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Theology in the Capitalocene

11.Sep. 2025

Dieses Buch bringt Wirtschaft, Religion und Ökologie ins Gespräch und sucht in der Theologie nach einer Grundlage, um wirksam auf die Zerstörung des Planeten zu reagieren. Es bewegt sich durch die komplexen Verflechtungen von Geschlecht, Klasse, Rasse und Umwelt und entwirft eine Befreiungstheologie „made in USA“, die auf die aktuellen Krisen antworten kann.

Für den Autor verschleiert der populäre Begriff Anthropozän das eigentliche Problem: die ungebremste Herrschaft des Kapitalismus, dessen einziger Maßstab die Profitmaximierung für eine kleine Elite ist. Stattdessen plädiert er für den Begriff Kapitalozän, der nicht nur die Macht des Menschen über die Natur beschreibt, sondern auch die zerstörerische Dynamik des Kapitals selbst.

Dem setzt er das Konzept einer tiefen Solidarität entgegen. Sie ist kein moralisches Gebot, sondern die materielle Umkehrung jener Gewinne, die wenige auf Kosten aller erzielen. Daraus erwächst eine neue Aufgabe für die Theologie: nicht länger abstrakte Wahrheitsfragmente aneinanderzureihen, sondern die materiellen Beziehungen und religiösen Vorstellungen zu analysieren, die in konkreten Machtkonstellationen entstehen.

Darstellung

Die vier Kapitel des Buches orientieren sich an den Schlüsselbegriffen des Untertitels.

Ökologie

Im ersten Kapitel setzt sich Rieger mit der verbreiteten Theorie der „ökologischen Modernisierung“ auseinander. Diese beruht auf der Annahme, dass sich die Zerstörung des Planeten durch technologische Fortschritte rückgängig machen lässt – ein Glaube, den er als trügerisch entlarvt. Dem stellt er die Theorie der „Produktionsspirale“ gegenüber, die auf unbegrenztes Wachstum setzt, unabhängig davon, welche menschlichen oder nichtmenschlichen Ressourcen dafür geopfert werden müssen. Ebenso kritisiert er moralische Appelle, die allein auf Konsumverzicht drängen, dabei aber die Produktionsbedingungen ignorieren, unter denen Güter entstehen.

Statt des dominierenden Modells – geprägt von Individualismus, Unternehmer-Selbstregulierung (auf Kosten staatlicher Verantwortung) und neoliberaler Dezentralisierung – verweist Rieger auf das Rhizom-Modell von Deleuze und Guattari. Dieses beschreibt interdependente Netzwerke, die notwendige Produktion mit sozialem und ökologischem Gleichgewicht verbinden und so die Grundlage für den Fortbestand aller Lebensformen sichern.

Identität

Im zweiten Kapitel rückt der Autor die Materialität und Immanenz in der Theologie ins Zentrum. Anhand der hebräischen Spiritualität zeigt er, dass das Reich Gottes nicht als jenseitiger Himmel verstanden wurde, in dem Hymnen erklingen, sondern als ein konkretes Land, „in dem Milch und Honig fließen“. Widerstand, so seine These, darf daher nicht auf eine spirituelle Tugend reduziert werden, sondern muss in den materiellen Produktionsverhältnissen verankert sein. Er verweist auf Lévinas, der Transzendenz als das beschreibt, „was den Status quo stoppt“ (s. 80) – als eine alternative Form von Immanenz. Ebenso erinnert er daran, dass Barths theologische Einsichten eng mit seinem sozialen und gewerkschaftlichen Engagement verbunden waren. 

Theologie müsse deshalb in die aktuellen Kämpfe eintreten und sich stärker auf die Frage der Produktion von Wohlstand konzentrieren, statt ausschließlich auf dessen Verteilung. Die materialistische Tradition sei in diesem Zusammenhang wertvoll, weil sie Demokratie nicht nur politisch versteht, sondern auch wirtschaftliche und soziale Beziehungen einbezieht. Produktions- und Reproduktionsprozesse der immanenten Welt prägen religiöse Ideen ebenso wie ihre Praxis und ihre Theologie. Daraus ergibt sich für Rieger die Forderung, die Kategorien von Immanenz und Transzendenz neu zu denken – und sich mit dem „Prekariat“ zu solidarisieren: jener wachsenden Weltbevölkerung ohne Schutz und ohne gesicherten Status, im globalen Süden ebenso wie im Norden.

Klasse

Im dritten Kapitel weist Rieger darauf hin, dass es zwar zahlreiche öffentliche Stellungnahmen zu Rassen- und Geschlechterfragen gibt, nicht aber zur sozialen Klasse – obwohl diese entscheidend ist, um die aktuellen Machtmechanismen zu verstehen. Klasse bedeutet für ihn: die Autorität und den Einfluss, den Menschen durch ihre Arbeit haben.

Die vielbeschworene „Mittelschicht“ umfasst offiziell mehr als 70 Prozent der US-Bevölkerung. Damit wird sie analytisch unbrauchbar und verschleiert den eigentlichen Klassenkampf. Denn innerhalb dieser „Mitte“ konkurrieren die verschiedenen Segmente darum, sich gegenseitig zu übertreffen, um vermeintlich aufzusteigen. Die Illusion sozialer Mobilität verdeckt dabei die Realität der Zahlen: Der Unterschied in der Entscheidungsmacht zwischen jemandem mit tausend Francs und einem Millionär ist ebenso groß wie der zwischen einem Millionär und einem Milliardär – jeweils tausendfach. Dennoch gilt der Millionär offiziell als Teil der Mittelschicht, während der Milliardär in einer völlig anderen Welt lebt.

Das Problem ist für Rieger nicht die Existenz von Reichtum an sich, sondern dass privater Profit und die Macht des Kapitals zu den einzigen Prinzipien des Systems geworden sind. Deshalb müsse es nicht primär um den „Kampf gegen die Armut“ gehen, sondern um den Kampf gegen den „Superreichtum“. Die Theologie müsse hier ansetzen, weil Klassenbeziehungen alle Lebensbereiche durchziehen – auch die Religion.

Rieger kritisiert außerdem den Individualismus als Ideologie der Eliten. Er dient dazu, zu verschleiern, dass gerade sie in weit dichterem Maße mit den wirtschaftlichen Strukturen der Welt verflochten sind. Milliardäre sind nicht das Resultat von „starkem Individualismus“, sondern von unzähligen Netzwerken, die zu ihren Gunsten wirken.

Zentral ist für Rieger die Bedeutung der Arbeit. Sie gehört zu den „letzten Dingen“ des Menschenlebens. Mit Bezug auf P. Tillichs „ultimate concern“ und F. Schleiermachers „absolute Abhängigkeit“ zeigt er, dass Arbeit nicht nur eine soziale, sondern auch eine theologische Dimension hat. Sie liegt an der Schnittstelle von Rasse, Klasse, Geschlecht und Natur.

Solidarität

Im vierten Kapitel wendet sich Rieger der „(Un-)Möglichkeit der tiefen Solidarität“ zu. Theologie im Kapitalozän zu betreiben heißt für ihn, die Machtkräfte hinter vermeintlich rein theologischen Differenzen zu erkennen. Diese Überzeugung gründet in der spezifischen Geschichte des amerikanischen Kapitalismus, der härter ausfiel als der europäische, weil er unter den Bedingungen der Sklaverei entstand. Ihr Ziel war nicht Unterdrückung an sich, sondern Profitmaximierung. Auch viele Weiße und Freie wurden und werden weiterhin ausgebeutet.

Die Mechanismen, die tiefe Solidarität verhindern, sind sichtbar und alltäglich. Rechte Solidarität beschränkt sich auf das selektive Einbeziehen wechselnder Minderheiten und auf Strategien des „divide et impera“. So erklärt sich, warum die Mittelschicht häufig gegen ihre eigenen Interessen stimmt und Privilegien mit Macht verwechselt. Doch auch moralisch aufgeladener Aktivismus reicht nicht aus. Denn tiefe Solidarität ist keine Frage der Ideologie, sondern der materiellen Verhältnisse. Sie liegt in der Realität der Ausbeutung der Mehrheit – nicht nur einzelner Individuen.

Solidarität bedeutet für Rieger nicht bloß Austausch („Ich setze mich für dich ein, wenn du dich für mich einsetzt“), sondern Anerkennung („Ich setze mich für dich ein, weil du Teil von mir bist“). Tiefe Solidarität heißt, Privilegien in Frage zu stellen und Unterschiede produktiv für das Gemeinwohl zu nutzen. Rieger erinnert hier an anti-systemische christliche Traditionen wie die Asketen, die Wüstenväter oder das Mönchtum. Tiefe Solidarität bedeutet, sich von der Fixierung auf das eigene Selbst zu lösen.

Die Realität sozialer Klassen gehört für ihn nicht in den Rahmen von „Unterschieden und Inklusion“, sondern in den von Herrschaft – ebenso wie Geschlecht und Rasse. Er verweist auf die ersten Christ:innen, die nicht nur einen Kommunismus der Verteilung, sondern auch der Produktion praktizierten. Das Ziel des christlichen Glaubens sei deshalb letztlich die Transformation des Systems.

Daraus ergibt sich auch die theologische Rechtfertigung für Wiedergutmachung. Rieger verweist auf die aktuelle Debatte unter Afroamerikanern und begründet sie mit der christlichen Lehre von Reue und Sündenbekenntnis, die stets eine Transformation implizieren. Er erinnert an Deutschland, das über Jahrzehnte Reparationen an Israel zahlte. Tiefe Solidarität erfordert Wiedergutmachung – um die Beziehung zwischen Himmel und Erde, Gott und Mensch, neu zu begründen.

Persönliche Einschätzung

Die Radikalität von Riegers Analysen fordert europäische Leser:innen heraus, die an Modelle wie „soziale Marktwirtschaft“, „ökologische Modernisierung“ und „liberale Inklusion“ gewöhnt sind. Wie der deutsche Dichter des 17. Jahrhunderts Friedrich von Logau schreibt: „In Situationen der Gefahr und der großen Not führt der Weg des Kompromisses zum Tod“ (s. 36). Angesichts der absoluten Dringlichkeit zieht Rieger daraus radikale Konsequenzen.

Das Buch ist damit sowohl Herausforderung als auch Ermutigung für westliche „Mainstream“-Kirchen und Theologen. Es zwingt dazu, die blinden Flecken moderner Theologie neu zu betrachten – insbesondere Fragen von Macht, Klasse und Privilegien. Dass nicht nur der biblische Text, sondern auch der „Sitz im Leben“ des Theologen seine Interpretation prägt, ist eigentlich selbstverständlich. Rieger macht diesen Zusammenhang jedoch bewusst fruchtbar, indem er Geschlecht, Rasse, Klasse und Natur in einem ganzheitlichen theologischen Ansatz zusammenführt. So rückt die Intersektionalität der Lebensbereiche ins Zentrum. Zugleich erinnert er daran, dass das Christentum die am stärksten anthropozentrische Religion ist – mit tiefen Folgen für sein Verhältnis zur nichtmenschlichen Welt.

Gleichwohl bleiben Leerstellen. So wird der von Jesus proklamierte „Produktionskommunismus“ nicht wirklich biblisch begründet. Biblische Bezüge sind insgesamt spärlich, ebenso die Auseinandersetzung mit anderen Modellen als dem nordamerikanischen neoliberalen Kapitalismus. Bedauerlich ist auch, dass alternative Ansätze zur Verbindung von Profit und Wachstum oder andere Entwicklungsmodelle kaum zur Sprache kommen. Das Buch bleibt stark auf ein nordamerikanisches Publikum zugeschnitten. Doch die aktuellen globalen Krisen führen uns vor Augen, dass diese Realität unausweichlich auch unsere eigene betreffen wird.

Mehrere Argumente dieses Buches erscheinen mir besonders aktuell und relevant:

  • Die Erinnerung an die konkrete Immanenz des Wandels, den das Evangelium bewirken will, ist zentral. Man denkt sofort an Persönlichkeiten wie Bonhoeffer oder Barth, die den Schritt in den aktiven Widerstand gewagt haben – oft als idealistische Heilige verklärt, obwohl sie letztlich nur konsequent aus ihren theologischen Überzeugungen gehandelt haben.
  • Ein Glaube, der von Gemeinschaften und Gruppen materiell und praktisch gelebt wird, wirkt wie ein notwendiges Gegengewicht zur verbreiteten Spiritualisierung und Privatisierung des Glaubens – auch mit Blick auf die kollektive Verantwortung unserer Gesellschaften.
  • Die 27 Seiten umfassende Bibliografie und die Vielzahl an Verweisen zeigen, wie tief die Identitätskrisen reichen, die das zeitgenössische nordamerikanische Christentum erschüttern. Vor diesem Hintergrund wirken die aktuellen Debatten in verschiedenen Kirchen über den „Widerstand“ des christlichen Glaubens gegen das bestehende System weit weniger überraschend.
  • In Riegers Beschreibung des gegenwärtigen Kapitalismus lassen sich unschwer die Positionen der Trump-Regierung erkennen – ebenso wie die Strategien oligarchischer Eliten, unabhängig von ihrer Nationalität.
  • Schließlich ist das Festhalten an der Legitimität aktueller Entschädigungsforderungen in den USA auch international bedeutsam: Es klingt nach angesichts der jüngsten Entscheidung des Internationalen Gerichtshofs, ökologische Entschädigungsansprüche als rechtmäßig anzuerkennen.

Der Autor

*Joerg Rieger (1956) ist Professor für Theologie und Leiter der Wesley-Studien an der Vanderbilt University in Nashville (Tennessee). Zudem ist er Gründer und Direktor des Wendland-Cook Program on Religion and Justice. Geboren in Württemberg, war er von 1983 bis 1985 als Pastor in Esslingen und Kirchheim/Teck tätig. Seit 1995 lebt er in den USA und wirkt dort als Pfarrer der United Methodist Church. Seine theologische Ausbildung erhielt er in Reutlingen sowie an der Duke University (School of Divinity). An der Duke University in Durham (North Carolina), die der Methodistischen Kirche nahe steht, promovierte er in Religion und Ethik. Rieger ist Autor von über 22 Büchern und rund 140 Artikeln.

Joerg Rieger, Theology in the capitalocene. Ecology, Identity, Class and Solidarity, Minneapolis, Fortress, Press, 2022.

Serge Fornerod (*1958), Pfarrer, war zwischen 2002 und 2023 beim SEK/EKS für internationale und ökumenische Beziehungen zuständig.

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