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Respekt ist keine Verhandlungsmasse – was in Davos wirklich auf dem Spiel stand

23.Jan. 2026

Es gibt Momente, in denen Worte mehr tun, als etwas zu beschreiben. Sie ordnen die Welt. Der Auftritt von Donald Trump am WEF in Davos war reich an solchen Momenten. Mich hat dabei weniger überrascht, dass der amerikanische Präsident die Bedeutung seines Landes selbstbewusst – ja selbstgefällig – ins Zentrum stellte. Irritierend war vielmehr die beiläufige Herabsetzung der Schweiz und vor allem die öffentliche Nachäffung von Bundesrätin Karin Keller-Sutter. Solche Gesten sind kein Nebengeräusch. Sie sind Teil einer politischen Inszenierung, die Stärke mit Lautstärke verwechselt und Führung über Abwertung definiert. Immer wieder gegenüber Frauen. Gerade deshalb lohnt es sich, innezuhalten und nach einem anderen Massstab zu fragen. In der biblischen Tradition ist Macht nie Selbstzweck. Sie ist gebunden an Verlässlichkeit im Reden, an Recht im Handeln, an die Fähigkeit, dem Gegenüber mit Respekt zu begegnen. Oder, mit einem alten prophetischen Satz gesagt: Wahrheit soll geredet werden – und Frieden gestiftet. 

Dass in solchen Momenten vieles „Diplomatie“ ist, verstehe ich. Diplomatie ist die Kunst, Gespräche möglich zu halten, auch wenn es unangenehm wird. Aber Diplomatie ist nicht die Kunst, jede Grenzüberschreitung zu überhören. Es ist deshalb wichtig, dass auch aus dem Bundesrat zu vernehmen war, dass dieses öffentliche Bashing inakzeptabel ist – so, wie es Aussenminister Ignazio Cassis sinngemäss eingeordnet hat. Wer die Regeln des Gesprächs verteidigt, verteidigt nicht Empfindlichkeiten, sondern die Grundlage politischer Verständigung. 

Was Trump in Davos vorgeführt hat, war die alte Choreografie: das grosse Land, das kleine Land; der Ton, der fordert; das Gegenüber, das sich erklären soll. Das kennen wir bereits. Neu ist, wie sehr solche Machtsprache inzwischen als Normalität auftritt – und wie schnell sie den Respekt als „Verhandlungsmasse“ behandelt und dafür auch noch brav beklatscht wird. 

In den Hintergrund treten 

Gerade deshalb verdient, was Karin Keller-Sutter in dieser Situation getan hat, Anerkennung. Sie hat auf Fakten beharrt, hat sich getraut, Kante zu zeigen, hat gesagt, was sie denkt und nicht was schmeichelt. Das hat sichtlich irritiert. Sie verdient auch Respekt, weil sie nach der heftigen Kritik an ihrem Vorgehen einen Schritt getan hat, der in der Öffentlichkeit oft unterschätzt wird: Sie tritt als Person in den Hintergrund. Sie macht nicht sich selbst zum Thema. Sie rechtfertigt nicht ihr Auftreten, sie zieht keinen öffentlichen Schlagabtausch nach, sie baut keine Bühne für die eigene Kränkung. Sie bleibt beim Auftrag. Und damit beim Wohl des Landes. 

Das doppelte Mass 

Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Wer heute in der Politik Verantwortung trägt – und besonders Frauen in Spitzenämtern – kennt die Mechanik: Aufmerksamkeit kippt schnell in Projektion. Man beurteilt nicht nur Entscheidungen, sondern Auftreten, Stimme, Ton, „Sympathie“. Man misst doppelt. Und in Krisenlagen stehen Frauen oft auf einer Art gläserner Klippe: Sie sollen Stabilität verkörpern, während sie im Gegenwind stehen. Wenn sie nachgeben, gelten sie als schwach, wenn sie kämpfen, als hysterisch. Dann zeigt sich, was Leadership bedeutet: nicht, ob man Applaus bekommt entscheidet darüber ob man wirklich stark ist, sondern ob man handlungsfähig bleibt, ohne sich selbst zu verlieren. 

Fragile Spielregeln 

In Davos war auch sichtbar, wie fragil die Spielregeln geworden sind, von denen kleinere Staaten leben. Die Schweiz ist wirtschaftlich stark, aber politisch bleibt sie ein kleiner Akteur in einer Welt, in der Grössere immer öfter entscheiden wollen, was gilt. Das ist keine Moralpredigt, sondern nüchterne Lagebeschreibung. Wer sich in diesem Umfeld bewegt, braucht mehr als Schlagfertigkeit. Es braucht einen langen Atem, die Fähigkeit, zu verhandeln, ohne die eigene Würde zu verkaufen, und die Bereitschaft, Grenzen zu markieren, ohne gleich die Brücken abzubrechen. 

Es gibt in der biblischen Tradition ein wichtiges Motiv: dass das Kleine nicht dadurch stark wird, dass es die Sprache des Grossen kopiert. Sondern dadurch, dass es bei etwas bleibt, das grösser ist als momentane Machtdemonstration: bei Verlässlichkeit, Recht, Mass, Respekt. Der Prophet Sacharja hat es so ausgedrückt: “Fürchtet euch nur nicht! Redet Wahrheit, einer mit dem andern; richtet wahrhaftig und schafft Frieden in euren Toren.” (Sacharja 8, 15b-16) Das ist eine Erinnerung für uns, dass nicht alles, was möglich ist auch richtig ist. Dass nicht alles, was wirkt, auch gut ist. Dass Stärke nicht nur im Durchsetzen liegt, sondern auch darin, sich selbst an Grenzen zu halten.

Was Deals erst sinnvoll macht 

Die Schweiz ist keine Bittstellerin aus Prinzip. Sie ist aber in bestimmten Fragen abhängig – wie alle in einer vernetzten Welt. Umso wichtiger ist es, dass wir nicht nur Deals suchen, sondern auch das verteidigen, was Deals erst sinnvoll macht: die Vorstellung, dass Regeln gelten; dass Menschen nicht zum Spielmaterial der Inszenierung werden; dass man in Konflikten nicht noch zusätzlich erniedrigt. 

Wer in Davos genau hingehört hat, konnte auch eine andere Szene wahrnehmen: das kurze, höfliche Treffen, das Guy Parmelin schilderte – und der Satz, Trump habe Keller-Sutter als „tough“ erkannt. Es ist eine kleine Beobachtung, aber sie zeigt etwas: Haltung bleibt nicht unsichtbar. Sie wirkt anders, langsamer, weniger spektakulär. Aber sie ist nicht wirkungslos. Und sie ist ein mächtiger Ausdruck dafür, dass wir Schweizerinnen und Schweizer nicht nur an Interessen glauben, sondern auch an eine politische Kultur, die uns allen dient – gerade dann, wenn sie herausgefordert wird.

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1 Kommentar

  1. Mathias

    „…and then came Rolex and now we are talking.“

    Das ist doch eine herrliche Satire!
    Der Mann hat Humor, und meint das keineswegs Böse.
    Wer seinen Wahlkampf verfolgt hat weiss das.
    Gleichzeitig ist das die beste Werbung für Rolex und die Schweiz.
    An jeder Basler Fasnacht bekomme unsere Politiker mehr Dreck ab als hier.
    Was sind die Leute hier so angespannt und selbstgerecht wenn es um Trump geht!

    Ich rate unserer Regierung diese satirische Steilvorlage zu nehmen
    und ein paar goldene Rolex zu beschaffen:
    „…Yes Mr President, we are talking again right? Im sure you want one of these beautys“
    Konsequent vor jedem Treffen mit Herr Trump so machen, bis das zum Running Gag wird.
    Dann durchaus unsere CH Interessen selbstbewusst vertreten.
    Und wenn er nicht artig ist bekommt er keine Rolex 😉

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