfahrung nach die grosse Herausforderung für die Kirchen heute?

Lisa Zbinden: Eine grosse Herausforderung ist nach wie vor eine eigentliche Kultur des Schweigens rund um Missbrauch. Trotz #MeToo und einer zunehmenden Offenheit sprechen die meisten Betroffenen nicht über das, was sie erlebt haben. Und wenn einige den Mut dazu finden, werden sie nicht immer ernst genommen.

Zudem begegnen wir dem, was man als «spirituellen Bypass» bezeichnen kann – also der Versuch, mit vereinfachenden geistlichen Antworten der Realität von Leid, Ungerechtigkeit und Trauma auszuweichen. Konkret werden Betroffene manchmal aufgefordert zu beten, «Gott zu vertrauen» oder ihrem Täter direkt zu vergeben, ohne dass sie Zeit erhalten, das erlittene Leid zu benennen, als Gewalt anzuerkennen und Schutz sowie Anerkennung zu erfahren. Solche Reaktionen können die Schwere der Taten relativieren, Betroffene zusätzlich belasten und ihren Heilungsprozess behindern, indem der Eindruck entsteht, der Glaube müsse die Wunde «auslöschen», ohne einen Weg der Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung zu gehen.

Warum haben Sie Tanz und Musik im Dokumentarfilm eingesetzt?

Margarita Fugger-Heesen: Weil wir zutiefst an die Kraft der Schönheit glauben. In ein so dunkles, schweres und sensibles Thema Schönheit hineinzubringen, erscheint uns wesentlich. Durch Musik, Tanz und die filmischen Sequenzen werden Menschen auf eine andere Weise berührt. Es bleibt nicht auf einer theoretischen oder rein kognitiven Ebene – es berührt das Herz.

Für Fragen zur Prävention und zum Schutz der persönlichen Integrität in den reformierten Kirchen: Cynthia Guignard, Beauftragte für Kirchenbeziehungen, cynthia.guignard@evref.ch

Grundsätze und Standards zum Schutz der persönlichen Integrität

Weitere Informationen über den Verein Dignity

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