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Safeguarding: Ein wichtiger Auftrag der Kirchen

19. Juni 2026

In Warschau beginnt für die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa ein Prozess, der mehr ist als ein internationaler Austausch über jeweilige Schutzkonzepte. Es geht um eine kirchliche Selbstprüfung: Sind die evangelischen Kirchen bereit, Betroffene ernst zu nehmen und das Thema Schutz nicht einfach bürokratisch zu regeln, sondern als zentralen Teil ihres Auftrags anzunehmen?

Vom 19. bis 21. Juni 2026 kommen in Warschau Vertreterinnen und Vertreter aus mehr als 40 evangelischen Kirchen Europas zusammen. Im Zentrum stehen Prävention und Aufarbeitung sowie die Entwicklung einer Kultur, in der Verantwortung nicht delegiert wird.

Die GEKE knüpft damit an einen Auftrag ihrer Vollversammlung 2024 in Hermannstadt an. Die Mitgliedskirchen wurden damals dazu aufgerufen, ein Bewusstsein für sexualisierte Gewalt zu schaffen und konkrete Massnahmen dagegen zu ergreifen. Der Rat der GEKE hat diesen Auftrag nun mit einem eigenen Aufruf bekräftigt. Er hat ihn am 30. Mai 2026 in Doorn beschlossen und am 19. Juni 2026 in Warschau veröffentlicht. Darin heisst es: Sichere Räume zu schaffen, müsse ein zentraler Bestandteil der Glaubensverkündigung und Glaubensausübung sein.

Der Schutz vor sexualisierter Gewalt ist nicht ein Zusatz kirchlicher Arbeit. Er gehört zum Auftrag der Kirche.

Das ist der entscheidende Satz. Denn lange wurde der Schutz vulnerabler Menschen als rein organisatorische Frage behandelt: als Frage von Reglementen, Formularen, Zuständigkeiten und Weiterbildungen. All das ist notwendig. Aber es reicht nicht. Safeguarding berührt den Kern kirchlicher Glaubwürdigkeit. Eine Kirche, die vom Evangelium spricht, aber nicht alles daransetzt, Menschen in ihren Räumen zu schützen, widerspricht ihrer eigenen Botschaft.

Gerade deshalb war die Rede von Guido Fluri ein starker Moment dieser Konferenz. Fluri sprach nicht abstrakt über Schutz, sondern aus der Perspektive einer Biografie, in der fehlender Schutz, Wegsehen und religiös aufgeladene Beschämung reale Erfahrungen waren. Er erinnerte daran, dass Kinder und andere abhängige Menschen besonders verletzlich sind, wenn Institutionen sich selbst mehr schützen als diejenigen, die ihnen anvertraut sind.

Guido Fluri ist in der Schweiz vor allem durch die Wiedergutmachungsinitiative bekannt geworden. Sie hat dazu beigetragen, dass das Unrecht an Verdingkindern und Opfern fürsorgerischer Zwangsmassnahmen öffentlich anerkannt, wissenschaftlich aufgearbeitet und durch Solidaritätsbeiträge zumindest symbolisch beantwortet wurde. Über 12’000 Betroffene erhielten eine offizielle Anerkennung des erlittenen Unrechts und eine finanzielle Leistung. Das kann geschehenes Leid nicht ungeschehen machen. Aber es verändert den gesellschaftlichen Umgang mit diesem Leid. Aus verschwiegenen Einzelgeschichten wird ein Teil der gemeinsamen Geschichte.

Darin liegt eine wichtige Lehre auch für die Kirchen:

Aufarbeitung ist keine rückwärtsgewandte Übung. Sie ist eine Voraussetzung für Prävention.

Wer nicht verstehen will, wie Missbrauch möglich wurde, wird auch nicht zuverlässig verhindern können, dass er wieder geschieht. Wer nur nach vorne schauen will, ohne die Vergangenheit zu benennen, nimmt den Betroffenen erneut die Sprache. Und wer Schutzkonzepte entwickelt, ohne Macht, Abhängigkeit und institutionelle Loyalität kritisch zu betrachten, bleibt an der Oberfläche.

Die von der Guido Fluri Stiftung getragene Justice Initiative hat diese Schweizer Erfahrung auf die europäische Ebene gebracht. Sie stand mit am Ursprung der Resolution 2533 der Parlamentarischen Versammlung des Europarates. Diese Resolution wurde am 26. Januar 2024 angenommen und betrifft Kindesmissbrauch in öffentlichen, privaten und religiösen Institutionen in Europa. Sie fordert die Mitgliedstaaten auf, Missbrauch aufzuarbeiten, Betroffene anzuerkennen und den Schutz vulnerabler Menschen zu verbessern.

Dass die GEKE als Organisation mit partizipatorischem Status beim Europarat diese Resolution ernst nimmt und sich öffentlich darauf bezieht, ist deshalb mehr als ein politisches Signal. Es ist eine Selbstverpflichtung.

In Warschau wird deutlich: Die evangelischen Kirchen Europas stehen an sehr unterschiedlichen Punkten. Manche verfügen seit Jahren über Schutzkonzepte, unabhängige Meldestellen, Schulungen und Interventionspläne. Andere beginnen erst, sexualisierte Gewalt systematisch aufzuarbeiten und Prävention verbindlich zu verankern. Die rechtlichen Rahmenbedingungen, kulturellen Prägungen und kirchlichen Strukturen unterscheiden sich erheblich. Genau deshalb braucht es diesen europäischen Austausch. Nicht als Export eines fertigen Modells, sondern als gemeinsames Arbeiten an Feldern, die überall berührt sind: Leitung, Ausbildung, Seelsorge, Kinder- und Jugendarbeit, Freiwilligenarbeit, Beschwerdewege, externe Expertise und Aufarbeitung.

Entscheidend ist, dass diese Felder nicht isoliert bearbeitet werden. Schutz entsteht dort, wo Teams Verantwortung teilen, Zuständigkeiten geklärt sind und niemand allein entscheiden kann, was institutionelle Loyalität, Macht und Abhängigkeit betreffen. Safeguarding ist keine Aufgabe für eine Fachstelle am Rand. Es ist eine Querschnittsaufgabe kirchlicher Leitung und kirchlicher Praxis.

Dabei darf Safeguarding nicht nur als Reaktion auf Skandale verstanden werden.

Es geht um eine dauerhafte Kultur der Aufmerksamkeit. Um Leitung, die Verantwortung übernimmt.

Um Gemeinden, die nicht reflexhaft abwehren. Um Mitarbeitende und Freiwillige, die geschult sind. Um klare Verfahren, die Betroffene nicht zusätzlich belasten. Um Sprache, die Gewalt benennt, ohne sie zu verharmlosen. Um Strukturen, die Macht kontrollierbar machen. Und um die Bereitschaft, externe Expertise einzubeziehen, wo kirchliche Selbstwahrnehmung nicht ausreicht.

GEKE-Präsidentin Rita Famos hat in ihrer Begrüssung daran erinnert, dass Schutz vor sexualisierter Gewalt kein «nice to have» ist. An dieser Formulierung hängt viel. Sie durchbricht die Vorstellung, Schutzmassnahmen seien eine administrative Last, die neben der eigentlichen kirchlichen Arbeit bewältigt werden müsse. Das Gegenteil ist der Fall.

Wo Kirche tauft, segnet, unterrichtet, begleitet, tröstet, feiert und berät, entstehen Vertrauensräume.

Gerade diese Räume brauchen besondere Sorgfalt. Vertrauen ist nicht harmlos. Es kann stärken. Es kann aber auch missbraucht werden.

Die Konferenz in Warschau ist kein Abschluss, sondern ein Anfang. Der Rat der GEKE ruft die Mitgliedskirchen dazu auf, der Einführung und Verbesserung von Schutzmassnahmen hohe Priorität einzuräumen und damit, wo möglich, auch für andere gesellschaftliche Kontexte vorbildlich zu wirken. Dieser Anspruch ist hoch. Aber er ist angemessen. Denn Kirchen können nur glaubwürdig von Menschenwürde sprechen, wenn sie sich selbst daran messen lassen.

Safeguarding beginnt nicht erst im Krisenfall. Es beginnt mit der Einsicht, dass kirchliche Räume niemals automatisch sichere Räume sind.

Sie werden es erst durch Verantwortung, Transparenz, Lernbereitschaft und konsequentes Handeln. Warschau markiert dafür einen wichtigen Schritt. Nicht, weil dort alle Antworten gefunden wurden. Sondern weil die GEKE deutlich gemacht hat: Der Schutz vulnerabler Menschen ist ein gemeinsamer Auftrag der evangelischen Kirchen in Europa. Und dieser Auftrag duldet keinen Aufschub.

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