a
  1. Start
  2. Transidentität und Protestantismus

Transidentität und Protestantismus

4.März 2026

Der Kompromiss der Fédération Protestante de France

Wie wollen die protestantischen Kirchen in Frankreich Transpersonen begleiten? Zwischen bedingungslosem Empfang und theologischen Spannungen sucht der jüngste Text der Fédération Protestante de France (FPF) nach einem Gleichgewicht. Eine Analyse eines Dokuments, das die aktuellen Debatten – und ihre Grenzen – widerspiegelt.

Anmerkung zur Situation in der Deutschschweiz

Die Debatte über Konversionstherapien ist derzeit auch in der Schweiz wieder präsent. Am vergangenen Samstag berichtete der Tages-Anzeiger über Erfahrungen von queeren Menschen in freikirchlichen Kontexten und über den Druck, die eigene sexuelle Orientierung oder Identität zu verändern. Der Artikel zeigt, wie stark religiöse Deutungen von Sexualität weiterhin in persönliche Lebensgeschichten eingreifen können – und wie kontrovers die Frage nach einem gesetzlichen Verbot solcher Praktiken diskutiert wird.

Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein Blick nach Frankreich. Dort hat die Fédération Protestante de France (FPF) kürzlich ein umfangreiches Dokument zur Begleitung von Transpersonen veröffentlicht. Der Text versucht zwischen pastoraler Verantwortung, wissenschaftlichen Erkenntnissen und unterschiedlichen theologischen Positionen einen gemeinsamen Rahmen zu formulieren.

Ein Text aus einem pastoralen Bedürfnis heraus

Im Dezember 2025 veröffentlichte die Fédération Protestante de France (FPF) ein 85-seitiges Dokument zur Transidentität, das Ergebnis von zwei Jahren gemeinsamer Arbeit. Ziel ist es, konkrete Fragen zu beantworten, die von Familien und Gemeinden gestellt werden, die mit der Realität von Trans-Biografien konfrontiert sind.

Der Text trägt den Titel Les personnes transgenres. Réflexions et recommandations protestantes sur les incongruences de genre und wurde von der Kommission „Ethik und Gesellschaft“ der FPF erarbeitet. Er wurde am 11. Dezember 2025 vom Rat der FPF verabschiedet und im Januar 2026 veröffentlicht.

Der Text erscheint in einem Kontext, der durch das Verbot von Konversionstherapien in Frankreich geprägt ist (Gesetz vom 31. Januar 2022) – eine Massnahme, die in der Schweiz noch diskutiert wird (Motion 22.3889, Postulat 21.4474). Wie geht die FPF angesichts pastoraler Verantwortung und unterschiedlicher Positionen mit diesem kontroversen Thema um?

Was ist die Fédération Protestante de France?

Die FPF vereint verschiedene protestantische Strömungen, darunter lutherische, reformierte, evangelikale, baptistische, pfingstliche und adventistische Kirchen. Sie ist das Vertretungsorgan des französischen Protestantismus gegenüber den staatlichen Behörden.

Zu ihren Aufgaben gehört es insbesondere, sich durch Stellungnahmen und Lobbyarbeit zu gesellschaftlichen Themen an politische Entscheidungsträger zu wenden und so zur öffentlichen Debatte beizutragen.

Was der Text sagt: zwischen Konsens und Dissens

1. Ein Ansatz, der auf Erfahrungsberichten beruht

Das Dokument beginnt mit fünf Berichten in der Ich-Form, in denen Transpersonen und ihre Angehörigen zu Wort kommen. Die verschiedenen Zeugnisse bringen Leiden, Fragen, aber auch Erfahrungen von Erleichterung zur Sprache, die im Zusammenhang mit einer geschlechtlichen Transition stehen können.

Sie zielen darauf ab, moralische Vereinfachungen aufzubrechen und die Komplexität der Erfahrungen sichtbar zu machen. Man begegnet Situationen, in denen medizinische Eingriffe positiv erlebt wurden, und anderen, in denen dies nicht der Fall ist.

2. Eine medizinische und rechtliche Bestandsaufnahme

Der Hauptteil des Textes beschreibt medizinische und rechtliche Entwicklungen im Zusammenhang mit Transidentität.

Ein erstes Kapitel bietet einen biologischen Überblick über das, was der Text als „atypische sexuelle Entwicklungen“ bezeichnet: Intersexualität und atypische Embryogenese.

Das zweite Kapitel befasst sich mit den Herausforderungen der „Geschlechtsinkongruenz“. Es unterscheidet die Herangehensweise je nach Lebensphase (Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter). Vorgestellt werden sowohl der gegenwärtige medizinische Konsens (DSM-5) als auch die Debattenpunkte in der bio-psycho-sozialen Beurteilung von Geschlechtsinkongruenz bei Minderjährigen.

Das dritte Kapitel beschreibt verschiedene Möglichkeiten mit Leiden umzugehen, die mit Geschlechtsinkongruenz verbunden sein können (soziale, medikamentöse, chirurgische und psychologische Ansätze). Der Text stellt die unterschiedlichen Positionen und Diskussionen zu diesen Ansätzen dar.

Ein viertes Kapitel widmet sich den rechtlichen Regelungen in Frankreich im Zusammenhang mit einer geschlechtlichen Transition (Namensänderung, Personenstand, Zugang zu Operationen sowie das Verbot von Konversionstherapien).

Die beschreibenden Teile des Textes versuchen, in den umstrittenen Punkten unterschiedlichen Forschungsergebnissen eine Stimme zu geben: solchen, die – im Anschluss an die Erfahrungsberichte von LGBTQIA+-Organisationen – auf positive Effekte einer geschlechtlichen Transition hinweisen, aber auch solchen, die Ambivalenzen hervorheben oder Risiken der angewandten Verfahren benennen – und damit eher konservativen Perspektiven Argumente liefern. Der Text greift beispielsweise die Forschungen der Ärztin Lisa Littman zur sogenannten „rapid onset gender dysphoria“ (plötzlich auftretende Geschlechtsdysphorie) auf.

3. Eine kurze theologische Orientierung

Das letzte Kapitel (Kapitel V) behandelt relativ knapp mehrere theologische Fragen:

  • die Infragestellung der Zweigeschlechtlichkeit (mit Gegenüberstellung queerer Ansätze und Positionen, die eine anthropologische Zweigeschlechtlichkeit betonen)

  • die Begleitung von Transpersonen im kirchlichen Kontext

  • den Respekt vor dem Körper

  • die Spannung zwischen „Gegebenheit“ und „Freiheit“

  • die Identität als Kinder Gottes

Der Text beschränkt sich darauf, die verschiedenen Positionen zu benennen, ohne sich festzulegen. So heisst es etwa zur geschlechtlichen Transition: „Für einige besteht eine Legitimität, in einen Körper einzugreifen, der Leiden verursacht. […] Für andere kann diese Freiheit im Rahmen einer Ausnahme aus Notwendigkeit geltend gemacht werden. […] Wieder andere sind der Meinung, dass eine chirurgische Transition die Grenzen menschlicher Freiheit vor Gott überschreitet.“

4. Vier Punkte von Übereinstimmung – und Uneinigkeit

Der Text fasst anschliessend Konsens und Differenzen innerhalb der FPF zusammen.

Begleitung Transpersonen

Ein grundlegender Konsens besteht darin, Transpersonen und ihre Erfahrungen aufzunehmen – ohne Verurteilung, Ablehnung oder moralisches Urteil.

Uneinigkeit besteht weiterhin über die Ausrichtung der Begleitung: Für die einen bedeutet sie die Anerkennung der neuen geschlechtlichen Identität, für andere eine Begleitung hin zur Annahme des bei der Geburt gegebenen Geschlechts.

Vorsicht bei irreversiblen Eingriffen

Es besteht Einigkeit über die Notwendigkeit der Vorsicht vor hormonellen oder chirurgischen Eingriffen mit irreversiblen Folgen. „Es ist wichtig, dass die betroffene Person alle Konsequenzen abwägen kann.“

Uneinigkeit besteht jedoch in der Bewertung solcher Eingriffe: Für manche sind sie ein Akt von Gewalt, bei dem die Medizin ihre Rolle überschreitet, für andere eine Möglichkeit persönlicher Entlastung.

Respekt gegenüber dem neuen Namen

Beim Namen besteht Konsens darin, der Selbstbezeichnung der Person Priorität einzuräumen. Gleichzeitig mahnt der Text zu Vorsicht, wenn es um Kinder und Jugendliche geht. Auch hier bleibt die Bewertung umstritten: Für manche ist die Namensänderung Ausdruck eines fortbestehenden Problems, für andere Zeichen von Freude und Erleichterung.

Bedingungsloser Empfang und offene Fragen

Der Text schliesst mit einem Aufruf zu einem bedingungslosen Empfang für Transpersonen und ihrer Erfahrungen sowie zur Fortsetzung der Reflexion. Zugleich nimmt er keine Stellung zu Fragen des Zugangs zum kirchlichen Amt, zu Leitungsfunktionen oder zu den Sakramenten, sondern fordert die Mitgliedkirchen auf, ihre eigenen Positionen zu klären.

Reaktionen und Grenzen: ein Kompromiss unter Spannung

1. Kritik von LGBTQIA+-Verbänden

Einige Persönlichkeiten und LGBTQIA+-Organisationen haben scharfe Kritik am Text der FPF geäussert.

In der Wochenzeitung Réforme wurden zwei Beiträge veröffentlicht: ein Artikel über les réactions de l’Antenne inclusive de Strasbourg et de l’association D&J Arc-en-Ciel (Alice Papin, 4. Februar 2026) und ein Interview mit Arthur Gerstlé-Joly, einem Transpastor der EPUDF (Alice Papin, 9. Februar 2026). Auch die L’antenne LGBTI de l’Eglise Protestante de Genève hat sich kritisch zu dem Text positioniert (24. Februar 2026).

Eine problematische (Nicht-)Beteiligung?

Aus dieser Perspektive seien Transpersonen nicht ausreichend oder nur sehr oberflächlich in die Redaktion des Textes einbezogen worden – ihre Position werde im Text implizit sogar hierarchisiert. Die Genfer Antenne korrigiert zudem eine Information des Berichts: Zwischen ihr und der Kommission der FPF habe es tatsächlich keinerlei Kontakt gegeben.

Der Text selbst betont jedoch den bedingungslosen Empfang Transpersonen (S. 64–65). Ein solcher Empfang müsste grundsätzlich auch die volle Beteiligung von Transpersonen an der Behandlung von Themen ermöglichen, die in erster Linie sie selbst und ihre Lebensrealitäten betreffen. Sollte sich der Vorwurf der LGBTQIA+-Organisationen als begründet erweisen, wäre die Kritik besonders scharf: Dann würde die Perspektive von Transpersonen instrumentalisiert, um einen Konsens zu stützen, an dem sie selbst gar nicht beteiligt waren.

In diesem Sinn formuliert die Stellungnahme:

„Transidentität wird so zu einem Objekt der Demonstration des innerprotestantischen Dialogs, statt als eine menschliche Realität verstanden zu werden, die eine sorgfältige Analyse und eine tatsächliche Konsultation der betroffenen Personen verlangt.“ (Stellungnahme, 24. Februar 2026 [Maschinell übersetzt und bearbeitet])

Defizite in der wissenschaftlichen Qualität?

Dem Text der FPF wird zudem vorgeworfen, kontroverse wissenschaftliche Positionen – insbesondere jene von Lisa Littman – darzustellen, ohne sie ausreichend kritisch zu prüfen. Auch die dominante Rolle der medizinischen Perspektive sowie die Tatsache, dass Transidentität im Text nahezu ausschliesslich unter dem Gesichtspunkt eines aufzunehmenden Leidens behandelt werde, könnten darauf hindeuten, dass die Pathologisierung von Transidentität in Wirklichkeit noch nicht überwunden sei.

Diese Kritik stellt insbesondere die wissenschaftliche und theologische Glaubwürdigkeit der Arbeit der Kommission infrage. Abgesehen davon, dass dieser Vorwurf im Detail begründet werden müsste, ist er ernst zu nehmen – und zugleich nicht ungewöhnlich. Man steht hier vor dem Problem einer Politisierung der Wissenschaft, übertragen in den kirchlichen Kontext.

Und diese Politisierung kann durchaus begründet sein. Jede wissenschaftliche Darstellung setzt nämlich einen Mechanismus sozialer Ausgrenzung voraus, der politische Optionen widerspiegelt. Genau deshalb ist die Frage nach der Einbeziehung von Transpersonen in die redaktionelle Arbeit ein so heikler Punkt.

2. Evangelikale Positionen

Es ist zu beachten, dass die Reaktionen aus dem evangelikalen Teil der FPF bislang eher zurückhaltend ausfallen und sich vorerst weitgehend darauf beschränken, die Informationen aus dem Dokument wiederzugeben (so etwa Evangeliques.info am 6. Februar 2026).

Diese Aufnahme – auch wenn noch deutlichere Stellungnahmen folgen könnten – stellt eine gewisse Neuerung dar, wenn man sie mit der Art und Weise vergleicht, wie dieses Thema in anderen Kontexten aufgenommen wurde. Bei der Generalversammlung der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) im Jahr 2024 hatte die Präsentation des Textes Gender – Sexuality – Marriage – Family zu erheblichen Spannungen innerhalb der Versammlung geführt. Die Reformierte Kirche in Ungarn in Rumänien, obwohl Gastgeberin der Versammlung, zog ihre Teilnahme zurück, als sie feststellte, dass dieser Text auf der Tagesordnung stand (Mitteilung der GEKE vom 30. Juli 2024).

Man wird weitere Stellungnahmen abwarten müssen, um diese Positionierung genauer einschätzen zu können. Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass sich darin eine positive Aufnahme des Textes abzeichnet – was eine bemerkenswerte Entwicklung im Umgang mit Transrealitäten im evangelikalen kirchlichen Umfeld darstellen würde.

3. Offene Fragen

Ich möchte noch auf eine Reihe von Punkten hinweisen, die meines Erachtens weitergeführt oder vertieft werden müssten.

Den Diskurs über Gender historisieren

Der Text erwähnt queere und feministische Lesarten im Blick auf die Wahrnehmung transbezogener Realitäten in der Bibel sowie im Blick auf das Gottesbild. Es wäre jedoch auch sinnvoll gewesen, diese Perspektiven für den Diskurs über „Gender“ selbst fruchtbar zu machen – um nicht bei einer rein biomedizinischen Bewertung stehen zu bleiben.

Eine kritische Reflexion darüber, wie Geschlechternormen durch Machtverhältnisse geprägt worden sind, ist für einen offenen Umgang mit Transidentität notwendig. Feministische, queere und postkoloniale Lesarten laden insbesondere dazu ein, die Rolle des Christentums bei der Stabilisierung bestimmter Machtkonstellationen neu zu betrachten.

Eine solche Arbeit ermöglicht eine kritische Distanz gegenüber den impliziten Codes, die durch christlichen Diskurs und christliche Praxis vermittelt werden.

Im protestantischen Raum ist eine solche Reflexion bereits teilweise angestossen worden: Die GEKE veröffentlichte 2025 eine umfangreiche Studie zu diesem Thema: Gender – Sexuality – Marriage – Family. Reflections on behalf of the Council of the Communion of Protestant Churches in Europe (EPV, 2025) – insbesondere Teil III zum Thema Gender.

Eine Verurteilung, die Klärungen verlangt

Der Text verurteilt Konversionstherapien zwar deutlich, weist zugleich aber auf eine ungelöste Spannung in dieser Frage hin. Wie lässt sich diese Verurteilung mit einer Perspektive vereinbaren, die „die betroffene Person auf dem Weg zur Annahme ihres bei der Geburt empfangenen geschlechtlichen Körpers begleiten“ möchte (S. 61)? Hier wäre eine Klärung notwendig, da andernfalls problematische Unklarheiten bestehen bleiben.

Perspektiven, die nicht miteinander verwechselt werden dürfen

Das Geschlecht bleibt für viele Strömungen des französischen Protestantismus offensichtlich ein relevanter Marker für die theologische Bestimmung persönlicher Identität. Dies zeigt sich etwa in der Auffassung, das biologische Geschlecht sei eine „Gegebenheit“, die anzunehmen sei (S. 58) – und dies trotz der Relativierung dieser „Gegebenheit“ durch die in Christus angebotene Identität (S. 59).

Hier liegt jedoch eine problematische Kategorienverwechslung vor: zwischen der Identität der Person als „Geschöpf Gottes“ und den Beschreibungen, die von der Biologie oder anderen wissenschaftlichen Disziplinen vorgeschlagen werden.

Die Behauptung der persönlichen Einzigartigkeit, die durch die Beziehung zum Schöpfer konstituiert wird, gehört in den Bereich des Glaubenszeugnisses. Sie ist in einer existenziellen Situation verankert, die ein relationales Gefüge einschliesst (Ich – Du – Gott – Welt). Die durch diese Beziehung konstituierte Identität ist nicht sichtbar. Oder genauer: Ihre Sichtbarkeit hängt davon ab, dass die einzelne Person bereit ist, davon Zeugnis abzulegen.

Aussagen über die Bedeutung der Keimzellen (biologische Essentialisierung), der Gesichtsbehaarung oder der Länge eines Rocks (kulturelle Essentialisierung) gehören dagegen zum Bereich des Sichtbaren und werden im Diskurs in der dritten Person ausgedrückt (Ich–Es).

Diese beiden Register bewegen sich nicht auf derselben Ebene. Ihre Vermischung hat jedoch erhebliche normative Folgen – wie die umfangreiche Literatur über die Erfahrungen von Transpersonen zeigt.

Siehe hierzu auch den Artikel von Frank Mathwig: „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf: Der Streit um das Geschlecht“, Blog des Kompetenzzentrums für Theologie und Ethik der EKS, 23. Januar 2025.

Der individuelle Körper ist dabei der Ort widersprüchlicher Ansprüche. Die „äusseren“ Ansprüche, die sich auf seine Sichtbarkeit beziehen (moralische oder rechtliche), lassen sich nicht ohne Weiteres mit jenen vereinbaren, die aus seinem unsichtbaren („inneren“) Anteil hervorgehen – jenen Ansprüchen also, die nur die einzelne Person selbst formulieren kann. Eine theologische Perspektive sollte nicht versuchen, diese Kluft zu überbrücken, sondern sie vielmehr sichtbar machen.

4. Ein Kompromisstext

Der Text bietet eine willkommene Momentaufnahme der Perspektiven auf die Realität von Transpersonen innerhalb der FPF. Er zeigt eine konflikthafte Vielfalt von Positionen, markiert aber zugleich einige Punkte der Übereinstimmung: Es handelt sich um einen politischen Text, der zugleich von einer gemeinsamen Bearbeitung von Konflikten zeugt.

Logik des Status quo

Der Text spiegelt den Status quo der Möglichkeiten des Diskurses über Transidentität innerhalb der FPF wider. Er besitzt die Vor- und Nachteile jedes Status quo: Einerseits zeigt er die Bedingungen, unter denen gegensätzliche Perspektiven weiterhin gemeinsam ihren Weg gehen können. Andererseits wird er für diejenigen, die eine klare und eindeutige Position erwarten, unbefriedigend bleiben.

Er bringt zum Ausdruck, was sich auch anderswo entwickelt (insbesondere in der GEKE) unter dem Stichwort eines „protestantischen Korridors“. Eine Idee, die ihre Stärken hat, aber dazu neigt, Harmonie gegenüber Konflikt zu bevorzugen. Siehe hierzu auch meinen Beitrag im Blog der EKS: Raum für Streit (17. Januar 2024).

Die Idee eines „protestantischen Korridors“ wurde erstmals 2017 im Text Guide pour une éthique de la médecine reproductive des Rates der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa formuliert (S. 22). Sie wird im Dokument Gender – Sexuality – Marriage – Family (2025) aufgenommen und weiterentwickelt.

Ernst nehmen, was der Text ermöglicht

„Als wir mit dieser Reflexionsarbeit begannen, brachte jedes Mitglied der Kommission seine persönliche Perspektive, seinen kirchlichen Zugang, seine Lebensgeschichte, seinen beruflichen Weg, aber auch seine Überzeugungen mit … Wir haben einander zugehört, wir haben unsere Grenzen benannt, wir haben unsere Überzeugungen geteilt, aber wir haben uns auch gegenseitig durch die Überlegungen der anderen in Bewegung bringen lassen.“ (S. 6)

Das Thema Transidentität ist im gegenwärtigen Christentum hoch brisant. Die Perspektiven, die hier aufeinandertreffen, erscheinen meist unvereinbar. Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, die Bedeutung des erreichten Kompromisses wahrzunehmen. Eine Perspektive, die für die Dynamik ökumenischer Dialoge sensibel ist, würde dazu einladen, diesen Aspekt nicht zu unterschätzen.

Der Text der FPF markiert einen gemeinsamen Diskursraum und schafft damit ein Register der Sichtbarkeit. Indem er diesen Diskursraum absteckt, ermöglicht er es, Transidentität innerhalb der Mitgliedskirchen der Föderation überhaupt zum Thema zu machen – und trägt zugleich dazu bei, dass der Konflikt über Transidentität innerhalb der FPF sichtbar wird.

In diesem Kontext ist das vom Text geleistete Abstecken dieses Diskursraums ein wichtiger Schritt.

Ein anhaltendes Unbehagen

Bei der Lektüre des Textes und der Reaktionen, die er hervorgerufen hat, bleibt bei mir ein gewisses Unbehagen. Einerseits sehe ich in dem Dokument eine reale Weiterentwicklung. Wie bereits erwähnt, schafft es überhaupt erst die Voraussetzungen für einen Diskurs über Transrealitäten im französischen protestantischen Kontext. Aus einer reformiert-schweizerischen Perspektive erscheint mir dies als ein Fortschritt, über den man sich freuen kann. Andererseits möchte ich die Kritik ernstnehmen, insbesondere jene der LGBTQIA+-Antenne der Genfer Kirche: Eine protestantische Konsenssuche sollte nicht auf Kosten wissenschaftlicher Sorgfalt und der Beteiligung der betroffenen Personen erfolgen.

Natürlich müsste noch genauer gezeigt werden, in welchem Mass die geäusserten Kritiken tatsächlich begründet sind. Doch das nimmt diesem Unbehagen nichts von seiner Bedeutung.

Es hängt einerseits mit dem komplizierten Status wissenschaftlicher Regulierung im protestantischen Kontext zusammen. Dieser ist nämlich von einem latenten Konflikt abhängig – nämlich davon, wie das Verhältnis von Glauben und Wissen beurteilt wird und ob und wie beide miteinander in Beziehung gesetzt werden können.

Zum anderen ist dieses Unbehagen mit der Frage nach der Struktur von Autorität und kirchlichem Leben in den verschiedenen protestantischen Traditionen verbunden. Je nach protestantischer Familie bedeutet die Betonung eines „Empfangs“ oder einer „Aufnahme“ nicht dasselbe im Blick auf die gemeinschaftliche Disziplin. Daran erinnert auch die Bemerkung zum Amt und zum Zugang zu den Sakramenten, mit der der Text schliesst (Les personnes transgenres, S. 65): Die Betonung der Aufnahme Transpersonen bedeutet noch nicht, dass sie beispielsweise Zugang zu Leitungsfunktionen in der Gemeinde haben.

In Verbindung mit der Forderung, einen Text zu formulieren, der gemeinsame Aussagen hervorhebt – während die Darstellung von Differenzen stets an zweiter Stelle steht – sowie mit dem Anspruch auf eine gemeinsame Darstellung der Fakten erscheint es mir kaum möglich, einen Text zu verfassen, der nicht die Spuren der unterschiedlichen normativen Perspektiven trägt.

Aber indem ich dies sage, gebe ich dann den Normalisierungseffekten nicht bereits zu viel Raum, die jeder institutionellen Gruppendynamik eigen sind – obwohl es doch gerade darum gehen müsste, eine Bruchstelle sichtbar zu machen?

Vielleicht spiegelt mein Unbehagen schlicht den Eindruck wider, dass der Text der FPF den fortbestehenden Konflikt über die Realität von Transpersonen nicht ausreichend sichtbar macht – und stattdessen die Metapher des gemeinsamen Weges bevorzugt (Les personnes transgenres, S. 2).

In einer Zeit schädlicher und gewaltsamer Polarisierungen hat die Betonung gemeinsamer Fortschritte durchaus ihre Argumente. Aber zu welchem Preis?

EKS Blog

VON

Alle Beiträge

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert