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Ein deutscher Journalist fragt Wolodymyr Selenskyj, was Europa tun könne, «um Ihnen zu helfen, mehr Russen zu töten…». Der Satz klingt verstörend. Vielleicht gerade deshalb, weil er unverhüllt ausspricht, was Krieg von Menschen verlangt und aus ihnen macht – auch wenn sie sich mit guten Gründen verteidigen. Ein Versuch, dem Zynismus des Krieges nachzugehen – und an einer Sicht auf den Menschen festzuhalten, die sich seiner Reduktion auf Feind, Ziel und Vernichtungskosten widersetzt.
«Und eine kurze Frage an den Präsidenten der Ukraine, Selenskyj. Können Sie uns Europäern sagen, was wir konkret tun können, um Ihnen zu helfen, mehr Russen zu töten…?»
Die Frage fällt am 8. August 2026 bei einer Pressekonferenz in Belgrad. Vorne sitzt Wolodymyr Selenskyj, Präsident eines Landes, das seit mehr als vier Jahren einen russischen Angriffskrieg abwehrt. Im Saal steht Michael Martens, Balkankorrespondent der FAZ. Er fragt nach weiterer europäischer Unterstützung für die Ukraine – und formuliert dabei für einen kurzen Moment nicht in den gewohnten Kategorien von «militärischer Hilfe», «Verteidigungsfähigkeit» oder «Schwächung der russischen Streitkräfte». Er sagt, was diese Begriffe praktisch bedeuten. Dann scheint er selbst zu bemerken, wie der Satz klingt, und fügt rasch hinzu: «… mehr russische Soldaten natürlich…».
Die Selbstkorrektur kann das Verstörende der ersten, unbeholfenen Aussage allerdings nicht mehr zurückholen. Selbstverständlich meinte Martens nicht, Europa solle wahllos «Russen töten». Seine Frage zielte auf Angehörige der russischen Armee, die in die Ukraine eingefallen sind, Städte bombardiert, Gebiete besetzt und schwere Kriegsverbrechen begangen haben. Und doch macht gerade die flapsige Unverhohlenheit des ersten Satzes sichtbar, was in der präziseren Formulierung wieder hinter militärischer Sprache verschwindet – denn:
Auch «russische Soldaten» sind Russen. Mehr noch: Es sind Menschen. Söhne russischer Eltern, Väter russischer Kinder, Bürger russischer Städte und Dörfer.
Die Frage wird später in Russland verbreitet, seine Zeitung distanziert sich von der Formulierung. Martens selbst bezeichnet vor allem das «wir Europäer» als journalistischen Fehler. An der militärischen Logik seiner Frage hält er fest: Europa müsse darüber nachdenken, wie es der Ukraine helfen könne, der russischen Armee so schwere Verluste zuzufügen, dass Wladimir Putin seinen Krieg nicht weiterführen könne.
Man kann Martens für die Formulierung kritisieren. Interessanter ist, warum sie uns so erschreckt. Wir haben uns daran gewöhnt, über diesen Krieg in politischen und militärischen Abstraktionen zu sprechen. Martens durchbricht diese Sprache für einen Moment. «Mehr Russen töten» übersetzt sie zurück in einzelne Menschen, einzelne Körper, einzelne Schicksale.
Der Satz erschreckt gerade nicht, weil er übertreibt, sondern weil er ausspricht, was wir durch technisch-verklausulierte Sprache lieber auf Distanz halten.
Wer Waffen liefert, liefert Geräte, mit denen Menschen getötet werden sollen. Wer fordert, Russland müsse militärisch geschwächt werden, spricht damit auch über russische Soldaten, die verwundet, verstümmelt oder getötet werden müssen. Krieg lässt sich führen, ohne diese Sätze ständig auszusprechen, aber nicht, ohne zu tun, was sie bedeuten.
Zu Beginn des russischen Grossangriffs machten Begriffe wie «Sofapazifismus» Karriere. Die Kritik war leicht zu verstehen: Aus einer sicheren Wohnung in Zürich, Hamburg oder Berlin lässt sich Gewaltlosigkeit einfacher empfehlen als aus einem Keller in Charkiw.
Wer einem angegriffenen Menschen rät, auf Waffen zu verzichten, trägt die Folgen dieses Rates gewöhnlich nicht selbst. Wenn die Gewaltlosigkeit scheitert, wird nicht das eigene Haus besetzt, werden nicht die eigenen Kinder verschleppt, ist nicht das eigene Leben bedroht.
Der Vorwurf traf deshalb einen wunden Punkt christlicher Friedensethik – oder jedenfalls jener Vertreter eines konsequenten Pazifismus, die allzu schnell darauf bestanden, dass diesem Angriff aus theologischen Gründen keine gewaltsamen Gegenmassnahmen entgegengehalten werden sollten. Auch eine sich auf Jesus selbst berufende Haltung der Gewaltlosigkeit wird selbstgerecht und anmassend, sobald sie zum moralischen Luxus derjenigen wird, die durch den Gewaltverzicht anderer nichts verlieren.
Bald tauchte der Gegenbegriff auf: «Balkonbellizisten». Gemeint waren Menschen, die Waffenlieferungen, höhere Rüstungsausgaben und militärisches Durchhalten forderten, während auch sie selbst weit entfernt von der Front blieben. Der Ausdruck war polemisch, aber auch er legte eine Versuchung offen. Es ist einfach, entschlossen für einen Krieg einzutreten, wenn man dessen Blut nicht selber vergiessen muss.
Zynisch wird eine Haltung dort, wo andere den existenziellen Preis der eigenen Überzeugung bezahlen sollen.
Damit ist keineswegs in Abrede gestellt, dass die Ukraine in diesem Krieg ihr Territorium, ihre politische Selbstbestimmung und ihre Bevölkerung gegen einen völkerrechtswidrigen Angriff verteidigt. Ebenso wenig soll übergangen werden, dass die ukrainische Führung ihre westlichen Partner ausdrücklich und eindringlich um militärische Unterstützung gebeten hat.
Schon im März 2022 verlangte Präsident Selenskyj vor dem NATO-Gipfel Waffen «ohne Einschränkungen» und nannte konkret Panzer, Flugzeuge, Raketen- und Luftverteidigungssysteme. Wer der Ukraine Waffen liefert, drängt sie also nicht gegen ihren Willen in einen Krieg, sondern kommt dem erklärten Wunsch eines angegriffenen Landes nach, sich verteidigen zu können.
Aber auch die Gewalt, mit der sich ein Angegriffener verteidigt, hört nicht auf, Gewalt zu sein. Wer sie anwendet, gerät unausweichlich in die Dynamik des Krieges.
Ja, sicher: Das Ideal der Gewaltlosigkeit ist eine Zumutung. Die Worte Jesu, erst recht sein eigener Weg bis ans Kreuz, lassen daran wenig Zweifel. Aber auch die Lieferung von Waffen und Kriegsmaterial ist keine moralisch unschuldige Alternative. Sie kostet die Lieferstaaten vor allem Geld, fordert von den Empfängern, die das Material einsetzen, aber einen viel existenzielleren Preis. Wer Gewaltlosigkeit fordert, muss die Menschen sehen, die sich nicht mehr verteidigen können. Wer Waffen fordert, muss die Menschen sehen, gegen die sie gerichtet werden – und was ihr Gebrauch aus denen macht, die sie einsetzen.
Eben deshalb ist auch die Sprache, mit der über Waffen gesprochen wird, nicht belanglos. Wenige Tage nach der deutschen Entscheidung, Leopard-2-Kampfpanzer an die Ukraine zu liefern, scherzte die damalige Aussenministerin Annalena Baerbock beim Aachener «Orden wider den tierischen Ernst», sie habe erwogen, als Leopard verkleidet zu erscheinen, aber Sorge gehabt, vom Kanzleramt keine «Reisegenehmigung» zu erhalten.
Aus sicherer Entfernung mag sich der Leopard für Wortspiele anbieten. Im Krieg besteht der einzige Zweck eines Kampfpanzers darin, Ziele zu zerstören und Menschenleben auszulöschen. Der Karnevalsgag gewinnt vor diesem Hintergrund etwas erschreckend Geschmackloses.
Je grösser die Distanz zum Schlachtfeld, desto leichter lässt sich über Waffen reden, ohne über das zu sprechen, was sie mit Menschen tun.
Bevor der Krieg ihn erfasst, ist kein Mensch zuerst «russischer Soldat». Er steht morgens auf, kocht Kaffee, bringt seine Tochter zur Schule. Er repariert Autos oder Heizungen, fährt Bus, studiert Maschinenbau, unterrichtet Musik. Vielleicht ruft er sonntags seine Mutter an. Vielleicht lebt seine Tante in Charkiw, sein Cousin in Kyjiw, ein Studienfreund in Odessa.
Russland und die Ukraine sind durch Millionen solcher Biografien miteinander verbunden. Kurz nach Beginn des Grossangriffs gab in einer ukrainischen Befragung fast die Hälfte der Befragten an, mindestens einen Verwandten in Russland zu haben. Die Grenze zwischen beiden Staaten verlief durch Familiengeschichten, Freundschaften und Lebensläufe, lange bevor Panzer über sie hinwegrollten.
Dann beginnt der Krieg, und die Grammatik verändert sich.
Aus dem Mechaniker wird ein russischer Soldat. Aus dem Lehrer wird ukrainische Kampfkraft. Aus einem Menschen mit einem Namen und einer Geschichte wird «enemy personnel», das Personal des Feindes. Militärisch ist diese Abstraktion unvermeidlich. Wer einen Angriff abwehren will, kann den gegnerischen Schützen nicht zuerst biografisch würdigen. Er muss wissen, wo er steht, welche Waffe er trägt, welche Gefahr von ihm ausgeht und wie er gestoppt werden kann.
Doch die notwendige Abstraktion hat eine gravierende moralische Nebenwirkung. Denn was wir nicht mehr sehen müssen, was wir mit generischen und technisierten Begriffen fassen, fällt leichter aus unserem Mitgefühl.
Jeder Krieg greift tief in die Wahrnehmung der Beteiligten ein: Aus Personen werden Gegner, aus Menschen werden Ziele, Einheiten und Verluste.
Die russische Propaganda arbeitet gezielt an derselben Transformation. Der Krieg wird zur «Entnazifizierung», zum Schutz Russlands, zum Kampf gegen einen dekadenten Westen. Solche Erzählungen sorgen dafür, dass der ukrainische Nachbar nicht mehr als Nachbar erscheint. Er wird Teil einer feindlichen Ordnung, deren Bekämpfung moralisch geboten scheint – und den Einsatz aller Ressourcen, letztlich auch des eigenen Lebens verlangt.
Der Krieg verführt über kurz oder lang alle Beteiligten zu einem monochromen Blick und lässt die Farben und Grautöne der Wahrnehmung verblassen.
Er funktioniert nicht anders als im Modus ultimativer Urteile: Freund oder Feind, Bedrohung oder Schutz, Sieg oder Niederlage, Leben oder Tod. Wer sein eigenes Leben und das anderer aufs Spiel setzt, braucht Gründe, die dieses Opfer tragen.
Wie sollte es auch anders gehen? Man kann theoretisch anerkennen, dass viele russische Soldaten nicht freiwillig dort stehen, dass manche unter Druck eingezogen wurden, andere der Kriegspropaganda glauben oder Verschwörungserzählungen auf den Leim gehen. Man kann wissen, dass diejenigen, die diesen Krieg politisch planen und fortsetzen, sicher und wohlgenährt in Moskau sitzen und sich höchstens auf sorgfältig abgesicherten Besuchen ins Frontgebiet vorwagen.
Aber es ist nicht Putin, der mit dem Gewehr vor einem ukrainischen Soldaten steht. Es ist nicht der Kreml, der in diesem Augenblick seine Stellung angreift, seine Kameraden gefährdet oder seine Stadt beschiesst. Vor ihm steht ein konkreter russischer Soldat. Und die Begegnung auf dem Schlachtfeld lässt keine Zeit für die differenzierte Würdigung seiner Biografie, seiner Motive oder des Masses seiner persönlichen Schuld. Wer dort überleben will, muss ihn zuerst als Bedrohung wahrnehmen.
Der Krieg zwingt Menschen dazu, voneinander weniger zu sehen, als über sie wahr ist.
Schon wenige Wochen vor dem russischen Grossangriff erklärte der damalige Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Waleri Saluschnyj:
«Wir werden niemanden angreifen. Aber wir werden unser Land bis zum letzten Tropfen Blut verteidigen.»
Es ist der Satz eines Generals, der das Ganze vor Augen hat: die Souveränität seines Landes, seine politische Freiheit, das Schicksal einer Nation. «Bis zum letzten Tropfen Blut» klingt in diesem Zusammenhang wie die grosse Formel eines entschlossenen Patriotismus. Doch vergossen wird dieses Blut nicht von einer Nation. Es fliesst aus den Körpern einzelner Menschen.
Und was diese Menschen – meist junge Männer – in den Schützengräben zum Bleiben bewegt, ist häufig sehr viel konkreter als die grossen Ideen, in deren Namen Kriege geführt werden. Soldaten sprechen von ihren Frauen und Männern, ihren Kindern und Eltern, von der eigenen Stadt, dem Haus, in das sie zurückkehren möchten. Und sie sprechen von den Menschen unmittelbar neben ihnen:
Der Kamerad ist keine abstrakte Grösse und kein hehres Ideal. Er ist derjenige, dessen Angst man kennt. Man weiss, wie er schnarcht, welches Essen er nicht ausstehen kann, wer zu Hause auf ihn wartet. Man trägt ihn, wenn er verwundet wird. Man übernimmt seine Wache. Man bleibt möglicherweise in einer Stellung, aus der man allein längst geflohen wäre.
Auch das ist eine gut dokumentierte Erfahrung des Krieges. Armeen werden von Staaten organisiert und durch politische Ziele legitimiert. Im Schützengraben kann die unmittelbare Bindung an wenige Menschen stärker werden als jede grosse Erzählung.
Das grosse Pathos des Krieges spricht von Nation, Freiheit und Geschichte. Das eigene Blut vergiessen Menschen häufig für sehr viel naheliegendere Dinge: für ein Zuhause, für einen geliebten Menschen, für den Kameraden neben sich.
Saluschnyjs «letzter Tropfen Blut» bekommt so einen anderen Klang. Was aus der Perspektive des Oberbefehlshabers als Opfer für das Land erscheint, wird an der Front zur hochgradig personalen Erfahrung gegenseitiger Verantwortung und Hingabe. Ausgerechnet der Krieg, der den Gegner zur anonymen militärischen Grösse machen muss, verdichtet auf der eigenen Seite Beziehungen bis zur Bereitschaft, füreinander zu sterben.
Der Krieg entpersonalisiert den Gegner – und personalisiert zugleich das, wofür und mit wem man selbst kämpft.
Damit entsteht eine kriegstypische Asymmetrie der Wahrnehmung, ganz unabhängig von der geopolitischen Frage nach dem Aggressor und den Angegriffenen. Auf der anderen Seite werden Menschen zu Zielen. Auf der eigenen Seite werden Beziehungen zu Gründen, das eigene Leben aufs Spiel zu setzen. «Unsere» Toten haben Gesichter. Ihre Geschichten erscheinen in Zeitungen, ihre Familien trauern, ihre Freunde erinnern sich. «Ihre» Toten werden zu Verlustzahlen.
Auch für einen russischen Soldaten ist der Mann neben ihm kein Exponent einer imperialistischen Aggression, sondern möglicherweise derjenige, der ihn gestern aus einem brennenden Fahrzeug gezogen hat. Persönliche Bindung kann Menschen in einem ungerechten Krieg halten. Brüderlichkeit und Loyalität sind moralisch nicht automatisch gut. Sie können sogar die Kraft liefern, einen verbrecherischen Krieg länger auszuhalten.
An diesem Punkt gewinnt eine Zahl ihre ganze Abgründigkeit: 3’032 Dollar.
Das ukrainische Verteidigungsministerium veröffentlichte im Sommer Daten aus seinem digitalen System «Mission Control».
Für den Juni 2026 wurden die durchschnittlichen Kosten angegeben, mit Drohnen einen gegnerischen Soldaten zu töten oder zu verwunden: 3’032 Dollar.
Auch für zerstörte Fahrzeuge und angegriffene Infrastruktur wurden Kosten berechnet. Das System sammelt Einsatzdaten, ordnet Waffen, Treffer und Ausgaben einander zu und macht militärische Effizienz vergleichbar.
Die Zahl ist eine operative Kennzahl für den Ressourceneinsatz einer Armee. Eine militärisch vollkommen vernünftige Rechnung: Wenn der Gegner jeden Monat zehntausende neue Soldaten rekrutieren kann, muss eine Strategie darauf zielen, mehr Soldaten aus dem Kampf zu nehmen, als nachkommen. Wenn eine Drohne dasselbe Ziel für 3’000 Dollar erreicht, für das zuvor 20’000 Dollar aufgewendet werden mussten, ist das aus militärischer Sicht ein Fortschritt.
Die Perversion des Krieges zeigt sich darin, dass die Verrechnung menschlicher Leben zur militärischen Vernunft wird.
Ein russischer Armeeangehöriger kostet Russland Geld für Ausbildung, Ausrüstung, Sold und Versorgung. Und ihn kampfunfähig zu machen kostet die Ukraine einen bestimmten Betrag.
Der Soldat gerät damit zwischen zwei Bilanzen: Was kostet es, ihn hervorzubringen? Was kostet es, ihn zu zerstören?
Hunderttausende Menschen sind in diesem Krieg bereits getötet oder verwundet worden. Die exakten militärischen Opferzahlen bleiben umstritten und werden von beiden Seiten strategisch kommuniziert. Aber hinter jeder dieser Zahlen steht ein einzelnes Menschenleben. Einer, dessen Mutter einen Anruf bekommt. Einer, dessen Bett leer bleibt. Einer, dessen Freunde künftig über ihn in der Vergangenheitsform sprechen.
Der Philosoph Immanuel Kant hat für eine solche Situation eine Sprache bereitgestellt, die bis heute trägt. In seiner «Grundlegung zur Metaphysik der Sitten» unterscheidet er zwischen Preis und Würde.
Was einen Preis besitzt, lässt sich gegen ein Äquivalent austauschen. Würde bezeichnet dagegen etwas, das sich einer solchen Austauschlogik entzieht.
Diese Unterscheidung wirkt in der modernen Menschenrechtskultur weiter. Das deutsche Grundgesetz beginnt mit der Unantastbarkeit der Menschenwürde. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte spricht von der gleichen und unveräusserlichen Würde aller Menschen.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass Staaten niemals mit Zahlen rechnen dürfen. Wir beziffern Behandlungskosten, Versicherungsleistungen, Renten, Schmerzensgeld und Sicherheitsmassnahmen. Auch der Schutz menschlichen Lebens braucht Budgets.
Die entscheidende Grenze verläuft woanders:
Wir können berechnen, was die Ausbildung, Versorgung und Versicherung eines Menschen kostet. Daraus erfahren wir aber nichts darüber, was ein Mensch wert ist.
Diese fundamentale Unterscheidung zwischen dem Preis und dem Wert eines Menschen wird im Krieg prekär, weil dort die Rechnung unmittelbar auf die Vernichtung menschlicher Handlungsfähigkeit zielt. Wie viele Soldaten stehen dem Gegner zur Verfügung? Was kostet ihre Ausrüstung? Wie viele müssen verwundet oder getötet werden, damit seine Kampfkraft sinkt? Eine Armee kann nicht kämpfen, ohne den Gegner zu quantifizieren und seine Ausschaltung strategisch zu planen.
Dabei steckt die aktuelle technische Revolution des Krieges bereits in jener Zahl von 3’032 Dollar. Noch vor wenigen Jahren wäre es ungleich teurer gewesen, einen gegnerischen Soldaten kampfunfähig zu machen – man hätte dafür Artilleriemunition, einen Luftangriff oder den unmittelbaren Einsatz eigener Soldaten benötigt. Heute kann eine vergleichsweise billige Drohne einen einzelnen Menschen über Kilometer hinweg aufspüren, verfolgen und angreifen.
Vor allem kleine FPV-Drohnen haben das Schlachtfeld verändert. Sie übertragen ihr Kamerabild in Echtzeit an einen Piloten, suchen Stellungen und Fahrzeuge ab, verfolgen einzelne Soldaten bis in Deckungen und tragen Sprengladungen unmittelbar ins Ziel. Grössere Aufklärungsdrohnen beobachten zugleich weite Gebiete und liefern fortlaufend Bilder über Bewegungen, Stellungen und Truppenansammlungen. Das Schlachtfeld wird damit immer dichter von Sensoren überzogen.
Dass die Ausschaltung eines Menschen auf durchschnittlich 3’032 Dollar verbilligt werden konnte, ist das Ergebnis einer neuen Form der Kriegsführung.
Doch die Drohne ist inzwischen mehr als eine fliegende Kamera mit Sprengsatz. Jeder Flug produziert Daten: Bilder, Koordinaten, Bewegungsmuster, Treffer, Fehlschläge, Kosten. An dieser Stelle kommt auch künstliche Intelligenz ins Spiel: KI-gestützte Software kann Objekte erkennen, Bewegungen verfolgen und Informationen aus tausenden Missionen zusammenführen. Sie hilft, aus der unübersichtlichen Fülle militärisch verwertbare Information zu gewinnen und zurückliegende Einsätze systematisch auszuwerten.
Damit erreicht die alte Rechenlogik des Krieges eine neue Stufe. Feldherren zählten Soldaten, Pferde und Kanonen. Generalstäbe kalkulierten Nachschub, Feuerkraft und Verlustraten. Heute entsteht ein wachsender Teil dieser Daten unmittelbar aus dem Kampfgeschehen selbst. Missionen werden digital protokolliert, Trefferquoten ausgewertet, Kosten verglichen und Waffensysteme nach ihrer Wirksamkeit beurteilt. Jeder Angriff erzeugt Daten, aus denen der nächste Angriff lernen kann.
KI erfindet den Zynismus des Krieges nicht. Sie gibt ihm ein Dashboard.
Ein Dashboard erzeugt Distanz. Es zeigt Zahlen, Kurven, Treffer, Kosten und Leistungen. Es verwandelt unübersichtliche, staubige, blutige, schmerzerfüllte Wirklichkeit in steuerbare Information:
Auf dem Bildschirm sieht man einen Punkt. Der Punkt bewegt sich. Das System klassifiziert ihn. Eine Drohne verfolgt ihn. Eine Waffe wird ausgelöst. Anschliessend meldet das System einen Treffer.
Die digitale Beschreibung kann vollständig korrekt sein. Und trotzdem fehlt in ihr etwas Entscheidendes: Der Punkt hatte einen Namen.
Das Gebot der Feindesliebe gehört zu den Sätzen Jesu, die sich hartnäckig gegen ihre vernünftige Entschärfung wehren. Man kann daraus keine Militärdoktrin ableiten. Jesus erklärt nicht, wie eine Regierung reagieren soll, wenn eine fremde Armee die Grenze überschreitet, Städte bombardiert und Menschen verschleppt.
Es wäre deshalb zu einfach, aus der Bergpredigt unmittelbar ein militärpolitisches Programm zu gewinnen. Aber genauso verkürzt wäre es, das Liebesgebot auf private Beziehungen zu beschränken, sobald die politische Lage ernst wird. Dann müsste die christliche Ethik genau dort schweigen, wo ihre Zumutung am grössten wird.
Feindesliebe bedeutet nicht, einen Feind für harmlos zu erklären. Der Feind ist auch in Jesu Rede kein missverstandener Freund. Er bedroht, verfolgt, hasst. Die Radikalität der Feindesliebe liegt in einer anderen Weigerung: Sie erlaubt mir nicht, einen Menschen vollständig mit seiner Feindschaft zu identifizieren.
Feindesliebe bestreitet nicht, dass der andere mein Feind ist. Sie bestreitet, dass damit schon alles über ihn gesagt ist.
In diesem Sinn ist Feindesliebe zuerst eine Gegenwahrnehmung. Wo der Krieg Menschen zwangsläufig als Gegner, Ziele, Einheiten und Verluste sichtbar macht, hält sie daran fest, dass hinter der Kategorie jemand steht. Sie versucht nicht, die Wirklichkeit des Krieges freundlicher erscheinen zu lassen. Sie widerspricht dem Anspruch des Krieges, die ganze Wahrheit über einen Menschen auszusprechen.
Die christliche Rede von der Gottebenbildlichkeit gibt dieser Weigerung ihren theologischen Grund. Gottebenbildlichkeit ist keine Charakterauszeichnung. Sie behauptet nicht, alle Menschen seien unschuldig oder moralisch gleichermassen im Recht. Menschen können Täter werden, andere bedrohen, schwere Schuld auf sich laden und Verbrechen begehen. Aber nichts davon erschöpft, wer sie sind.
Der Krieg kann einen Menschen zu meinem Feind machen. Er kann ihn nicht aus der Menschheit entlassen.
Das gilt auch für einen russischen Soldaten, der an diesem Angriffskrieg teilnimmt. Er kann schuldhaft handeln und eine tödliche Bedrohung darstellen. Es kann notwendig sein, ihn mit Gewalt aufzuhalten. Auch dann wird er nicht zum blossen Objekt legitimer Gewalt. Er trägt einen Namen, hat Beziehungen, kennt Angst, ist verletzlich und kann sterben.
Und dieselbe Gegenwahrnehmung gilt für den ukrainischen Soldaten. Auch er darf nicht zur Ressource westlicher Geopolitik werden. Wenn europäische Politiker erklären, die Ukraine verteidige auch «unsere» Freiheit oder schwäche Russland im europäischen Interesse, entsteht schnell eine weitere Verrechnung: Ukrainer sterben, damit Europa sicherer wird.
Die Vorstellung der Gottebenbildlichkeit kennt keinen Frontverlauf.
Sie widerspricht der Reduktion des Angegriffenen zum Material fremder Strategien ebenso wie der Versuchung, den Gegner vollständig in seiner Rolle als Feind aufgehen zu lassen.
Diese Perspektive löst noch keine der schweren politischen Entscheidungen. Sie sagt nicht, wie viele Waffen die Ukraine erhalten soll. Sie legt keine Friedensverhandlungen fest. Sie bestimmt nicht, wo legitime Verteidigung endet und unverhältnismässige Gewalt beginnt. Und sie erspart niemandem die tragische Möglichkeit, dass Gewalt notwendig werden kann, um noch grössere Gewalt zu verhindern.
Sie verweigert uns etwas anderes: die moralische Bequemlichkeit.
Wir dürfen Russland eindeutig als Aggressor benennen und trotzdem davor zurückschrecken, getötete russische Soldaten als gute Nachrichten zu behandeln. Wir dürfen Waffenlieferungen für notwendig halten und trotzdem wissen wollen, was diese Waffen mit menschlichen Körpern tun. Wir dürfen die Selbstverteidigung der Ukraine unterstützen und uns zugleich dagegen wehren, dass ihr Erfolg irgendwann in immer günstigeren Kosten pro ausgeschaltetem Gegner aufgeht.
Der Krieg verlangt Eindeutigkeit. Freund und Feind. Eigene Kräfte und gegnerische Kräfte. Treffer und Fehlschläge. Verluste und Erfolge. Leben, die geschützt werden müssen, und Leben, die zur Gefahr geworden sind. Eine Armee kann nicht kämpfen, ohne zu unterscheiden, zu klassifizieren, zu zählen und zu kalkulieren.
Diese Kategorien sind für den Krieg funktional. Für eine christliche Anthropologie greifen sie aber zu kurz. Sie erfassen, was ein Mensch im Krieg bedeutet – und verfehlen eben damit, wer er ist.
Was ein Mensch im Krieg für mich bedeutet, ist niemals die ganze Wahrheit darüber, wer er ist. Das gilt umso mehr, je perfekter die technischen Mittel werden, mit denen Menschen erfasst, klassifiziert und bekämpft werden können. Hinter dem Datensatz steht eine Person. Hinter dem Ziel befindet sich ein Körper. Hinter jeder «casualty» beginnt irgendwo Trauer.
Je präziser der Krieg den Menschen vermisst, desto entschiedener muss eine Gegenwahrnehmung daran festhalten, dass kein Mensch in diesen Daten aufgeht.
Vielleicht wird deshalb ausgerechnet der Satz «Russen töten» zu einer heilsamen Störung. Nicht weil er eine falsche Wirklichkeit erzeugt. Er durchbricht vielmehr die Sprache, mit der wir diese Wirklichkeit auf Distanz halten. Er zwingt uns, dort wieder Menschen und Körper wahrzunehmen, wo politische und militärische Rationalität von Kampfkraft, Verlusten, Zielen und Kosten spricht.
3’032 Dollar.
Eine bemerkenswert günstige Zahl, militärisch betrachtet.
Ein Vater. Ein Sohn. Ein Mechaniker. Ein Musiklehrer. Ein Mensch.
Der Zynismus des Krieges hat gewonnen, wenn zwischen diesen beiden Beschreibungen für uns kein Widerspruch mehr besteht. Wenn uns das nicht mehr verstört.
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Hinweis: Dieser Beitrag wurde angeregt durch die September-Folge des Podcasts «Die Neuen Zwanziger» von Stefan Schulz und Wolfgang M. Schmitt – sie lässt sich hier anhören/anschauen.
Und gerade weil an der Front Menschen gegen ihre Mitmenschen kämpfen und ihnen existenzielle Gewalt antun, sind sie diejenigen, die – wenn sie denn überleben – seelisch verwundet und mit Psychotraumata nach Hause zurückkehren, und nicht die Machthaber hinter ihren Dashboards.